Notizen zum Funkkolleg Religion und Gesellschaft, Markus Chmielorz, Christoph Fleischer, Werl 2010

Print Friendly, PDF & Email

An dieser Stelle werden Kurzkommentare zum Funkkolleg Religion und Gesellschaft auf HR2 eingefügt, auch noch für die bereits längst ausgestrahlten Sendungen, die allesamt als Podcast abrufbar sind.  Die Autoren werden im Text mit folgenden Kürzeln bezeichnet: Markus Chmielorz (MC) und Christoph Fleischer (CF)

Funkkolleg Religion und Gesellschaft: Podcast und MP3

Das Buch zum Funkkolleg: Wozu Gott? Religion zwischen Fundamentalismus und Fortschritt, Verlag der Weltreligionen, Taschenbuch, Frankfurt/Main 2009

Zur Auftaktveranstaltung (Podcast vom 25.1.2010):
Podiumsdiskussion „Wozu Gott?“ mit Herbert Schnädelbach und Norbert Bolz geleitet von Lothar Bauerochse
dokumenieren wie einen Emailaustausch vom 02.02.2010:

Lieber Christoph,
Danke für den Link, ich hab mich gefreut, daß Du ihn mir geschickt hast, denn sonst wäre mit die Diskussion durch die Lappen gegangen.
Die Diskussion der beiden hat mich inspiriert: Ja, es kommt auf die Fragen an, und zu welchen Antworten sie mich führen. Was wird mit mir, wenn ich nicht mehr lebe? Was ist für mich unverfügbar? Worin erlebe und sehe ich einen Sinn? Es bleibt aber so, daß ich mich mit dem Begriff der Transzendenz sehr schwer tue, weil mir dazu die persönliche Erfahrung fehlt. Ich bin mir sicher, daß Menschen in der Lage sind, solche Erfahrungen zu machen, die „die sinnliche Wahrnehmung, Erfahrung und Bewußtsein“ übersteigen (Etymologisches Wörterbuch). Eine Analogie bietet mir dann die ästhetische Erfahrung, die auch eine eigene Sprache spricht, die jenseits der Alltagserfahrung angesiedelt sein kann, die eine Rationalität beinhaltet, die nicht nur der Verstand ist. Doch ist das dann schon immer Religion?
Schnädelbach übrigens gefiel mit redend viel besser als der Artikel im Begleitbuch. Er übersetzt ja übrigens religiöse Sinngehalte in unsere Alltagssprache, und so wird aus der jüdisch-christlichen Tradition der Nächstenliebe die säkulare Solidarität.
Am Ende also läuft alles auf die (Kantsche?) Frage der Begründung von Ethik hinaus, wenn denn menschliche Gesellschaften von Natur aus böse sind: Brauchen wir dazu einen Gott?
Herzliche Grüße
Markus

Lieber Markus,
komischerweise lande ich gedanklich dann doch wieder woanders als Du.
Ich habe diesen ethischen Imperativ des Glaubens an Gott nicht mehr so deutlich im Ohr. Eher bin ich noch in Gedanken an den Sätzen, dass jeder Mensch Angst vor dem Tod haben müsse und sich daher mehr oder weniger selbst eine Religion zurecht bauen müsse. Und dagegen sei dann das Christentum die wahre Religion, weil es eben im strengen Sinn dieser Religion widerspreche. Also das ist doch von vorn bis hinten konstruiert.
Schnädelbach dagegen will von solchen Pauschalierungen nichts wissen, was ihn schon erst einmal sympathisch macht. Leben ist Situation und Alltag. Ich persönlich finde übrigens zugegeben das einzige Kapitel von „Sein und Zeit“ was ich gelesen habe, Heideggers Interpretation des Seins zum Tod als der Zeitlichkeit unübertroffen. Wozu Gott? Um zu wissen, dass diese Zeit die Zeit unseres Lebens ist, um dann die kategorischen Imperative daraus abzuleiten?
Gott ist ein Wort unseres Denkens, das besagt, dass wir uns nicht selbst begründen können.
Du weißt, dass ich Kolakowski zustimme in der Beobachtung, dass es einfach Unsinn ist, Gott in Abrede zu stellen. Hier und allein hier widerspreche ich Schnädelbach, der in aller Begeisterung für das konkrete Dasein und in allem berechtigten Ärger über die Sünde der Kirche das Kind mit dem Bade ausschüttet. Mit seiner Kritik trifft er doch eigentlich immer nur die vorfindlichen Glaubensvertreter und nicht Gott selbst. (Siehe Kierkegaard der Verfechter des „Glaubens“ und härteste Kritiker seiner „Kirche“).
Und Transzendenz, da hast Du schon recht, darf ja nicht metaphysisch verstanden werden, als eine konstruierte Gegenwelt. Wohin wollen wir denn noch kommen? Transzendenz ist das, was es im Wortsinn bedeutet, das Überschreiten des eigenen Horizonts. Da ist übrigens Paul Tillich absolut lesenswert, von seiner Geschichtstheologie mal abgesehen.
Übrigens hat mir Nietzsche die Tür wieder weit geöffnet, auch für Dorothee Sölles Kritik am „Griechentum“ in der Kirche. Im Grunde folgt sie damit Nietzsche, der die kirchliche Metaphysik als Konstruktion auf der Grundlage der Welterklärung Platons oder Aristoteles sieht. Die Bibel verkündet dagegen eine lebendigen Gott in sehr verschiedenen Rollen und Personen. Er ist offen für jede mögliche Transzendenz und nicht für ein System des Wozu. Endlich ist für mich die Theodiezeefrage abgehakt, denn sie stellt sich nur für den Gott, der „alles so herrlich regieret“ und den Menschen zu seinem Untertanen macht (Ich bin der Herr). Ich glaube mit Barth und all denen, die Nietzsche darin folgen, an den Gott, der sein Volk in die Freiheit führt, eine wirkliche Freiheit. Warum wollen denn diese viele fundamentalistischen Christen,  Gottes Untertanen sein, anstatt zu hören, dass er uns wie Moses und Jesus einfach nur zu dem macht, was wir sein könnten. In unserem Leben und, so Gott will, darüber hinaus.
Herzliche Grüße
Dein Christoph!

31.10.09 1. Religion zwischen Fundamentalismus und Fortschritt Von Peter Kemper und Alf Mentzer

Nicht von der Welt zu Gott, sondern von Gott zur Welt geht der Weg Jesu Christi und daher der Weg allen christlichen Denkens. D. Bonhoeffer (CF)

07.11.09 2. Ich bin dann mal fromm – Weltflucht oder Gotteserfahrung? Von Klaus Hofmeister

Sind wirklich so viele Menschen spirituell? (CF)

14.11.09 3. An den Lebensrändern – Glaube und Trost Von Andrea Westhoff

Sind religiöse Trauerriten Gottesbeweise der Moderne? (CF)

28.11.09 5. Lucifer’s Rising – Religiöse Pathologien Von Michael Hollenbach

Der Satanismus kommt in der Sendung ein wenig zu kurz. Sehr gut ist dagegen der entsprechende Abschnitt im Handbuch „Wozu Gott?“ (Quellenangabe s.o.). Ein Beispiel: Blog: Mein Glaube in: „http://www.der-schwarze-gral.ch/“

05.12.09 6. Wie vernünftig ist der Glaube? Religion und Aufklärung Von Peter Kemper

Die Moral führt zur Religion. Die Vernunft nach Kant steht nicht im Widerspruch zur Religion. Das allerdings bestreitet Benedikt XVI., da er darin Subjektivismus sieht. (CF)

19.12.09 8. Ohne Gott ist alles erlaubt? Religion als Werteproduzent Von Norbert Bolz

Ist Gott nur für die Werte da? (CF) 

30.01.10 11. Gott als Hirngespinst? Neurotheologie und Hirnforschung Von Regina Oehler

Der Überblick über die Anwendung der Hirnforschung auf die Religion ist wirklich informativ und der Sache angemessen. (CF)   

13.02.10 13. Friedensengel oder Brandstifter? Glaube und Gewalt Von Alf Mentzer

Wie, historisch betrachtet, „Religion als Legitimation für Gewalt“ diente und dient, ist das Thema der aktuellen Folge des „Funkkollegs Religion“. Im Rückgriff auf Kant und sein Diktum, dass „aus so krummen Holze, als woraus der Mensch gemacht ist“, nichts gerades werden könne, werden implizit die Fragen benannt, die nicht nur die Religion zu beantworten versucht: Was ist sinnvoll zu tun? Was ist notwendig zu tun? Was ist moralisch gerechtfertigt? Was ist erlaubt? Was ist geboten?

Der Soziologe Ulrich Beck spricht in diesem Zusammenhang von einer „universalen Humanität der Religion“. Das ist denn auch die Frage der Moderne: wie Humanität in einer säkularen Gesellschaft denn überhaupt begründet werden kann – mit oder ohne Rückgriff auf Religion. Offenbar: Menschen haben die Freiheit, die genannten Fragen für sich selbst und andere auch in einer Weise zu beantworten, die geeignet ist, nicht nur die Freiheit des anderen einzuschränken, sondern auch Ausdruck von Gewalt zu werden – mit oder ohne Rückgriff auf Religion. Den Ausweg der Moderne beschreibt das Funkkolleg so und stellt fest: „(…) Dass aus diesen Texten [gemeint sind die Texte der monotheistischen Offenbarungsreligionen Judentum, Christentum und Islam, mc.] keine politischen Handlungsmaximen zu gewinnen sind, die vor oder über gesellschaftlichen Verständigungsprozessen stehen.“ D.h. Auch eine Begründung von Ethik, die auf Glaubenserfahrungen, Religion oder Theologie rekurriert, ist in der Moderne, in der vernunftgeleiteten säkularen Gesellschaft, selbst nur ein Mitspieler im Diskurs.

Allerdings scheint fraglich, ob Religionen dann zwangsläufig „einen Prozess der Entpolitisierung vollziehen“ müssen, so das Fazit des Funkkollegs. Religion würde nur noch die Antworten geben können, die innerhalb von Synagoge, Kirche und Moschee gelten dürften. Die Kernfrage aber, wie gesellschaftliche Gewalt strukturell entsteht und wie ihr zu begegnen sei, wird damit nicht beantwortet. Wir können uns vorstellen, dass ein Christentum, das zu Kreuzzügen aufruft, nur eine der möglichen Varianten ist, Nachfolge zu verstehen. Wir können uns ebenso ein Christentum vorstellen, das den Gedanken der kenosis (gewaltlos) aufnimmt – auch als Begründung von Ethik. Es wäre nicht allzu überraschend, wenn so auch ein Agnostiker den Beitrag der Religion zu hören gewollt ist. (MC)

20.02.10 14. Kopftuch, Kreuz und Minarett – Glaubensstreit im öffentlichen Raum Von Hajo Goertz

Wie denn das Eigene und das Fremde ins Verhältnis gesetzt werden können, auf diese Frage läuft wohl die 14. Folge des Funkkollegs „Religion und Gesellschaft“ hinaus. Sie widmet sich dem „Glaubensstreit im öffentlichen Raum“ und steigt plakativ über das Umstrittene ein: „Kopftuch, Kreuz und Minarett“. Es wird viel von Identität gesprochen – doch der lateinische Ursprung des Wortes führt in die Irre. Denn: Es geht nicht um „denselben“ oder „dieselbe“, um etwas, das zur Deckung gebracht werden müßte. Die psychologische und soziologische Forschung haben „Identität“ schon längst als etwas ausgemacht, daß nur durch die Balance, ein Dazwischen beschrieben werden kann. Eine Identität habe ich nicht, ich entwickle sie täglich neu, zwischen dem, was mir als Eigenes begegnet und dem, was mir als Fremdes begegnet. Das Englische ist hier, mit der Unterscheidung von „me“ und „I“ differenzierter. „Du meinst mich“ – „Ich bin es.“ Eigenes und Fremdes sind also nicht nur eine Frage der Empfindung, des Gefühls oder Affektes: Wovor fürchte ich mich? Was macht mir Angst? Es ist ebenso eine Frage unserer Kulturgeschichte.

In West-Berlin lebten Ende der 1970er Jahre katholische Christen in dem Bewußtsein, eine Minderheit zu sein, deren Riten und symbolische Ausdrucksformen in der Diaspora anderen fremd blieben. Als der Neubau der St. Maximilian Kolbe-Kirche in Staaken eingeweiht wurde, wurde auf einen Kirchturm verzichtet – mit Rücksicht auf die Anwohner/innen und aus Lärmschutzgründen. Wer nach Minden fährt und dort das Heimatmuseum besucht, wird erleben, wie erhellend das Betrachten der evangelischen Trachten sein kann, die das Thema der Verhüllung der Frau in christlichem Kontext aufnehmen.

Hilfreich allerdings wäre zu unterscheiden zwischen Personen und Räumen. Toleranz kann nur dort wachsen, Diskriminierung kann nur dort abgebaut werden, wo Menschen in die Lage versetzt werden, sich erzählend zu begegnen. Diese Form der Aufklärung, als „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“, die sich des eigenen Verstandes bedient, führt zu einer Emanzipation, die den anderen / die andere wirklich freiläßt: Ich schreibe Dir genau deshalb den gleichen Grad von Mündigkeit zu, weil ich darauf vertraue, daß Du ihn mir in gleicher Weise zuschreibst. Erst dann können sich Agnostiker, Atheisten, Christen und Muslime begegnen, weil sie erleben können, daß Fremdheit wechselweise als Eigenes geteilt wird. Das aber setzt voraus, daß allgemeine Räume, öffentliche Gebäude in staatlicher Trägerschaft nicht schön in einer bestimmten Weise symbolisch besetzt sind. Der Dialog findet dann nicht unter einem religiösen Zeichen statt, das Allgemeingültigkeit nur unterstellt, sondern zwischen Menschen, die verantwortungsvoll Auskunft geben wollen darüber, wozu es für sie gut ist, an Gott zu glauben oder eben nicht. (MC)

Die andere Position, die die säkulare Umwelt wünscht, aber auch von der religiösen Prägung durch Tradition und Gegenwart nicht absehen möchte, zielt auf eine Art multireligiöser Toleranz. Dies könnte dann ein Modell sein, für die ERmutigung, sich seiner eigenen Religiösen Präsung nciht zu schämen: Dann könnten die Menschen, die ein äußeres Zeichen ihrer Religion an ihrem Körper tragen (z. B. Habit, Kopftuch, Kreuz) damit anderen ihre Dialogbereitschaft signalisieren, an gemeinsame gesellschaftliche Verantwortung appellierend, und zugleich offen darauf vertrauen, dass ihre religiöse Identifizierbarkeit toleriert wird. (CF)
27.02.10 15. Tanz ums Goldene Kalb: Kapitalismus versus kirchliche Soziallehre Von Conrad Lay

Ethikkommissionen für die Wirtschaft?

Der Ablauf und die Konsequenzen der Weltfinanzkrise haben gezeigt, dass die religiöse Stimme in wirtschaftsethischem und finanzpolitischen Zusammenhängen wieder an Gewicht gewinnt. Zuletzt wird durch die Erwähnung der islamischen Wirtschaftsvorstellungen der an dem Gemeinwohl orientierten Scharia sogar ein interreligiöser Konsens konstruiert, der das im Judentum und auch im Christentum wie im Islam verankerte Zinsverbot ins Bewusstsein hebt. Zunächst wurde gezeigt, dass der Kreis der evangelischen Wirtschaftsethik den Vorstellungen einer Verantwortungsethik zuneigt, die mit der nesten Denkschrift auch dem Unternehmertum eine besondere gesellschaftliche Verantwortung zuerkennt, nicht nur für die Anteilseigner, sondern auch für die Gesellschaft insgesamt. Die Wirtschaftsethik der katholischen Soziallehre scheint im Kontext der Globalisierung wieder zu alter Stärke zu finden, da sie im Zusammenhang von wirtschaftlichen Prozessen immer auch an soziale Konsequenzen erinnert. Aber will die Wirtschaft solche Ethikkommissionen, in denen Vertreter unterschiedlicher Religionen ihre Stimme einbringen? Wie kann und soll der politische Gehalt der wirtschaftsethischen Vorstellungen seitens der Kirchen gestaltet werden, wo man ihnen doch andererseits im säkularen Kontext politische Enthaltsamkeit auferlegt? Diese Fragen blieben offen, zeigen aber auch, dass das Modell der säkularen Neutralität dann auf seine Grenzen stößt, wenn gerade Kirchen und Religion ihre globale Stimme für die Armen und die Opfer der Globalisierung ins Gespräch bringen wollen und müssen. Mir scheint doch, dass gerade die Wirtschaftsethik im Interesse der ihr eigenen Parteilichkeit nicht vor der Türen der Politik enden darf. Der runde Tisch im Kanzleramt kann religiös politisches Engagement nicht ersetzen. (CF).
06.03.10 16. Großkonzerne der Nächstenliebe – Netzwerke der Solidarität? Von Mischa Ehrhardt

Die Kirche und das Geld.

Schon der Anfang der Sendung verdeutlichte geschickt, dass die Kirche in welcher Gestalt auch immer als Unternehmen zu bezeichnen ist. Eine neugegründete freikirchliche Gemeinde mit völliger Gütergemeinschaft orientiert an der christlichen Urgemeinde musste nach stärkerem Zuwachs feststellen, dass sie nicht mehr als Freundesgemeinschaft, sondern als Unternehmen funktioniert. Die Frage nach dem Geld in dem Unternehmen Kirche wird in der Sendung detailliert gestellt und aus kritischer und aus kirchlicher Sicht beantwortet. Die rechtliche Situation der Kirchen bedingt es, dass die Frage insofern kompliziert zu beantworten ist, da es keine Gesamtübersicht des gesamten kirchlichen Vemögens gibt. Fakt ist jedoch, dass die beiden kKrchen als größte Arbeitgeberin Deutschlands insgesamt hauptsächlich von der Kirchensteuer lebt; eine Einnahme, die schrumpft. In diesem Zusammenhang vergisst der Autor zu erwähnen, das neben der Austrittszahl und dem allgemeinen Mitgliederrückgang auch die staatliche Steuerpolitik eine Rolle spielt, die indirekte Steuern als weniger krisenanfällig bevorzugt und die Einkommensteuer reduzieren will, von der allein die Kirchensteuer profitiert. Da zugestanden wird, dass die Kirche als Unternehmen funktioniert, sollte auch die Darlegung der Tatigkeiten dieses Unternehmens berücksichtigen, dass diese nicht ohne eine Deckung durch Kapital funktionieren können, zumal die Kirchen als Non-Profit-Unternehmen weder Verluste machen noch in Konkurs gehen dürfen. Die Darlegung der kirchlichen Vermögenswerte ist in dieser Sendung um Objektivität bemüht. Wenn der Rückgang der kirchlichen Arbeit z. B. die Veräußerung von Gebäuden nach sich zieht, wird es von daher einmalige Einnahmen aus dem kirchlichen Vermögen geben, die zielgerichtet im Interesse der kirchlichen Arbeit eingesetzt werden sollten. Es wurde in diesem Zusammenhang aber auch korrekt vermerkt, dass sich die diakonischen Einrichtungen weder aus kirchlichem Vermögen noch aus Kirchensteuer, sondern aus Leistungsentgelten finanzieren, und daher vom Kirchensteueraufkommen relativ unabhängig agieren können. Von kirchlicher Seite wird eingewandt, dass der Erhalt der älteren Kirchen auch als die Bewahrung des kulturellen Erbes betrachtet werden kann, der insgesamt gesehen auch vom kirchlichen Vermögen nicht geschultert werden kann. Die Diskussion über das kirchliche Vermögen sollte nicht dazu führen, dass vergessen wird, dass der kirchliche Auftrag der Gesellschaft und den Menschen dient und dass die Gesellschaft ohne diese Arbeit so nicht denkbar wäre. Im Rückblick auf die Sendung bleibt dennoch die Frage, warum die Kirchen nicht aus ihrem gemeinsamem ökumenischen Interesse einmal eine bundesweite öffentliche Erhebung des kirchlichen Vermögens veröffentlichen. (CF)

Wie also Gemeinde von Kirche notwendig zu unterscheiden sei, ist quasi die Eingangsfrage der 16. Sendung des Funkkollegs Religion und Gesellschaft. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an die „Kirchenträume“, die Norbert Lohfink in den 1980er Jahren veröffentlicht hat. Er nahm das Thema der Nächstenliebe in jüdisch-christlicher Tradition auf, das Herbert Schnädelbach in der Auftaktveranstaltung zum Funkkolleg ja in den säkularen Begriff der Solidarität übersetzt hatte.

Es geht auch und gerade um die Verfaßtheit der Kirchen unter den Vorzeichen der Moderne und einer bürgerlichen Gesellschaft mit den spezifischen ökonomischen Regeln, die die westeuropäische und nordamerikanische Ordnung des Kapitalismus entwickelt hat.

Es sei an dieser Stelle noch einmal an Derbolavs Praxeologie erinnert, seinen Aufriß der Gesamtpraxis menschlichen Handelns. Der Religion wird dort die Aufgabe zugeschrieben, Sinngehalte zu eruieren, die über Alltagserfahrungen hinausweisen. Der Ökonomie wird die Aufgabe der Verteilung zugeschrieben, die geeignet ist, das auszugleichen, was dem Menschen als Mangelwesen fehlt und worauf er als zoon politikon angewiesen ist. Dabei geht es sowohl um die innere Ordnung des gesellschaftlichen Subsystems Ökonomie (Welche Regeln sollen gelten? Wie geschieht die Verständigung über diese Regeln?), als auch um eine gesamtgesellschaftliche Ordnung, in der Ökonomie (nur) ein Teilaspekt ist.

So bleibt denn die Anfrage an die verfaßte Kirche, welche Haltung sie zu den Regeln der Ökonomie einnehmen will – unter den Vorzeichen einer Gesellschaft, in der das Ökonomische geeignet ist, andere gesellschaftliche Subsysteme mehr und mehr zu überformen. Daß Personalgemeinden einen anderen Weg gehen, bewahrt ein notwendiges kritisches Potential und führt zurück zu Nächstenliebe und Solidarität. (MC)
13.03.10 17. Abriss oder Umbau? Die Krise der Großkirchen Von Lothar Bauerochse

Weniger Gottesdienstbesucher, Mitgliederschwund, das macht Probleme. Eine Prognose für die evangelische Kirche kündigt an, dass sie bis 2030 ein Drittel weniger Mitglieder und nur noch die Hälfte der Kirchensteuereinnahmen haben wird. Die jetzige Krise ist los nur der Anfang. Es gilt zu konstatieren: Die selbstverständliche Stellung der Kirche in der Gesellschaft gibt es nicht mehr. Der Relevanzverlust der Kirche hat nicht nur finanzielle Gründe. Die fortgeschrittene innere Entfremdung von der kirchlichen Botschaft ist ein Phänomen fortschreitender Säkularisierung. Das weckt Reformgeister. Die Krise soll als Chance begriffen werden. So das Impulspapier: Kirche der Freiheit. Die Hauptergebnisse liegen jetzt vor und werden in die Tat umgesetzt. Es gilt die Gottesdienste zu verbessern, den distanzierten entgegenzukommen und die Institution durch ein gezieltes Sparprogramm wieder leistungsfähig zu machen. Die Frage muss allerdings erlaubt sein, ob dieser Reformprozess wirklich in den Gemeinden angekommen ist, oder ob nur Scheinergebnisse gezeigt, also potemkinsche Dörfer gebaut werden. Während die Sendung im ersten Teil also mehr auf die evangelischen Kirche abhob, berichtet sie dann auch von der katholischen Kirche, die den immer noch bestehenden Priestermangel durch eine weitreichende Verwaltungsreform in den Griff bekommen will. Die Gottesdienste werden zentralisiert, die Aufgaben der Geistlichen gestrafft und viele andere pastorale Aufgabe wie die Seelsorge und die Religionspädagogik an professionelle Laien delegiert. Diese Erneuerung des Laienelements hat auch in den evangelischen Kirchen seine Entsprechung. Hier geht es eher um den Substanzverlust, der durch die Entdeckung der Kompetenzen von Nichtordinierten ausgeglichen werden soll. Die Kirche entsteht als ein Netzwerk pastoraler Orte, als eine plural vernetzte Struktur. Der Erfolg wird allerdings davon abhängen, ob die Kirche verstärkt die Distanzierten erreicht, und zwar nicht mit Forderungen und Wünschen, sondern allein mit Wertschätzung und der Bereitstellung vieler Aufgaben. Hier wird dann allerdings so getan, als sei dies eine Neuigkeit. Streng genommen ist doch die Bindung der Nichtordinierten in den Gemeinden immer schon geschehen. Die Botschaft der Krise ist noch nicht angekommen, dass das Gemeindeleben selbst infrage steht, wenn es mehr ausgrenzt als integriert. Den Schluss dieser Sendung habe ich als besonders offen empfunden. Eine Problemanzeige, mehr nicht, keine wirklichen Antworten. Gibt es wirklich keine, oder rennen die Institutionen doch immer nur in die gleiche Richtung, egal wie das Konzept genannt wird? Die Operation „Mann über Bord“ ist auch beim Segeln nur als Wende zu fahren! (CF)
20.03.10 18. Cyberchurch – Religion in der digitalen Welt Von Mario Scalla

Die Religion ist im Internet angekommen. Die Internetpräsenz der Kirche zeigt, dass die Religionen das Internet mehr und mehr ernst nehmen. Es scheint, dass das Internet ohnehin religiöse Qualitäten hat oder zumindest das ersetzt, was z. T. zuvor als religiös galt, Omniptenz und Allgegenwart. Das Internet konstruiert ebenfalls einen Dualismus zwischen seiner Welt und der Wirklichkeit, ist ein Fenster in eine andere Wirklichkeit (siehe: M. Wertheim: „Die Himmelstür zum Cyberspyce“). Ein unerwarteter Fluchtweg in eine Welt außerhalb des physikalischen Raums ist gefunden. Die Kirchen hinken der Entwicklung allerdings immer ein wenig hinterher. Sie sind dem Web 1.0 verbunden und bis auf wenige Ausnahmen (evangelisch.de) im Web 2.0 noch nicht angekommen. Es gibt allerdings auch religiöse Angebote ganz ohne Kirchenbindung, eher als Spielerei, wie Beichte.de oder digitale Friedhöfe. Dabei ist den Verantwortlichen der Kirchen klar, dass die Internetpräsenz mehr der Kommunikation und Werbung dient, als dass sie alte Formen der Gemeinschaft ablöst. Text, Bild, Grafik und Audio genügen, auch Videoportale und soziale Netzwerke sind inzwischen integriert. Sogar im Second Life gibt es Kirche, Synagoge und Moschee. Die Aktivität der missionarischen Gruppen ist unübersehbar. aber das Internet setzt auch Regeln: Der Zugang ist für alle gleich. Jeder hat den Anderen zu respektieren. Der Dialog ist die Basis des gleichberechtigen Zugang. Hierarchische, autoritäte Strukturen haben ausgedient. Ist das Internet ein genuien protestantisches Medium? (CF)

Die Sendung „Cyberchurch – Religion in der digitalen Welt“ macht ebenso, wie die 8. Sendung mit dem Titel „Ohne Gott ist alles erlaubt? Religion als Werteproduzent“ deutlich, worin die Schwäche dieses Funkkollegs „Wozu Gott?“ liegt, differenziert sie doch nicht genau zwischen den Fragen: Wozu Religiösität? Wozu monotheistische Religionen? Wozu christliche Kirche?
Das wird auch daran deutlich, daß die aktuelle Folge mit einem Vergleich beginnt, der im Medium Internet selbst dieselben Funktionen erkennen will, wie in der Religion. Die Sendung endet jedoch mit einer Anfrage an die christlichen Kirchen, wie denn das Internet zeitgemäß zu nutzen sei.
Religiöse Erfahrungen, so die These, würden von ihrer inneren Struktur her den Erfahrungen entsprechen, die Menschen mit dem Internet machten. Stichworte sind Transzendenz und die Fähigkeit des Menschen, Erfahrungen zu machen, die seinen eigenen Körper übersteigen. Auch die 8. Sendung hatte schon im Kapitalismus selbst Funktionen zu erkennen geglaubt, die Parallelen in der selbst Religion haben. Unbestritten ist, daß die christlichen Kirchen das Internet als ein Medium -unter anderen- nutzen. Unbestritten ist, daß das Internet als Medium Erfahrungen ermöglicht, die anders sind, als die Erfahrungen mit den Medien Buch, Bild, Hörstück, Film oder Fernsehen. Unbestritten ist auch, daß Menschen in der Lage sind, sogenannte Inselerfahrungen (vgl. Berger/Luckmann: Die gesellschaftliche Konstruktuion der Wirklichkeit) zu machen, die sich als ästhetische oder religiöse Erfahrungen in ihrer Eigensprachlichkeit von unseren Alltagserfahrungen unterscheiden. Hier wäre allerdings eine genaue Untersuchung der Funktionsweise des Mediums Internet angeraten, die den eingangs gebrauchten Vergleich von Religion und Internet hinsichtlich der Transzendenz zu untermauern auch geeignet wäre. Denn am Ende bleibt auch das Internet gebunden an die sinnliche Erfahrung – angefangen beim Gefühl der Finger auf der Tastatur. Auch der Übergang vom analogen zum digitalen Zeitalter ist noch gebunden an einen physikalischen, körperhaften und ganz und gar diesseitigen Speicherplatz, so daß der von Thomas von Aquin formulierte Grundsatz einer Erkenntnistheorie weiterhin gilt: „Nihil est in intellektu, quod non fuerit in sensibus“., das heißt: „Wir begreifen nur, was wir vorher auch sinnlich wahrgenommen haben.“ Insofern ermöglicht jedes Medium, auch vor der Erfindung des Internets, wie das Wort selbst schon sagt, eine vermittelte Erfahrung, die es erlaubt, die Grenzen des eigenen Körpers zu verschieben. Avatare, unsere Stellvertreter in der virtuellen Welt, fehlt ohne uns selbst in der realen Welt jede Möglichkeit einer eigenen Existenz. (MC)

27.03.10 19. Messianismus heute – Führer und Verführer Von Uwe Birnstein

Immer wieder finden sich Menschen in Situationen, in denen sie sich wünschen, es möge anders sein. Wir haben nicht nur durch unseren aufrechten Gang die Fähigkeit, zu unterscheiden: oben und unten, groß und klein, mehr und weniger, reich und arm. Bisweilen sind uns diese Unterschiede schmerzhaft eingeschrieben. Das messianische Reich, das der Prophet Jesaja verkündigt, ist eines, das Herrschaftsverhältnisse umkehrt: „Er richtet die Hilflosen gerecht…“ Das, was wir bedürfen, um des Heils teilhaftig zu werden, ist das, was hinausgeht über unsere Alltagserfahrungen: „Kauft Getreide und eßt, kommt und kauft ohne Geld…“
Es ist ganz offenbar, daß Menschen ihr Heil suchen, daß sie ein Bedürfnis haben, das, was in ihrer Lebensgeschichte brüchig ist zu heilen. In der Sprache der christlich-jüdischen Tradition ist das der messianische Wunsch nach Erlösung. Übersetzt in die säkulare Sprache der Moderne ist das der Wunsch, eine gesellschaftliche Utopie sei auch politisch umsetzbar, durch unser öffentliches Handeln als Bürgerinnen und Bürger; es ist der Wunsch nach Emanzipation von Herrschaft, die durch Ideologie, durch falsches Bewußtsein aufrechterhalten wird. Nun stellt sich zu Recht die Frage, wie denn Erlösung und Emanzipation ins Verhältnis zu setzen seien in dieser Gesellschaft, in der wir leben. Können wir aus einer religiös motivierten Erlösungshoffnung auch Forderungen für Politik ableiten? Und umgekehrt: Trägt eine Emanzipationsbewegung den religiösen Kern des Wunsches nach einem messianischen Reich schon immer in sich?
Für die katholische Theologie ist das gewissermaßen ein altes Thema, das das Funkkolleg hier aufgreift. 1972 fand in München eine Tagung der „Arbeitsgemeinschaft Katholischer Dogmatiker und Fundamentaltheologen statt“, an der auch der Münsteraner Theologe Johann Baptist Metz teilnahm. In seinem Aufsatz „Erlösung und Emanzipation“ fragt er denn auch, wie in der Neuzeit die „christliche Erlösungsbotschaft zu artikulieren und zu verantworten“ sei. (Vgl Metz [1973], S.121) Emanzipation ist von seiner Geschichte her ein Rechtsbegriff, und wir verstehen heute darunter die Selbstbefreiung gesellschaftlicher Gruppen aus den Bedingungen, die sie unterdrücken. Zur Recht konstatiert Metz, daß die Revolutionsgeschichte, ihr Postulat nach mehr Freiheit nicht immer einlösen konnte – zu oft mündet sie selbst in Gewalt und Unterdrückung, was er in Anlehnung an Adorno und Horkheimer „Dialektik der Emanzipation“ nennt. (vgl. ebd., S.122f) So ist denn auch Metz‘ Einschätzung des Verhältnisses von Emanzipation und Erlösung differenzierter als das, was das Funkkolleg heute beobachtet: „Emanzipation ist nicht einfachhin Immanenz der Erlösung und Erlösung nicht einfachhin Transzendenz der Emanzipation, wie es eine bekanntgewordene Versöhnungsformel wahrhaben möchte.“ (Ebd., S.124) Und anders als Herbert Schnädelbach übersetzt Metz religiöse Vorstellungen nicht einfach in eine neuzeitliche Sprache. Er stellt damit auch die von Vattimo ins Spiel gebrachte kenosis-These, auf das Christentum selbst angewendet, in Frage: Die christliche Erlösungsbotschaft selbst habe eben nicht „eine Situation mit heraufgeführt, in der sie sich am Ende überflüssig macht und Erlösung nun von Emanzipation erfolgreich beerbt wird“. (Ebd., S.125) Metz bringt an dieser Stelle die menschliche Leidensgeschichte ins Spiel und setzt diese ins Verhältnis zur christlichen Erlösungsbotschaft – und zwar im Hinblick auf Schuld und Sünde, auf Endlichkeit und Sterblichkeit. Damit wendet sich der theologische Blick weg von einem philosophischen oder soziologischen, der Antwort darauf geben müßte, wie neuzeitliche Aufklärung auf sich selbst angewendet werden könnte: Wer ist denn das Subjekt jener Handlungen anzusehen, die anderen Menschen Leid antun? In der Sprache der Theologie: Wer trägt Schuld?
Uns kommt nur das Erzählen bei, das ist der Ausgang, den Metz nun wählt. Er argumentiert für eine „memorativ-narrative Soteriologie“, die „Erlösung in Geschichte“ in den Blick nimmt. (Vgl. ebd., S.137) Es heißt dann nicht mehr: Erlösung oder Emanzipation, sondern „erzählende Erinnerung der Erlösung in unserer wissenschaftlich-emanzipatorischen Welt“, die aus seiner Sicht eine Welt ist, die sich ihrer negativen Dialektik an keiner Stelle entziehen konnte. (Vgl. ebd., S.139) Damit aber setzt er den Anspruch von christlicher Religion, Theologie und Kirche gegen den neuzeitlichen Emanzipationsanspruch. Doch auch 38 Jahre nach der Münchener Tagung muß die katholische Kirche sich gerade heute fragen lassen, ob sie unter dem Anspruch der von Metz‘ formulierten Soteriologie und angesichts der fortgesetzten Leidensgeschichte von Menschen gerade innerhalb der Kirche, an ihrem eigenen Anspruch nicht genau so gescheitert ist, wie sie es der neuzeitlichen Emanzipationsgeschichte vorwirft. Nicht auszudenken, wenn der Wunsch, es möge anders sein, nun an keinem Ort mehr Gehör fände. (Literaturhinweis: Metz, Johann Baptist: Erlösung und Emanzipation. in: Erlösung und Emanzipation. Hg. v. Leo Scheffczyk. Freiburg/Brsg., 1973, S.120-140). (MC)

17.04.10 20. Gott goes Pop – Ersatzreligionen der Gegenwart Von Ulrich Sonnenschein

„Wenn du diese Richtung geradeaus gehst, Kann dir nichts passieren.“ Das ist ein einfaches Angebot an die Massen, aber ist es dann schon eine Religion? Diese Sendung untersucht semireligiöse Strukturen in der Kinokultur, in der Popmusik und letztlich doch auch im Sport, wie z. B. im Fußball. Allerdings geschieht hier genau das, was im engeren religiösen Bereich auch passiert, dass man mit Definitionen um sich wirft, die ein bestimmtes Verhalten als Religion begreifen können oder eben nicht. So kann ein evangelischer Pfarrer durchaus Fußballfan sein und sich dort , im Fußball eben, seiner Meinung nach, bewusst nicht religiös verhalten. Und so wird hier indirekt und eigentlich auch nur durch einige Zitate von Herbert Schnädelbach angesprochen eher die Frage nach der Definition von Religion aufgeworfen, als dass der Beweis gelingt, dass das Kino oder die Popmusik eine Religion im engeren Sinn sind. Sicherlich es gibt hier und dort eine Fangemeinde, auch fetischähnliche Gegenstände, die in der Außenwelt eine Zugehörigkeit zu einem bestimmten Kult singalisieren, sowie oft auch ein ritualisierter Ablauf. Aber macht dies alles aus dem Kinofilm oder dem Popkonzert schon ein religiöses Ereignis. Dass dies alles bei immer schwächer werdenden Kirchenkultur auch religiöse Züge hat, darauf weisen allerdings die Bezüge zur religiösen Tradition hin. Da wird in der Musik das „Halleluja“ säkularisiert oder es werden biblische Geschichten nacherzählt oder aktuell nachempfunden, da werden andererseits im Film eben solche großen religiösen Themen wie die Rettung der Menschheit, die Auserwählten usw. symbolisch dargestellt, mit (Matrix) oder ohne wörtliche Zitate aus der Welt der Religion, die dann aber aktuell auch eine Mischung von Weltrelgionen voraussetzt, und eine Weltkultur bildet. Wenn diese Sendung eine Schwäche hat, dann eben die, dass der Bezug immer stur zum Christentum gesucht wird, obwohl die zitierte Kino- und Musikwelt längst global ist. So bleibt also als Ergebnis die (erneute) Definition von Religion, die einmal mehr wie der Versuch erscheint, etwas Schillerndes oder im Bewegung Befindliches auf den Punkt zu bringen. Woran liegt das? (CF)
24.04.10 21. Die Vertreibung Gottes aus Kunst und Literatur Von Ruthard Stäblein

Hier ein Rückblick auf diese Sendung im Dialog:

Lieber Markus!

 

„Man muss die Spannungen aushalten“, für die es keine letzten Antworten gibt, so spricht die Moderne. Diese Toncollage des Hörbilds HR2 Kultur Sendung 21 ist ein Kunstwerk und verbindet miteinander, was in der Moderne Rang und Namen hat: Rousseau, Voltaire, Stadler, Schlingensief, Nietzsche, Brecht, und immer wieder Beuys. Nicht nur das Aushalten des Schmerzes, sondern seine Erfahrung wird geradezu zum Kennzeichen modernen Erlebens. Die Erfahrung des Kreuzes wird quasi einfach realisiert und dargestellt als ein Kennzeichen des Lebens, das keiner Religion mehr bedarf, oder besser gesagt, das immer dann, wenn die Religion auftritt, die Kunst beendet. Wo Spannungen ausgehalten werden, ist erst die Reife da. Augustin ist dementsprechend ein Vorreiter, der allerdings fälschlicherweise von einem Extrem ins andre verfällt, vom Leibgenuss zur Leibfeindlichkeit. Die Sendung zielt auf die Gegenwart, bringt aber die Gründe und Entwicklungen der Literaturgeschichte aus dem 18. bis 20. Jahrhundert damit in Verbindung. Obwohl am Anfang dargestellt wird, wie Religion quasi doch immer wieder neu inszeniert wird, mehrt sich zum Ende hin die Erkenntnis, dass die Moderne mit der Religion spielt und sie als Stilmittel benutzt, anstelle sie noch ernst zu nehmen. Auch mir ist durch die Lektüre von Rilkes und Däublers Lyrik in den letzten Wochen bewusst geworden, dass womöglich die Literatur die eigentliche Philosophie der Gegenwart ist, und Kant und Habermas dabei irgendwie zu trocken und rational erscheinen. Vielleicht ist genau dann der Schritt zur Postmoderne getan, wenn eben dies alles wieder zurückgeholt wird in die Philosophie und sie beginnt, die Vielfalt der Gedanken zuzulassen, auch wenn sie dann diese wie Vattimo und Derrida nur noch wie eine Collage nebeneinander stellt und darüber staunt, was es alles noch gibt. Die Religion ist nicht aus der Kunst vertreiben, wie es der Titel dieser Sendung weißmachen will, aber sie kann den Diskurs der Moderne auch nicht ungeschehen machen. Der Mensch denkt, fühlt und leidet selbst bewusst. Aber warum auch nicht? Ist nicht eben dass die eigentliche Botschaft des Neuen Testaments, die mehr vermittelt als den puren Gottesgehorsam, die Wagnis und Glauben an die Stelle von Berechnung und Ordnung setzt? Was meinst Du?

Herzliche Grüße

Christoph

Lieber Christoph,

daß das Leid geringer sein möge – nicht das erste Mal spricht das Funkkolleg Religion diesen Gedanken an. Und wenn Beuys seine Installation „Zeige Deine Wunde“ nennt, dann sind in der Tat die Assoziationen nicht weit, denn wir alle leben noch immer im Kontext der jüdisch-christlichen Tradition.

Und doch: An den entscheidenden Stellen differenziert die letzte Sendung des Funkkollegs zu wenig, sowohl in die eine Richtung der Religion, als auch in die andere Richtung der Kunst. Ich habe es an anderer Stelle schon gesagt: Das Gemeinsame ist, daß sowohl in der Religion als auch in der Kunst sinnliche und sinnhafte Erfahrungen möglich sind, die von einer anderen Sprache sprechen, als die Sprache unseres Alltags. Hier wäre aber zu untersuchen, ob der Modus der religiösen Erfahrung und der der ästhetischen Erfahrung nicht doch unterschiedlicher sind, als das Funkkolleg nahelegt. Zum anderen unterscheiden sich beide Bereiche in der Moderne sehr deutlich durch ihren Inhalt – das Sujet von Malerei kann nur noch bewußt als Entscheidung des Künstlers oder der Künstlerin aus den Bildwelten der Religion entlehnt und verarbeitet werden.

Spätestens seit Beginn des 20. Jahrhunderts ist die Kunst einen Weg gegangen, der sich permanent ablöst von jeder mimetischen Darstellung von Natur. Kunst hat eine Eigensprachlichkeit entwickelt, die diesseits jedweden religiösen Anspruchs ihre eigenen Spielregeln neu und neu erfindet. Die Kunst ist vor allem selbstreflexiv geworden, sie hat jenen Realismus zurückgelassen, der noch anspielt auf das, was uns als Inhalt einer äußeren Natur als Frage aufgegeben ist.

„Wenn sich Bekenntniswut mit Selbstbeschmutzung verbündet und das eigene Leiden als Leiden an sich ausstellt, wenn es durch Pathos verbrämt und überhöht wird und der Bekenner alle Ironie fahren läßt, dann endet Kunst in Religion. Die Verdoppelung des Lebens führt zur Vernichtung der Kunst“, so lautete ja ein Fazit der letzten Sendung als Kritik an Christoph Schlingensief. Diese Kritk verfestigt eine bestimmte Auffassung von Religion und eine bestimmte Auffassung von Kunst, ohne sie eben genau zu bestimmen. Welche Religion ist denn gemeint, wenn sie sich in den von Schlingensief benutzten Symbolen zu erkennen glaubt?

Nach Adorno mag bezweifelt werden, ob zeitgenössiche Kunst denn überhaupt in der Lage sein kann, eben ganz und gar anders als die Religion Leiderfahrungen zu transzendieren. Anders als die Religion kann Kunst nur aus der Negation formulieren: „Kunst ist freilich mehr noch, als der Ausdruck bloß subjektiver Regungen, das ist der beredte Ausdruck des durch die individuelle Erfahrung vermittelten Leids, das objektiv auf der Menschheit lastet, Ausdruck einer unversöhnten Divergenz von Geist und Natur, objektiver Ausdruck der Not und Trauer über die selbst erlittenen und empathisch nachvollzogenen Schmerzen, schließlich der Ausdruck von Sehnsucht, es könnte auch anders sein. Denn die Kunstwerke, die zu sagen vermögen, was sich begrifflicher Vernunft entzieht, deuten auf eine Utopie, daß das Nichseiende, daß Versöhnung doch sein könnte.“

(Kager, Reinhard: Herrschaft und Versöhnung. Einführung in das Denken Theodor W. Adornos. Frankfurt/Main und New York, 1988, S. 208). In diesem Zusammenhang müßte gerade Religion und vor allem Kirche befragt werden, wie sie selbst Leid hervorbringt und wie sie selbst für das Eintreten der in der Kunst im Konjunktiv formulierten Utopie arbeitet.

Es grüßt Dich herzlich und gespannt auf den Fortgang Markus
01.05.10 22. God is a DJ – Musik und Transzendenz Von Volker Bernius

Manchmal machen wir die Erfahrung, wie es sich anfühlt, eine Schwelle zu überschreiten; von dem einen Raum gelangen wir in einen anderen. Wer von Transzendenz spricht, kann beschreiben, was dieser Übergang für die eigene Person bedeutet. Wer von Transzendenz spricht, kann aber auch beschreiben, wie sich die beiden Räume, zwischen denen die Schwelle liegt, von einander unterscheiden. Wenn von Musik und Transzendenz die Rede ist, wie im Titel dieser Ausgabe des Funkkollegs, dann eröffnet sich zunächst der Raum ästhetischer Erfahrungen. Musik ermöglicht uns eine Erfahrung, die anders ist. Mit jedem Ton eröffnet sich ein subjektives Erleben, das bisweilen kaum zu teilen ist. Bisweilen steigert es sich bis hin zur Ekstase. Ich bin außer mir und über eine Schwelle gegangen, die mich trennt von meinem Alltagserleben. Um das Erhabene geht es der ästhetischen Theorie, bei Aristoteles und Burke, bei Kant, Adorno und Lyotard. Das Erhabene ist das Sublime, das Sublime ist das in die Höhe gehobene; „limen“, die Schwelle führt den Begriff auf seine ursprüngliche Bedeutung zurück. Wie aber wird aus der subjektiven Erfahrung des Erhabenen, aus der Ekstase eine relgiöse Erfahrung? Wie entsteht aus einer Transzendenz, die in der Welt erfahren wird, die meta-physische Konstruktion, die Diesseits und Jenseits trennt? Und welchen Platz bekommt die religiöse Erfahrung von Transzendenz in unserer säkularisierten Moderne? Nicht jede Erfahrung von Transzendenz ist, obgleich möglich, eine religiöse Erfahrung. Weshalb diese Sendung des Funkkollegs jedoch hinter den Thesen der Radio-Essays von Joachim-Ernst Berendt zurückbleibt, verwundert. Er hatte schon in den 1980er Jahren die Welt als Klang begriffen und so Erkenntnisse aus Naturwissenschaft, Kunst und Religion zusammengedacht.(MC)

08.05.10 23. Hat Gott Humor? Religion und Satire Von Arne Kapitza

Markiert die Kirche die Opferrolle und macht den kleinen Robert Gernhardt zum Täter? Ist das Leiden an der Kirche schon der Ausgangspunkt zum Humor? Dies scheint eher eine typisch christliche Einstellung zu sein. Andere Religionen haben eher das humoristiche Element integriert als das Christentum. Was soll die Aussage, der Christ würde eher über sich selbst als über andere lachen, als ob dies kirchlicher Alltag wäre? Die Mohammed-Karrikaturen und der Streit über sie und auch die Auseinandersetzungen mit den Gebets-Karrikaturen Robert Gernhardts habe doch weniger mit Humor zu tun als mit Aufarbeitung von eigener Erfahrung oder gesellschaflticher Auseinandersetzung. Diese Sendung vermischt guten Humor und politische Satire und sucht ein wenig nach deren Gemeinsamkeit. Klar ist, dass Humorlosigkeit und Anfäligkeit gegenüber Satire der Kirche in der Gesellschaft nicht gut ansteht. Daher gibt diese Sendung einigermaßen normalen Bürgern hin – und wieder Anlass zum Lächeln, wenn nicht sogar zum Lachen, z. B. wenn Jürgen Becker sagt, Religion sei Hirnforschung ohne Abitur. Zum Schluss wirds Ernst: Wenn der Glaube politisch intrumentalisiert wird, dann muss er auch Humor vertragen können! (CF)
15.05.10 24. Mein Glaube gehört mir – Religion in der Selbstbedienungsgesellschaft Von Gitta Marnach

Diese letzte Sendung des Funkkollegs „Religion und Gesellschaft“ zeigt endlich und letztlich, wo es insgesamt enden sollte: Nicht der kritische Geist der Philosophie, sondern die pragmatische Einstellung der Religionssoziologie zur postmodernen Religionsmischung wird konstatiert, hier am Beispiel der westlichen Aufnahme des Zen-Buddhismus in Formen der Meditation oder auch der Autorität des Dalai-Lama. Entscheidend scheint aber nicht die Religion an sich zu sein, sondern deren Elemente, sei es der Glaube oder eine bestimmte Praxis bzw. Methode. Man solle auch nicht von Patchwork-Religion sprechen, das klinge zu negativ, heißt es, sondern eher von einer Komposition. Der Begriff Tradition dagegen verfehle selbst die Traditionellen, da auch ihre Religion auf Entscheidungen basiert, die auch im Lauf eines Lebens änderbar sind. Abschließend wird die Notwendigkeit der Theologie herausgestellt, die die Aufgabe hat, die Religion zu reflektieren und zu ihrer verantwortlichen Aufnahme beizutragen. Es bleibt dabei: Anythig goes. Richtig daran ist, dass es im Zeitalter der Globalisierung keine lokal isolierte Religionsaufnahme mehr geben kann. Selbst bei einer konfessionellen Prägung bleibt es dem und der Einzelnen überlassen, was er oder sie glauben will. Dennoch muss dies alles nicht in einer Beliebigkeit verschwinden. Zeigt sich nicht gerade im interreligiösen Dialog und in der Standortbestimmung der Säkularitäts-Debatte, dass Religionen gemeinsame Anliegen vertreten, mit denen sie nach innen oder nach außen dazu beitragen, nicht nur an die Zukunft der Welt zu glauben, sonden auch dafür etwas zu tun? Wo bleibt hier der Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung, der noch von der ehemaligen Ratspräsidentin Käßmann auf dem ökumenischen Kirchentag propagiert und angemahnt worden ist? Die Frage, was Religion für die Zukunft bereit ist zu tun, anstelle sich nur nach ihrem eigenen partikularen Selbstverständnis zu fragen, ist Religion immanent und wird doch immer weniger angefragt. (CF)

Ubi Caritas

 

…et amor / ubi caritas / Deus ibi est – so heißt es im bekannten Taizé-Gesang von Jacques Berthier aus dem Jahr 1978. Es ist gleichsam die Hinführung auf die von W. Schnädelbach zum Auftakt des Funkkollegs „Religion und Gesellschaft – Wozu Gott?“ angebotene Übersetzung von christlicher Nächstenliebe in Solidarität.

„Religion in der Selbstbedienungsgesellschaft“, das war der Titel der letzten Sendung. Er führt mitten hinein in den Spannungsbogen, der über 24 Kapitel nicht aufgelöst wurde: Geht es nur, im Sinne von ausschließlich, um Beschreibungen gesellschaftlicher Wirklichkeiten und religiöser Tatsachen oder geht es vielmehr doch um Bewertungen? Bewertungen freilich, die nicht aufgeklärt haben über ihren normativen Rahmen heute. Das bleibt zunächst als Schwäche des gesamten Funkkollegs festzuhalten. Verstehen wir „Selbstbedienungsgesellschaft“ als einen Begriff, der Freiheitsgrade impliziert oder als einen ideologiekritischen Begriff, der die kapitalistische Wirtschaftsweise zu hinterfragen geeignet ist? Konnotationen, Implizites, das nicht ausgesprochen wird. Genau das zu tun, wäre erhellend gewesen, um die Argumentationsrichtung des Funkkollegs insgesamt zu verstehen und hinterfragen zu können. Am Ende bleibt weiterhin zu diskutieren: In welches Verhältnis haben Moderne und Religion sich seit der Aufklärung bis heute gesetzt? Und was bedeuten heute, in unserer westeuropäischen Kultur mit genau diesen jüdisch-christlichen Wurzeln Spiritualität, Religion, Kirche, Caritas? Woran merke ich, daß dieser IG Metaller, der Flugblätter verteilt, die unmenschliche Arbeitsbedingungen anprangern, ein Jesuit ist, ein Arbeiterpriester – in Moabit, in Berlin, Anfang der 1980er Jahre? Damals habe ich das eingangs zitierte Kirchenlied gesungen und war als Engagierter in der katholischen Jugendarbeit davon überzeugt: „Gott ereignet sich, wenn wir miteinander sprechen!“ Doch dann steht auch das personale Gottesbild in Frage, ist Goethes Pantheismus nicht weit. Heute nenne ich mich Agnostiker: Nein, den Gott meines Vaters und des Vaters meines Vaters, der Gott meiner Lehrer – den erkenne ich nicht. Obwohl ich sehe, wie lebendig genau dieser Glaube die Caritas meiner Freundinnen und Freunde nährt. Meine Caritas nährt sich aus der festen Überzeugung, daß niemand auf Grund seiner sexuellen Orientierung diskriminiert werden darf. Das ist die Quelle meiner Solidarität mit all jenen, die keinen Platz finden in dieser Gesellschaft, mit all denen, die Asyl so dringend bedürfen, wie sonst nichts auf der Welt. „In der Herberge war kein Platz“, so beginnt die erzählte Geschichte eines Lebens. Sie endet mit einem gewaltsamen Tod. Sie erzählt von „einer der sinnvollsten Ordnungen, wie Menschen miteinander leben können“ – dem fühlte ich mich verpflichtet, als ich 17 Jahre alt war. Und ein paar Jahre später wußte ich in- und auswendig, daß ein Mann, der einen Mann liebt, in dieser Kirche kein Zuhause finden würde. Es kommt darauf an, dies als ein Glück zu begreifen.

 

***

 

Der Mensch tritt heraus; Schritt für Schritt kann er Auskunft geben über die Bedingungen der Möglichkeit seiner Entwicklung. Wer den Bamberger Reiter sieht, sieht wie eine nicht gekannte Plastizität entstehen konnte, wie Figuren aus Stein lebendig werden – und wie eine ästhetische und eine religiöse Erfahrung in eins fallen konnten. Mit der Aufklärung, mit dem Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit, treten wir heraus aus traditionalen Gesellschaften, in denen der feste Platz zugewiesen wird. Es ist die Leistung des Bürgertums, der Moderne, fortan einen eigenen Platz zu finden in einer funktional ausdifferenzierten Gesellschaft, in der Religion nur noch ein Subsystem neben anderen ist. Ein Thema, dem sich die katholisch-theologischen Fakultäten schon in den letzten Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts zuwandten. Den Gedanken der kenosis nimmt das Funkkolleg unverständlicherweise nicht auf und kann damit auch den inneren Zusammenhang von Säkularisierung und Religion seit dem nicht mehr ungeschehen zu machenden gewaltsamen Tod Jesu nicht beleuchten. Zu wenig ist von Adorno und der Dialektik der Aufklärung die Rede und wie die Frage nach dem Sinn nun neu unter neuen Rahmenbedingungen zu stellen sei. „Von einer ermatteten Moderne“ sprach die letzte Sendung des Funkkollegs, als sei allein das Grund genug für eine behauptete Wiederkehr der Religion – welche damit auch immer gemeint sei. Wie gewalttätig traditionale Gesellschaften waren, mag ein Blick in das Heimatmuseum der ehemaligen preußischen Garnisionsstadt Minden zeigen – die protestantische Tracht spricht von der Zurichtung des Körpers.

Wer heute Antworten sucht auf die Frage nach dem Sinn, wer heute und in dieser Gesellschaft den Lebensatem spüren will, braucht nicht unbedingt eine Rückbindung an Gott als ein höchstes, übernatürliches Wesen oder die Gemeinschaft der Glaubenden, die Bekenntnis ablegt von ihrem kyrios. Die Möglichkeit von Religionsmündigkeit und der Zwang, die eigene Entscheidung zu verantworten – das ist der Unterschied, der einen Unterschied macht und der erst, hier und jetzt, Religion und Gesellschaft nicht in eins, sondern in ein Verhältnis zu setzen geeignet ist. Ein Verhältnis, in dem das Eigene und das Fremde in einen gewaltfreien Dialog treten könnten.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

Kommentar verfassen