Dorothee Sölle, Die Wahrheit ist konkret, Rezension von Christoph Fleischer

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Zu : Dorothee Sölle. Die Wahrheit ist konkret. Walter Verlag Olten und Freiburg 1967, 3. Auflage 1967.

In der Abfolge der Schriften Dorothee Sölles, angegeben im Literaturverzeichnis der Arbeit von Sigrid Loersch [1], erscheint die Schrift „Die Wahrheit ist konkret“ als sechste, abgesehen von der Promotion über die Nachtwachen Bonaventuras (Germanistik, Dr. phil.) das zweite Buch, das Buch nach der „Stellvertretung“. Nachdem dieses Werk Aufmerksamkeit erzeugte, können wir hier etwas mehr über die Autorin Dorothee Sölle erfahren. Allerdings ist der Inhalt des Buches zeitlich vor der „Stellvertretung“ anzusetzen, denn in diesem Band finden sich 10 Radiovorträge aus den Jahren 1960 bis 1965. Die Reihe „theologia publica“, in der es als Heft 4 herausgegeben wird, veröffentlichte Arbeiten für den Rundfunk. Der Rundfunk galt als das Medium der Öffentlichkeit, wie ich dem Klappentext des Buches entnehme. Rundfunkbeiträge, nicht Andachten fordern der Theologie eine andere Sprache ab, die sich vom Predigtstil unterscheidet. Dieses Buch gibt also eine Antwort auf die Frage: Wer ist diese Frau Sölle? Gleich die Widmung erstaunt: Friedrich Gogarten, dem Lehrer, zum 80. Geburtstag am 13. 1. 1967. Wer also sind die Männer (und Frauen) auf deren Schulter diese „Frau Sölle“ steht? Friedrich Gogarten, Vertreter der dialektischen Theologie (1887 – 1967, Professor in Breslau und Göttingen) brach mit Barth, da er sich kurzfristig bei den deutschen Christen engagierte. [2] Rundfunkvorträge haben keine Anmerkungen. Dennoch kommt Dorothee Sölle nicht ohne Zitate aus. Interessant ist aber, wen sie zitiert: Bertold Brecht, der aber wiederum einen Satz Lenins auf einen Balken schreibt, der aber wiederum auf Hegel zurückgeht: „Die Wahrheit ist stets konkret.“ (S.9) Man sollte einmal nachsehen, mit welcher Bedeutung dieser Satz, ja besonders der Ausdruck „konkret“ gerade in diesem Jahr besetzt war, erinnere man sich nur an die politische Wochenzeitschrift gleichen Namens. D. Sölle nimmt also Bezug zur politischen Diskussion und zitiert Lenin in einem theologischen Buch ohne sich abzugrenzen. Gibt es weitere Bezüge zu politischen Autoren? Im Buch sucht man danach dann doch eher vergeblich. Der Inhalt ist überwiegend theologisch gehalten. Der Begriff ‚konkret‘ bezieht sich also hier auf die kirchliche Realität und ist aus dem politischen Zusammenhang genommen. Gleich im ersten Text „Ist Gott von gestern?“ zitiert sie Martin Walsers Kirchenkritik aus dem Buch „Halbzeit“ (S. 15). Im zweiten Text nimmt sie auf die Lektüre der Tageszeitung Bezug, indem sie den ehemaligen russischen Präsidenten Nikita Chruschtschow zitiert. Im Weiteren geht es aber um die Bibel. Im nächsten Text „Warum ändert sich die Theologie?“ wird, aber erst am Schluss, auf das Entmythologisierungsprogramm Rudolf Bultmanns Bezug genommen (S. 30). Dies wird im nächsten Text „Theologie auf dem Wege zur Einheit der Kirchen“ aufgegriffen, aber in der Sicht eines katholischen Theologen, der in Rom an der Päpstlichen Universität über die Theologie Rudolf Bultmanns promovierte (Hasenhüttl. Der Glaubensvollzug) (S. 33). Rudolf Bultmann kommt  darin selbst zu Wort, denn er schrieb zu diesem Buch das Vorwort. Danach kommt erst nach einiger Zeit wieder Bert Brecht zu Wort, dessen Lied aus der Dreigroschenoper die Hoffnung der Seeräuberbraut Jenny beschreibt (in: „Oder sollen wir auf einen anderen warten?“ S. 43). Im nächsten Text „Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten?“ gibt es zum Einstieg ein Zitat von Immanuel Kant (S. 51). Dieser Text ist allerdings eine Zitatkollage, daher kommen hier mehrere Denker zu Wort: Kant, Lessing, Marx, Lessing, Lessing, Schweitzer (eine Kette von Zitaten), die Bibel, das Petrusevangelium (mehrfach), Paulus, dann wieder mehrfach Lessing und auch Luther (indirekt auch: Reimarus). Im nächsten Text gibt es nur einigen Anspielungen auf Nietzsche, Hegel und Luther („Wider die Verzweiflung an der Vernunft“). Der Text „Das Wort und die Wörter“ beginnt mit Goethes Faust. Im weiteren Text wird auf Heidegger Bezug genommen. Zum Thema Sprache kommt Hamann, der Zeitgenosse und Nachbart Kants zu Wort. Die Zeugen der dialektischen Theologie sind Karl Barth und Rudolf Bultmann „Glauben und Verstehen“ (S. 87). Der Text „Du sollst dir kein Bildnis machen“ bezieht sich auf „Andorra“ von Max Frisch. Danach folgt am Beginn des nächsten Textes „Gottfried Benn“. Im weiteren Verlauf geht die Autorin auf Johannes Tauler und andere Vertreter der Mystik ein, die sie hier allerdings in Abgrenzung zur eigenen Haltung beschreibt, also ablehnend. Die meisten Rundfunkreden basieren darüber hinaus auf biblischen Texten: „Die Wahrheit ist konkret“ sucht also die Verständigung von Literatur und Theologie. Philosophische Texte kommen am Rande vor, politische Texte eigentlich gar nicht. Die Schrift „Die Wahrheit ist konkret“ ist also noch keine Darstellung der „politischen Theologie“ zu der sich Dorothee Sölle spätestens mit den gleichnamigen Buch im Jahr 1971 bekannte? Es ist also eher eine konkrete Theologie, doch davon ist der Weg zur Politik nicht weit, wie manche Anspielungen zeigen.

Es folgt eine kurze Inhaltsdarstellung der jeweiligen Vorträge mit jeweils ein bis zwei Zitaten, die man weiterverwenden kann.
Vorwort (S. 9-12).
„Die Wahrheit Christi ist konkret … Es ist der einzige Grund, die Bibel zu entmythologisieren, die Kirche zu reformieren und die Gesellschaft zu verändern.“ (S. 10) Es geht bei den Vorträge aber insgesamt um Kirche. Die Gruppe der Menschen, die durch die Rundfunkarbeit besonders erreicht werden, ist aus der Sicht einige Antwortbriefe so beschrieben: „Er ist ein in der Kirche frustrierter Christ. Außerhalb der Kirche lebend sucht er nach Möglichkeiten christlicher Praxis. Die verlorenen Bilder christlicher Existenz locken und verwirren ihn. Denn die Vollzugsmöglichkeit dieser Existenz, die Konkretion seiner Wahrheit, wird ihm verweigert. Lehre und Liturgie, die Institution und ihr Apparat bleiben ihm abstrakt, sie kennen ihn kaum, sie schieben die Erfüllung seiner Wünsche auf.“ (S. 11) Übrigens deutet sich ganz vorsichtig auch schon mal die inklusive Sprache an: „Erfahrungen sind Schritte auf dem Wege zu uns selber. Diese Schritte zu tun hilft der Glaube und seine Schwester, die Hoffnung.“ (S. 12)
„Ist Gott von gestern?“ (S. 13-18).
Anhand der Sprachstruktur eines russischen Witzes über Religion geht es im Text um eine dreifach Rede von Gott: der vorwissenschaftlichen Religion, der atheistischen Religionskritik und der Rede von Gott in existenzieller Hinsicht. Zu 1: „Diese sozusagen selbstverständliche Annahme eines höheren Wesens ist nicht sehr weit vom Aberglauben entfernt.“ (S. 13) zu 2: „Gott ist arbeitslos, sobald der Mensch wirklich wissenschaftlich denkt und die Welt nach wissenschaftlichen Grundsätzen gestaltet. … Die heutigen Nichtchristen, die Heiden eines nach – christlichen Zeitalters, brauchen Gott nicht mehr.“ (S. 14f) Die Naturwissenschaft wird dann aber als aus der Schöpfungsgeschichte abzuleiten, nicht als Gegner des christlichen Glaubens anzusehen. „Dieser Gott ist tot. Aber ist es der Gott, den Jesus gemeint hat? … Glaube und Wissenschaft sind keine unvereinbaren Gegensätze, was leicht zu begreifen ist, wenn man für Glauben Hoffen, Vertrauen oder Lieben einsetzt.“ (S. 17f)
„Wir haben keinen Stolz, wir haben nur Interessen“ (S. 19-24).
Dieser Satz, den D. Sölle hier auch in der Überschrift nennt ist ein Zitat des russischen Staatspräsidenten Chruschtschow. Geht sie jetzt auf politische Fragen ein? Keineswegs, denn sofort geht es um eine gründliche aus heutiger Sicht gesagt sozialgeschichtliche Auslegung der Geschichte von der syrophönizischen Frau im Markusevangelium. Trotz Jesu schroffer Abweisung lässt diese nicht davon ab, ihn zu bitten. „Was Jesus den Leuten beibringen wollte, das Glauben, ist nichts anderes als dies: keinen Stolz mehr haben und nur ein einziges Interesse. Worauf richtet es sich? … Das Interesse eines Menschen richtet sich entweder auf sich selbst – oder auf etwas außer ihm. … Das Interesse, das keinen Stolz mehr kennt, richtet sich auf etwas, was nicht ich bin.“ (S. 24) Die Eigenschaft, die D. Sölle der Frau nun zuerkennt ist, nach einem nicht zufälligen Rekurs auf Luther: „Freiheit.“
„Warum ändert sich die Theologie?“ (S. 25-31).
Die Theologie spricht nicht in ewig gleichen richtigen Sätzen von Glauben, sondern ändert sich im Laufe der Geschichte, „weil sie nicht von ihm (Gott) als einem Himmelswesen handelt, sondern vom Menschen, den Gott ansieht.“ (S. 25) Die verschiedenen theologischen Auffassungen werden im Folgenden am Beispiel der Auslegung einer der Massenspeisungen Jesu konkretisiert. Ganz zum Schluss zeigt sie, wie die Veränderung der theologischen Bewertungen aus heutiger Sicht zu bewerten sind: „Die Weltanschauung der Zeit Jesu ist vergangen, der Himmel ist für uns nicht oben, dass man hinauffahren könnte, die Hölle nicht unten, der Teufel nicht mit Tintenfässern zu erreichen, Krankheiten nicht durch Dämonen verursacht.“ (S. 30) „Jesus wollte ja nicht eine dämonische Weltanschauung verewigen – die setzte er naiv voraus -, sondern er wollte innerhalb ihrer das sagen, wozu er gekommen war.“ (S. 30) „Theologie treiben, so sagten wir zu Beginn, heißt: von Gott sagen, was er an uns tut. Was tut Gott an uns, wenn wir die Legende von der Speisung der 5000 hören? Er verspricht sich uns angesichts einer hungernden Welt. Er lässt diese Welt nicht, wie sie ist. Existentiale Interpretation ist der Versuch, von Gott genau das zu sagen, was er an uns tut, nur das und nicht mehr.“ (S. 31)
„Theologie auf dem Wege zur Einheit der Kirchen“ (S. 32-38).
Ob die Erwähnung der Einheit mehr als ein Aufhänger ist, wage ich zu bezweifeln. Dennoch ist es ein guter, denn immer noch ist richtig: „Die Einheit will heute geleistet sein, denkend geleistet, es ist dies eine mühselige Arbeit, die von Vorurteilen, Traditionen und zufälligen Geschichtswucherungen behindert wird.“ (S. 33) Dorothee Sölle wird als Ökumenikerin zu würdigen sein. In diesem Artikel geht es jedoch schwerpunktmäßig um die Theologie Rudolf Bultmanns, um Entmythologisierung und existenziale Interpretation. Genau diese Theologie wird in ihrer ökumenischen Dimension beschrieben, da sie von einem katholischen Theologen unter der Überschrift „Der Glaubensvollzug“ dargestellt wird (Hasenhüttl). Dazu nun einige Zitate: „Hasenhüttl stellt den Vollzug des Glaubens als den Skopus, das eigentliche Thema der Bultmannschen Theologie dar, „meinen Glaubensvollzug“, definiert als das Sich-selbst-bestimmen-lassen durch die Begegnung mit Christus.“ (S. 34) Der Streitbegriff Bultmanns wird ein wenig paganisiert: „Entmythologisierung ist eine Selbstverständlichkeit, die der Glaube als Vollzug immer schon geleistet hat. Wer glaubt, entmythologisiert auch, es gibt keinen unübersetzten Glauben; was sich dafür hält, ist Übernahme einer Lehre; oder aber zeitnäher gesagt … eine Meinung, die z.B. von Meinungsforschern erfragt und zu Papier gebracht werden kann.“ (S. 34) Mit dem Begriffen Existenz oder Existential wird also nur eben eine Perspektive der Betrachtung beschrieben, indem von Gott nur aus menschlicher Perspektive geredet werden kann. Die Abgrenzung gegen eine positivistische Ontologie im orthodox – dogmatischen oder pietistisch – subjektivistischen Sinn bildet somit der Begriff Existenz: „Damit ist eine Art von Dasein bestimmt, die weder in objektiv Aufweisbarem noch in subjektiv Erlebbarem aufgeht, die aber gleichwohl in Vollzügen wie Glauben oder Angsthaben, Hoffen oder Resignieren, Lieben oder Fürsichdasein das Realste ist, dessen die Betroffenen ansichtig werden.“ (S. 35) Wenn nun die konfessionellen Unterschiede am Beispiel der Willensfreiheit untersucht werden, so erscheinen sie als nicht mehr als Widerspruch, sondern als eine entweder ontische oder ontologische Perspektive des gleichen Glaubens: „Das katholische Denken ist systematisch und ontologisch, das protestantische existentiell und ontisch. Ontologisch gesehen ist der Mensch, wie Hasenhüttl schön sagt, ‚ambivalent‘; wer behaupten will, dass er unfrei, total verdorben sei, der leugnet den Personcharakter, den auch der Sünder hat. Ontisch gesehen, von der Existenz des wirklichen Sünders aus geredet, hilft ihm diese Erkenntnis keinen Schritt weiter.“ (S. 37)
„Oder sollen wir auf einen anderen warten?“ (S. 39-50).
Von Einstieg her scheint es um Advent zu gehen, also um einen Text, der von der Kirchenjahreszeit her geprägt ist. Doch davon zeigt der Inhalt nicht viel. Thematisiert wird dagegen eine Haltung des Wartens, besser gesagt der Erwartung. Hier ist homiletisch übertragen, was bei Bultmann mit eschatologischer Existenz gemeint ist. Dafür bietet sich das Bild eine Bahnhofs an. Der Textbezug ist durch die Täuferanfrage gegeben, die auch im Titel zitiert wird (Mt. 11, 3). Dazu einige Zitate: „Alle Lebende warten.“ (S. 39) „Wichtig ist nicht, was einer ist, sondern was einer erwartet. Nicht wie das Leben sich vorfindet, ist entscheidend, sondern welche Möglichkeiten ihm offen stehen. Hier heißt darum einen Menschen kennen, nicht: seine Vergangenheit überschauen, sein Wesen erklären, seine Lage beschreiben, als vielmehr sein Verhältnis zur Zukunft ansehen.“ (S. 41) „Johannes jedenfalls erwartete mehr als die wiederaufgeschlossene Tür des Himmels, er wartete auf einen, der diese Erde durch seine Ankunft verwandelt.“ (S. 44) „Bestätigt Jesus wirklich die Erwartung des Johannes? Ist Gott schon da? Ist Frieden auf der Welt? Haben wir lange genug gewartet? Darauf lässt sich nur mit einem Widerspruch antworten: Ja und Nein. Ja, sagt Jesus, Gott ist bei euch. Das Reich ist mitten unter euch. … Und zugleich sagt er: Nein, ihr seid noch nicht fertig mit Warten. Ihr sollt auf ihn weiterwarten, auf ihn, der schon da ist. … Gott ist da – aber wie? Unanschaulich, ungegenständlich und so wenig zu haben wie Liebe überhaupt.“ (S. 46f) Und das heißt in Bezug auf Jesus: „Alle, die warten, warten auf Jesus. Das heißt nun: alle, die wirklich warten, warten nicht nur auf droben und nicht nur auf ihr privates Glück. Alle, die wirklich warten, warten nicht auf sich, auf ihre Bilder der Zukunft, sondern auf etwas Neues, das wir die Anschaulichkeit Gottes nannten. Alle, die warten, warten auf Gottes Reich, wie Jesus es tat, auf das Reich, das ungegenständlich gegenwärtig ist. Auf Jesus warten heißt dann nichts anderes als wie Jesus warten.“ (S. 49) Und zum Abschluss: „Der Vorschuss Gottes ist seine Ankunft in Jesus von Nazareth, die dem Menschen die Zukunft eröffnet. Welt Gott inkognito auf die Welt gekommen ist, warten wir auf sein Sichtbarwerden, auf sein Reich, das da ist und kommen soll. Oder sollen wir auf einen anderen warten, auf einen, der sich deutlicher kundtut und der eine erlöstere Welt hinterlässt? Oder sollen wir anfangen, auf Gott zu warten?“ (S. 50)
„Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten? Das leere Grab und die heutige Theologie“ (S. 51-70).
Dieser Text ist der einzige Beitrag des Buches der von der Vortragsform abweicht. Er wird von drei Sprechern vorgetragen. Dabei stehen die Texte A und B in Spannung zueinander als orthodox (A) und liberal (B). Der Sprecher C trägt die Textgrundlage vor, auf die sich die Unterredung dann bezieht, seien es philosophische oder theologische Texte oder auch die entsprechenden Bibelworte. Dabei zitiert C nicht nur, sondern führt die Texte auch paraphrasierend weiter. Die Spannung zwischen A und B löst sich interessanterweise zum Schluss hin auf, den ich nun dokumentieren möchte:
A Aber wo bekennt die Vernunft ihre Grenzen?
B Nicht bei der Erforschung historischer Berichte! Hier kommt sie höchstens an heute noch nicht Erforschtes; gibt sie sich hier gefangen, so nur zähneknirschend und niue auf die Dauer. Es heißt nicht:
C Ich glaube, dass Jesus Christus geboren, gestorben, auferstanden von den Toten ist – sondern: ich glaube an Jesus Christus, der geboren, gestorben und auferstanden von den Toten ist.
A Lässt sich dies so übersetzen, dass die Grenzen der Vernunft, die von der Vernunft selbst anerkannt sind, sichtbar werden?
B Ich glaube an den Gekreuzigten, der lebendig ist, an den Gescheiterten, der nicht gescheitert ist, an den Wehrlosen, den Gott nicht im Stich lässt, an den Liebenden, mit dessen Sache sich Gott identisch erklärt hat.
A Gott sagt Ja zu dem, dem wir unser wohlbegründetes Nein täglich, stündlich bekunden, Gott macht den zum Anführer des Lebens, den wir für den Anführer des ins Unsicherste bauenden Pantasten halten.
B Die Vernunft erweist sich als aufgeklärte, indem sie sich freiwillig gefangen gibt, und sich zu ihren Grenzen bekennt, die Grenzen menschlicher Selbstbehauptung sind.
A Gott hat den Wehrlosen nicht bewaffnet und besser ausgerüstet, er hat ihn auch nicht zugrunde gehen lassen, wie es der Vernunft entspräche, sondern er hat ihn als diesen Wehrlosen bestätigt, angenommen und geliebt – also auferweckt. An ihn glauben heißt nichts anderes als sich auf ihn, auf seinen Weg einlassen.
B Wer ihn bei den Toten sucht, hält einiges an oder mit ihm Geschehene für wahr, oder selbst sucht ihn bei den Jetzt-noch-nicht-Toten, bei uns selbst. Wer ihn bei den Lebendigen sucht, sucht ihn bei Gott und eben darum auf dieser unserer Erde.“ (S. 70)
„Wider die Verzweiflung an der Vernunft“ (S. 71-76)
Dieser nicht ganz so lange Text ist durch das Pfingstfest motiviert. Der Ausgangspunkt ist nicht eine exegetische Interpretation des Geistbegriffes, sondern eine germanistische: Die Grundbedeutung von „Geist“ hat es mit Aufgeregtheit zu tun. Die Bilder der Worte ruah (hebr.) und Pneuma (gr.) sind der Natur entnommen und handeln vom Wind, der Leben bedeutet. Der Text ist daher wohl interessant, dass er an diesem Beispiel die hermeneutische Grundfrage darstellt: „Verstehen hieße hier also die Bewegung nachvollziehen, die der Heilige Geist darstellt. Dies ist in der Tat die einzige Art von Zugang, den wir zu einem traditionell vertrauten, aber sachlich vollständig fremden Ding wie dem heiligen Geist haben können. Es geht nicht darum, die Frage stellen zu können: Heiliger Geist, was ist das? – eine griechisch gedachte Frage-, sondern einzig und allein darum, biblisch fragen zu lernen: Heiliger Geist, was tut das? Was bewirkt es, was verändert es?“ (S. 72) An einigen Beispielen wird deutlich, dass es darauf eine doppelte Antwort gibt: „1. Der heilige Geist tröstet, 2. er führt zur Wahrheit. Beides gehört eng zusammen.“ (S. 74) Nun gilt es den zweiten Aspekt zu betonen: „Mut, Wahrheit zu verlangen“ (Hegel, S. 74) Die Haltung, der es nun entschieden dieses Bewusstsein entgegenzusetzen ist, heißt Resignation. Es geht darum, dem Geist in der Welt etwas zuzutrauen: „Gott regt sich um der Wahrheit seiner Sache in der Welt willen auf; es gibt keinen Grund, ihm dieses Geschäft allein zu überlassen.“ (S. 76)
„Das Wort und die Wörter“ (S. 77-94).
Dieser Aufsatz, der zweitlängste im Buch, hat absolut nicht den Charakter einer längeren Radioandacht, sondern den einer Vorlesung. Den Einstieg mit Goethes Faust gewählt, führt sie in das Nachdenken über die Bedeutung des „Worte“ und der Sprache für die Theologie, wohl angelehnt an einen aktuellen Schwerpunkt in der Philosophie. Theologie kann als Sprachschule des Glaubens bezeichnet werden: „So fragt sie, was es denn bedeute, dass der Mensch hören und gehorchen, antworten und sich verantworten, verstehen und übersetzen kann – und was dies alles mit Gott und mit seinem Wort zu tun habe.“ (S. 78) Der Vergleich mit anderen Sprachen zeigt, dass Sprache und Denken eng zusammengehören und dass bestimmten Denkformen eben in bestimmten Sprache vorkommen, so das Denken in Subjekt und Objekt in den indogermanischen Sprachen. Die Theologie plädiert von jeher für die Wirksamkeit des Wortes, das neuzeitliche Denken dagegen für Objektivierbarkeit und für Fakten: „Jesus jedenfalls hat den Streit zwischen Wort und Faktum zugunsten des Wortes entschieden.“ (S.82) Mit den neuzeitlichen Dualismen Subjekt – Objekt, Körper – Geist, ua. Sich auseinandersetzend kommt Sölle zu Hamann, dem Zeitgenossen Kants, der die Poesie vor der Prosa hervorhebt. Sprache ist hermeneutisch: „Unter Hermeneutik versteht man die Auslegung eines in der Welt entdeckten Sachverhalts; was für das sprachliche Kunstwerk die Interpretation ist, ist für die Welt die in der Sprache sich vollziehende Hermeneutik.“ (S. 84) Ohne Namen zu nennen, zeigt sie nun auf, dass das hermeneutische Verständnis für die Auslegung der Bibel grundlegend ist: „Das Verstehen von Geschichte erschöpft sich ja nicht in der beobachteten Feststellung dessen, was die Leute damals taten, dachten und glaubten; erwartet wird vielmehr im Verstehen, dass diese Vergangenheit zur Sprache wird, dass sie mir etwas für mein Leben zu sagen hat.“ (S. 85) Anders gesagt: „Das Fremde, Andere, Neue, das ihm in der Geschichte, und zwar in der vergangenen wie in der gegenwärtigen eigenen begegnet, wird vermittelt ins Eigene; es wird gehört als Hilfe, als Bedrohung, als Angebot oder Anspruch.“ (S. 85) Das sich dieses Denken nun auch theologisch eignet zeigt sie in bezug auf die Gottesfrage: Gott wird im Hören erkannt, und zwar ausschließlich. Am Beispiel von Barth und Bultmann zeigt sie einerseits, dass Gott dabei immer der Fremde, Ganz andere bleibt und das Glauben und Verstehen in einem notwenigen Zusammenhangstehen müssen: „Begegnet Gott aber als Wort, genauer vielleicht: ereignet sich Gott als Wort, so muss man ihn nicht erst für wahr halten, um ihm dann zu glauben. Wer sich auf das Wort Gottes einlässt – und das heißt doch wohl Glauben – der versteht.“ (S. 88) Nicht die Glaubensvoraussetzung des Theismus ist nötig für das Hören eines Textes der Bibel, sondern die Bereitschaft, sich auf den Sprachvollzug in seinen Dimensionen einzulassen: „Ein Sprechender sagt ein Gesprochenes zu einem Angesprochenem.“ (S. 88). Wichtig ist nun in Abgrenzung zur griechisch orientierten Logik sich auf das biblische Sprachverständnis einzulassen, das nicht an Inhalten, sondern an Vollzügen interessiert ist: „Die theologische Besinnung auf die Sprache ist also parteilich, nicht neutral, sie ergreift Partei nicht des zeitlosen, sondern des geschichtlichen Wortes, sie ergreift die Partei weder des Es noch des Ich, sondern die Partei des Du als die Partei des Menschen, der nicht vom Brot allein lebt, sondern vom Wort, das ihm die Zukunft hell macht. (S. 90). Dorothee Sölle, die sich im Laufe des Vortrags immer an der Geschichte von der Ehebrecherin in Johannes 8 orientiert, zeigt nun, was in diesem Wortgeschehen auch wahrzunehmen ist. Luther aufnehmend stellt sie fest: „Das Wort ist dann Gottes Wort, wenn es den Menschen menschlich macht – fröhlich, weit, gewiss.“ (S. 92) Die Frage nach den Heilstatsachen oder Heilsfakten muss dann aber trotzdem negativ beantwortet werden, denn „Jesus … hat den Fakten nur sein Wort entgegenzusetzen.“ (S. 93) Das Wort beweist sich, indem es sich den Fakten entgegenwirft und zeigt seine Macht als Wort der Liebe: „Das Wort der Liebe lebt, es ereignet sich, es wird gesagt, es wird gehört. Jesus ist als dieses Wort aufgeweckt von den Toten. Die Geschichte der Liebe endet nicht auf Golgatha, sondern sie fängt dort erst richtig an, weil das Wort der Liebe nun in Umlauf kommt. Aber die Geschichte der Liebe bleibt Geschichte ihres Wortes, ihres unsichtbaren, zeitlichen, sich ereignenden, Zukunft versprechenden Wortes.“ (S. 94) So übersetzt sie nun übertragend das Wort „Logos“ im Johannesprolog mit Liebe und beantwortet damit die am Anfang im Faust von Goethe gestellte Frage existentiell: „Im Anfang war die Liebe. Und die Liebe war bei Gott und Gott war die Liebe. Sie war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch sie gemacht und ohne sie ist nichts gemacht, was ist. In ihr war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen.“ (S. 94) – Wenn es noch einmal einen Band mit ausgewählten Texten von D. Sölle geben sollte, dann sollte dieser Aufsatz darin nicht fehlen!
„Du sollst dir kein Bildnis machen“ (S. 95-102).
Was zeigt die Wahrheit der Gebote deutlicher, als das Interesse deren, die von einem bestimmten Verhalten in ihrem Leben beeinträchtigt und gefährdet werden. Am Beispiel des Bilderverbot ist dies die „Erfahrung der Schublade, in die man sich gesteckt findet …: Als Frau müssen sie ja so denken.“ (S. 95) Doch so wie ein Mensch nicht aufgeht in seinen Bildern, und die Bilder macht über ihn haben, so auch Gott. Daher betont Israel den umliegenden Völkern gegenüber den Glauben an den unsichtbaren Gott: „Der unsichtbare Gott will seine Macht nicht in ein Bildwerk hineinverkörpern, weil im Bild diese Macht ergriffen, festgehalten, besessen und gelenkt werden kann.“ (S. 97f) Diese Sicht wird als Schutz vor der Vergegenständlichung des eigenen Subjekts verstanden. Menschen müssen vor Bildern geschützt werden. Dies wird am Beispiel der Schrift Andorra von Max Frisch gezeigt, wobei ein Menschen nach den Klischees der Judenfeindschaft behandelt wird, bis hin zu seiner Ermordung, nur aufgrund des Bildes, das man sich von ihm macht. Fazit 1: „Wer immer sich ein Bild vom anderen macht und ihn in seine Schublade steckt, der leugnet das Fremde, Unerwartete, Nochnichterschienene im Anderen.“ (S. 100) Fazit 2: „Gott will keine Schubladen! „Du sollst dir kein Bildnis machen.“ Gott, der nach der Meinung der Bibel diese Gebote gegeben hat, Gott selbst macht sich zum Anwalt der Freiheit.“ (S. 101)
„Wir wissen nicht, was wir beten sollen“ (S. 103-116).
Ein Satz, wie er moderner nicht sein könnte, und doch ist es ein Zitat des Paulus, Römer 8, 26. Die moderne Literatur (G. Benn) und Philosophie (Marx) gibt die Bestandaufnahme dazu ab. Da dieser Satz an eine christliche Gemeinde gereichtet ist, muss er einen besonderen Sinn haben. Beten ist Vollzug der Religion, Beten heißt: „Kraft üben“. Der Ort der Religion ist das feste Haus. Die ersten Christen wurden atheoi genannt, weil sie das Haus Gottes verließen: „Die christliche Art, Gott zu verehren, wirkte unfromm. Religiöse Menschen wissen, was sie beten sollen. Mit Christus ist dieses Zeitalter der Religionen, die wissen, was sie beten sollen, zu Ende. Jesus stellt den Menschen auf die Straße.“ (S. 106). Damit ist das Thema gefunden. Jetzt scheint der Abschied von der Religion gekommen: „Religion versucht die Trennung des Menschen von Gott zu überwinden. Für Jesus existiert diese Trennung nicht mehr, sie ist schon von Gott überwunden. Gott ist auf der Straße: genauer: auf der Straße zwischen Jerusalem und Jericho, auch wenn er dort vorerst von und Priester und Levit übersehen wird und nur der Mann aus Samaria ihn bemerkt. … Jesus stellt den Menschen auf die Straße, weil Gott auf der Straße ist, nicht an ausgesonderten Orten, sondern in der alltäglichen, profanen Geschichte jedes Menschen.“ (108) Damit ist Religion zu Ende. Sie ist zum Alltag geworden. Doch ist damit auch das Gebet zu Ende? Natürlich nicht, denn schon Jesus kennt das Gebet, das um das Alltägliche bittet: „Im Vater Unser kommen wir selbst zur Sprache, wir, deren Vater weit fort ist, im Himmel, wir, die den Namen, das Reich und den Willen Gottes brauchen, aber nicht bei uns haben, wir die Hungrigen, Schuldigen, Versuchten. Der Inhalt unsere Betens sind also wir selbst.“ (S. 110) Hier geht es um den „wirklichen Menschen“, hier geht kein Gebet in Form der Mystik „hinauf zu Gott“. Hier geht es nicht um das Verstummen in der Nähe Gottes, sondern darum, das Leben vor Gott zur Sprache zu bringen. Warum wissen wir – heute – nicht, was wir beten sollen? Weil uns Sprache fehlt. „Die Unbenutzbarkeit einer Anzahl gängiger christlicher Begriffe ist ein Hinweis auf die uns fehlende Sprache…“ (S. 111) D. Sölle stellt dann fest, dass es vor allem kirchliche geprägte Begriffe sind, die uns das Sprechen schwer machen, dass Jesus dagegen anders redet: „Jesus wartet, die Kirche hat. Jesus bittet, wir danken.“ (S. 111) Hier kommt dazu, wenn ich es recht lese, dass nun auch die Sprache mit der Welterfahrung Schwierigkeiten hat. Dann fehlt der Sprache das Subjekt: „Wir wissen nicht uns zu sagen.“ (S. 112) Auch im Umgang mit der Sprache geht um den Gegensatz von Haben oder Sein. „Uns fehlt kein Verständigungsmittel, uns fehlt Verständigung.“ (S. 113) Das Wort ist nicht ein etwas, sondern ist „Leben“, ist „Ereignis“. Nach Hölderlin heißt es: „.. seit ein Gespräch wir sind..“ (S. 114) Weil zum Sprechen auch Hören gehört, hieße es nun nach Paulus: „Wir sind kein Gespräch.“ (S. 114) Damit wird Beten vom Hören her verstanden: „Beten zielt nicht auf Erhörtwerden ab, so als hätten wir dabei das erste Wort, sondern kommt vom Hören her. Wer betet, wartet nicht auf Antwort, sondern antwortet betend auf das gehörte Wort.“ (S. 114) Das wird nun (leider) zu schnell verallgemeinert: „Unser ganzes Leben besteht aus Antwortversagen und Antwortversuchen, aus Nichtbeten, deas heißt Resignieren, und aus Beten, das heißt Klagen. (S. 115) Somit richtet sich dieser Satz des Paulus – auch – an Gott, ist selbst Gebet, ist Gebet der Sprachlosen. „Wie werden wir ein Gespräch? Woher lernen wir beten? .. Jesaja 65, 24.. ‚Und soll geschehen, ehe sie rufen, will ich antworten, wenn sie noch reden, will ich hören.“ (S. 116)
„Kirche außerhalb der Kirche“ (S. 117-129).
Obwohl Dorothee Sölle an vielen Stellen dieses Buches, dessen letzten Artikel ich hiermit vorstelle, mit Rudolf Bultmann für existentiale Interpretation argumentiert und Entmythologisierung betreibt, stellt sich mir hierbei die Frage, ob sie nicht hat auch mit an vielen Stellen anscheinend unausgesprochen mit Paul Tillich argumentiert, wenn sie z.B. fragt: „Gibt es nicht als Folgeerscheinung der Säkularisation eine „Kirche außerhalb der Kirche“, eine verborgene, eine latente Kirche, in der Christus wie einst auf dem Weg nach Emmaus unerkannt gegenwärtig ist?“ (S. 120) Es geht um Kirche außerhalb der Gemeinde, wie sie etwa von den hier vorgelegten Radiovorträgen erreicht wird. Sie zeigt allerdings auch den kritischen Punkt auf: „An dieser Stelle muss allerdings gefragt werden, wo denn die Grenze zwischen der latenten Kirche und der Nicht – Kirche zu sehen ist.“ (S. 122) Am Beispiel von Waisenkindern, die von ledigen Frau am Wochenende besucht werden, zeigt sie aber, dass hierbei die tätige, wortlose Liebe in Bezug auf Mt. 25 ebenfalls als Kirche gesehen werden muss. Außerdem nennt sie die Erfahrung von Psychotherapeuten, „Dass es weit verbreitet ein zwar unbestimmtes, aber nie aufgegebenes Suchen danach gibt, dass ein Stück von der Menschlichkeit Christi in der Welt erscheine. Es gibt eine elementare Sehnsucht nach Vertrauenkönnen.“ (S. 123) Wenn es also die latente Kirche hier und dort gibt, dann ist ihr offensichtliches Kennzeichen allerdings die Sprachlosigkeit, was ihr wohl wenig Zukunftsfähigkeit verleiht. Sie hat vielmehr die Funktion der Warnung an die verfasste Kirche, mehr auf die Funktion der Sprache zu achten. Von dieser Argumentation kommt D. Sölle zu der eher traditionell anmutenden Rolle der verfassten Kirche, die „ihre Existenzberechtigung in der Verkündigung des Evangeliums“ (S. 127) hat. Sie steht vor der Aufgabe, dabei „eine Sprache zu finden, die mit ihrer gegenwärtigen Wirklichkeit zu tun hat, nicht nur mit vergangener“ (S. 127). Die beiden Formen von Kirche werden zum Schluss mit dem Gleichnis von den zwei Söhnen verglichen, die beide von der Liebe des Vaters beschenkt werden. Hiermit sei aber gerade die kritischen Worte dieses Aufsatzes nicht unterschlagen, die die damalige, und heutige Situation von Kirche hart ins Gebet nehmen. Das Bild von den konzentrischen Kreisen, das von der Mitte aus gesehen Christus, die Kirche und dann erst die Welt zeigt, ist theologisch falsch: „Christus ist nicht der Mittelpunkt, der von der Welt durch den Schutzwall der Kerngemeinde getrennt wäre. Auch heute hat Christus seinen Ort noch dort, wo ihn vor 2000 Jahren Jesus von Nazareth fand – bei den Zöllnern und Sündern, bei den Randsiedlern und Atheisten. Warum hat Jesus zu diesen Leuten gehalten? Weil er Menschen nicht ansah nach ihren Lebensgewohnheiten, ihren Ansichten über Gott und Unsterblichkeit, sondern nach ihren Erwartungen.“ (S. 118) Was tut eine so theologisch falsch verfasste Kirche: „Nach innen aber versucht sie, dem Autoritätsverlust so zu begegnen, dass sie ein Stück älterer, vormoderner Gesellschaftsstruktur für sich und ihren Bezirk rettet. Sie erklärt ein Stück Welt, vergangene Welt für unantastbar und behauptet, es sei dem geschichtlichen Wandel nicht unterworfen.“ (S. 119) Wie sich die Kirche dann nach außen darstellt, stellt D. Sölle an anderer Stelle unverblümt fest: „Man bietet Antworten auf Fragen, die der nichtkirchliche Christ nie gestellt hat, Vereinswesen, das ihn nicht interessiert, Verdächtigungen der säkularen Welt und ihrer Humanität, Ortsgemeinden, die die Menschen nicht nach ihren Lebensinteressen ansprechen, weil diese Lebensinteressen ja in den meisten Siedlungen nicht mehr räumlich überschaubar sind.“ (S. 124)

Anmerkung: Im Jahr 1964 erschien im Ullstein Verlag, Frankfurt/m. – Berlin, ein Taschenbuch mit dem Titel „Der Christ in der neuen Wirklichkeit“, herausgegeben von Fritz Heinrich Ryssel. Darin befindet sich auch ein Text von Rudolf Bultmann mit dem Titel „Der Gottesgedanke und der moderne Mensch.“ (S. 11 – 21) weiter mir vom Namen her bekannte Autoren sind: Klaus von Bismarck, Johannes B. Metz, Walter Dirks, Oswald von Nell – Breuning, Karl Rahner und Günter Bornkamm. Zu diesem gehört auch der Text von D. Sölle „Ist Gott von gestern?“ (hier: s.o.). Alle Texte des Bandes gehen auf eine Sendereihe des hessischen Rundfunks zurück. Ob Dorothee Sölle andere Texte dieses Buches noch an anderer Stelle veröffentlicht hat und wann, ist nicht bekannt.

[1] Sigrid Loersch. Die Theologie Dorothee Sölles. Darstellung und Kritik. Ein Beitrag zur Theologiegeschichte des 20. Jahrhbunderts. Münster 1975 (Dissertation), S. A 112

[2] lt EKL Bd. 6 verfaßte Gogarten folgenden Schriften, die zumindest vom Titel her doch Nähe zum Werk Dorothee Sölles zeigen: Politische Ethik, Jena 1932, Der Mensch zwischen Gott und Welt, Heidelberg 1952, Verhängnis und Hoffnung der Neuzeit, Stuttgart 1953. Friedrich Gogarten ist in Dortmund geboren, woran hier nichts erinnert, oder?

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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