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Drüggelter Kapelle am Möhnesee

 

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Theologische Kritik der Religion bei Karl Barth, Christoph Fleischer, Welver 2019

Referat zu Hans- Joachim Kraus: Theologische Religionskritik, Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 1982, ISBN: 3-7887-0672-4, 278 Seiten, broschiert.

Bei Aufräumen meines Bücherregals entdecke ich einen doppelseitig mit Schreibmaschinenschrift beschriebenen Zettel, ein Kurzreferat zum oben angedeuteten Thema. Die Zitate beziehen sich auf das oben genannte Buch.

 

  • „Religion“ ist für Barth ein Problem, keine vorgegebene Selbstverständlichkeit, auf die sich kirchliche Dogmatik gründen könnte. Schon in den beiden Auflagen des ‚Römerbriefs‘ geht es für Barth nicht ohne Religionskritik ab: „Was ist die Religion? Nicht! Ein psychologisches Faktum unter andern. Aber dieses Faktum muss schreien: Der Mensch ist Gottes durch das, was Gott an ihm getan…“ (Römerbrief 88)
  • Religion als menschliches Faktum unterliegt der Kritik, und zwar nicht zuerst einer philosophischen, gedanklichen Kritik, sondern der Kritik durch Christus: „Christus als das ‚Ende des Gesetzes‘ ist auch das Ende der Religion.“ (Kraus) Glaube oder Religion, das ist die Alternative. Religionskritik ist auch zugleich Kirchenkritik, denn schon in der Bibel richtet sich die Kritik der Religion nicht gegen die gottlose, sondern gegen die religiöse Welt.
  • „Religionskritik ist Bereitschaft zu ständiger Umkehr“ (Kraus). Diese Forderung der Umkehr ist auf den Neuprotestantismus mit seiner Zentralstellung der Frömmigkeit und gegen den Katholizismus als vollendetem Ausdruck christlicher Religion gerichtet.
  • Barths Alternative ist – als Ausgangspunkt: Hoffen und Warten, dass Gott sich wieder zuwendet (Psalm 22). Dann ist aber das Kreuz das Zeichen der ‚Wende zu neuem Leben und Tun des Menschen‘. Das Ende jeder religiösen Ethik ist bestimmt durch die Forderung der Teilnahme an der „Bewegung Gottes“ (Römerbrief 392). Nicht Leben nach religiösen Regeln, sondern Tun und Erkennen in der Entsprechung zu Gottes wirksamem Tun ist die einzige christliche Möglichkeit (hier aber noch nicht mit Religion bezeichnet, wie später in der Kirchlichen Dogmatik).
  • Barth greift implizit auf die radikale Religionskritik Feuerbachs zurück (explizit in der Vorlesung 1926), indem er „Religion als illusionäres Produkt des Menschen bezeichnet“ und „eine durch Individualismus, Subjektivismus und Spiritualismus gekennzeichnete religiöse Anthropologie … zu überwinden sucht“ (M. Krämer). Barth geht aber einen Schritt über Feuerbach hinaus, der in der Struktur dem Schritt von Karl Marx ähnlich ist. Während Marx sagt ‚Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern.‘ betont Barth gegen jede Anthropologie, ob religiös oder atheistisch die Veränderung, die die Welt durch die Bewegung Gottes erfährt.
  • Auf diesem Umgang mit der Religion greift Karl Barth in der Kirchlichen Dogmatik zurück: KD 1,2 „Gottes Offenbarung als Aufhebung der Religion“, was im Folgenden in drei Abschnitten dargestellt wird:
  • (1) „Religion ist noch von anderswo als von der Offenbarung her … ins Auge zu fassen (KD I,2, S. 321). Gott wirkt in der Religion, aber nur in Verborgenheit, so wie Gott in Christus zunächst nur verborgen gegenwärtig ist. Barth benutzt zur Würdigung der Religion als Ausgangspunkt und als Strukturprinzip die Offenbarung Gottes in Jesus Christus. Doch während in Christus die Einheit von Gott und Mensch vollendet ist, so ist „die Einheit von göttlicher Offenbarung und menschlicher Religion die eines … erst zu vollendenden Geschehens.“
  • (2) Mit ‚analogia fidei‘ beschreibt Barth das Christusgeschehen so, dass darin zuerst von der Sünde die Rede ist, die durch Christus vergeben ist. Das heißt zu einem, dass angesichts der Selbstdarbietung Gottes alle Versuche des Menschen, Gott von sich aus zu erkennen, umsonst (vergeblich) sind. Das heißt: Religion ist Wiederstand gegen Gott. Zum anderen ist angesichts der Rechtfertigung und Heiligung durch Christus jeder menschliche Versuch, sich zu rechtfertigen und zu heiligen nichts als „Götzendienst und Werkgerechtigkeit“. Die Religionskritik der Mystik und des Atheismus decken hier die „Schwäche“ (Projektion menschlicher Bedürfnisse) und die „bloß relative Notwendigkeit“ auf (Mystik), können aber von ihrer Position aus nicht zum Urteil des ‚Glaubens, ‚Götzendienst‘ und ‚Werkgerechtigkeit‘ vorstoßen; für ihn ist Religion schlicht Unglaube.
  • (3) Während das Urteil, Religion sei ‚Unglaube‘ auf der Linie des Römerbriefs liegt, geht der zweite Teil der Analogie über die Kritik hinaus. Erbeschreibt, wieder an strenge Anlehnung an die Christologie, inwiefern die Einheit von Offenbarung und Religion wirklich geschieht. In diesem Kontext bringt es Barth auf den schillernden Satz: „Die christliche Religion ist die wahre Religion“. Dieser Satz ist nur richtig, wenn man die Wahrheit der Religion nicht in einem christlichen Selbstbewusstsein, sondern im Ereignis des Handelns Gottes, in seiner Gnade, sieht, das ausgehend vom Sündenbekenntnis des Glaubenden, in ‚iustificatio impii‘ Wirklichkeit wird.
  • In Analogie zum Christusgeschehen formuliert ist diese wahre Religion
  • Ein Akt göttlicher Schöpfung, einer durch den Namen Jesus Christus zu schaffender und geschaffener Wirklichkeit;
  • Ein Akt göttlicher Erwählung, durch den die christliche Kirche, die den Namen Christi ausspricht, zum Leib Christi und nicht zu einer beliebigen Religionsgemeinschaft erwählt ist;
  • Ein Akt göttlicher Rechtfertigung und Sündenvergebung, die das Eins Werden des göttlichen Wortes mit der menschlichen Natur und so deren Zurechtbringung ist, und sich vollzieht in der Wirklichkeit des Lebens, der Kirche und der Kinder Gottes;
  • Ein Akt göttlicher Heiligung, bei der der einen objektiven Offenbarung eine doppelte subjektive Wirklichkeit entspricht: die christliche Religion als die durch den Heiligen Geist geschaffenen Raum und die durch den Heiligen Geist geschaffene Existenz des Menschen.

Geschrieben 1982.

 

Der Gedankengang, der hier skizziert ist, zeigt, dass Barth keinesfalls den Religionsbegriff verwirft, sondern eine differenzierte, am Umgang mit der Botschaft von Christus orientierte Begrifflichkeit enthält. Es wäre heute einmal zu fragen, inwieweit dieser Gedankengang von der reformierten Theologie her geprägt ist, die man nicht kritisieren sollte, sondern einfach nur auf ihre Prämissen hin befragen. Obwohl Barth damit schlüssig zu argumentieren scheint, präsentiert er ein Gedankenkonstrukt, das die Wirklichkeit der Offenbarung und die Erfahrung der Wirklichkeit Gottes auf den Umgang mit religiösen Begriffen festlegt, z. B. sehr stark im Sinn der reformatorischen Begriffe Rechtfertigung und Heiligung. Ausgehend von dem Satz in einer reformierten Kirche  (Borkum) „Heiligkeit ist die Zierde deines Hauses“ (Psalm 93) habe ich mir das immer so erklärt, dass die „Zierde der Kirche“ eigentlich außerhalb ihrer Mauern liegt, im Leben der Menschen, wo Heiligkeit sich vollzieht.

Geschrieben 2019.

So attraktiv dieser Gedanke sein mag, unterliegt er doch dem Trugschluss, dass auch diese Gemeinde Jesu immer wieder in der gottesdienstlichen Gemeinschaft z. B. im Abendmahl konstituiert. Die Botschaft Jesu zielt auf Ethik, die einen bestimmten Umgang mit den Fragen des Lebens und auch der Politik nicht vorschreibt, sondern eröffnet.

Konrad Schrieder, um Korrektur und eventuellen Kommentar dazu gebeten schrieb dazu in einer Email:

Als Polemik gegen Schleiermacher ist Barths Kritik am Religionsbegriff verständlich, allerdings nur, wenn man das religiöse Gefühl in einer bestimmten Weise versteht, die Schleiermacher wohl nicht gemeint haben dürfte.

Deine Schlussfolgerungen finde ich interessant. An der Altarwand der reformierten Kirche in Borkum steht genau der Vers aus Ps. 93: „Heiligkeit ist die Zierde deines Hauses“. Aber geht es bei der Kritik des Religionsbegriffs um Heiligkeit? Es ist gut, auf die Prämissen zu sehen. Man darf aber auch die Schwächen nicht übersehen. Karl Rahner stimmt mit Karl Barth darin überein, dass Gott der „ganz andere“ ist. Aber er ist erkennbar, und zwar nicht nur durch die Christusoffenbarnung, sondern auch durch das Wesen des Menschen. Gerade das ist kein Subjektivismus – ein Vorwurf, der Rahner immer wieder gemacht wurde – denn Gott steht als unbegrenztes, absolutes (Erkenntnis-)objekt dem Menschen gegenüber und geht nicht pantheistisch in ihm auf. Woher kommt also der Gottesbegriff des Menschen? Diese Antwort bleibt uns, wie ich finde, Karl Barth schuldig, weil er eben nur im Kategorialen bleibt und die transzendental-kategoriale Einheit aufgibt. Die transzendental-dynamistisch verstandene Metaphysik Rahners gibt genau darauf eine Antwort. Der Gottesbegriff fällt eben nicht vom Himmel.

Das führt allerdings zu der recht problematischen Begrifflichkeit des „anonymen Christentums“ bei Rahner. Gemeint ist, dass durch den Vorgriff, den jeder Mensch ständig vollzieht, der Gottesbegriff immer schon implizit vorausgesetzt ist, dass er aber nicht immer durch Reflexion bewusst gemacht wird. Dieser Gottesbegriff ist ungegenständlich-unthematisch und wird erst dadurch thematisch, dass Gott sich geschichtlich-kategorial in unsere Geschichte hinein offenbart. Hier bleibt eine merkwürdige Diastase, die bei Barth gar nicht erst aufkommt. Folgt man der Argumentaion Rahners stringent, dann müsste eigentlich jeder Mensch irgendwann dahin kommen, Christ zu werden – es sei denn, dass er sich in seiner Freiheit bewusst davor verschließt. Das setzt aber in jedem Fall einen Willensakt voraus.

Es wäre interessant, diese Thematik einmal auf den Sachverhalt des interreligiösen Dialogs zu denken. Rahner vertritt durch seinen Dynamismus ganz bewusst einen (Erkenntnis-)pluralismus, der ja auch das II. Vaticanum beeinflusst hat. Wie weit wäre Rahner bereit zu gehen und was ist bei Karl Barth überhaupt möglich, wenn es nicht zu einer schroffen Alternative oder sogar Konfrontation kommen sollte? Ein Problem, in dem sich die unterschiedlichen evangelisch-katholischen Standpunkte zeigen.

LG Konrad

Trauer als Sinnsuche, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2019

Zu: Giannina Wedde: Es wächst ein Licht in deinem Fehlen, Ein Trost- und Trauerbuch, Vier-Türme-Verlag, Münsterschwarzach 2019, gebunden, 143 Seiten, ISBN: 978-3-7365-0228-4, Preis:

Ob Giannina Wedde als freie Rednerin arbeitet, weiß ich nicht. Was ich weiß, ist, dass sie eine Homepage als Blog pflegt: www.klanggebet.de. Ich sehe dort heute (17.06.2019), dass dieses Buch kürzlich von einer Trauerbegleiterin in einem Interview mit der Autorin aufgegriffen wurde.

Giannina Wedde fokussiert das Thema Trauer in unterschiedlichen Varianten. Während sie sich sonst durchaus der Sprache christlicher Religion bedient, zum Teil auch verknüpft mit anderen Formen wie Mantren, ist das in diesem Buch kaum zu spüren.

Wie schon im Vorwort angedeutet, geht sie mit Meditationstexten und Gedichten den Weg der Trauerbewältigung entlang. Die Lehre der Trauerstufen sieht sie als Phasen, in der Trauernde zwar nach Sinn fragen, aber weniger mit religiöser Bewältigung anfangen können. Ja, sie konstatiert hier die Erfahrung der Trostlosigkeit, „weil viele der bewährten Trostworte heute leer und fremd klingen und weil religiöse Antworten das Brennen der Trauer nicht lindern.“ (4)

Das Inhaltsverzeichnis deutet verschiedene Ebenen der Trauererfahrung an, die sicher auch wie Schichten ineinander gehen. Trauer durch den Tod eines Angehörigen ist eine Schmerzerfahrung, die aber auch die Beziehungsfragen und die Sinnfragen berührt.

Die Texte bemühen sich um Klarheit und Verständlichkeit, verzichten auf Floskeln und Allgemeinplätze. Man hat immer den Eindruck, dass eine konkrete Trauererfahrung gemeint sein könnte.

Was also ersetzt Religion? In diesem Fall ist es das Bemühen um Verstehen der Erfahrungen, die Akzeptanz von Verletzung und Traurigkeit und die Überwindung der Trauer durch das Neufinden des Lebens.

Die Trauer bildet das Beziehungsgeschehen im Zustand der Abwesenheit ab: Wer bin ich ohne den Anderen? Die Krise der Trauer ist auch die Krise meiner Selbstbilder durch die abgebrochene Beziehung. Die Schmerzerfahrung zeigt, dass wir im Gegenüber geborgen sind. Trauernde spüren die Präsenz der Menschen. „Alles in diesem Haus bezeugt das Leben, das in dir umherging.“ (32)

Dabei geht es immer auch darum, sich selbst in den Blick zu nehmen: „Ich lerne, mit mir geduldig zu sein.“ (35)

Und, was für sprachliche Bilder glücken der Autorin: „Man darf nicht toter als die Toten sein.“ (39) Gefühlslandschaften zeigen die Individualität der Trauer, wie die des Lebens selbst.

Unter dem Stichwort „Geteilte Ohnmacht“ geht Giannina Wedde den Floskeln nach, um dann zu schließen, man soll sich dann gerade im Gespräch der eigenen Sprachlosigkeit und Ohnmacht stellen. Genau darin liegt der Trost. Mir kommen die Freunde Hiobs in den Sinn, die sieben Tage und sieben Nächte mit dem trauernden Freund schweigen.

Ich verkürze bewusst nun den Weg durch die Texte, die die Trauererfahrung ehrlich verbalisieren und gerade darin, die Trosterfahrung sehen, die die religiösen Antworten ersetzt.

Und so ist er klar, dass die Texte zum Ende hin auch den Weg ins Leben verbalisieren. Der Lebensweg führt einfach weiter. Die verstorbene Person ist schon auch immer noch dabei, aber sie begleitet ohne zu binden.

Ich muss die Texte einfach noch einmal selbst sprechen lassen: „Ich kann mich selbst nicht trösten, doch ich kann aufatmen/ im Wissen, dass ich es nicht muss.“ (129) Ja, jeder hat Recht auf ein zweites, ein weiteres Leben, „wie eine Antwort auf mein Beten“ (135).

Jeder Morgen bringt immer wieder einen neuen Tag und die Vergangenheit lassen wir hinter uns. Doch die Trauererfahrung streifen wir nicht ab, sondern lassen sie wie eine unserer Lebenserfahrungen einfach mit uns gehen.

Was ersetzt die Religion? Diese Frage sollten wir ändern und uns fragen: Wie zeigt die Erfahrung der Trauer Antworten auf die Sinnfragen, die im Leben selbst liegen?

Nicht der Himmel über uns, sondern die Liebe in uns ist die Antwort auf die Sinnfrage. Und war diese Wahrheit nicht gerade das, was Jesus verkündigt hat und wofür er bis zur letzten Konsequenz einstand?

Das Buch von Giannina Wedde verbindet kurze Texte der Reflexion und der Meditation des Trauerweges mit Gedichten, die dazu anregen die Perspektiven der eigenen Situation wahrzunehmen.

Es ist genauso für professionelle Trauerbegleiter wie für Trauernde geeignet, besonders dann, wenn die ersten Schockreaktionen vorübergegangen sind. Ob Texte auch zur Gestaltung einer Trauerfeier geeignet sind, sollte man von der Situation abhängig machen.

 

Kirche und Sexualität, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2019

Zur Sonderausgabe 12 des Philosophiemagazins: Michel Foucault, Der Wille zur Wahrheit, erschienen im Mai 2019, im Philomagazin Verlag Berlin, Preis: 9,90 Euro

 

 

Bei der Durchsicht des Inhaltsverzeichnisses der Sonderausgabe, in der ich zunächst aus theologischem Interesse nicht so viel finde, stoße ich auf die Überschrift „Die Lust der Kirchenväter“. Mit diesem Artikel von Martin Saar (Professor für Sozialphilosophie Frankfurt/Main) wird auf eine Neuerscheinung hingewiesen (S. 93-94). Der vierte Band des Hauptwerkes von Michel Foucault (1926-1984) „Sexualität und Wahrheit“ mit dem Titel „Die Geständnisse des Fleisches“ erscheint posthum in diesem Tagen im Suhrkamp Verlag.

 

Wenn mich als Theologe die Schriften der Kirchenväter interessieren, so würde ich mich nicht direkt nach der Rolle der Sexualität gefragt haben. Andererseits jedoch werden die Fragen des sexuellen Missbrauchs in beiden Kirchen und der unsichere Umgang mit der Verurteilung der Täter zeigen, dass die Frage von Sexualität und Kirche vielleicht schon immer eine wichtige Rolle gespielt hat. Dies zeigen auch heute auch darauf resultierende Diskussionen in der katholischen Kirche um die Rolle von Frauen, ihre Zulassung zum Priesteramt, die Frage des Zölibats überhaupt und die Verurteilung von Homosexualität, die gleichwohl gerade im Priesteramt laut Aussage des letzten Papstes offen gelebt würde.

 

Was stellt nun aber Martin Saar an der Arbeit von Michel Foucault heraus?

 

Schon in den Bänden zwei und drei des Hauptwerkes hatte Michel Foucault sich mit der Antike beschäftigt. Mit einem Satz von Martin Saar zusammengefasst: „Die antike Sexualmoral schien weit weniger am Verbotenem und Gebotenem orientiert als an der Haltung und dem Ethos die beteiligten Subjekte interessiert.“ (93)

 

Schon im Jahr 1982 hatte Foucault ein vollständiges Manuskript zum Thema Frühchristentum hinterlegt. Da aus rechtlichen Gründen der Nachlass Foucaults inzwischen ohnehin öffentlich zugänglich ist, hat man sich entschieden, erst die französische Fassung und nun auch die deutsche Übersetzung zu veröffentlichen. Die Themen des Manuskripts nennt Saar im Überblick: „die Beichte und das Bekenntnis, die Buß-und Taufpraktiken, die mönchische Askese, das Verhältnis von Kloster und Laienleben, die Norm der Keuschheit und Jungfräulichkeit, die Ehemoral“ (94)

 

Durch verschiedene Richtlinien werden dem menschlichen Subjekt Regeln auferlegt. „Das christliche und auch das postchristliche Subjekt muss sich seitdem, scheint Foucault nahezulegen, beständig selbst prüfen und befragen, was es von sich weiß und welche Regeln es zu übertreten droht.“ (94).

 

Nicht nur die Sexualwissenschaft, sondern auch die Psychiatrie und vieles mehr steht im Kontext dieser christlichen Tradition und verbinden von daher die Fragen von Sexualität und Wahrheit miteinander.

 

Der Nachteil des Manuskripts scheint zu sein, dass es sich noch zu sehr im Modus des Materialbefundes zu befinden scheint, obwohl gerade dessen Präsentation zu einer Diskussion folgender Spannungsverhältnisse einlädt: „zwischen Lust und Moral, zwischen Recht und Macht, zwischen Körper und Religion, zwischen Tabu und Thematisierungsdruck.“ (94)

 

Auf der nächsten Seite des Philosophiemagazins wird ein Textabschnitt des Buches von Foucault vorab dokumentiert: „Böses machen“ (95)

 

Am Beispiel der Askese stellt Foucault die Rolle der Selbstreflexion heraus, die jeder Buße und Lebensveränderung zugrunde liegt: „Die Übung von sich an sich, die Erkenntnis von sich durch sich, die Konstituierung von sich selbst als Gegenstand der Untersuchung und des Diskurses, die Befreiung, die Reinigung von sich selbst und die Erlösung mittels Operationen, die bis ins Innerste des Selbst Licht bringen (…)“ (95)

 

Hinweis: Die Editionsgeschichte wird im Vorwort nachgezeichnet, das auf der Seite von suhrkamp.de als Leseprobe nachgelesen bzw. abgespeichert werden kann: https://www.suhrkamp.de/download/Blickinsbuch/9783518587331.pdf

Was Menschen gemeinsam leisten können, Rezension Konrad Schrieder, Hamm 2019

Zu:

Klaus Schmidt: Sie bauten die ersten Tempel. Das rätselhafte Heiligtum am Göbekli Tepe, in: C. H. Beck Paperback, Bd. 6239, Verlag C. H. Beck, München 2016, ISBN 978-3-406-68806-5, 288 S., € 19,95.

Nach der bisherigen Geschichtsschreibung dürfte es das frühsteinzeitliche Heiligtum am Euphrat eigentlich gar nicht geben, denn über einen Kultus der Jäger und Sammler vor 12000 Jahren war bislang nichts bekannt. Eher durch Zufall tauchten bei einem Tel in der Nähe der Stadt Urfa auf Äckern Reste von Steilstelen auf, die die Aufmerksamkeit der Archäologen auf sich zogen. Klaus Schmidt (1953-2014) berichtet in seinem Buch über die Ausgrabungen, die von 1995 bis 2006 vier Bereiche mit Resten von über 200 T-förmigen Stelen und mehreren Opferschalen zutage förderten. Mit Liebe zum Detail beschreibt er die einzelnen Fundstücke, die mit Reliefs wilder Tiere, aber auch mit tierköpfigen Menschengestalten überzogen sind. Immer wieder tauchen Rundplastiken von Köpfen und Raubtieren auf, deren Bedeutung sich noch nicht erschlossen hat. Für die archäologische Forschung eröffnet sich damit absolutes Neuland, zu dem es nur durch Vergleiche mit zeitgeschichtlichen Artefakten etwa in Frankreich oder Stonehenge Annährungen geben kann. Dabei zeigt sich, dass die damalige Population im sogenannten fruchtbaren Halbmond des Nahen Ostens eine ganz eigene Art des Kultus und seiner Darstellungen hervorgebracht hat. Anhand der reichhaltigen Farbbebilderung kann der Leser immer wieder die Beschreibungen in den Texten nach- und mitvollziehen. „Was Menschen gemeinsam leisten können, Rezension Konrad Schrieder, Hamm 2019“ weiterlesen

Erste Hilfe am leidenden Christus? Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2019

Zu:

Johannes Fried: Kein Tod auf Golgatha, Auf der Suche nach dem überlebenden Christus, Verlag C. H. Beck, München 2019, gebunden, 189 Seiten, ISBN: 978 3 406 73141 9, Preis: 19,95 Euro

Der Ansatz des Buches, den unterschiedlichen Christusbekenntnissen und damit der Erinnerung an den historischen Jesus einmal neu auf die Spur zu gehen, ist sicherlich lohnenswert. Dass der Islam immer noch behauptet, Jesus wäre am Kreuz nicht gestorben, sondern zuvor ausgetauscht worden, muss doch in der Überlieferung irgendeinen Anhaltspunkt haben. Hier taucht beim renommierten Historiker Johannes Fried (geb. 1942) eine Variante auf, die zumindest einmal bedenkenswert ist: Der Lanzenträger von Golgatha rettete den sterbenden Christus, der nicht als tot, sondern als scheintot ins Felsengrab des Josef von Arimathäa gelegt worden ist. Die Evangelien werden nun aber dazu zum einen ins zweite Jahrhundert datiert und ihre Beschreibung der Kreuzigung und Auferstehung als Erzählung christlicher Bekenntnisse und nicht historischer Wahrheiten gedeutet. „Erste Hilfe am leidenden Christus? Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2019“ weiterlesen