Lyrische Texte von Lothar Zenetti, zusammengestellt von Christoph Fleischer, Werl 2010

Print Friendly, PDF & Email

Wie durch ein Zufall begegnete mir das Werk dieses kirchlichen Liederdichters und Gedichteschreibers wieder, dessen Texte ich schon früher so gerne gelesen habe. Es sind eben Texte, die dem Volk im besten Sinn aufs Maul schauen, aber eben nicht nach dem Mund reden. Die Rede ist von Lothar Zenetti aus Frankfurt.

 

Die Texte, die ich hier nun dokumentiere stammen aus dem Band:

Lothar Zenetti, In Seiner Nähe. Texte des Vertrauens (Topos Plus 431) (c) Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz 2002 (Darauf verweisen die angegebenen Seitenzahlen).

Wir (S. 14)

Wir sehen den Wald vor den Bäumen nicht
Wir sehn unter Leuten den Menschen nicht
Wir sehen vor Kirchen die Kirche nicht
Wir sehen den Weg, wir sehen ihn nicht

Wir hörn den Alarm in den Lärmen nicht
Wir hören den Laut unterm Läuten nicht
Wir hörn in der Stimmung die Stimme nicht
Wir hören das Wort, hören es nicht

Wir können ihn sehen und sehen nicht
Wir können ihn hörn und wir hören ihn nicht
Wir suchen ihn ferne und er ist nah
wir suchen ihn nicht, doch er ist da

 

Sende uns Engel (S. 22)

Sende uns Engel, dass sie uns behüten,
dass sie uns beistehn auf unseren Wegen.

Ein starker Engel sei an deiner Seite
wenn du bedroht wirst, stehe er dir bei.
In Gottes Kraft, so mög´ er für uns streiten,
von bösen Mächten mache er uns frei.

Ein leiser Engel soll den Blick dir weiten
das Ohr dir auftun und ans Herz dich rühr´n.
Er kommt als Bote, sanft will er uns leiten,
dass wir die Weisung Gottes in uns spür´n.

Ein guter Engel möge dich begleiten,
in Gottes Namen und von ihm gesandt.
so wird er über uns die Flügel breiten,
wenn wir ihn bitten, nimmt er unsre Hand.

Ein lichter Engel soll die Dunkelheiten,
die dich bedrängen, wandeln in das Licht.
Er mach´ uns heil und führ´ uns durch die Zeiten,
bis wir dann schauen Gottes Angesicht.

Sende uns Engel, dass sie uns behüten,
dass sie uns beistehn auf unseren Wegen.

 

Kann sein (S. 38)

Kann sein ein Jahr,
kann sein ein Tag,
vielleicht nur kurz,
ein Stundenschlag –

so ist das mit der Liebe.

Kann sein mit dir,
kann sein bei dir,
wir sagen Ich
und Du und Wir –

so ist das mit der Liebe.

Kann sein ein Blick,
kann sein ein Mund,
ein Blumengruß,
Umarmung und –

so ist das mit der Liebe.

Kann sein, kann sein,
mir ist nicht bang,
ein Tag, ein Jahr,
ein Leben lang –

so ist das mit der Liebe.

 

Den Liebenden (S. 46)

Behütet sind, die sich lieben,
und nichts darf ihnen geschehn.

Sie halten sich an den Händen
und können ihr Glück nicht verstehn.

Der eine erkennt sich im andern,
wenn sie in die Augen sich sehn.

So tauschen sie Leben um Leben,
und nichts soll ihnen geschehn.

Verlässlich trägt sie die Erde,
auf der sie wie Träumende gehn.

Und über ihnen am Himmel
lässt Gott seine Sterne stehn.

Behüte, Herr, die sich lieben,
so leicht kann die Liebe vergehn.

 

Herr, mache deine Kirche (S. 64)

Herr,
mache deine Kirche zum Werkzeug deines Friedens
Wo Menschen sich befehden
ein jeder gegen jeden
hilf uns den Frieden schaffen
in einer Welt von Waffen

Herr,
Mache deine Kirche zur Stimme deiner Wahrheit
Inmitten von Intrigen
Verdrehungen und Lügen
hilf uns die Wahrheit finden
und unbeirrt verkünden.

Herr,
mache deine Kirche zum Anwalt aller Armen.
Dass sie stets auf der Seite
der Unterdrückten streite
hilf uns das Recht verbreiten
auch für die Minderheiten

Herr,
mache deine Kirche zum Anfang deiner Zukunft
dass alle in ihr sehen
die neue Welt entstehen
du kannst uns Menschen einen
Herr, lass dein Reich erscheinen

 

Was ich brauche (S. 68)

Oft höre ich sagen
Um ein Mensch zu sein
anständig nett und tolerant
dazu
brauch ich keine Kirche
keinen Gottesdienst
und all das

Mag sein
Doch um das Licht der Welt
zu sein das Salz der Erde
Diener der Versöhnung Ausspender
der göttlichen Geheimnisse
Anfang seiner neuen Schöpfung
um zu den Anbetern zu zählen
in Geist und Wahrheit denn
solche sucht der Vater
dazu
brauche ich die Kirche
den Glauben den Gottesdienst
das Wort und das Brot
und all das und
den Menschensohn den Gottessohn
um Mensch zu sein
wie Gott ihn will
ich brauche ihn und denke
du brauchst ihn auch

 

Kleine Anfänge (S. 69)

Die Schwalbe macht noch keinen Sommer
ein Stein, daraus wird noch kein Haus
die Knospen sind noch nicht die Blüten
ein Wort, was richtet das schon aus?
Doch kommt der Sommer mit den Schwalben
aus Steinen wächst so manches Haus
es blühn bald überall die Bäume
ein Wort, das richtet Frieden aus.

Ein Körnchen füllt noch keine Kammer
ein Tropfen fällt auf heißen Stein
was kann denn einer schon erreichen
die Hand, rührt sie sich nicht allein?
Und dennoch ist etwas geschehen
denn steter Tropfen höhlt den Stein
die Hand die wäscht dann schon die andre
im Körnchen kann die Wahrheit sein

Ein kleiner Kreis beginnt zu leben
am Anfang fühlt man sich allein
man geht daran sich zu verändern
und will Gemeinde Christi sein
In ihrer Mitte sieht man Zeichen
dass Gottes Herrschaft bricht herein
Er will durch sie die Welt erneuern
und allen Menschen Zukunft sein.

 

Die Führungskraft (S. 81)

Der die Verantwortung übernimmt –
übernimmt er sich nicht?
Der die Richtung bestimmt –
weiß er, ob sie stimmt?
Der das Sagen hat –
hat er auch etwas zu sagen?
Der im Vordergrund steht –
kennt er auch die Hintergründe?
Der den Ton angibt –
kann er wenigstens singen –
oder warum gibt er an?
Der anderen befiehlt –
kann er selber gehorchen?
Der der Oberste sein will –
wie steht er zum Höchsten?
Der die Verantwortung übernimmt,
übernimmt er sich nicht?

 

Verehrung (S. 87)

Wir verseuchen das Wasser
Wir verpesten die Luft
Wir verräuchern die Lungen
Wir verbrauchen das Herz

Wir verjubeln die Stille
Wir vertreiben die Zeit
Wir verscherzen die Liebe
Wir verraten den Traum

Wir verwerten die Werte
Wir verwalten das Heil
Wir verplanen das Morgen
Wir verehren – Gott

 

Die Welt wird kleiner (S. 90)

Kein Zweifel: die Welt
wird jeden Tag kleiner für uns.
Die Entfernungen schrumpfen.
Wir fliegen dahin.

Hoch über den Wolken
serviert man das Frühstück,
dann bist du in Hamburg oder
Berlin. Paris nur ein Sprung,
auch Rom ist nicht weit. Nach
New York übern Teich,
das schaffst du in wenigen Stunden.

Die Menschen dagegen
entfernen sich mehr und
mehr voneinander. Höchstens:
Mach´s gut und bis bald, wir
telefonieren! – Das war´s,
das war auch schon alles.
Menschen von heute. Die
meisten hast du ja längst
aus den Augen verloren.-

Manchmal trifft man sich
irgendwo wieder, vielleicht in
Madrid, und fragt dann erstaunt:
Auch, gibt es dich noch?

 

Umkehr (S. 99)

Man hat ja doch nichts verbrochen
Man ist ja auch jur ein Mensch
Man lügt vielleicht schon mal
Man muss sehen wo man bleibt
Man muss ja Rücksicht nehmen
Man kann nicht wie man will
Man kann nciht aus seiner Haut
Man kann nicht alles wissen
Man schlägt sich so durch
Man kann nichts dafür

Ich

 

Dank (S. 106)

Ich danke für mein Leben,
andere verrecken, während ich lebe.
Ich danke, dass ich atmen kann,
andere röcheln unter Sauerstoffmasken.
Ich danke, dass ich gesund bin,
andere siechen dahin, da mir´s gut geht.
Ich danke, dass ich zu essen habe,
so viele schreien nach Brot.
Ich danke, dass ich in Frieden lebe,
so viele kennen nur den Krieg.
Ich danke, dass der Glaube mir Halt gibt,
so viele wissen nciht, was das ist: glauben.
Ich danke und frage doch beunruhigt,
warum die andern, nicht ich, das Kreuz tragen.

 

Kaum auszudenken (S. 107)

Sollte es das wirklich einmal geben
dass alle miteinander auskommen
und zwar friedlich?
Malt euch das aus:
Bauarbeiter und Homos
Senatoren und Hafenkulis
Hindu-Nonnen und Spiegel-Leser
Tennisspieler und Zeugen Jehovas
reimt euch das zusammen
Fixer Beatfans und der Volkstanzkreis
die vom Osservatore und die Pardonredaktion
der junge Pastor mit dem Marxtick
der stramme Landsmannschaftler oder
der Kinderschreck der Pornokunde
und Tante Frieda im Altersheim
mit anderen Worten: Hund und Katze
Feuer und Wasser Löwe und Lamm
oder besser: du und ich, mein Bester
stell dir das mal vor!
Das wäre ein Friede
das hieße Halleluja singen!

 

Wir sprechen verschiedene Sprachen (S. 112)

Wir sprechen verschiedene Sprachen
Wir wohnen hier oder dort
Wir tragen verschiedene Namen
Wir hören dasselbe Wort

Wir leben mir vielerlei Sorgen
ein jeder hat seine Not
ein jeder geht eigene Weg
Wir teilen dasselbe Brot

Wir denken verschieden von morgen
Wir fürchten und hoffen zugleich
Wir stellen uns Fragen um Fragen
Wir sagen: Es komme Dein Reich!

 

Prognose (S. 119)

Bringt unser Gottesdienst
nur unsere Gewohnheit, fromm zu sein,
nur unsere eigenen Riten noch
im Goldgewand zur Sprache,
dann stirbt er.

Nicht den fruchtbaen
und heilbringenden Tod Christi,
aus dem das Leben ersteht –

nein, den Tod, über
dem sich das Grab der
Jahrhunderte schließt.

Doch sooft wir verkünden
den Tod des Herrn, bis er kommt,
brechen wir mit zitternden Händen
das Brot des unsterblichen Lebens.

 

Die flüchtige Zeit (S. 147)

Ich dachte manchmal schon: du liebe Zeit,
wohin bist du so unbemerkt entschwunden?
Gefiel´s dir nicht bei uns, warst du es leid
und drehst nun anderswo schon deine Runden.

Wir brauchen dich, glaub mir und sei gescheit.
Du siehst doch, wie wir hasten und uns eilen,
wie jeder klagt: ich habe keine Zeit.
Und keiner kann noch irgendwo verweilen.

Das seh ich, sagst du, ich wär schon bereit
und bliebe gern, doch hör ich immer sagen:
verkürzen wir sie uns, die lange Zeit,
die Langeweile lässt sich schwer ertragen.

Ich geh, ich will nicht lästig sein. Ihr seid
sehr schnell geneigt, mich zu verteiben,
mich totzuschlagen gar bereit.- Verzeiht,
am Leben möcht man schließlich bleiben.

 

Wir kommen und gehen (S. 148)

Wir kommen und gehen
Wolken im Wind
wer kann es verstehen
wozu wir sind?

Wir kommen und gehen
Spuren im Sand
die Spuren verwehen
keinem bekannt

Wir gehen und wandern
wer treibt uns voran
von einem zum andern
wer zieht uns an?

Wir gehen und hoffen
gegen den Schein
die Zukunft ist offen
sind wir nicht sein?

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

Kommentar verfassen