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Drüggelter Kapelle am Möhnesee

 

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Intelligente öffentliche Verdummung, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2020

Zu:

Michael Blume: Verschwörungsmythen, Woher sie kommen, was sie anrichten, wie wir ihnen begegnen können.

Patmos im Schwabenverlag, Ostfildern 2020, broschiert, 160 Seiten, ISBN: 978-3-8436-1286-9, Preis: 15,00 Euro

Link: https://shop.verlagsgruppe-patmos.de/verschwoerungsmythen-011286.html

 

Michael Blume (* 20. Juni 1976 in Filderstadt) ist ein deutscher Religionswissenschaftler sowie Beauftragter der Landesregierung gegen Antisemitismus. (Wikipedia, am 16.10.2020).

Das Buch beginnt mit einer ausführlichen philosophischen Untersuchung über den Dualismus, der sich mit der Wirkung der Ideen Platons verbreitet hat. Durch sein Höhlengleichnis hat sich die Idee einer Phantasiewelt verbreitet, der eine wirkliche Welt gegenübersteht. Die Menschen befinden sich aber in der Höhle und kennen nur die Schatten der wirklichen Welt.

Daraus folgt der Dualismus mit dem besonders Kant und Nietzsche gebrochen haben, nach denen es nur eine Wirklichkeit gibt. Menschen, die sich nach der Vorgabe des Höhlengleichnisses verhalten, befinden sich sozusagen in einer gespaltenen Weltauffassung.

 

Mit dieser Einleitung macht Michael Blume die Verschwörungsmythen zu antiquierten, aber durchaus abendländisch nicht ungewöhnlichen Denkfiguren, die quasi durch den christlich-jüdischen Dualismus schon von Kindheit an eingeübt werden. Damit ist zugleich klar, dass an dieser Stelle der Dualismus der griechischen Antike und der Dualismus des Christentums und des Judentums in eins fallen

Einen breiten Raum nimmt daraufhin der Nationalsozialismus ein. Michael Blume geht darauf ein, dass unter den führenden Nationalsozilisten auffällig viele Akademiker waren und sogar mit Doktortitel, wie z. B. die Teilnehmer der Wannseekonferenz. Auf die Person des Philosophieprofessors aus Freiburg Martin Heidegger, geht er ausführlicher ein. Am Beispiel Martin Heideggers zeigt Michael Blume, dass die Menschen auch heute bis in die Kreise der Intelligenz anfällig sind für Verschwörungsmythen. Bei der Schilderung der Einstellung Heideggers zeigt er jedoch einige Lücken. So kommt mir der Einfluss der sogenannten „Protokolle der Weisen vom Zion“ etwas zu kurz. Auch auf seine Rektoratsrede von 1933 und seine eigene Auffassung von Nietzsche geht mir Michael Blume zu wenig ein. Er zeigt hingegen, dass Martin Heidegger sich schon in Briefen an seinen Bruder vor 1933 wohlwollend über Hitler geäußert hat. Es bleibt hingegen unerwähnt, dass seine Frau Elfride eine Nationalsozialistin der ersten Stunde war.

Am Ende des zweiten Kapitels prognostiziert Michael Blume die kommende Wahlniederlage von Donald Trump, die sich dem sinkenden Einfluss der Verschwörungsideologie verdankt. Enttäuscht war ich hingegen, dass Michael Blume auf die neue Verschwörungstheorie QAnon nicht eingeht, von der anscheinend auch Donald Trump beeinflusst ist.

 

Im letzten Kapitel geht Michael Blume auf die Arbeit als Beauftragter der Landesregierung Baden-Württemberg gegen Antisemitismus ein. Alte antisemitische Gedanken verknüpfen sich im Netz mit der Leugnung des Holocaust. Auch Impfgegner tragen Judensterne.

In diesem Kapitel zeigt Michael Blume in einem Vier-Stufen-Modell, wie er sich die Arbeit der Überwindung des Antisemitismus in Schulen und öffentlichen Bildungseinrichtungen vorstellt.

  1. Ängste und Emotionen auf denen Verschwörungstheorien fußen, sollen benannt und überwunden werden.
  2. Ein Podcast „Verschwörungsfragen“ unterstützt die Bildungsarbeit mit einem kostenlosen Angebot.
  3. Ratsuchende sollten dringend Sektenausstiegsberatungsstellen kontaktieren.
  4. Wenn sich im Freundeskreis oder in der Familie Menschen Verschwörungstheorien anschließen, gehen Angehörige „auf Distanz“ und akzeptieren zugleich die persönlichen Entscheidungen respektvoll.

 

Für weitere Informationen sei die zuletzt genannte Homepage empfohlen: http://www.blume-religionswissenschaft.de.

Das Buch ist absolut lesenswert.

Seht aber auch mal auf die am Anfang genannte Verlagshomepage, auf der auch ein Podcast mit einem 1 1/2 Stunden langen Interview zu hören ist. Ein Hingucker ist das Cover, auf dem das Wort „Verschwörungsmythen“ mit einem Augenpaar aufgebrochen wird, so dass die Leserin und der Leser sich angesehen fühlen.

Predigt über 5. Mose 30, 14, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2020

Denn es ist das Wort ganz nah bei dir   5. Mose 30,14

Es war ein alter Mann. Sein Körper war verbraucht. Er ahnte, dass er bald sterben würde. Seine Frau Elfriede umsorgte ihn Tag und Nacht. Auf sie konnte er sich verlassen. Sie saßen oft schweigend in den alten Sesseln. Ein runder niedriger Tisch stand vor ihnen. Darauf lag eine Decke, bestickt von seiner Frau Elfriede. Im Hintergrund war eine Nische. Dort stand ein altes Radio. Oft saßen sie da, hörten eine Sendung oder einfach nur Musik. Sie waren einander vertraut. Gustav sagte zu Elfriede: „Hol die Brüder aus der Gemeinde. Ich will noch einmal mit ihnen reden.“

Es war alles vorbereitet. Der alte Mann hatte sich mit seiner letzten Kraft und Hilfe den schönen Morgenmantel angezogen. Er war grau und hatte weinrote Streifen. Darin sah er auf seine Art vornehm aus trotz seiner Hinfälligkeit.

Es klingelte. Die zwei bekannten Brüder aus der Gemeinde traten ein. Sie legten ihre Mäntel ab und nahmen am kleinen runden Tisch Platz. Nach der kurzen Begrüßung war es eine Zeit lang still. Elfriede stand auf, holte eine Kerze, stellte sie auf den kleinen runden Tisch und entzündete sie.

Es breitete sich eine friedvolle Atmosphäre aus. Helmut, einer der Brüder, fragte Gustav, ob er eine Karte ziehen wolle. Auf den Karten standen – ähnlich wie in den Losungen – Bibelverse. Stumm zog der alte Mann eine Karte. Lesen konnte er nicht mehr. Sein Augenlicht war zu schwach. Helmut las: „Wenn du aber getreu bist bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.“

Das Licht der Kerze flackerte. Elfriede saß versunken da und Tränen rollten ihr über die Wangen. Sie schämte sich nicht.

Dann fing Gustav an leise und stockend zu sprechen: „Schon dreimal habe ich diese Krone gesehen. Es war letzte Nacht. Ich konnte nicht gut schlafen. Ich träumte schlecht und hatte Angst. Dann war da plötzlich ein Frieden.“

Alle schwiegen. Es war genug gesagt.

Als die Brüder gingen, saß Elfriede noch lange neben Gustav. In der Nacht starb ihr Mann.

Am nächsten Morgen kam der Bestatter. Sie betteten Gustav in einen Sarg und trugen den Sarg die Treppe herunter. Unten ging die Tür auf. Hier wohnte der Enkel. Er sah wie der Sarg hinausgetragen wurde. Der Sarg war offen und er konnte seinen toten Opa sehen. De Sarg war weiß ausgeschlagen. Eine weiße Decke ragte dem Toten bis zum Kinn. Das schneeweiße Haar, das bleiche Gesicht aus dem alles Leben gewichen war, erschreckte den Enkel bis ins Mark.

In seinen Träumen sah er immer wieder das blasse Gesicht seines Opas. Es machte ihm Angst.

Eines Tages nach der Schule ging der Enkel zu Oma. Sie stand in der kleinen Küche und bot ihm ein Glas Rotkäppchensaft an. Sie setzten sich an den runden Tisch.

„Oma, bist du gar nicht traurig, dass Opa gestorben ist?“

„Doch, ich bin traurig“, sagte die Oma. „Ich weine viel. Doch ich weiß, Opa ist jetzt zuhause.“

„Wo ist denn sein zuhause?“ fragte der Enkel.

„Sein zuhause ist bei Gott.“

Und dann erzählte Oma dem Jungen, was Opa halb gesehen und halb geträumt hatte. Dass er einen Bibelvers gezogen habe, darauf stand: „Du wirst die Krone des Lebens empfangen.“

„Diese Krone hat Opa dreimal gesehen.“

Das Bild mit der Krone prägte sich dem Enkel ein. Es begann das Schreckensbild des bleichen Gesichts zu überlagern.

Dann und wann kam es noch mal hervor, aber das Bild der Krone blieb.

Joachim Leberecht

 

Hinweis: Wolfram Eilenberger, Feuer der Freiheit, Klett-Cotta 2020

Dem neuen Philosophiemagazin ist als Werbung eine Leseprobe eingeklebt. Auf 16 Seiten erhalten wir hier einen guten Einstieg in das neue Buch von Wolfram Eilenberger. Er versteht es, anschaulich und kunstvoll auf den Kontext des philosophischen Denkens und Schreibens hinzuweisen. Wenn Philosophie ein Lebensereignis ist, dann müssen wir uns den Kontext immer noch dazu denken. Der Zeitraum, um den es hier geht, ist die Zeit des Nationalsozialismus 1933 – 1943. Hier geht es um Jean-Paul Satre, der mit Simone de Beauvoir zusammenlebt, der ein Sachbuch über die menschliche Psyche schreibt und zugleich einen Roman entwirft, „Melancholia“. Die Feministin Simone ist eher in einer Krise. Hinzu kommt nun eine junge Studentin russischer Herkunft, die hier schlicht Olga genannt wird. Die Dreierbeziehung hat für Simone de Beauvoir den Vorteil, Jean-Paul Satres auf dem Weg in den Wahnsinn herauszuholen, in den er sich durch Meskalinexperimente gebracht hat.

Der nächste Abschnitt beschreibt Ereignisse fast 10 Jahre später, 1943. Simone Weil, die zuerst den Eltern nach New York gefolgt ist, siedelt nach England über, um sich der Befreiungsarmee des General Charles de Gaulle anzuschließen. Sie möchte einen militanten Frauenverband gründen, um als Krankenschwester der Front möglichst nahe zu sein, im Geist der Jungfrau von Orleans. Da sie aber für diesen Auftritt den Generalen zu schwach erschien, wurde sie mit Denkarbeit beauftragt und bezog ein Hotelzimmer in London.

Schon diese kleine Zusammenfassung macht deutlich, dass das Schreiben philosophischer Text in einen politischen wie einen persönlichen Kontext gehört, der nacherzählt werden soll. In der Nacht der tiefsten ideologischen Verdunklung wurde der Weg zu einem neuen Denken geebnet der sich vor allem mit Namen von Philosophinnen verbindet: Simone de Beauvior, Simone Weil, Hannah Arendt und Ayn Rand.

Rezension: Christoph Fleischer, Welver 2020

Predigt Genesis 2, 4-9 u. 15 , Der Mensch als Teil einer großen Ordnung, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2020

Liebe Gemeinde,

es gibt Geschichten, die wir Menschen brauchen, um nicht an den nackten Wahrheiten der Wissenschaften zu Grunde zu gehen. Es gibt Erzählungen, die bleiben, wohingegen sich die Erkenntnisse der Wissenschaften wandeln und zu immer neuen Wissensgeschichten führen. Glauben und Wissen schließen sich nicht aus, sondern bleiben notwendig aufeinander bezogen. Die Wissenschaft braucht den Glauben als Begrenzung, damit sie nicht selbst zum Glauben wird und der Glaube braucht Sprache: Verstehen, Vernunft und Wissen, damit er kommunizierbar ist.

Der Glutkern der biblischen Geschichte von der Erschaffung des Menschen wärmt, brodelt und glüht bis heute. Der Mensch ist Teil einer großen Ordnung, Teil eines großen Ganzen und hat darin eine besondere Aufgabe.

 

Gott macht den Menschen aus Staub von der Erde

„Von Erde bist du genommen Mensch und zur Erde sollst du wieder werden. Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zum Staub.“

Wir sind aus Erdenstaub gemacht. Wir sind irdisch, wir sind Teil der Erde. Unser Körper ist aus Elementen der Erde zusammengesetzt. Wir haben nicht nur einen Leib, wir sind Leib. Unsere Existenz ist leiblich, ist irdisch, ist bedürftig, ist vergänglich. Wir sind Leib. Den Menschen gibt es nur im Plural. Wir brauchen Nahrung, Berührung, das soziale Miteinander. Da wir leiblich sind, sind wir wie die Erde den äußeren Bedingungen der Umwelt ausgesetzt. Wir wachsen, wir blühen, wir vermehren uns, wir werden geprägt durch Wind und Wetter, durch Erziehung und Teilhabe und am Ende vergehen wir wie eine Blume auf dem Feld. Der Leib ist uns als Existenzform vorgegeben.

 

Vom Odem des Lebens beseelt

Wir sind nicht nur Leib. Wir sind beseelter Leib. Mit dem Odem Gottes wird der Leib zum Leben erweckt und bleibt lebendig. Solange wir atmen sind wir lebendig, aber Atmen allein als lebenswichtige Funktion des Körpers beschreibt den Vorgang des zum Leben erweckten Menschen rein mechanisch. Dadurch, dass Gott seinen Odem in die Nase des Menschen bläst, wird der Leib aus Erde beseelt. Die Seele des Menschen ist sein Geist. Der Mensch ist eine Schöpfung Gottes aus Leib, Seele und Geist. Wir sind leib-seelische- geistige Wesen.

 

In den Garten gesetzt

Gott nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden. Das sollte sein Lebensraum sein.

Ein Garten ist ein Stück befriedeter Natur. Es wächst und blüht. Alles hat seine Ordnung. Der Garten ist geschützt. In diesem geschützten Garten Gottes ist der Mensch zu Hause. Von Anfang an gehört zum Menschsein schöpferische Arbeit. Die Schönheit des Gartens soll erhalten bleiben. Der Garten wird gehegt und gepflegt. Kultur und Kunst gehören zum Menschsein. Die besondere Aufgabe des Menschen als Teil der Schöpfung ist es, den Garten zu bebauen und zu bewahren.

 

Liebe Gemeinde,

wie aktuell diese Geschichte ist, dass Gott dem Menschen die Aufgabe zugeteilt hat, den Garten Eden zu bebauen und zu bewahren, brauch ich gar nicht ausführen.

Wir leben zwar nicht mehr im Garten Eden (im Paradies) und der geographische Ort des Garten Edens, der im heutigen Irak und Syrien liegt, ist  von Panzerspuren durchfurcht, liegt in Trümmern und ist zerstört, – genau das Gegenteil von einem blühenden Garten! –, der Pflanzen, Bäumen, Tieren und Menschen Schutz gewährt, doch der Auftrag bleibt, auch dieses Stück Land wieder zum Blühen zu bringen. In der Erzählung vom Anfang liegt auch eine Verheißung für heute und morgen.

 

Sein zum Tode

Der Mensch, eingedenk seiner Sterblichkeit und der Gefahren des Todes, eingedenk auch der Gewalt, der Machtspiele, der Ungerechtigkeit, lebt in Sorge. Für den Philosophen Martin Heidegger ist die Sorge die Existenzform des Menschen. Dahinter steht die Wahrnehmung, dass der Mensch das einzige Wesen auf der Erde ist, der um seine Endlichkeit weiß. Diese Sorge wird von Martin Heidegger herausgearbeitet als „Sein zum Tode“. Diese Sorge macht ihn nicht nur produktiv, um Gefahren abzuwehren, sondern lähmt ihn auch, blockiert sein Bewusstsein, lässt ihn resignieren.

Wie sehr die Sorge um sich greift und Menschen besetzt, erleben wir gegenwärtig in der Corona-Pandemie. Unabhängig davon, wie wir die Gefahren der Pandemie einschätzten und abzuwehren versuchen, streben wir eine Sicherheit an, die möglichst absolut sein soll. Es gibt aber nur relative Sicherheit. Es gab noch keine Zeit im Leben der Europäer, die so sicher war wie heute. Doch durch vermeintliche Steigerung der Sicherheit im Namen der Gesundheit wird die Sorge nicht kleiner, sondern immer größer. Was das für langfristige Folgen für uns als Gesellschaft hat, ist noch gar nicht abzusehen.

 

Sein zum Leben

Unsere Erzählung von der Erschaffung des Menschen erinnert uns an den Anfang und an die Bestimmung des Menschen. Der Mensch ist eine leib-seelisch-geistiges Wesen und lebt in den guten Ordnungen Gottes. Dass es Tag und Nacht gibt, die Jahreszeiten, dass die Welt sich weiterdreht und Gott das Leben erhält ist ein unendlicher Trost in aller Sorge, Trauer und Angst. Die jüdische Lyrikerin Mascha Kaleko dichtet:

Die Nacht

In der das Fürchten

Wohnt

Hat auch

Die Sterne und den Mond

 

Der christliche Glaube setzt der Sorge das Vertrauen in Gottes Treue entgegen. Es ist das Vertrauen, dass Gott, der gute Schöpfer, seine Schöpfung erhalten wird. Jetzt ächzt, stöhnt und seufzt die ganze Schöpfung, wenn aber die Kinder Gottes offenbar werden (Paulus), die, die heute gegen allen Augenschein bauen und bewahren, dann wird eine neue Schöpfung geboren: Das Alte wird vergehen, Neues wird werden und das nicht erst am Ende der Zeiten, wo Gott seine ganze Schöpfung heimholt, wo wir in Einheit und Frieden leben werden, sondern schon heute, hier und jetzt, wo Menschen die Sorge hinter sich lassen und ihre Bestimmung schöpferisch tätig zu sein, leben.

 

Wir sind begrenzt und haben Grenzen. Wir sind irdisch und haben für die Erde eine Verantwortung. Wir sind himmlisch, mit Seele und Geist ausgestatten – in Verbindung mit Gott – wir können vertrauen. Amen

 

 

 

Predigt Apostelgeschichte 6,1-7, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2020

  1. Sonntag nach Trinitatis: Wie eine Gemeinde funktioniert

 

Liebe Gemeinde,

die Frage, wie die Aufgaben in einer Gemeinde verteilt werden, stellt sich uns dringend. Jetzt, wo die Finanzen unserer Gemeinde coronabedingt eingebrochen sind, aber auch auf längere Sicht strukturell weniger werden, stellt sich diese Frage umso drängender. Die Frage ist auch damit verbunden, was gerecht ist. Wir Pfarrerinnen und Pfarrer sind in der Mehrzahl Kirchenbeamte und als erstes fein raus. Wir müssen nicht um Reduzierung unserer Arbeitszeit oder gar um unseren Arbeitsplatz fürchten, anders sieht es schon bei den Angestellten unserer Gemeinde aus. Lässt sich Arbeit umschichten, können Arbeitsbereiche aufgegeben werden, müssen Arbeitszeiten und Verträge wegen Geldmangels gekürzt werden? Eine hochbrisante Frage, die uns umtreibt, die zu Konflikten führt, weil es keine einfachen und schnellen Lösungen gibt, wenn es um Menschen und die Frage nach Gerechtigkeit geht. Schnell kommt es zu Verletzungen, Resignation und Rückzug. Dazu kommt noch, dass die Menschen, die um eine Lösung ringen, unterschiedliche Ansichten und Bilder von Gemeinde haben. In der Tat müssen wir uns bewegen – alle – und manches Liebgewordene anders organisieren oder uns gar davon trennen. Allein schon der Druck zur Veränderung macht Angst und verunsichert. Auch die Frage der Macht spitzt sich zu. Wer schmiedet mit wem Pläne und versucht diese durchzusetzen?

In der Tat finde ich es tröstlich, dass uns in der Apostelgeschichte schon von der ersten Gemeinde in Jerusalem von einem Konflikt berichtet wird. Auch in dem so oft verklärten Leben der Urgemeinde – wenn wir nur so glaubten und lebten  wie die ersten Christen, würde alles besser sein – ging es von Anfang an nicht ohne handfeste Konflikte ab. Kirche und Gemeinde sind keine konfliktfreien Räume, so sehr wir uns das wünschten. Die große Sehnsucht danach in einer Gemeinschaft zu leben, die sich versteht und gut miteinander umgeht, hat vielmehr in vielen Gemeinden dazu geführt, möglichst Konflikte zu vermeiden oder gar nicht erst anzusprechen. Es gibt kaum mehr öffentliche Auseinandersetzungen, schon gar nicht auf Synoden.  Es ist gar nicht so einfach, den Finger in die Wunde zu legen und nach tragfähigen Lösungen zu suchen. Oft ist geäußerter Unmut ein erster Hinweis, dass Veränderungen nötig sind.

Zuerst geht es also um das Hören – und das Aufeinander hören – wie so oft. Und da fängt die Schwierigkeit schon an. Können wir wirklich noch hören, hinhören, was der Einzelne oder eine Gruppe sagt oder sind wir schon bei den Antworten und Lösungen und übertreffen uns darin?

Jedenfalls ist in der Jerusalemer Gemeinde das Wunder des Hinhörens geschehen. Die griechischen Witwen wurden erhört. Sie wurden bei der Versorgung mit Lebensmitteln übergangen. Sie wurden gegenüber den einheimischen hebräischen Witwen benachteiligt.

Das zweite Wunder in Jerusalem war, dass die Gemeinde erkannt hat, hinter dem Übersehen liegt ein strukturelles Problem. Die Apostel, die auch die Lebensmittel in der Gemeinde verteilten, waren überfordert. Das lag weniger an ihnen als Personen als an der übergroßen Aufgabe, allen bedürftigen Gemeindegliedern gerecht zu werden.

Wenn wir das nur in den Blick bekämen, dass bei allen Mängeln, die Personen mit sich bringen, es Strukturen sind, die überfordern, die zu Ungerechtigkeiten führen, die demotivieren und oft in den Burnout führen, dann wären viele Aufgabe immer noch eine große Herausforderung, aber wir wären ein Stück leichter und würden uns nicht offen oder unbewusst mit Schuldvorwürfen überhäufen.

Liebe Gemeinde,

ich habe in meiner langen Gemeindetätigkeit leider schon viele Menschen erlebt, die sich als Ehrenamtliche oder als Mitarbeitende sehr engagiert haben, dann aber sich wegen anhaltender Konflikte zurückgezogen haben, enttäuscht waren, dass in einer christlichen Gemeinde ungerecht miteinander umgegangen wird. Sie konnten Ideal und Realität nicht mehr zueinander bringen. Es ist viel leichter Menschen für Konflikte verantwortlich zu machen, als hinter den streitenden und oft verletzten Personen die Macht von strukturellen Problemen in den Blick zu nehmen.

Das Wunder geschieht in Jerusalem und es kommt zu einer Arbeitsteilung. Die Apostel werden entlastet. Sie sollen vorranging im Gebet und „beim Dienst des Wortes“ bleiben, wie es Martin Luther so treffend übersetzt. Daraus ist später in vielen Kirchenordnungen die Formulierung für Pastoren als „Diener am Wort“ geworden. Leider ist diese schöne Formulierung aus unserer rheinischen Kirchenordnung verschwunden, als die Synode eine gendergerechte Überarbeitung der Kirchenordnung verabschiedet hat. Die Sache aber bleibt hochaktuell wie der Prozess „Zeit fürs Wesentliche“ zeigt. In diesem Prozess sollen die Presbyterien mit den Pfarrpersonen vereinbaren, wie Pfarrerinnen und Pfarrer mehr Zeit für das Wesentliche ihres Berufes verwenden können. Dazu gehört dann auch, dass sie bereit sind Aufgaben abzugeben und gegenüber der Gemeinde, gemeinsam mit dem Presbyterium vertreten wird, warum eine Pfarrerin oder ein Pfarrer nicht mehr alles macht, sondern ihren/seinen Dienst fokussiert.

Nichts anderes ist in der Jerusalemer Gemeinde geschehen. Die Apostel sollten beim Wesentliche bleiben. Damit die Ungerechtigkeit bei der Essensverteilung unter den Witwen aufhört, wurde das Amt des Diakons geboren. Sieben Männer wurden gewählt, die diesen Dienst übernahmen. Ihnen wurden durch die Apostel die Hände aufgelegt. Sie wurden für ihren Dienst gesegnet.

Später im 19. Jahrhundert, in Zeiten der sozialen Verelendung durch die beginnende Industrialisierung, wurde dieser gemeindlich diakonische Dienst – den, ich betone es hier, besonders oft Frauen ausgeübt haben – durch Johann Wicherns Rede auf einer Kirchenkonferenz mit den Worten: „Die Liebe gehört mir wie der Glaube“ zur Wesensäußerung der Kirche. Die ersten Schritte zu einer strukturellen Armenfürsorge wurden geschaffen unter dem Namen Innere Mission, im 20. Jahrhundert wurde daraus das Diakonische Werk.

Liebe Gemeinde,

ich bin froh, Mitglied eines Presbyteriums zu sein, dass sich mit aller Kraft und viel Kreativität den Herausforderungen unserer Zeit stellt. Wir ringen um Lösungen. Das ist nicht konfliktfrei. Es würde uns allen guttun, zuerst hinzuhören und wahrzunehmen – wirklich zu hören – zu gewichten und abzuwägen und erst dann zu entscheiden. Beten Sie mit uns für gerechte und zukunftsfähige Weichenstellungen.

Gottes Geist leite uns und öffne uns allen die Ohren

Amen