Martin Luther über den schwachen Glauben, hrsg. von Christoph Fleischer, Werl 2009

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Martin Luther, 1531, in einer Predigt über Matthäus 8, 23-27 (Luther Deutsch, Bd. 8, S. 97ff):

Das zweite Stück ist von der rechten Art des Glaubens, wenn er in seinem rechten Werk und Kampf steht.
Es ist ein gering Ding, wenn man das Wort „Glauben“ hört; gleichwie unsere Widersacher unser lachen und spotten, wenn sie uns vom Glauben predigen hören. O, sagen sie, was ist Glauben? Dagegen aber halten sie viel vom freien Willen. Ich wollte ihnen aber wünschen, dass sie mit den Jüngern im Schiff gewesen wären und versucht hätten, was der freie Wille in solchen Ängsten und Nöten vermöchte.
Die Apostel haben´s hier fein gelernt, und der freie Wille hat hier schändlich bestanden. Es sei der Glaube bei ihnen so schwach und so gering gewesen, wie er wolle: wo dennoch ein solcher schwacher, geringer Glaube nicht gewesen wäre, so hätten sie des freien Willens halber verzweifeln müssen und wäre in den Abgrund des Meeres gesunken. Aber weil ein kleiner Glaube da ist, wie Christus selbst bezeugt, da er sagt: „Ihr Kleingläubigen!“ so haben sie eine Zuflucht, dass sie nicht ganz verzagen, und laufen zu Christus, wecken ihn auf und begehren seiner Hilfe.
So nun die, welche den Glauben haben, wie schwach und gering er auch sei, in Nöten nicht aushalten können und die Apostel nicht bestehen, wenn es um die letzten Atemzüge geht: was sollte denn ein freier Wille und menschliche Vernunft tun? Ich bekenne und sage auch, dass du einen freien Willen habest, die Kühe zu melken und ein Haus zu bauen, aber nicht weiter. Wenn du in Sicherheit und Freiheit sitzt, ohne Gefahr bist und in keinen Nöten steckst, lässest du dich wohl dünken, du habest einen freien Willen, der etwas vermöge. Wenn aber die Not gekommen ist und es weder zu essen noch zu trinken gibt, weder Vorrat noch Geld: wo bleibt hier dein freier Wille? Er verliert sich und kann nicht bestehen, wenn es darauf ankommt. Der Glaube aber steht und sucht Christus.
Deshalb ist der Glaube eine ganz andere Sache als der freie Wille. Ja, der freie Wille ist nichts und der Glaube ist alles, der freie Wille ist ein ohnmächtiges Ding, der Glaube aber ist´s ganz und gar nicht. Das sieht man hier fein an den Jüngern, welche in Gefahr sind. Da ist Trost, Freude und alles dahin. Das heißt auf gut Deutsch: Der Mensch vermag doch gar nichts, die Kraft aber ist Gottes. Was nun die Jünger versucht haben, das wird ein jeglicher zu seiner Zeit auch erfahren. Versuche es, so du keck bist, und führe es hinaus mit deinem freien Willen, wenn Pest, Krieg, Hungersnot kommt. Zur Pestzeit kannst du vor Furcht nichts beginnen, da denkst du: Ach, Herrgott, wäre ich da oder da, könntest du dich hundert Meilen Wege davon wünschen, so fehlte es am Willen nicht. In Hungersnot denkst du: Wo soll ich zu essen hernehmen? Das sind die großen Taten, die unser freier Wille ausrichtet, dass er das Herz nicht tröstet, sondern je länger je mehr verzagt macht, dass es sich auch vor einem rauschenden Blatt fürchtet.
Aber im Vergleich dazu ist der Glaube die Herrin und Kaiserin. Wenn er auch klein und schwach ist, so steht er dennoch und lässt sich nicht ganz zu Tode schrecken. Er hat wohl große Dinge vor sich, wie man hier an den Jüngern sieht. Wellen, Wind, Meer treiben hier alle miteinander zum Tode zu, das Schifflein ist ganz mit Wellen bedeckt. Wer sollte in solcher Not und tödlicher Gefahr nicht erblassen? Aber der Glaube, wie schwach er auch ist, er hält doch wie eine Mauer und stellt sich wie der kleine David wider Goliat, das heißt Sünde, Tod und alle Gefährlichkeit. Besonders streitet er aber ritterlich, wenn´s ein starker, vollkommener Glaube ist; ein schwacher Glaube kämpft auch gut, ist aber nicht so mutig.
Die Jünger im Schiff haben einen schwachen Glauben. Dennoch suchen sie Hilfe da, wo sie zu suchen ist, nämlich bei dem Herrn Jesus Christus, wecken ihn auf, schreien ihn an: „Herr, hilf uns, wir verderben.“ Der Herr nennt sie kleingläubig. Er bekennt damit, dass sie einen Glauben haben, aber es sei ein kleiner, schwacher Glaube. Denn wo sie gar keinen Glauben gehabt hätten, würden sie Christus in der Not nicht aufgeweckt haben. Dass sie ihn aber aufwecken, das ist ein Stück des Glaubens. Denn niemand kann Gott anrufen, besonders in der Not, er habe denn den Glauben. Ob nun in den Jüngern schon nur ein Fünklein des Glaubens ist, leuchtet er dennoch hervor und ergreift die Person, welche auch dem Tode gebieten kann. Denn dass sie rufen: „Herr, hilf!“ das sind des Glaubens Worte. Wo der Glaube stark gewesen wäre, würden sie sich vor dem Wind und Meer nicht entsetzt sondern gedacht haben: Wir wollen vor dem Wind und Meer wohl bestehen bleiben, gleichwie Jonas mitten im Meer, ja, in des Walfisches Bauch erhalten geblieben ist. Denn wir haben den Herrn des Meeres bei uns, und dieser unser Herr kann uns helfen und uns erretten, nicht allein über dem Meer, sondern auch in und unter dem Meer.
Darum ists eine große Gnade Gottes, wenn wir auch einen schwachen Glauben haben, dass wir nicht unter dem Haufen derer sind, die an Gottes Hilfe verzweifeln. Der freie Wille sieht allein auf das Gegenwärtige, der Glaube aber sieht auf das Künftige. Er hat wohl das Gegenteil allen Trostes, allen Heils und aller Freude vor sich, er sieht des Todes Zähne und der Hölle Rachen, dennoch ermannt er sich und hält sich an den Trost, es könne ihm noch geholfen werden, gleichwie hier die Jünger sich an des Herr Hilfe und Trost halten. Es ist beides zusammen, das „Wir verderben“ und „Herr, hilf!“. Aber das „Herr, hilf!“ gewinnt endlich und behält den Sieg.
Das ist des Glaubens Kunst, von welcher sich jedermann dünken lässt, er könne sie sehr wohl. Wer sie aber recht kann und erfahren hat, dem will in der Not alles zu enge werden. Umgekehr sind die, welche sich dünken lassen, sie haben einen starken Glauben, wohl kühne, freche, stolze Geister, solange das Meer stille und das Wetter schön ist. Wenns aber mit ihnen Dreck regnen und übel zugehen will, das fällt Mut, Trost und alles hinweg, und sie wollen schlechthin verzeifeln. Das ist der herrliche freie Wille.

Martin Luther in einer Predigt „Von dem Kämpfe Jakobs“ veröffentlicht in: Martin Luther in einer das Bedürfnis der Zeit berücksichtigenden Auswahl, 2. Theil, Hamburg bei Friedrich Perthes Hamburg 1827, S. 140ff:

Die Anfechtung aber der Verzweiflung, die da pfleget mitunter zu lauffen, machet den Schmerzen und des Schrecken des Fleisches immer größer; nemlich, wenn ein solch betrübt Hertze klaget, dass es von Gott verlassen und verworfen sei. Das ist die letzte und auch die allerschwerste Anfechtung des Unglaubens und der Verzweiflung, damit die allergrössesten Heiligen pflegen versuchet zu werden. Und wer daselbst bestehen und beharren kann, der kommt zur vollkommenen Erkenntnis des Willens Gottes, dass er mit Jacob sagen kann: „Ich habe Gott von Angesicht gesehen.“ Ich meynete nicht, dass es unser Herr Gott so gut mit mir meynete, aber ehe wir dahin kommen, wird es uns sauer. Darum ist nun die Lehre in dieser Historie offenbar und klar, nemlich, von den Anfechtungen der grössesten Heiligen, die mit grosser Süssigkeit schmecken, wie freundlich der Herr sey, Psalm 34,9. Ob nun wohl jedermann diesen schweren Kampf nicht fassen oder verstehen kann, so sind doch solche Leute deswegen nicht zu verwerfen.
Wiewol nun dieser Kampf nicht verstanden oder ertragen werden kann, denn allein von den Heiligen: so muß man doch diese Lehre und Trost haben, uns damit zu stärcken, dass wir vom Teufel nicht verschlungen werden; wiewol Gott getreu ist, der uns nicht lässet versuchen über unser Vermögen, 1. Korinther 10, 13. Denn das lehret uns dieses Exempel Jacobs, der zu diesem Kampf sehr schwach war, und wird doch gleichwohl nicht überwunden. Es hält sich aber Gott gegen ihn also, dass er es nicht erkennen kann, dass Gott der Kämpfer sey; er meynet, es sey ein Engelchen. Aber es ist Gott, der sich vernehmen lässet, dass er sein Widersacher sey, gleich als wollte er ihn töten, der Verheißung und des Segens berauben, und denselbigen seinem Bruder Esau geben. Und niemand kann mit Worten erreichen, was er werde für Gedanken gehabt haben. Aber solche Gedancken werden ihm ohne Zweifel eingefallen seyn: Was bin ich denn für ein armer, elender Mensch? Bin ich denn nur allein darzu geschaffen, dass ich immer Unglück haben soll? Muss ich denn allein immer ein Unglück über das andere haben und damit also geplaget werden, dass ich nimmer zur Ruhe kommen kann? Ist deoch kein elenderer Mensch auf Erden, denn ich bin. Ich sehe, dass mein Bruder Esau herrscht, triumphiret, zunimmt und groß wird mit grosser Herrlichkeit, mit grossem Gut, mit Kindern, KindesKindern und mit grossem Einkommen. Wie, wenn unser Herr Gott wäre anderes Raths geworden, mich verworfen, meinen Bruder aber zu Gnaden genommen hätte?
Dieses sind Jacobs Gedanken gewesen; es sind aber doch allein Gedanken geblieben. Denn derselbigen kann sich die Natur und der schwache Glaube nicht enthalten, gleichwie sie auch anderer Affecten und Bewegungen der Ungeduld, des Zornes und böser Lust nicht leichtlich ablegen kann. Aber man lasse es nur Gedanken bleiben, dass es keine gewisse Sprüche werden, die endlich schliessen und bestätiget werden durch unser Urtheil und Gewissen. Ich kann mich dessen nicht erwehren, dass mein Herz nicht sollte mit wunderlichen Gedanken und Anfechungen bekümmert und geplaget werden.

„Stärk‘ in mir den schwachen Glauben!“. Ein theologischer Traktat zur Ortsbestimmung kirchlichen Handelns. Christoph Fleischer Werl 2008

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

Ein Gedanke zu „Martin Luther über den schwachen Glauben, hrsg. von Christoph Fleischer, Werl 2009“

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