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Zum Blog „der-schwache-glaube“ …

… ist im Einleitungstext „Der schwache Glaube“ alles gesagt. Die Homepage www.der-schwache-glaube.de ist auf die Blog-Seite umgezogen.
Zur Internet-Präsenz gehören Twitter und Facebook. Wenn ich auf interessante Links stoße, dann twittere ich sie meistens. Auf der Seite von Facebook reagiere ich auf das, was andere schreiben oder ich poste mal ein Bild, manchmal auch ein Hinweis auf neu eingestellte Beiträge.

Drüggelter Kapelle am Möhnesee

 

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Predigt Apostelgeschichte 6,1-7, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2020

  1. Sonntag nach Trinitatis: Wie eine Gemeinde funktioniert

 

Liebe Gemeinde,

die Frage, wie die Aufgaben in einer Gemeinde verteilt werden, stellt sich uns dringend. Jetzt, wo die Finanzen unserer Gemeinde coronabedingt eingebrochen sind, aber auch auf längere Sicht strukturell weniger werden, stellt sich diese Frage umso drängender. Die Frage ist auch damit verbunden, was gerecht ist. Wir Pfarrerinnen und Pfarrer sind in der Mehrzahl Kirchenbeamte und als erstes fein raus. Wir müssen nicht um Reduzierung unserer Arbeitszeit oder gar um unseren Arbeitsplatz fürchten, anders sieht es schon bei den Angestellten unserer Gemeinde aus. Lässt sich Arbeit umschichten, können Arbeitsbereiche aufgegeben werden, müssen Arbeitszeiten und Verträge wegen Geldmangels gekürzt werden? Eine hochbrisante Frage, die uns umtreibt, die zu Konflikten führt, weil es keine einfachen und schnellen Lösungen gibt, wenn es um Menschen und die Frage nach Gerechtigkeit geht. Schnell kommt es zu Verletzungen, Resignation und Rückzug. Dazu kommt noch, dass die Menschen, die um eine Lösung ringen, unterschiedliche Ansichten und Bilder von Gemeinde haben. In der Tat müssen wir uns bewegen – alle – und manches Liebgewordene anders organisieren oder uns gar davon trennen. Allein schon der Druck zur Veränderung macht Angst und verunsichert. Auch die Frage der Macht spitzt sich zu. Wer schmiedet mit wem Pläne und versucht diese durchzusetzen?

In der Tat finde ich es tröstlich, dass uns in der Apostelgeschichte schon von der ersten Gemeinde in Jerusalem von einem Konflikt berichtet wird. Auch in dem so oft verklärten Leben der Urgemeinde – wenn wir nur so glaubten und lebten  wie die ersten Christen, würde alles besser sein – ging es von Anfang an nicht ohne handfeste Konflikte ab. Kirche und Gemeinde sind keine konfliktfreien Räume, so sehr wir uns das wünschten. Die große Sehnsucht danach in einer Gemeinschaft zu leben, die sich versteht und gut miteinander umgeht, hat vielmehr in vielen Gemeinden dazu geführt, möglichst Konflikte zu vermeiden oder gar nicht erst anzusprechen. Es gibt kaum mehr öffentliche Auseinandersetzungen, schon gar nicht auf Synoden.  Es ist gar nicht so einfach, den Finger in die Wunde zu legen und nach tragfähigen Lösungen zu suchen. Oft ist geäußerter Unmut ein erster Hinweis, dass Veränderungen nötig sind.

Zuerst geht es also um das Hören – und das Aufeinander hören – wie so oft. Und da fängt die Schwierigkeit schon an. Können wir wirklich noch hören, hinhören, was der Einzelne oder eine Gruppe sagt oder sind wir schon bei den Antworten und Lösungen und übertreffen uns darin?

Jedenfalls ist in der Jerusalemer Gemeinde das Wunder des Hinhörens geschehen. Die griechischen Witwen wurden erhört. Sie wurden bei der Versorgung mit Lebensmitteln übergangen. Sie wurden gegenüber den einheimischen hebräischen Witwen benachteiligt.

Das zweite Wunder in Jerusalem war, dass die Gemeinde erkannt hat, hinter dem Übersehen liegt ein strukturelles Problem. Die Apostel, die auch die Lebensmittel in der Gemeinde verteilten, waren überfordert. Das lag weniger an ihnen als Personen als an der übergroßen Aufgabe, allen bedürftigen Gemeindegliedern gerecht zu werden.

Wenn wir das nur in den Blick bekämen, dass bei allen Mängeln, die Personen mit sich bringen, es Strukturen sind, die überfordern, die zu Ungerechtigkeiten führen, die demotivieren und oft in den Burnout führen, dann wären viele Aufgabe immer noch eine große Herausforderung, aber wir wären ein Stück leichter und würden uns nicht offen oder unbewusst mit Schuldvorwürfen überhäufen.

Liebe Gemeinde,

ich habe in meiner langen Gemeindetätigkeit leider schon viele Menschen erlebt, die sich als Ehrenamtliche oder als Mitarbeitende sehr engagiert haben, dann aber sich wegen anhaltender Konflikte zurückgezogen haben, enttäuscht waren, dass in einer christlichen Gemeinde ungerecht miteinander umgegangen wird. Sie konnten Ideal und Realität nicht mehr zueinander bringen. Es ist viel leichter Menschen für Konflikte verantwortlich zu machen, als hinter den streitenden und oft verletzten Personen die Macht von strukturellen Problemen in den Blick zu nehmen.

Das Wunder geschieht in Jerusalem und es kommt zu einer Arbeitsteilung. Die Apostel werden entlastet. Sie sollen vorranging im Gebet und „beim Dienst des Wortes“ bleiben, wie es Martin Luther so treffend übersetzt. Daraus ist später in vielen Kirchenordnungen die Formulierung für Pastoren als „Diener am Wort“ geworden. Leider ist diese schöne Formulierung aus unserer rheinischen Kirchenordnung verschwunden, als die Synode eine gendergerechte Überarbeitung der Kirchenordnung verabschiedet hat. Die Sache aber bleibt hochaktuell wie der Prozess „Zeit fürs Wesentliche“ zeigt. In diesem Prozess sollen die Presbyterien mit den Pfarrpersonen vereinbaren, wie Pfarrerinnen und Pfarrer mehr Zeit für das Wesentliche ihres Berufes verwenden können. Dazu gehört dann auch, dass sie bereit sind Aufgaben abzugeben und gegenüber der Gemeinde, gemeinsam mit dem Presbyterium vertreten wird, warum eine Pfarrerin oder ein Pfarrer nicht mehr alles macht, sondern ihren/seinen Dienst fokussiert.

Nichts anderes ist in der Jerusalemer Gemeinde geschehen. Die Apostel sollten beim Wesentliche bleiben. Damit die Ungerechtigkeit bei der Essensverteilung unter den Witwen aufhört, wurde das Amt des Diakons geboren. Sieben Männer wurden gewählt, die diesen Dienst übernahmen. Ihnen wurden durch die Apostel die Hände aufgelegt. Sie wurden für ihren Dienst gesegnet.

Später im 19. Jahrhundert, in Zeiten der sozialen Verelendung durch die beginnende Industrialisierung, wurde dieser gemeindlich diakonische Dienst – den, ich betone es hier, besonders oft Frauen ausgeübt haben – durch Johann Wicherns Rede auf einer Kirchenkonferenz mit den Worten: „Die Liebe gehört mir wie der Glaube“ zur Wesensäußerung der Kirche. Die ersten Schritte zu einer strukturellen Armenfürsorge wurden geschaffen unter dem Namen Innere Mission, im 20. Jahrhundert wurde daraus das Diakonische Werk.

Liebe Gemeinde,

ich bin froh, Mitglied eines Presbyteriums zu sein, dass sich mit aller Kraft und viel Kreativität den Herausforderungen unserer Zeit stellt. Wir ringen um Lösungen. Das ist nicht konfliktfrei. Es würde uns allen guttun, zuerst hinzuhören und wahrzunehmen – wirklich zu hören – zu gewichten und abzuwägen und erst dann zu entscheiden. Beten Sie mit uns für gerechte und zukunftsfähige Weichenstellungen.

Gottes Geist leite uns und öffne uns allen die Ohren

Amen

Rezension als Interview mit Rakì, Christoph Fleischer, Welver 2020

Lieber Herr Rakì,

Ѕibenik ist eine schöne Stadt und, wie überhaupt Dalmatien, sehr reizvoll. Wir sind 1987 zu einer Jugendfreizeit in Vodice gewesen und dabei mit dem Boot an Sibenik vorbei zu den Krk-Wasserfällen gefahren. Ich stand barfuß mitten im Bach unter einem Feigenbaum und dachte, ich sei im Paradies.

Dieses Bild hat für mich das Büchlein wachgerufen. Dafür danke ich Ihnen.

Die Durchweg kurz gehaltenen Sprüche sind aber schon eher sachlich und fragen nach Sprachlogik: Ludwig Wittgenstein schrieb den Satz: „Die Welt ist was der Fall ist.“

Ich denke, dass Ihre Sprüche so ähnlich verstanden werden. Dazwischen steht die Konjunktion. Sie fragt also nach dem Dazwischen, dem Zwischenraum, der Raum läßt und doch zu einer Aussage findet.

Sie bestätigen meine Assoziation zu Nietzsche. In einem kleinen Ausstellungskatalog aus Weimar wird die Arbeit an den Aphorismen in einem Notizbuch dokumentiert. Aphorismen sind so gesehen nah am Alltag.

Die Weisheit verbindet Alltag und Wissen, Gefühl und Logik. Dieser Weg muss weitergehen sorgen Sie mit dem zeitlosen Notizbuch, alphabetisch geordnet.

Liebe Grüße

Christoph Fleischer,

Lieber Herr Fleischer, 

herzlichen Dank für Ihre Worte. 

Die kleine Lebensweisheit für jedermann, kürzest möglich und unabhängig von Kulturraum und Bildungsniveau … und ein gewisser Zauber, der das Herz des Lesenden trifft … Das vor allem war mein Anliegen bei meinen Kleinen Wahrheiten. Auf dass sie das Herz des Menschen erfüllen und sich durch den strengen Alltag mit ihm wagen. Eine kleine Stütze dem Menschen an die Hand geben, einen Ratgeber mit menschlichem Blick … Zeitlos sein, was bedeuten kann: Die Möglichkeit des Überzeitlichen zu schaffen. Ob mein Büchlein in zweihundert Jahren gelesen wird, ist fraglich … – doch möglich. An manchen Tagen, aber ja, schielt es bei einem Regal nach oben, zu den Büchern von Publilius Syrus und La Rochefoucauld. „Ob ich von ihnen aufgenommen werde“, fragt es sich. Und träumt, dass sie ihn warmherzig empfangen. Eines Tages …

Herzlichst,

Rakì 

 

Lieber Herr Rakì,

schmunzelnd muss ich an die Persees denken oder an so manches Goethewort. Heinrich Heine verpackt die Sprichwörter in seine Lyrik, z. B. „den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen“ (Wintermärchen). 

Doch noch eine Frage. Der Buchtitel erinnert mich in einer Hinsicht an das Motto meiner Homepage: Der schwache Glaube: „Das Buch der kleinen Wahrheiten.“ So wie ich den starken Glauben meide, weil er selbstsüchtig macht, so meidest Du die großen Wahrheiten. Doch was genau ist hier der Unterschied zwischen groß und klein? Ich glaube es geht darum, die Referenz nicht von außen zu erfragen, von Gott, dem Volk und anderen Größen, sondern die Referenz im Klang der eignen Worte zu finden und in deren Kontext. Kleine Kritik daran wäre, dass die Einprägsamkeit des Pathos fehlt. Aber es lohnt sich, hier immer wieder nach Resonanz zu fragen.

Ach, fast vergessen: Karl Rauch Verlag, das steht für mich für den kleinen Prinzen. Was hältst Du von de Exupery?

Herzlichen Grüße und Danke für das Interview.

Lieber Herr Fleischer, 

in der kurzen Zeit auf diesem Erdballen, mit den unscharfen Sinnen, die uns gegeben sind … der Abhängigkeit vom Lebensrhythmus … durch das schlagende Herz, den pochenden Puls, die Rippchen, die sich mit der Atmung auf- und abbewegen … Ach, was ist da der Mensch? Zu wie viel Wahrheit ist er im Stande? Vor allem sind seine Wahrheiten klein und bescheiden, und dienen ihm, seine Welt zu ordnen, zu strukturieren, mit ihr zu spielen. Die Wahrheit scheint ein kleines Spiel unseres Geistes; wir glauben an sie, und doch: Sie scheint bei jedermann ein wenig anders, und bald zu verschwinden. In der Jugend habe ich andere Wahrheiten wie im Alter. Und vor der Geburt? Und nach der Geburt? Ach, eine kleine Wahrheit … keine grosse, keine aufdringliche Wahrheit … daran mag ich mich gerne halten. Ein Zuckerbrot für den Geist, keine Peitsche … das macht die Kleinen Wahrheiten süss und bekömmlich. Ob der „Kleine Prinz“ ein Klassiker geworden wäre, hätte er sich „Großer Prinz“ genannt? Vor allem die Bescheidenheit, die Kurzlebigkeit unserer Gedanken, die Zurückhaltung im Allgemeinen … das könnte eine nette Haltung, eine Bedingung für manches Glück und Wohlwollen sein … Und doch: Eine „Grosse Ehre“ mit dem „Kleinen Prinzen“ abgelichtet zu werden (siehe Anhang). Mal schauen, wie viele Jahre wir uns die Hand geben dürfen … bevor der erste von uns im Nichts verschwindet …  

Wärmstens, 

Rakì

War Hölderlin ein Pantheist? Rezension von Konrad Schrieder, Hamm 2020

Christoph Quarch: Zu sein, zu leben, das ist genug. Warum wir Hölderlin brauchen, legenda Q, o.O. 2020, ISBN 978-3-948206-03-1, € 16,90 (Hardcover).

„Wer ist Friedrich Hölderlin?“, fragt Vf. (S. 8, 44) in seiner Neuerscheinung zum 250. Geburtstag des Dichters. Die Frage ist zugleich Programm, stellt sie doch nicht eine Einleitung in eine weitere der zahlreichen Hölderlin-Biographien dar, sondern sie versucht anhand vielfältiger Texte aus dem Werk und Schaffen des Dichters dessen Denken, seine Botschaft und Visionen und ihre Bedeutung für unsere heutige Zeit zu erschließen. Hölderlin war wie sein Zeitgenosse Ludwig van Beethoven durch die Ereignisse der Französischen Revolution geprägt. Der Zusammenbruch der Alten Welt (54, 99, 180) und der Silberstreif der Freiheit am Horizont weckten Hoffnungen und Sehnsüchte, die aber im Blutrausch der Revolution nicht zum Ziel kamen. Die Frage nach dem Verhältnis von Chaos und Ordnung stellte sich in einem völlig neuen Kontext, ja sie entwickelte sich zur Herausforderung auch für das eigene Sein. Als Mensch und als Dichter war Hölderlin auf der Suche nach Sinn und Orientierung wie so viele seiner Zeitgenossen. Im Rückgriff auf den antiken griechischen Geist verstand er sich als priesterlicher „Sänger des Heiligen“ (10, 180) und „Sprachrohr der Götter“ (180). Die alten Götter sind vergangen. Es gilt vielmehr eine neue Epiphanie (213, 235) des Göttlichen zu verkünden. Apoll, der Gott der Heilung, des Lichtes und der Künste, „der Gott der Dichter, der Stifter der guten Ordnung, der Sachwalter der Schönheit“ (60), wird zum Prinzip der Ordnung, Dionysos repräsentiert das „ heilige Chaos“ (215), oder anders: die dunkle Nacht, in der alle Unterscheidungen verwischt sind, „ist der Uterus, aus dem ein neuer Tag geboren wird, von dem aber noch niemand sagen kann, was er bringen wird“ (198, vgl. 210). In dieser Spannung sieht sich Hölderlin, hat aber zugleich als Ziel die Vergöttlichung des Menschen vor Augen (142). Nicht eine rational-philosophische Religion kann dies bewirken, sondern eine neue Mythologie (55), durch die „eine lebendige, menschliche und freie Ordnung“ (193) Gestalt gewinnt. Hölderlins Roman Hyperion liest sich wie ein Entwurf dieser neuen Religion, die nicht in eine Jenseitigkeit entführt, sondern in die „liebende Hingabe an diese physische, lebendige Welt“ (121). Hölderlin versucht, den unseligen Hiatus des neuzeitlichen Menschen zwischen res cogitans und res extensa (Descartes) zu heilen, der Vernunft, Wille und Tugend auseinanderfallen lässt (118). Freiheit des Geistes kann nicht in der Überwindung von Herrschaftsverhältnissen bestehen, noch darin, dass kantianisch Verstand und Gefühle gegeneinander ausgespielt werden, sondern nur darin, dass „die Entfremdung des Geistes von der Natur rückgängig“ gemacht wird (107). Es geht um das platonische hen kai pan, das Eine, das sich in allem in unterschiedlicher Weise manifestiert (244, 239), dass im Naturerleben das „Ich“ konkret wird (117).

War Hölderlin also ein Pantheist? Zweifellos hat er Anteil am idealistischen Freiheitsdenken. Aber es geht ihm nicht darum, das autonome menschliche Subjekt aus der Rückbindung zu der Welt, in der er lebt, zu lösen, sondern es sprachfähig zu machen (202) für das Sein in dieser Welt (122), für das, was uns im Kern anrührt (202), oder mit den Worten Tillichs, für „das, was uns unbedingt angeht“ (139). Karl Marx hat diese Entfremdung des Menschen von sich selbst kurz darauf in ökonomischer Hinsicht thematisiert. Gerade darin sieht Vf. aber die wegweisende Bedeutung Hölderlins für unsere moderne Welt: „Wir sind in der urbanen Zeit des Marktes, des Rauschens der Wagen, des künstlichen Lichte“ (196) im Bann einer grenzenlosen Technik- und Ökonomiegläubigkeit (104) mit verheerenden Folgen wie Umweltzerstörung und Klimawandel (169), Dinge, die der späte Heidegger bereits 1947 im Humanismusbrief voraussah und kritisierte, die aber auch angesichts der Fridays-for-Future-Bewegung und der Corona-Pandemie brandaktuell sind.

Kann Hölderlin uns sprachfähig machen, damit wir das Ziel unseres Strebens in den Dienst einer neuen „Ordnung des Lebens“ (112) stellen)?

Hölderlin selbst bleibt freilich eine tragische Figur in seinem visionären Anliegen. Vf. sieht Hölderlins psychische Erkrankung als eine „Krankheit…spiritueller Art“ (86) an, denn „er sah zu viel von dem, was niemand sonst zu sehen vermochte“ (90), woran er ver-rückt wurde, oder anders: woran sein Ich zerbrach (92). Sinnbildlich dafür mag seine leidenschaftliche und letztlich doch gescheiterte Liebe zu Susette Gontard, der er einst sein Gedicht Diotima gewidmet hatte (63). Diotima, eine Figur aus Platons Dialog Symposion, wird zur Metapher für die unauflösliche Verbindung von „Glück und Schmerz, Liebe und Leid“ (77). Sie, die „im Einklang mit der sie umgebenden Natur“ (138) lebt, erwächst neben Apoll und Dionysos zum Idealbild „heilsame[r] Transformation des Menschen“ (140), in der der Mensch, von Liebe und Schönheit getragen, seine Rückbindung (religio) zu sich selbst und damit grenzenlose Freiheit erfährt. Dieses Ziel hat Hölderlin nicht erreicht, vielleicht bleibt es auch gänzlich unerreichbar.

Abschließend beantwortet Vf. die eingangs gestellte Frage so:

„Wer ist Friedrich Hölderlin? Nun wissen wir es: Er ist ein Sohn der Erde – zu lieber gemacht, zu leiden. Und eben deshalb ein Dichter, dessen Herz durch Leid und Liebe so gefestigt und gereift war, dass er sich befugt wusste, unter Gottes Gewittern zu bestehen und vom Göttlichschönen der Natur zu künden: zu erleuchten wie Apoll.“ (74).

 

Predigt am 8. Sonntag nach Trinitatis, Joachim Leberecht, Herzogenrath2020

Predigt Joh 9,1-7                                                   8. Sonntag nach Trinitatis

Den Glanz widerspiegeln

Lesung: Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war. Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden und sprach zu ihm: Geh zu dem Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.

 

Liebe Gemeinde,

das ist schon recht archaisch, wie Jesus den Blinden heilt. Gerade in Corona-Zeiten mit der Angst vor zu viel Nähe und dem Gebot des Abstandhaltens klingt der Heilungsritus drastisch. Wo öffentliches Spucken längst sozial geächtet wird – selbst das Spucken von Fußballspielerinnen und Fußballspielern auf den Rasen wird als unanständig empfunden – wird hier von Jesus erzählt, wie er auf den Boden „rotzt“. Mit dem Staub der Erde vermengt er seine Spucke zu einem Brei und streicht diesen mit den Fingern auf die Augen des Blinden.

Wir haben ja schon von „Heilerde“ gehört, aber einer solchen Prozedur würde sich heute von uns keine freiwillig unterziehen. Die Angst vor Bakterien und Viren weckt zu großen Ekel und Abwehr.

Mit dem Blindsein haben wir weniger Probleme. Uns begegnen ja ab und an Menschen, die mit einem weißen Blindenstock oder einem Blindenhund unterwegs sind. Vielleicht fragen wir uns, ob dieser Mensch von Geburt an blind ist oder erst später sein Augenlicht verloren hat. Die Frage nach seiner Schuld stellen wir – Gott sei Dank – nicht, höchstens taucht sie am Horizont auf, dann aber mit Macht, wenn wir erfahren, dass das Blindsein von Generation zu Generation durch einen Gendefekt weitergegeben wird. Dann stellen wir uns schon die Frage, war das denn nötig? War das Handeln seiner Eltern verantwortlich, potentiell ein blindgeborenes Kind zur Welt zu bringen?

Wer so fragt, steckt schon mittendrin im Schlamassel der Schuldzuweisung oder in der ethisch schwierigen Frage, ob der Mensch zur Verhinderung von Krankheiten in das Genom eingreifen sollte.

Wir, die wir jeglichen Dreck und Unrat vermeiden, sollten uns die Zeichenhandlung Jesu mit der Schlammspucke einprägen. Es kann gar nicht genug Berührung von Erde und Mensch geben. Das Graben und Schaufeln, das in die Handnehmen von Erde schafft – wie viele Menschen, die Gartenarbeit lieben selbst aussagen – ein Gefühl der Verbundenheit mit der Erde und stärkt die eigenen seelischen Kräfte. Erde wird handgreiflich erfahrbar und der in ihr mit bloßen Händen Wühlende merkst selbst, dass er oder sie ein Teil dieser Erde ist. „Von Erde bist du genommen Mensch und zur Erde sollst du wieder werden.“ Darin liegt auch ein Trost. Vielleicht müssten auch unsere Augen mit feuchter Erde bestrichen werden, dass wir heilsam erkennen, in welcher Einheit wir mit der Erde leben. Gaia – Mutter Erde – wird benetzt und das Leben wird fruchtbar. Auch das schwingt als uralte Weisheit in Jesu Zeichenhandlung mit.

Zur selbstredenden Zeichenhandlung tritt Jesu Wort, es ist für den Blinden ein sakramentales Wort. Nicht die Handlung und Heilung allein, sondern der damit verbundene Auftrag macht die Heilungsgeschichte besonders, da sie den Blinden in den messianischen Kontext der Sendung Jesu stellt.

Nachdem der Blinde sich mit Wasser des Teichs Siloah die Augen ausgewaschen hat, wird er sehend, fällt Licht in sein Auge. Er kehrt zu Jesus zurück. Von nun an wird er den Glanz widerspiegeln, der von Jesus, dem Licht der Welt, ausgeht.

Genau das ist auch unser Auftrag, liebe Gemeinde, einer jeder und eines jedem einzelnen von uns. Wir leben, um den Glanz widerzuspiegeln, der uns in Christus begegnet. Hier begegnet uns Gott in all seiner Herrlichkeit, Güte, Wahrheit und Liebe.

Die Endlichkeit, die Verletzlichkeit, das Verwundete und manchmal auch schwere Krankheiten sind teil unseres Lebens. Jesus kehrt die Frage, wo kommt das her und wer ist schuld daran, um. Modern gesprochen, nicht die Pathologie, sondern den Ressourcen gilt sein Blick. Dabei sind es nicht nur die Ressourcen und Heilungskräfte, die im Menschen selbst liegen. Es sind die Möglichkeiten Gottes, die sich hier am Blinden zeigen werden. Der Blinde wird im doppelten Sinne sehend. Die Blindheit wird von ihm genommen und er erkennt in Christus das Licht der Welt.

Wir wissen um Heilungen – meist durch die Medizin – auch heute. Auch hier wirkt Gott vielfältig. Wir wissen aber auch, dass Krankheit bleibt und wir sterblich sind. Auch in unseren Begrenzungen und Krankheiten sind wir vollwertige Menschen, geliebt von Gott und erfahren auch in unseren Krankheiten durch Menschen und durch medizinische Hilfe seine heilmachende Gegenwart. Mit Gott haben wir eine Zukunft. Es gibt immer einen Weg.

Das bedeutet, dass wir uns nicht länger den Kopf zerbrechen sollten, wer schuldig ist oder warum gerade ich oder ein lieber Mensch unter einer Krankheit leidet, sondern, dass wir schauen, wie wir einander mehr Licht und Hoffnung in das Leben bringen.

Denn auch wir sind gesandt, den Glanz Gottes widerzuspiegeln. Amen.