Beobachtungen zur Biografie Dietrich Bonhoeffers. Rezension von Christoph Fleischer, Werl 2010

Print Friendly

Zu Dietrich Bonhoeffer Jahrbuch 3, Dietrich Bonhoeffer Yearbook 3, 2007/2008, Hrsg. Von Victoria J. Barnett u.a. ISBN 978-3-579-01893-5, 49,95 Euro.

Die zu einer Rezension doch recht flüchtige Lektüre eines Buches kann dennoch dazu führen, sich einige Fragen zu stellen, Fragen nicht an das Buch, auch keine Fragen die das Buch hinterfragt, sondern Fragen, die den Leser motivieren, sich mit der Sache intensiver zu befassen. Im Falle des vorliegenden Buches, aber sicherlich nicht nur hierbei, könnten dies auch Fragen sein, die eine bestimmte öffentliche Meinung über eine Sache oder Person in Frage stellen, da von den hier dokumentierten Quellen und Diskussionsbeiträgen neue Fragen entstehen.
Da sich dies alles auf die Person und den Menschen Dietrich Bonhoeffer bezieht, so muss ich schon allein dadurch feststellen, dass sich auch hierbei wieder zeigt, dass sich Dietrich Bonhoeffer noch über 60 Jahre nach seinem Tod nicht endgültig erschließen oder festlegen lässt – oder ist dies auch nur ein Beispiel dafür, dass dies letztlich für jeden von uns gilt?
Die folgenden bei der Lektüre entstandenen Fragen und Anregungen mögen einen Geschmack geben auf die Beschäftigung mit diesem Buch:

  • Mit welchen Aspekten philosophischen Wissens und philosophischer Diskurse hat sich Dietrich Bonhoeffer beschäftigt, wenn schon sein Abituraufsatz ein solch profundes Wissen am Beispiel des Euripides dokumentiert?
  • Was ist mit der Nähe Dietrich Bonhoeffers zu den Philosophien Edmund Husserls und Martin Heideggers, die sich nach der Meinung seines Gutachters in seiner Habilitation „Akt und Sein“ dokumeniert (Wilhelm Lütgerts Referat zu Akt und Sein Berlin 15.4.1930), und wie schlägt sich diese Prägung auch in seiner weiteren Entwicklung nieder?
  • Wenn schon dokumentiert ist, dass sich Dietrich Bonhoeffer in seinem New Yorker Studienaufenthalt sehr für die Politik und den Menschen Gandhi interessiert hat, und sich dies auch auf die Planung seiner spirituellen Vikarsausbildung auswirkte (Hans Pfeifer. Lerning Faith and Ethical Commitment in the Context of Spiritual Training Groups. …), ist zu fragen, an welchen Stellen Bonhoeffer ausdrücklich zu Gandhi Position bezogen hat.
  • Warum nennt Bonhoeffer in seinem Berufungsvorschlag für den Lehrstuhl für Systematische Theologie in Berlin den reformierten Theologen Karl Barth und die Lutheraner Elert und Althaus in einem Zug, Barth aber die erste Priorität einräumend, und was sagt dies über Dietrich Bonhoeffers eigene Position?
  • Wie kann man damit umgehen, dass Bonhoeffer 1932 in einer gefühlten Nähe zu Karl Barth zum Sozialismus aufgerufen hat (Andreas Pangritz. Vom „sichtbaren Kommen Gottes auf diese Welt“), dies aber nach 1933 anscheinend nicht wiederholt hat, wo doch Sozialisten genau wie Juden schon sehr früh vom Berufsverbot u.ä. betroffen waren?
  • Wenn die Erfahrung der Berufung zur Wortverkündigung nach dem Vorbild Jeremias (1934) ein Zwang darstellt, zeigt der Bezug zur Stellung der Bekennenden Kirche nicht auch schon, dass dieser Weg dann auch mit allen Konsequenzen zu gehen ist (Uwe Weise. Dietrich Bonhoeffers Jeremiaauslegung als biblisch-theologischer Horizont eines Lebens in der furchtbaren Nähe Gottes)?
  • Warum wurde Bonhoeffer wirklich die Lehrbefugnis entzogen? Wurde er aus der Sicht des ihn sonst zugeneigten Kirchenvertreters Heckel 1936 als „Pazifist und Staatsfeind“ bezeichnet und denunziert, und wie kam es zu seiner eindeutig radikalen Positionierung (Ulrich Kabitz. Eugen Gerstenmeier und Hans Schönfeld zwischen Ökumene und „Drittem Reich“ – Erkundungen -)? Hatte seine spätere Distanz zum Kreisauer Kreis auch mit bestimmten Personen in diesem Umfeld zu tun, die in der Bundesrepublik Deutschland die Politik noch mitprägten, wie Eugen Gerstenmeier, dem späteren Bundestagspräsidenten?
  • Was kann man aus dem Seelsorge-Konzept Bonhoeffers lernen, der die Beichte für unerlässlich hielt und das Ziel der Seelsorge in der Verkündigung an den Einzelnen sah, trotzdem aber lehrte, dass Seelsorge primär „durch das Hören des Pfarrers und Sprechen des Gemeindeglieds“ geschieht, und der darstellte, dass das „Hören von ungeheurer Wichtigkeit“ sei (Dietrich Bonhoeffer. Vorlesung über Seelsorge im 1. Kurs der Sammelvikariate 03.03.-23-03.1938)?
  • Kann man sagen, dass Bonhoeffer in seiner Ethik und in den Gefängnisbriefen auf eine weltorientierte Theologie zurückgreift, die ihn als „liberale Theologie“ in seiner Studienzeit geprägt hat (Jens Zimmermann. Suffering with the World: The Continuing Relevance of Dietrich Bonhoeffer´s TheologyJacob Holm. Religion(s) und „Religionlessness“ in Dietrich Bonhoeffer an the Liberal Heritage from Adolf von Harnack und Ernst Troeltsch.)?
  • Was sagte Dietrich Bonhoeffer wirklich am 08.04.1945 oder am Vortag seiner Hinrichtung zu dem englischen Spion Payne Best? Sagte er „This is the end, fo me the beginning of life“, wie es Best in seinen Erinnerungen niederlegte oder sagte er entsprechend den Worten seiner Geheimbotschaft an Bischof Bell, die er Bischof Bell über Captain Best ausrichten ließ: „this is for me the end, but also the beginning – with him I believe in the principle of pur Universal Christian brotherhood…“ (Hans Pfeifer. Enthielt Dietrich Bonhoeffers letzte Botschaft an Bischof Bell eine verschlüsselte Nachricht?) oder ergänzen sich beide Überlieferungen, was historisch unwahrscheinlich ist?
  • In welcher Hinsicht hat die Wirkungsgeschichte Bonhoeffers innerhalb der katholischen Kirche damit zu tun, dass er schon in seiner theologischen Position Verbindungslinien zur katholischen Theologie eröffnete (Ernst Feil. Aspekt der Theologie Dietrich Bonhoeffers zur Lösung der „katholischen Frage“.)?

Dass der Leser/die Leserin hier zur weiteren Lektüre in den Werken Dietrich Bonhoeffers eingeladen wird, liegt auf der Hand (Bibliographie Dietrich Bonhoeffer 2005-2006 und Register dazu sowie unter „Abkürzungen/Abbreviations“ die Aufzählung der „Dietrich Bonhoeffer Werke“ in deutscher wie in englischerFassung).

Dass hier noch immer neue Entdeckungen möglich sind, macht deutlich, dass das Leben und die Theologie Bonhoeffers für eine Wirkung über sein eigenes Leben hinaus bestimmt waren. Hat sich die Erfahrung des Dritten Reichs und der Bekennenden Kirche über ein Leben in der Entwicklung vom Liberalismus zum Sozialismus, also einer eher politisch weltorientierten Theologie gelegt, wofür auch Notizen in den Gefängnisbriefen sprechen, oder hat diese Theologie, von der Dissertation über die Kirche an, in der Bekennenden Kirche und einer darin möglichst eindeutigen Verkündigung und Spiritualität und ihrer Konsequenzen für den (religiösen) Alltag seinen Fokus gefunden, oder ….?

Eins ist klar: Wer sich mit Dietrich Bonhoeffer beschäftigt hat und die Informationen dieses Buches biographisch und theologiegeschichtlich einordnen kann, wird das Buch in einem Zug von der ersten bis zur letzten Seite durchlesen.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

Kommentar verfassen