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Drüggelter Kapelle am Möhnesee

 

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Freiligrath, Stimme Westfalens im Widerstand, Rezension mit Auszügen, Christoph Fleischer, Welver 2018

Ferdinand Freiligrath Lesebuch, Zusammengestellt und mit einem Nachwort von Frank Stückemann, Nylands Kleine Westfälische Bibliothek 80, Nyland-Stiftung im Aisthesis Verlag, Köln 2018, Paperback, 155 Seiten, ISBN: 978-3-8498-1320-8, Preis: , www.aisthesis.de

Im Nachwort gibt der Herausgeber Frank Stückemann einen kurzen biografischen Abriss mit einer Werkgeschichte Ferdinand Freiligraths (1810-1876, Wikipedia vom 10.12.2018).

In einem Parforceritt werden die Namen und Lebensdaten von Verwandten, Nachbarn, Zeitgenossen, Mitstreitern und Begleitern Ferdinand Freiligraths aufgeführt, wobei der Name Karl Marx (1818 – 1883) nicht fehlen darf. Marx war eher ein Freund als ein Genosse, hatte Freiligrath doch an der Neuen Rheinischen Zeitung mitgearbeitet, dessen Herausgeber Marx war (Köln, um 1848).

Eine kurze Skizze im Zitat mag für die Rezension genügen: „Freiligraths Lyrik besticht von Anfang an durch radikale Modernität, Abkehr vom Epigonalen, Hinwendung zum starkfarbigen Exotismus mit klangvollen Reimen in der Nachfolge Hugos, aber auch durch Integration der Technik, ‚das Wesen der Räder an den Dampfschiffen‘ (Bettina von Arnim). Manches erinnert inhaltlich an den späteren Karl May (1842 – 1912). Mit Levin Schücking (1814 – 1883), Freund und Lebensgefährte Annette von Droste Hülshoffs gab er den Band „Das malerische und romantische Westfalen“ heraus (1840), so dass er auch als westfälischer Heimatdichter gilt.

Frank Stückemann gibt eine schmale Auswahl der wichtigsten Werke Freiligraths heraus, um gleichzeitig den jeweiligen Kontext im Nachwort zu skizzieren. Ergänzend dazu gibt der Anhang einige ausgewählte Begriffserläuterungen zu den Gedichten.

Freiligrath war zeitweise hochgeehrt und verboten. Engels galt er als „Trompeter der Revolution“. Ein Zitat des ihm politisch nicht wohlgesonnenen Theodor Fontane gibt einen kleinen Einblick in Freiligraths Popularität, auch aus dem englischen Exil heraus: „Wir sind Freiligrath in einer Weise verpflichtet wie vielleicht seit dem Tode Schillers keinem zweiten und erweisen ihm kaum Ehre genug, wenn wir ihn den ‚Bürger‘ unserer Epoche nennen.“ 

Am Ende des Nachworts hebt Frank Stückemann noch die Rolle Freiligraths als Übersetzer „französischer und englischer Lyrik“ hervor.

Ich will im Folgenden einige Auszüge aus Gedichten Freiligraths dokumentieren und diese mit den jeweiligen Stichworten aus den Erläuterungen des Anhangs kommentieren.

Audubon (S. 20 – 22). 

Das Gedicht ist erschienen im Band „Gedichte“ 1838. Der Titel des Gedichts zitiert den Namen von John James Audubon (1780 – 1831) aus New Orleans, eines bekannten amerikanischen Ornithologen. Mit „er“ in „nieder brennt er“ ist der weiße Mann gemeint. Der Name Manitto bezieht sich auf die indianische Gottheit. Ich zitiere die ersten fünf und die letzten sieben Verse.

Mann der Wälder, der Savannen!

Neben roter Indier Speer,

An des Missisippi Tannen

Lehntest du dein Jagdgewehr;

Reichtest Indianergreisen

Deine Pfeife, deinen Krug;

Sahst der Wandertaube Reisen

Und des Adlers stillen Flug;

Lähmtest ihren schnellen Flügel

Mit der Kugel, mit dem Schrot;

Auf der großen Flüsse Spiegel

Durch die Wildnis schwamm dein Boot;

Kühn durchflogst du der Savanna

Gräser, im gestreckten Trab;

Beer′ und Wildpret war das Manna,

So dir Gott zur Speise gab;

In den Wäldern, in der Öde,

Die der Toren Ruhm: Kultur,

Noch nicht überzog mit Fehde,

Freu′test du dich der Natur.

Nieder brennt er eure wilden

Wälder, nimmt von euch Tribut,

Spült von euren Lederschilden

Der erschlagnen Feinde Blut;

Saus′t einher auf Eisenbahnen,

Wo getobt der Roten Kampf;

Bunt von Wimpeln und von Fahnen,

Teilt sein Schiff den Strom durch Dampf.

Kahl und nüchtern jede Stätte!

Wo Manittos hehrer Hauch

Durch des Urwalds Dickicht wehte,

Zieht der Hammerwerke Rauch.

Euer Wild wird ausgerottet,

Siech gemacht wird euer Leib,

Euer großer Geist verspottet,

Und geschändet euer Weib.

Bietet Trotz, ihr Tätowierten,

Eurer Feindin, der Kultur!

Knüpft die Stirnhaut von skalpierten

Weißen an des Gürtels Schnur!

Zürnend ihren Missionären

Aus den Händen schlagt das Buch;

Denn sie wollen euch bekehren,

Zahm, gesittet machen, klug!

Weh′, zu spät! was hilft euch Säbel,

Tomahawk und Lanzenschaft? –

Alles glatt und fashionable!

Doch wo – Tiefe, Frische, Kraft?

O lieb´, solang´ du lieben kannst! (S. 36 und 37) 

Das Gedicht erschien in: Zwischen den Garben: Eine Nachlese, 1849. Anlass war der Tod des Vaters 1829. Ich zitiere die ersten fünf Verse. Die letzten Verse gehen noch näher auf die Erlebnisse der Beerdigung ein und greifen insofern den Grundgedanken redundant auf.

O lieb´, solang´ du lieben kannst! 

O lieb´, solang´ du lieben magst! 

Die Stunde kommt, die Stunde kommt, 

Wo du an Gräbern stehst und klagst!

Und sorge, dass dein Herze glüht 

Und Liebe hegt und Liebe trägt, 

Solang´ ihm noch ein ander Herz 

In Liebe warm entgegenschlägt!

Und wer dir seine Brust erschließt, 

O tu ihm, was du kannst, zulieb´! 

Und mach´ ihm jede Stunde froh, 

Und mach ihm keine Stunde trüb!

Und hüte deine Zunge wohl, 

Bald ist ein böses Wort gesagt! 

O Gott, es war nicht bös gemeint – 

Der andre aber geht und klagt.

O lieb´, solang´ du lieben kannst! 

O lieb´, solang´ du lieben magst! 

Die Stunde kommt, die Stunde kommt, 

Wo du an Gräbern stehst und klagst!

Die Freiheit! Das Recht! (S. 57 – 58)

Erschienen in: Ein Glaubensbekenntnis, Zeitgedichte, 1844. Von der preußischen Zensur verboten, was wohl gleichzeitig als Werbung funktionierte, da die erste Auflage in Monaten ausverkauft war.

In diesem Band erschien auch die erste Fassung von „Trotz alledem“. Ich dokumentiere die ersten drei Strophen.

O, glaubt nicht, sie ruhe fortan bei den Toten,

O, glaubt nicht, sie meide fortan dies Geschlecht,

Weil mutigen Sprechern das Wort man verboten

Und Nichtdelatoren verweigert das Recht!

Nein, ob ins Exil auch die Eidfesten schritten;

Ob, müde der Willkür, die endlos sie litten,

Sich andre im Kerker die Adern zerschnitten –

Doch lebt noch die Freiheit, und mit ihr das Recht!

– Die Freiheit! das Recht!

Nicht mach‘ uns die einzelne Schlappe verlegen!

Die fördert die Siege des Ganzen erst recht;

Die wirkt, daß wir doppelt uns rühren und regen,

Noch lauter es rufen: Die Freiheit! das Recht!

Denn ewig sind eins diese heiligen Zweie!

Sie halten zusammen in Trutz und in Treue;

Wo das Recht ist, da wohnen von selber schon Freie,

Und immer, wo Freie sind, waltet das Recht!

– Die Freiheit! das Recht!

Und auch das sei ein Trost uns: nie flogen, wie heuer,

Die freudigen Zwei von Gefecht zu Gefecht!

Nie flutete voller ihr Odem und freier,

Durch die Seele selbst brausend dem niedrigsten Knecht!

Sie machen die Runde der Welt und der Lande,

Sie wecken und werben von Strande zu Strande,

Schon sprengten sie kühn des Leibeigenen Bande,

Und sagten zu denen des Negers: Zerbrecht!

– Die Freiheit! das Recht!

Trotz alledem! (variiert) (S. 84 – 85) 

Erschienen in: Neuere politische und soziale Gedichte, 1859. Der Gedicht erinnert an die Teilerfolge der insgesamt gescheiterten Revolution 1848. I Wien wurde der verhasste Minister von Metternich gestürzt. Mit Reichstag ist die Frankfurter Nationalversammlung gemeint. Ich dokumentiere hier die ersten fünf Strophen.

Das war ’ne heiße Märzenzeit,

Trotz Regen, Schnee und alledem!

Nun aber, da es Blüten schneit,

Nun ist es kalt, trotz alledem!

Trotz alledem und alledem –

Trotz Wien, Berlin und alledem –

Ein schnöder scharfer Winterwind

Durchfröstelt uns trotz alledem! 

Das ist der Wind der Reaktion

Mit Meltau, Reif und alledem!

Das ist die Bourgeoisie am Thron –

Der annoch steht, trotz alledem!

Trotz alledem und alledem,

Trotz Blutschuld, Trug und alledem –

Er steht noch und er hudelt uns

Wie früher fast, trotz alledem!

Die Waffen, die der Sieg uns gab,

Der Sieg des Rechts trotz alledem,

Die nimmt man sacht uns wieder ab,

Samt Kraut und Lot und alledem!

Trotz alledem und alledem,

Trotz Parlament und alledem –

Wir werden unsre Büchsen los,

Soldatenwild trotz alledem!

Doch sind wir frisch und wohlgemut,

Und zagen nicht trotz alledem!

In tiefer Brust des Zornes Glut,

Die hält uns warm trotz alledem!

Trotz alledem und alledem,

Es gilt uns gleich trotz alledem!

Wir schütteln uns: Ein garst’ger Wind,

Doch weiter nichts trotz alledem!

Denn ob der Reichstag sich blamiert

Professorhaft, trotz alledem!

Und ob der Teufel reagiert

Mit Huf und Horn und alledem –

Trotz alledem und alledem,

Trotz Dummheit, List und alledem,

Wir wissen doch: die Menschlichkeit

Behält den Sieg trotz alledem!

Das Böse oder die Bösen? Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2018

Zu:

Das Böse, Können wir es verstehen? Warum fasziniert es uns? Wie lässt es sich überwinden? In: Das Philosophie Magazin, Sonderausgabe 11, Philomagazin-Verlag, Berlin, 11. Oktober 2018, 9,80 Euro

Obwohl das Magazin über „das Böse“ inhaltlich breit angelegt ist, finde ich doch einen roten Faden, der, so meine ich, etwas mit Hannah Arendt zu tun hat. Martin Legros referiert die Darstellung von Hannah Arendt in der Darstellung des nationalsozialistischen Mörders Eichmann. Das Böse ist also weder eine Erbsünde (Augustinus), noch ist dem Menschen ein Hang zum Bösen eigen (Kant). Allein der Mangel an reflektiertem Denken (Arendt) oder Verantwortung (Jonas) bringt böse Taten und Eigenschaften hervor.

Trotzdem (oder vielleicht deshalb) bleibt das Böse eine denkerische Herausforderung die von Hiob (Bibel) bis zu Freud und Riceur zu verschiedenen denkerischen Anschauungen des Bösen führt. 

Zuletzt wird das Böse dadurch überwunden, dass es nach Friedrich Nietzsche als rein moralische Kategorie versagt. Wie so oft liegt die Lösung in der sachlichen Differenzierung und im Dialog, die sich im Sonderheft in vielen Interviews und Zitaten aus klassischen Werken zeigt. 

Wichtig ist wohl wie schon bei Hiob die Konsequenz des Bösen, das Leiden immer wieder ins Gespräch zu bringen.

Zum Ende des Magazins kommt noch einmal Hannah Arendt in den Blick, wird aber von der Chefredakteurin Catherine Newmark zugleich relativiert. Eichmann sei nach einer aktuellen Publikation von Bettina Stangneth nicht allein ein gedankenloser Bürokrat gewesen, wie er selbst es im Prozess wohl darstellen will, sondern schlicht auch Antisemit und Hitler-Fan. 

Dennoch bleibt der inhaltliche Anstoß Hannah Arendt zum Schluss bestimmend: Catherine Newmark fordert die Reaktivierung der Aufklärung und mit Karl Jaspers eine „Ethik des Denkens“.

Glauben in der Spätmoderne? Rezension von Konrad Schrieder, Hamm 2018

Rudolf Hubert: Wo alle anderen Sterne verlöschen. Glaube als Zukunftsmodell, Echter Verlag, Würzburg 2018, ISBN 978-3-429-05314-7, 133 S, broschiert, € 14,90.

Welche Bedeutung kann dem Glauben in einer modernen pluralistischen Gesellschaft noch zukommen? Dieser Frage geht Rudolf Hubert, Regionalleiter der Region Schwerin im Caritasverband für das Erzbistum Hamburg e.V. nach. Dazu lässt er Texte von Hans Urs von Balthasar, Karl Rahner, Reinhold Schneider und Eugen Drewermann sprechen. Die Erfahrung von Ohnmacht im Angesicht von Terror und anderen Katastrophen führt uns unsere eigene Geschichte als eine ständige Entfremdung vom Christentum vor Augen (S. 18 f.). Demgegenüber gilt es, das Christentum als „Anwalt echter Humanität“ (18) wiederzuentdecken. Dies versucht Rudolf Hubert in Abgrenzung zum atheistischen Humanismus, der meint, ohne Gott auskommen zu können und stattdessen das eigene Glücksstreben einer hedonistischen Ethik unterordnet (59, 79, 81).

Existentielle Grenzerfahrungen des Menschen angesichts des Todes und der Theodizeefrage können zu Anknüpfungspunkten für die Rede von Gott werden (60,64). Der Mensch stellt die Frage nach dem letzten Sinn, er ist selbst die Frage (33,88,92). Ja, es ist sogar so, dass der Glaubende einen „bekümmerten Atheisten“, der „vor dem finsteren Rätsel des Daseins“ verstummt, als jemanden ernstnehmen kann, der, auch wenn er Gott leugnet, sich nicht mit Klischees zufriedengibt, sondern eine „unerfüllte metaphysische Sehnsucht“ hat (96). 

Es gehört zum Wesen des Menschen, dass er offen ist für Gott, und wenn er das leugnet, dann widerspricht er sich selbst (95). Dennoch ist Gott nicht nur eine Vorstellung innerhalb des Menschen, sonder sein Gegenüber (41, vgl. 37). 

So kann Rahners Rede vom anonymen Christentum den Weg weisen, dass der Mensch sich nicht narzisstisch-sinnentleert in einer pluralistischen Gesellschaft verliert, sondern durch den Glauben an sich selbst und damit an Gott rückgebunden bleibt. 

Der Glaube transzendiert den Menschen und gibt seinem Leben Sinn. So ist der Mensch keine Funktion oder ein „Vehikel der Gene“, sondern ein „Kind der Liebe“ (88,94). Liebe ist „die Mitteilung der stärksten Kraft, der ein Mensch sich selber verdankt und die ihn zum Menschsein bestimmt“ (67) heißt es bei Drewermann, den Rudolf Hubert immer wieder als zuverlässigen Rahner-Interpreten heranzieht. Dieser Erfahrungshorizont des Geliebtwerdens um lieben zu können wird, Rahners Argumentation folgend, christologisch rückgebunden.

Christus ist als der Logos die trinitarische „Subsistenzweise“ (36 f.), die dazu bestimmt ist, Mensch zu werden. Als solcher ist er „am radikalsten Mensch“ (71) und Brücke zwischen Welt und Gott (vgl. 29, v. Balthasar). Diese Erkenntnis ergibt sich freilich aus der kategorialen Heilsgeschichte, in der sich Gott in Jesus Christus offenbart hat. Darin wird Christus dadurch zum Urtypus des Menschen, ohne dass das transzendentale Geheimnis Gottes dadurch aufgehoben oder vollständig erschlossen werden könnte. Oder mit Rahner: Das liebende Herz Jesu wird zu einem Realsymbol der transzendentalen Wirklichkeit des Menschen (53, gegen die positivistische Position auf S. 28). 

In Christus bleibt der Mensch zwangsläufig auf Gott bezogen. Der Autor zieht daraus die Konsequenz: „Wenn Christus das Geheimnis meines Lebens ist, das Geheimnis jedesmenschlichen Lebens, dann ergeben sich daraus Schlussfolgerungen für die Vermittlung und die Vermittler des Glaubens.“ (35). Es ist die priesterliche Existenz, die paradigmatisch für die Existenz schlechthin ist. Glaube hat etwas mit Einübung zu tun (ebd.), und so wird der Priester zum Mystagogen (101). Gott bleibt ein Geheimnis, und so bleibt auch die Sinnsuche ein Prozess (42), ebenso wie der Glaube nie fester verfügbarer Besitz sein kann (31). Die Erfahrung des Geistes, den Gott in seiner liebenden Selbstmitteilung in die Herzen ausgegossen hat (72) ermöglicht es, in Freiheit (103) das Gnadengeschenk des Glaubens anzunehmen (101), mehr noch, betend die eigenen Grenzen zu überschreiten (71) und dadurch, gegründet auf die Liebe, wirklichfrei zu sein (70) und ein sinnerfülltes Dasein zu führen – fernab von „Selbstüberschätzung, Hybris und falsch verstandener Autonomie“ (37 f.,71).

Rudof Hubert unternimmt in dem schmalen Band den erfreulichen Versuch, die großen Denkansätze des 20. Jahrhunderts in der katholischen Theologie wieder aufzugreifen und für den gegenwärtigen Lebenskontext fruchtbar zu machen, ein Anliegen, um das sich die herangezogenen Theologen stets bemüht haben. Es geht um nichts weniger als die Frage „wann und wo die Rede von Gott überhaupt sinnvoll ist“ (41). Der Glaube als „Vollzug des gläubigen Subjektseins“ (ebd.) ist Existenzweise nicht ein Moment im pluralistischen Konzert der Neuzeit, er ist existentialer Stand-punkt. Als Gegenüber  zu Gott erfährt sich der Mensch im Hören (49,56,103). Um dieses Wort lebendig werden zu lassen, bedarf es heute mehr denn je einer narrativen Theologie aber auch Multiplikatoren in den Gemeinden und der Gemeindeleitung, vor allem aber eines ganzheitlichen Vollzugs von Glauben und Leben (49 f.).

Rahners oft schwer zu verstehende Ansatz (37) hat seinen Ansatz bei der Anthropologie. „Erfahrung“ (41) ist ein transzendentaler Begriff, der im Menschen notwendig angelegt und auf Gott als sein Gegenüber ausgerichtet ist. Dieser katholische Ansatz ist auch – jenseits von Barth und Schleiermacher – für evangelische Christen bedenkenswert, nicht zuletzt auch aufgrund von Tillichs Rede von dem, „was uns unbedingt angeht“.

Gebete und Texte des Kirchenjahres in aktueller Sprache, Rezension von Konrad Schrieder, Hamm 2018

Stephan Goldschmidt: Denn du bist unser Gott. Gebete, Texte und Impulse für die Gottesdienste des Kirchenjahres, Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 2018, gebunden, 352 S., mit CD, ISBN 978-3-7615-6553-7, Preis: 32,00 Euro



Seit dem 1. Advent gilt die neue revidierte Perikopenordnung. Neben einer moderaten Modifikation der Lesungstexte unterscheidet sie sich von ihrer Vorgängerin vor allem, dass die altkirchliche Evangelien- und Epistelreihe aufgegeben wurde und nahezu ein Drittel der Texte aus dem Alten Testament stammen. So finden sich nach dem abgedruckten Wochenpsalm ein Text aus der jeweiligen der drei Gattungen, der verschiedenen Lesejahren zugeordnet ist. Da der Turnus von sechs Lesejahren beibehalten bleibt, folgen zusätzlich für jeden Sonn- und Festtag drei Predigttexte sowie weitere Perikopenvorschläge. Dazu ist bereits eine Fülle an Material erschienen.


Stephan Goldschmidt, der Geschäftsführer der Liturgischen Konferenz in der EKD, legt mit seiner Neuerscheinung einen liturgischen Wegbegleiter für das Proprium de Tempore des ganzen Kirchenjahres vor, in den eine 20 Jahre lange reiche Erfahrung mit dem Umgang und der Formulierung von Gebeten eingeflossen ist. Für jeden Anlass finden sich der Wochenspruch, die Textstellen des Wochenpsalms und der drei ersten Lesungen, die beiden Wochenlieder, ein Eingangs- und ein Schlusslied sowie zwei weitere Liedvorschläge aus dem Stammteil des EG oder dem Ergänzungsheft, die die beabsichtigte ausgewogene Mischung von traditionellem und neuem Liedgut weiterführt. Es folgt eine Meditation mit den Wochenpsalmen in aktualisierter Sprache, teilweise auch mit freien Texten, etwa am 8. und 10. (Israelsonntag/Gedenktag der Zerstörung des Tempels) Sonntag nach Trinitatis zum Thema „Klage“. Die Tagesgebete sind an Gott den Vater gerichtet und folgen im Wesentlichen dem klassischen Aufbau, lassen aber den trinitarischen Schluss vermissen.


Die Fürbitten bieten ein breites Spektrum an Gebetsanliegen, die auf das jeweilige Thema des Son- oder Festtages abgestimmt sind (etwa „Frieden“ in der Christnacht, „Geist Gottes“ zum 6. Sonntag nach Trinitatis, „Teilen“ zum 7. Sonntag nach Trinitatis und „Schuld und Vergebung“ sowie Fürbitte gegen Antisemitismus zum 10. Sonntag nach Trinitatis. Die einzelnen Fürbitten sind übersichtlich in Abschnitte gegliedert und Gebetsrufe lassen sich, sofern nicht vorhanden, individuell einfügen. Ein Impuls zum Sonntagsevangelium, das das Thema des Gottesdienstes vorgibt, rundet schließlich die Textsammlung ab.


Zur Christnacht und zum Altjahrsabend wird jeweils eine „Alternative Lesung“ mit verteilten Rollen angeboten, zum ersten Anlass als Verschränkung der bekannten Geburtserzählung nach Lukas in Verschränkung mit Prediger 3 (alles hat seine Zeit).


Das Erntedankfest ist nach dem 18. Sonntag nach Trinitatis angeordnet und entsprechend der Ordnung im Lektionar als erster Sonntag im Oktober ausgewiesen. Der Reformationstag folgt dem 21. Sonntag nach Trinitatis und der Letzte Sonntag im Kirchenjahr findet sich der neuen Ordnung entsprechend als Ewigkeitssonntag und als Totensonntag mit unterschiedlichem Proprium.


Der Leser hält passend zum Evangelischen Gottesdienstbuch einen Band mit Texten in aktueller, zeitgemäßer und inklusiver Sprache in Händen. So wird Gott im Tagesgebet zum 5. Sonntag nach Ostern „Vater und Mutter“ genannt oder am 3. Sonntag nach Epiphanias die verschiedenen Religionen und Kulturen in unserem Land bedacht.


Eine CD mit einer PDF aller Texte zum Kopieren ist beigefügt, zwei Lesebändchen erleichtern die Handhabe.


Dieses Werk will keine Predigthilfe ersetzen. Das übersichtliche und vielseitige Arbeitsbuch sollte als unentbehrliches Rüstzeug auf dem Schreibtisch des Liturgen/der Liturgin bei der Vorbereitung des Gottesdiensts nicht fehlen.

Platon ist überraschend aktuell, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2018

Zu: Christoph Quarch: Platon und die Folgen, J. B. Metzler im Springer Verlag, Deutschland, Stuttgart 2018, gebunden, 186 Seiten, ebook inside, ISBN: 978-3-476-04635-2, Preis: 19,99 Euro

Christoph Quarch setzt in diesem Buch der Reihe „N. N. Und die Folgen“ Platon wieder auf die Tagesordnung. Der Autor ist freiberuflich wissenschaftlich und journalistisch tätiger Philosoph und Theologe, auch Lehrbeauftragter an verschiedenen Hochschulen (siehe Klappentext, Infos auch unter https://christophquarch.de/presse/vita/ ).  

In der Einleitung zeigt er, dass die Verurteilung Platons im 19. und 20. Jahrhundert vor allem auf Fehlinterpretationen beruht. Er rückt Platon von Aristoteles ab, der als sein Schüler das Platonbild maßgeblich prägte. Ein besserer Kontext der platonischen Dialoge seien die Fragestellungen der sogenannten Vorsokratiker, so Christoph Quarch. Platon als Lehrer einer dialogischen Philosophie sei heute wieder neu zu hören und passe in die gegenwärtige philosophische Landschaft.

Jedes Kapitel des Buches von der Einleitung abgesehen bezieht sich auf ein dialogisches Buch Platons und zieht zu dessen Verständnis den werkimmanenten Kontext heran.

Das erste Buch, das der Autor behandelt, ist im Werkaufbau Platons eines der letzten: NOMOI (Im Text stehen griechische Worte in lateinischer Kleinschrift) . In diesem Buch, einem Trialog, diskutieren drei Philosophen während einer Wanderung auf Kreta über die mögliche Verfassung einer POLIS, ein Kreter, ein Spartaner und ein Athener.

Christoph Quarch zitiert zuerst aus der Rede des Atheners, der nach der Grundlage fragt, die für ihn Gott ist. Die Gottheit wird mit PSYCHE gleichgesetzt. Sie ist „… der Grund des Erscheinens und des Seins von allem Seienden.“ PSYCHE ist zugleich der Atem des Lebens und damit für Platon der Begriff für Lebendigkeit. Lebendigkeit ist für Platon eine Gottheit. Und so folgert er, dass Platon in dieser Rede des Atheners eine Metaphysik der Lebendigkeit entwirft. Im Blick auf die Wirkungsgeschichte Platons ist hier von Heidegger die Rede, der sich von der Metaphysik des Aristoteles abgrenzt, der seine Lehre eher an der TECHNE als an der PSYCHE, der Lebendigkeit orientiert.

Die Überschriften der anderen Kapitel zeigen, welches Thema sie behandeln wie: „Das Wunder des Werdens“, „Vom Sinn des Lebens“ und das „Ringen um Gerechtigkeit“, immer jeweils mit der Lektüre eines dialogischen Werks von Platon verbunden.

Aus theologischer Sicht ist auch neben allen Kapiteln vor allem das letzte interessant: „Theos. Die Versöhnung von Mythos und Logos und das Denken der Zukunft.“

Auch wenn das Buch nicht strukturell den Philosophen Platon und seiner Wirkungsgeschichte trennt, sondern beides ineinanderfügt, ist es doch ein wegweisender Brückenschlag zwischen der Wiege der europäischen Kultur und dem Denken der Gegenwart.