Theologische Wirtschaftsethik. Literaturnotizen. Lektürebericht, Christoph Fleischer, Meschede 2004

Durch die Lektüre einiger Besprechungen in der Theologischen Literaturzeitung habe ich versucht, mir einen groben Überblick über die Themen und Ansätze der Wirtschaftsethik zu verschaffen. Diese möchte ich kurz zusammenfassen und dann einige Stichworte anfügen, die ich aus meinem eigenen theologischen Denken heraus spontan entwickelt habe.

Das Fach Wirtschaftsethik ist keinesfalls ausschließlich eine theologische Fachrichtung. So ist es interessant zu sehen, wie sich die Fragerichtungen ökonomischer oder sozialwissenschaftlicher Wirtschaftsethik mit Grundanfragen theologischer Argumente verbinden. Der Begriff Ethik hat seine Heimat in der Philosophie und kann natürlich von jeder Wissenschaft gebraucht werden. Es ist aber meines Erachtens nicht angebracht, die theologische Fragestellung nur auf der Seite einer Gesinnungsethik zu sehen, die in ihren eigenen Fachrichtungen beheimatet Ethik eher als Verantwortungsethik, einer Unterscheidung die von Max Weber eingeführt wurde. Dass Problem einer innerwirtschaftswissenschaftlichen Ethik könnte sein, dass es zwar eher von der Grundfrage her Verantwortungsethik zu sein scheint, letztlich aber nur dem einen System Wirtschaft verbunden ist, und daher wichtige andere Bezüge menschlicher Verantwortung außer acht lässt, seien es psychologische, medizinische oder aktuell sehr betont ökologische. Das Problem, dass sich die Vertreter der Wirtschaftswissenschaft aus dem kirchlichen Diskurs gelöst haben, scheint auch eher ein Phänomen der letzen Jahrzehnte zu sein. Noch nach dem Krieg und zum Teil bis heute in der katholischen Sozialethik haben Vertreter der Wirtschaftswissenschaft mitgearbeitet. Störungen in der Beziehung zwischen Kirche/Theologie und Wirtschaft ergaben sich aus der Kapitalismuskritik im Rahmen ökumenischer Verlautbarungen, der kirchlichen Orientierung an Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung, sowie daran, dass die Kirche sozialpolitisch von ihren eigenen Aufgaben her an den Opfern der Wirtschaft orientiert ist, weniger an den Fragen der innerökonomischen Diskurse. Auch eine gewisse „Technikfeindlichkeit“ von der Anfrage gegen über Atomtechnik in den siebziger Jahren bis zur Kritik der Biotechnologie scheinen die Diskurse zwischen Wirtschaft und Kirche zu stören. Das Thema Arbeitslosigkeit hat im Konsultationsprozess über die gemeinsame Erklärung der evangelischen und der katholischen Kirche zur sozialen Lage in den neunziger Jahren eine größere Rolle gespielt. Meiner Beobachtung nach ist es daher nicht gerechtfertigt, die theologische Wirtschaftsethik als Gesinnungsethik zu bezeichnen, das sie keinesfalls ohne Verantwortungskategorien arbeitet. Die Hauptaspekte der theologischen Rede von Verantwortung sind: die Verantwortung gegeben über der Welt als ganzer mit Natur und Menschheit als Schöpfung Gottes gesehen, die Verantwortung gegenüber Gott als der allgemeinen Lebensgrundlage und zugleich dem Ziel jeder Frage nach dem Sinn des Lebens und Daseins und die Verantwortung gegenüber den Menschen und der Menschheit im allgemeinen, auch gesehen in der Sicht des oft pauschal bezeichneten christlichen Menschenbildes. Daraus folgen für mich folgende theologische Kategorien, die in der Wirtschaftsethik angewandt werden können: Schöpfungsbezug, Gottes- und Sinnbezug und Anthropologischer Bezug.

  1. Der Schöpfungsbezug theologischer Wirtschaftsethik. Unter dem Begriff der Schöpfung wird die Welt als Ganzes gesehen. Das Leben ist der Welt ist global interdependent. Gott ist als schöpferische Kraft in der Welt erfahrbar. Die Menschen sind aufeinander und auf die Natur bezogen, sei es in der Form eines Herrschaftsauftrags oder mit dem Ziel, die Mitwelten zu bebauen und zu bewahren. Daher sind die Menschen auch darauf angewiesen, die natürlichen Ressourcen der Erde zu nutzen. Dass wir seit der ersten Mahnung des Clubs of Rome erkennen, dass die Nutzung der fossilen Energieträger eines Tages zu Ende gehen wird, wird in der Forderung nach Nachhaltigkeit immer wieder betont. Schon im antiken Israel waren Rohstoffe wie Kupfer, Eisen, Gold und andere bekannt. Zur Gewinnung von Energie scheinen mir jedoch eher nachwachsende Rohstoffe oder die direkte Nutzung von Sonnen, Wind und Wasserenergie sinnvoll zu sein. Sicherlich gehört zum Schöpfungsbezug immer auch die Ermöglichung, Schaffung und Sicherung einer Lebenswelt im Sinne einer menschlichen Kultur, in der es Handel, Handwerk und Landwirtschaft gibt. Diese Kulturen haben ihre Mitte in einer Rechtsordnung, die in der Bibel zugleich religiös bestimmt ist. Dies bedeutet aber ökonomisch gesehen zum Beispiel, dass das ererbte Eigentum eines Bauern sogar durch den König zu respektieren ist, weil letztlich alles Land Gott gehört und nur in die menschliche Verantwortung zur Pflege übereignet wurde. Schon der Richter Samuel erinnert allerdings daran, dass die Errichtung eines Staatswesens zur Aushöhlung dieser Eigentumsrechte führen wird. Dem Staat, der dann errichtet wurde obliegt natürlich die Verantwortung die Kultur auch durch Verteidigung nach außen gegen die Bedrohungen durch mögliche Eroberungen zu sichern. Sicherlich ist es auch wichtig, dass in einem Land „Milch und Honig“ fließen, dass also eine geregelte Ernährung nötig ist und dass z.B. auch Geldreserven angespart werden um in Notzeiten in weniger betroffenen Ländern Getreide aufkaufen zu können (Josephsgeschichte). Die Schöpfungsbezüge, die durch Jesus hergestellt werden haben immer zugleich einen anthropologischen Bezug, z.B. in dem er Gott, den Schöpfer als „unseren Vater im Himmel“ bezeichnet, sodass die Menschen als Kinder Gottes zueinander sich als Geschwister verstehen können. Die Verkündigung des Reiches Gottes setzt sicher aber auch voraus, dass es hierbei auch das verlorene Paradies in aller Fülle und Schönheit wiederzugewinnen gilt, was ja auch nicht ohne Bezug auf die Gaben der Schöpfung denkbar ist.
  2. Der Gottes- und Sinnbezug führt in der Bibel manchmal zu überraschenden Varianten. Jesus lobt beispielsweise im Gleichnis einmal einen Fall von Veruntreuung mit der Begründung, die Menschen der Welt würden untereinander klüger handeln als die Kinder des Lichtes, indem sie sich Freunde machen mit der Verwendung von Geld und Geschenken. Oder in dem Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg, in dem alle Arbeiter den gleichen ausgehandelten Lohn erhalten, unabhängig von der Länge ihrer Arbeitszeit. Der theologische Bezug stellt Verbindungen zwischen unterschiedlichen Systemen her und führt sie zurück auf die Grundvoraussetzungen des Lebens. Der Gottesbezug erinnert immer an die Unverfügbarkeit von Zeit und an die Begrenztheit des Lebens. Aus dem Gottesbezug entstammen solche Grundbegriffe wie Gleichheit und Freiheit, Nächstenliebe und Verantwortung, Treue und Glauben. Es ist die Frage ob der universelle Wertbezug in der Wirtschaft durch das Symbol des Geldes symbolisiert wird (Dollar: In God we trust). Bei aller Mühe und Arbeit ist der Wohlstand eines Landes letztlich unverfügbar und auf den Segen Gottes angewiesen. Der Gottesbezug bietet zugleich eine Orientierung an die Kategorie der Zeit und Zeitlichkeit, was für auch in der Zukunfts- und Wachstumsorientierung einer Wirtschaft durchscheinen könnte. Der Umgang mit Schuld und Schuldfolgen ist ebenfalls ein ökonomisches Problem. Der Vorrang der Vergebung in der Entwicklung der christlichen Religion scheint mir darauf zu deuten, dass eine Neueingliederung ökonomisch sinnvoller ist, als die Schaffung einer sozialen Gruppen, die abgetrennt bleibt. Dieses Thema zielt augenscheinlich schon auf die dritte Kategorie.
  3. Anthropologischer Bezug. Sicherlich ist jeder Wirtschaftwissenschaft schon eine Anthropologie immanent, denn sie hat ja zu erklären, wieso innerhalb einer menschlichen Kultur so etwas wie Wirtschaft entsteht. Dazu gehört ja die bekannte Rede von den Bedürfnissen, von Angebot und Nachfrage aber auch von der menschlichen Arbeit als Produktionsfaktor. Mühe und Arbeit, Schmerz und Lust gehören zu den Grundkategorien menschlichen Lebens und haben dennoch auch einen wirtschaftlichen Sinn. Menschen stehen auch von ihren unterschiedlichen Voraussetzungen her miteinander in Beziehung, machen einander verschiedene Angebote oder fordern etwas voneinander, was jeweils auch in Kategorien ökonomischer Werte ausgehandelt werden kann. Auch wenn es Nachbarschaftshilfe oder familiäre Unterstützung ist, spielen manchmal solche Bewertungen eine Rolle. Auch die Jünger Jesu waren keinesfalls idealistisch, wenn sie ohne Geldbeutel ausgesandt wurden, denn sie lebten davon, dass sie in den Ortsgemeinden aufgenommen, bewirtet und untergebracht wurden, hatten also als Entlohnung für ihren Dienst Kost und Logie frei. Erkennbar ist auf jeden Fall, dass Fähigkeiten und Begabungen unter der Prämisse des religiösen Bewusstseins als der Faktor gesehen werden, mit denen Menschen in den Gemeinden gebraucht und eingesetzt werden. Wer eine bestimmte Fähigkeit hat, soll auch zu dem ihr entsprechenden Amt berufen werden. Formal scheint die Bibel eine Hierarchie von Aufgaben und Ämtern abzulehnen, was aber offensichtlich nicht durchgehalten werden kann. Aus der allgemeinen Beziehung zu Gott folgt für das menschliche Miteinander zunächst auf jeden Fall eine wertfreie Voraussetzungslosigkeit. Alle Menschen sind nun aufeinander bezogen. Das heißt zum Einen: Es gibt kein biblisches Argument gegen eine global vernetzte Weltwirtschaft. Es muss aber zum Anderen auch bedeuten: „Wo ein Glied leidet, leiden die anderen mit.“ Das Wirtschaften ist niemals Selbstzweck z. B. im Sinn einer bloßen Geldvermehrung sondern bleibt dem Ziel unterworfen, dass alle miteinander dafür sorgen, dass Leid, Not und Hunger gemindert werden.

Schluss: Diese Sätze habe ich mir als Skizze notiert, um zu versuchen unterschiedliche wirtschaftsethische Beobachtungen systematisch ordnen zu können. Das bedeutet, dass ich nicht meine, damit alle Fragen und Problemkreise angesprochen oder abgedeckt zu haben. Auch war die Auswahl dieser in den Besprechungen erwähnten Themen vielleicht recht zufällig. Ich meine jedoch herausgehört zu haben, dass eher von allgemeinen wirtschaftswissenschaftlichen Frage die Rede ist als von Betriebs-, Personal und Unternehmensorientierten Entscheidungen. Warum das so ist kann ich nicht recht einordnen, weil sich im Ablauf von betrieblichen Entscheidungen und im Verhältnis von Mitarbeitern zueinander, aber auch in der Auswahl von Mitarbeitern und ihrer Kündigung oder Verabschiedung sowie in der Personalführung ethische Grundfragen sehr stark durchschlagen. Neuere Entwicklungen im Bereich des Management und der Organisationsentwicklungen sind oft nicht nur implizit ethisch ausgerichtet, z. B. der Idee der ein Unternehmen einenden Idee oder in der kommunikativ an gemeinsam erarbeiteten Zielen ausgerichteten Qualitätsentwicklung. In der Geschichte der Kirche, z. B. in der Entwicklung des Mönchtums kann man sogar beobachten, wie der Aufbau kirchlicher Strukturen zur Schaffung einer Art von Wirtschaft beigetragen hat und dass auch kirchliche Gebräuche und Feiern zur Entwicklung von Märkten und wirtschaftlichen Zentren führte (z.B. Münster). Eine solch direkte Verbindung zwischen Wirtschaft und Religion scheint mir heute nur noch in der Frage der Sonntagsheiligung vorzuliegen. Die Kirche steht von ihrem Grundansatz her immer nahe bei den sozialen Fragen, die sich durch die Wirtschaft ergeben. Zur Frage, wie Arbeitsplätze entstehen können hat sie, außer in Bezug auf den Dienstleistungssektor, wenig zu sagen. Dennoch scheint mit die Förderung der Wirtschaftsethik auch aus kirchlicher Sicht wichtig zu sein, um das Evangelium in seinen gesamtgesellschaftlichen Dimensionen zu vermitteln.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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