Rainer Maria Rilke – Brief an einen jungen Dichter (23.12.1903)

Zeitlich und vieleicht auch vom Denken her zuvor ist ein Gedicht Rilkes:

„Du darfst nicht warten, bis Gott zu dir geht

und sagt: Ich bin.

Ein Gott, der seine Stärke eingesteht,

hat keinen Sinn.

Du musst wissen, dass dich Gott durchweht

seit Anbeginn,

und wenn dein Herz dir glüht und nichts verrät,

dann schafft er drin.

aus: Mir zur Feier 1897/1909, Quelle: Rainer Maria Rilke. Die Gedichte. Insel Verlag Frankfurt/M. und Leipzig 2006, S. 196.

Die folgenden Argumentation ist aus einem Brief an einen jungen Dichter, der später diese Briefe Rilkes mit seinen seinen zusammen veröffentlicht hat. Der Brief ist bezeichnenderweise kurz vor Weihnachten entstanden, am 23. 12. 1903:

Und wenn es Ihnen bang und quälend ist, an die Kindheit zu denken und an das Einfache und Stille, das mit ihr zusammenhängt, weil Sie an Gott nicht mehr glauben können, der überall darin vorkommt, dann fragen Sie sich, lieber Herr… , ob Sie Gott denn wirklich verloren haben?
Ist es nicht vielmehr so, dass sie ihn noch nie besessen haben? Denn wann sollte das gewesen sein? Glauben Sie, ein Kind kann ihn halten, ihn, den Männer nur mit Mühe tragen und dessen Gewicht die Greise zusammendrückt? Glauben Sie, es könnte, wer ihn wirklich hat, ihn verlieren wie einen kleinen Stein, oder meinen Sie nicht auch, wer ihn hätte, könne nur noch von ihm verloren werden? –
Wenn Sie aber erkennen, dass er in ihrer Kindheit nicht war, und nicht vorher, wenn Sie ahnen, dass Christus getäuscht worden ist von seiner Sehnsucht und Muhamed betrogen von seinem Stolze, – und wenn Sie mit Schrecken fühlen, dass er auch jetzt nicht ist, in dieser Stunde, da wir von ihm reden, – was berechtigt sie dann, ihn, welcher niemals war, wie einen Vergangenen zu vermissen und zu suchen, als ob er verloren wäre?
Warum denken Sie nicht, dass er der Kommende ist, der von Ewigkeit her bevorsteht, der Zukünftige, die endliche Frucht eines Baumes, dessen Blätter wir sind?
Was hält Sie ab, seine Geburt hinauszuwerfen in die werdenden Zeiten und Ihr Leben zu leben wie einen schmerzhaften und schönen Tag in der Geschichte einer großen Schwangerschaft? Sehen Sie denn nicht, wie alles, was geschieht, immer wieder Anfang ist, und könnte es nicht SEIN Anfang sein, da doch Beginnen an sich immer so schön ist? Wenn er der Vollkommenste ist, muss nicht Geringeres vor ihm sein, damit er sich auswählen kann aus Fülle und Überfluss? – Muss er nicht der Letzte sein, um alles in sich zu umfassen, und welchen Sinn hätten wir, wenn der, nach dem wir verlangen, schon gewesen wäre?
Wie die Bienen den Honig zusammentragen, so holen wir das Süßeste aus allem und bauen ihn.
Mit dem Geringen sogar, mit dem Unscheinbaren (wenn es nur aus Liebe geschieht) fangen wir an, mit der Arbeit und mit dem Ruhen hernach, mit einem Schweigen oder mit einer kleinen einsamen Freude, mit allem, was wir allein, ohne Teilnehmer und Anhänger tun, beginnen wir ihn, den wir nicht erleben werden, sowenig unsere Vorfahren uns erleben konnten.
Und doch sind sie, die Langevergangenen, in uns, als Anlage, als Last auf unserem Schicksal, als Blut, das rauscht, und als Gebärde, die aufsteigt aus den Tiefen der Zeit.

Quelle: Rainer Maria Rilke. Schriften zur Literatur und zur Kunst. Reclam Stuttgart 2009, S.105f.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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