Dorothee Sölle und Luise Schottroff, Jesus von Nazareth, Rezension von Christoph Fleischer

Zu: Dorothee Sölle und Luise Schottroff. Jesus von Nazareth. Dtv Portrait. München, 4. Auflage 2002.

Angeregt durch die Beschäftigung mit dem Buch „Jesus.“ Von Rudolf Bultmann. Tübingen 1926/1988 möchte ich versuchen, einfach die inhaltlichen Grundlinien des Buches von Schottroff/ Sölle nachzuzeichnen. In Orientierung an Bultmanns Jesus – Buch frage ich und vor allem nach den theologischen Grundlinien. Wie bei Bultmann ist der biblische Bezug ziemlich wichtig, den Bultmann durch das reine Zitieren der Bibelstellen verfolgt. Sölle/ Schottroff stellen den biblischen Zusammenhang dagegen erklärend und exegetisch erläuternd dar. Doch liegt nicht doch das Hauptgewicht auf den inhaltlichen Schlussfolgerungen?

Einführung: Obwohl es im streng historischen Sinn nicht möglich ist, ein Biografie Jesu vorzustellen, ergibt sich aus den Überlieferungen ein Bild „historischer Erkenntnisse“, wenn Jesus und die Urkirche im 1. Jahrhundert auf dem Hintergrund des damaligen Judentums gedeutet werden. Christentum im strengen Sinn ist es erst im 2. Jahrhundert. Dabei werden drei Ansätze besonders verfolgt: Der feministische und der befreiungstheologische Ansatz, sowie der Ansatz, der die antijudaistischen Tendenzen der christlichen Tradition korrigiert. Das Buch ist darüber hinaus reichlich bebildert und mit kommentierenden poetischen Texten versehen.

Die Kraft der Legenden: Geburt und Kindheit. Zunächst werden die Geschichten um Maria und Elisabeth referiert und der Kontrast „zwischen ihrer Realität und der erhofften Gerechtigkeit“ (S. 13) herausgearbeitet. Das Buch geht auf die Bedeutung Jesu genauso ein wie auf seine Herkunft: „Jesu Leben wird … als Beginn der weltweiten Gerechtigkeit gedeutet. Und so ist sein Weg auch von Jesus selbst gedeutet worden.“ (S. 14) Dies gilt besonders für die Bethlehemlegenden, die ihn durch seinen angeblichen Geburtsort als Messias ausweisen. Dies unterstreicht die Weihnachtsgeschichte. „Sie spricht von den Hoffnungen vieler Menschen, die in Jesu Leben Gestalt gewannen und die nach seinem Tod nicht aufgehört haben.“ (S. 15) Die einzige Kindheitslegende des Lukasevangeliums wird ebenfalls christologisch gedeutet: „Nicht die familiäre Beziehung – oder die ethnische oder kulturelle – begründet die Gemeinschaft der Nachfolgenden, sondern ihre Lebenspraxis, die hier mit den einfachen Worten „Den Willen Gottes tun“ benannt wird. (S. 17) Die Kindermordlegende dagegen wird politisch gedeutet, da dieser Herrscher im jüdischen Volk wohl recht unbeliebt war. „Ein Flüchtlingskind verkörpert Gottes Erbarmen mit dem leidenden jüdischen Volk.“ (S. 18)

Der Beginn: Taufe und Versuchung. Mit einem Vergleichs – Text von Josephus, „der Ägypter“ (S. 19f), wird das Auftreten eines messianischen Propheten dargestellt. Der messianische Widerstand ist theologisch begründet im Vertrauen auf Gott, der zugunsten des Volkes Israel in der Geschichte eingreifen kann und wohl auch wird. In Jesu Predigt deutet sich ebenfalls messianisches Gedankengut an: „Aus der Perspektive einer heutigen Geschichtsschreibung war Jesus ein messianischer Prophet im jüdischen Volk wie viele vor ihm, neben ihm und nach ihm.“ (S. 22) Jesu Messianität entscheidet sich aber nicht an der Frage, ob er sich selbst für den Messias hielt oder nur das „das endzeitliche Gericht des ‚Menschensohnes'“ (S. 23) ankündigte. In der Versuchungsgeschichte werde drei falsche Wege des Messianismus kritisiert: der „Materialismus“, der das Volk mit „herbeigezaubertem“ Brot befriedigen will, der Theismus, der Gott auf die Probe stellen will und der Imperialismus, der auf Macht und Herrschaft zielt.

Pax Romana: Der Hintergrund der Jesusgeschichte. Die Hoffnung auf das Reich Gottes stand im Gegensatz zur Erfahrung der römischen Weltherrschaft. Wer hat den berechtigten Anspruch auf jeden Menschen: Gott, der Schöpfer des Lebens oder der Kaiser, der die Kopfsteuer erhob? „Jesus formulierte … die Lage der Unterdrückten. Sie werden Steuern zahlen müssen, aber sie sollen trotzdem Gott geben, was ihm gehört, sie sollen dem Kaiser keine Macht über den eigenen Körper zugestehen…“ (S. 28) Jesus stellte einfach die Frage in den Mittelpunkt: „Was bedeutet es, Gott zu gehören – jetzt – in unserer Situation?“ (S. 29) Das gilt auch heute. Gott hat die Menschen zur Freiheit geschaffen und nicht dazu ihre Körper gegenseitig zu missbrauchen.

Ein Tag in Kafarnaum. Jesu Auftreten in einer Synagoge zeigt deutlich: „Jesus ist ein Lehrer, ein wandernder Rabbi, der die Schrift auslegt und sie, wie jeder Prediger, in die Gegenwart der Menschen übersetzt.“ (S. 31) Dazu heilte er und vertrieb böse Geister, womit er ein Zeichen für die Kraft Gottes in ihm selbst gab. Er gründete Freundschaften, begann mit der Bildung von Gruppen, darunter die Gruppe der 12. Er hatte Menschen, die an seiner Seite waren. „Die Menschen um Jesus (die eine familia dei bilden) sind eins darin, dass sie sich dem Willen Gottes in ihrem Lebensstil, ihren Hoffnungen, ihrem Handeln und Erleiden angleichen.“ (S. 36)

Maria Magdalena: Die Autorinnen beschreiben aus den Texten die Frauengruppe der Jüngerinnen, die besonders in den Kreuzigungs- und Ostertexten zu Tage tritt. Dadurch dass die Auferstehungszeugen ihre Angst überwunden haben, wurde die Kirche nach Jesu Tod. Aus einem anderen Bericht wird geschlossen, dass Maria Magdalena, vom Namen her unverheiratet, durch Jesus geheilt worden war und nun selbst zur Heilerin wurde. Von dieser Jüngerin ist die namenlose Prostituierte zu unterscheiden, die beim Gastmahl Jesu zugegen ist. Die Autorinnen weisen darauf hin, dass Jesu Zuwendung zu den Prostituierten auch darin begründet lag, dass dies für solche die einzige Möglichkeit war, die drohende Versklavung der Schuldknechtschaft abzuwenden. Zusammenfassend: „Die Erzählung von Jesu Begegnung mit der Frau enthält verhaltene, auch indirekte Züge einer Geschichte der Beziehung von zwei Menschen, in der sich die Liebe Gottes ereignet.“ (S. 44) oder anders gesagt: „Die Frau hat in ihrer Entwürdigung durch die Prostitution die Kraft zur Liebe, die Gott auf die Erde holt, nicht verloren. .. Es ist Ausdruck ihres Kampfes um ihre Würde, dass sie uneingeladen in ein Gastmahl eindringt, um ihre Not und ihre Liebe zu Jesus auszudrücken.“ (S.45)

Petrus. In den Evangelien stehen die herausgestellte Berufung des Petrus und die Betonung der Verleugnung Jesu durch ihn in einer gewissen Spannung. Dies wird hier zunächst mit der üblichen Deutung versehen, dass es ihn gerade als herausragenden Kirchenführer als menschlich und fehlbar erscheinen lässt um daraus zu schließen: „Die widersprüchliche Figur namens Petrus ist ein Hinweis auf die immensen Schwierigkeiten, die Menschen, die sich im Lauf der christlichen Geschichte auf den Weg Jesu eingelassen haben, zu erwarten hatten und haben.“ (S. 50) Judas wird hier als Gegenspieler des Petrus gesehen und Gemeinsamkeiten wie Unterschiede beobachtet, um dann jedoch zu schließen: „Petrus, Judas und Jesus starben an dem, was sie versuchten. … Aber der Weg, den sie zeigen, führt von der bodenlosen Angst, die Johannes Chrysostomos den „Bann der Furcht“ nannte, in die neue messianische Praxis des gemeinsamen anderen Lebens. Die frühe Anfangskirche in Jerusalem, die für den Evangelisten Lukas so wichtig war, ist das Modell des Weges, den Menschen in der Erinnerung an Jesus aus dem Gefängnis der Angst heraus fanden.“ (S. 52) In verschiedenen Aspekten der Kirchengeschichte wie z.B. dem „Nein zu Frauen, zu ihrer geistlichen Berufung, zu ihrer Würde und ihrem Amt“ sehen die Autorinnen die Fortsetzung der Verleugnung Christi.

Segnung der Kinder. Zunächst einmal wird wahrscheinlich zu recht zutreffend festgestellt, dass wir die Anwesenheit von Kindern in biblischen Ereignissen auch dann vorauszusetzen haben, wenn diesen nicht wörtlich erwähnt sind z.B. bei den Massenspeisungen o.ä.. Die Elendsberichte der Dritten Welt werden hier, wie auch an anderen Stellen auf die Situation zur Zeit Jesu übertragen, da es auch zu seiner Zeit oft um Armut ging. Der Ausdruck „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder“ ist also dann nicht im Sinn kindlicher Naivität gemeint, wie bei Matthias Claudius, sondern im Sinne urchristlicher Askese. Außerdem werden gerade in diesen Geschichte Beispiele der positiven Haltung Jesu zum Segen gezeigt. „Der oder die Segnende teilt die Macht Gottes mit anderen und überträgt in der heiligen Handlung Kraft und Schutz an die, die sich nicht selbst schützen können. Segnen ist eine Grundgeste des Glaubens. … Vielleicht wissen Kinder davon mehr als die im tüchtigen Leben oft religionsfrei gewordenen Erwachsenen. Segnen und Gesegnete werden haben etwas mit Ichloswerden zu tun und mit einer Beheimatung in dem Grund allen Daseins, in Gott.“

Der Konflikt um den Sabbat. Obwohl zunächst die Bedeutung des Sabbats besonders auch für die Frauen herausgestellt wird, müssen die Autorinnen feststellen, dass es damals keine heile Welt gab. Jesus provozierte gerade am Sabbat und protestierte mit Zeichenhandlungen wie des „Ährenraufens“ und des Heilens gegen die Armut im Volk. In diesem Zusammenhang wird deutlich gezeigt, dass es bei Jesus selbst wahrscheinlich kaum Gegnerschaft gegen die Pharisäer gab, vielmehr erst einige Zeit später in den Urgemeinden. Das Christentum lässt sich in zwei wichtigen Themen auf den Pharisäismus zurückführen, beim Abendmahl und beim Glauben an die Auferstehung. Ebenfalls die Betonung des Gehorsams gegenüber der Tora war für Jesus völlig unstrittig. „Die Auseinandersetzung war Kampf um den richtigen Weg des Volkes in einer extrem schwierigen Situation, nicht aber Ausdruck einer unversöhnlichen Gegnerschaft.“ (S. 62)

Krankenheilungen oder: Die Wunder. Nur wer reich war, konnte zur Zeit Jesu Ärzte konsultieren. Einfacher war der Besuch von Heiligtümern, die es auch in Judäa gab, z.B. das Asklepiosheiligtum in Jerusalem mit seinen Wasserbecken. Die Heilungen Jesu zeigen auf besondere Weise, welche theologischen Konsequenzen dabei im Blick sind: „Die Krankenheilungen Jesu sind Ausdruck seines und ihres Vertrauens zu Gott als dem Schöpfer, der ihr Leben will. Heilwerden heißt hier: Gottes Kind werden oder Tochter Abrahams werden oder auch rein werden, heilig werden. In anderen frühchristlichen Traditionen gibt es für diese Vorstellung vom Heilwerden die Metapher: „Tempel Gottes“ werden oder Tempel des heiligen Geistes. Alle diese Namen für den geheilten Leib teilen die Vorstellung, dass Gott selbst, seine Kraft, sein Geist im Menschen wohnen soll – nicht nur in seinem Kopf, sondern ins einem ganzen Körper. Ein heil gewordener Mensche ist daran zu erkennen, dass er Gott loben kann. Geheilte fangen an zu singen, sie richten sich auf, sie können selbst Gottes Kraft weitergeben.“ (S. 64f) Die Fähigkeit, solche Wunder zu tun, ist nicht auf Jesus exklusiv beschränkt. „Gott ist erfahrbar und wir können seine Kraft unter uns teilen.“ (S. 66)

Prophetische Handlungen. „Auch Jesus hat sich als Prophet verstanden.“ (S. 69) Also war Jesu Prophetie ebenfalls nicht exklusiv zu verstehen. Die Leute um Jesus und er unterschieden sich von normalen Reisenden dadurch, dass sie auf jede Ausstattung verzichteten. Sie vertrauten auf die Gastfreundschaft und „sie vertrauten auf Gott, der ihnen die Souveränität gab, keine Angst mehr um Essen und Kleidung zu haben.“ (S. 70) Jesu Verkündigung nach Lukas bestätigte und bekräftige die Botschaft Jesajas. „Propheten sind nicht windige Wahrsager, sondern Menschen, die die Wahrheit für die Gegenwart beim Namen nennen.“ (S. 71) Mit diesem und anderen Sätzen leitet die Behandlung der Prophetie Jesu über zur Betrachtung der heutigen Befreiungstheologie, die damit verwandt ist, indem sie selbst beginnt, „Wundergeschichten vom Heilwerden, vom Sattwerden, vom anderen Umgang miteinander zu erzählen ..“ (S. 72). Dies wird abgegrenzt von der „Schriftgelehrte“ fordernde Theologie … im Abendland“ (S. 72). Prophetische, meist gewaltfreie Handlungen sind aus den Befreiungsbewegungen des Südens bekannt, auch im Zusammenhang mit Angehörigen der dortigen Kirchen.

Bergpredigt und Feindesliebe. Auch wenn es kein schriftlich überliefertes Wort Jesu gibt, gilt die Bergpredigt doch „als die Zusammenfassung dessen, was Jesus geglaubt, gelehrt und gelebt hat.“ (S. 75) Sie ist „stilisiert zur Thronrede eines Königs. Sie ist das Regierungsprogramm des Messias.“ (S. 76) Das innere Thema der Bergpredigt ist: „Die, die nach Gerechtigkeit hungern, die deswegen verfolgt werden, zeigen und leben vor, wie Menschen lernen, Gott zu loben, wie sie „glückselig“ werden.“ (S. 77) Wenn von Aufständischen die Rede sein muss, dann von solchen, die ihre Feinde lieben. Einige Aspekte der Bergpredigt sind als „Widerstandsstrategie“ S. 78) zu deuten. „Auch hier versteht Jesus seine Predigt als Schriftauslegung, als Vergegenwärtigung des Gotteswillens in einer neuen Situation.“ (S. 79) Die Feindesliebe, die Jesus verkündigt, praktiziert er auch während seiner eigenen Verurteilung. Er gebraucht den Titel „Sohn Gottes“ auch für andere Menschen. Selbst er und seine spätere Nachfolger sind bemüht, auch ihre Gegner in „Söhne Gottes zu verwandeln“ (S. 80).

Geteilte Freude, geteiltes Brot: Die Mahlzeiten. In den jüdischen Mahlzeiten stellen die Segensworte ausdrücklich heraus, dass im Empfangen des Brotes Gott als der Schöpfer des Himmel und der Erde geglaubt wird. Der „Brotsegen … heiligt alle Speisen auf dem Tisch. Sie sind Teil der weiter gehenden Schöpfung, an der die Menschen durch ihre Speisen teilhaben – wie auch durch ihre Arbeit.“ (S. 81) Gleiches gilt auch für den Segen des Weinbechers. Jesus scheint diese Form des Familienmahles auf die Gemeinschaftsessen übertragen zu haben, die er als Teil seines Auftrags verstand. Dazu gibt es unterschiedliche biblische Belege. Er übertrat allerdings auch in diesem Zusammenhang jüdische Reinheitsgebote., da er mit „Sündern“ aß. Die „Vision vom Festmahl der Völker im Gottesreich, an dem auch der letzte Obdachlose teilhaben wird, zieht sich durch seine Handlungen.“ (S. 83) Dies wird auch gerade durch Belege der Gegnerzitate deutlich: „Jesus und die Seinen haben mitten im verelendenden Volk Volksfeste gefeiert. Sie haben die Vision vom Völkergastmahl im Gottesreich auf den abgeernteten Feldern Galiläas zelebriert.“ (S. 84) Nicht als historische Fakten, sondern als visionäre Erzählungen gehören dazu auch die Berichte von der Speisung Tausender. „Die hohen Zahlen sollen ausdrücken, dass in Jesu Nähe die Fülle des Gottesreiches erfahrbar war.“ (S. 84f) Aus dem Aspekt, dass einmal Jesus die Leute sich in Gruppen lagern ließ, wird geschlossen, „dass Jesus von Anfang an Gemeinschaften aufbauen half, die füreinander Verantwortung trugen, miteinander beteten und aßen. … Aus solchen Gemeinschaften entstand das christliche Abendmahl.“ (S. 85f) Dies wird an den Abendmahlsworten aus 1. Korinther 11 verdeutlicht: „Die Organisation in überschaubare Gruppen („Gemeinden“) und der Selbstausdruck der Gemeinschaft in gemeinsamen Mahlzeiten („Abendmahl“) war die Grundlage des beginnenden Christentums“, die als Messianer, als Christen Teil des Judentums waren. (S. 88)

Gott im Alltag: Die Gleichnisse. Dieses Kapitel widmet sich konkret der Auslegung einiger Gleichnisse, dem Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20, 1 – 16), dem Gleichnis vom verlorenen Groschen (Lukas 15, 8 – 10) und den Gleichnissen von Senfkorn und Sauerteig (Mk 4, 32 par.). Grundsätzlich: Die Gleichnisrede überhaut entstammt der jüdischen Tradition. Und: „In den Gleichnissen hat Jesus seine Erfahrungswelt beschrieben, die Welt der Großgüter, die von Pächtern verwaltet werden, und die Welt von Tagelöhnern und hart arbeitenden Frauen.“ (S. 89) Auch wenn man die Einzelheiten der Gleichnisauslegung nicht kennt, kann man erkennen: „Es geht nicht darum, die Details des Gleichnisses auszudeuten, sondern die Nähe Gottes sichtbar zu machen.“ (S. 100).

Der verlorene Sohn. „Die Gleichnisgeschichte, mit der Jesus auf diese Kritik (Umgang mit falschen Leuten) antwortet, erwächst aus der Spannung zwischen einem ausgrenzendem Verständnis von Religion, das sich an ethischen Normen und Ritualen des Alltags und der Festtage orientiert, und einem prophetischen, das, in der jüdischen Tradition gegründet, den Schrei der Unterdrückten als Gottes Stimme hört.“ (S. 101) Nach der paraphrasierenden Auslegung des Gleichnisses stellen die Autorinnen fest: „Der theologischste Satz dieser Geschichte, die sich so vielfacher psychologischer Auslegung anbietet, ist der letzte, in dem der Vater vom Verlorenen sagt, „er war tot und ist wieder lebendig“. Dass die Trennung vom Vater hier Trennung vom Grund des Lebens bedeutet, nicht eine ödipale Konfliktlösung, deutet auf das, was „Auferstehung“ in der christlichen Tradition bedeuten wird, voraus. In der Gottesferne sind Menschen „tot“, zur Freude unfähig. Der Erzähler Jesus muss etwas von den Glück des Freiwerdens ausgestrahlt haben.“ (S. 104)

Eschatologie: Gott ist nahe. Wenn vom „Reich Gottes“ die Rede ist, sind dabei antike Großkönigsvorstellungen zu assoziieren. Doch damit ist die Aussage in der Form der Herrschaft Gottes zugleich eine politische Vision: „Nur Gott ist König, niemand sonst. … Alle Völker sind gleichberechtigt.“ (S. 105) Die Herrscher der Völker, wie sie zur Zeit Jesu erlebt werden „missbrauchen ihre Macht“ (S. 106, Zitat von Mk 10, 42 par). Dagegen steht die Botschaft des Pfingstereignisses, als der Vorstellung von der Nähe Gottes ohne Zerstörung der kulturellen Eigenart. Jesus verkündete die Nähe Gottes. Diese Jesus – Texte sind indirekt Auferstehungsgeschichten, zeigen sie doch „wie die Nähe Gottes die Menschen verwandelt.“ (S. 107) Die Urchristenheit und Jesus knüpfen an die mythischen Bilder der jüdischen Apokalyptik an. Der Umgang damit ist heute ein besonderer: „Diese mythischen Bilder vom Gericht, vom ewigen Tod und vom ewigen Heil am Tisch Gottes sind heutigen Menschen unverständlich geworden. Sie hören sich grausam an, wecken den Verdacht, dieser Gott richte willkürlich, nach seinem Gutdünken. Sie wecken auch den Verdacht, sie seien nichts als Rachephantasien von Menschen, die sich nicht wirksam wehren können. Sie bedürfen der Übersetzung. Die entscheidende Einsicht in neuerer Forschung ist, dass diese apokalyptischen Zukunftsmythen zwar über die Zukunft sprechen, aber die Gegenwart meinen. Es soll gesagt werden, welche Stunde jetzt geschlagen hat: Die Stunde aufzustehen ist gekommen, auch für die, die meinen, ohnmächtig zu sein.“ (S. 108f) Dies wird nun an der Vorstellung der sogenannten „Naherwartung“ erläutert. An die Stelle der Idee linearer Zeit tritt in jüdischer Vorstellung die Idee der Beziehung. Die Apokalyptik meint so auch mit dem Begriff „Ende“ nicht das Ende unserer Welt, sondern „das Ende der Leiden auf der Erde.“ (S. 110) Gott ist nahe. Und: „Gottes Nähe hat Konsequenzen: „Kehrt um“, ändert euren „Sinn“. „Ich habt Grund zur Hoffnung“. „Es ist Zeit, Loblieder zu singen.“ (S. 111) Und damit ist klar: „Die Gegenwart wird so als von Gott bestimmte Zeit erfahren.“ (S. 112)

Die Kreuzigung. „Was wir historisch wissen können, ist, dass an einem Freitag im Frühjahr der Jahre zwischen 26 und 36 n. Chr. Jesus aus Nazareth durch römische Soldaten in Jerusalem hingerichtet wurde.“ (S. 113) Der Hinrichtungsgrund, der durch die Inschrift am Kreuz angegeben wird deutet auf ein politisches Motiv: „Aus der Perspektive Roms war ein Mensch, der für den Messias gehalten wurde, eine politische Gefahr.“ (S.114) Auf dem Hintergrund der Widerstandsgeschichte des 1. Jahrhunderts ist die Kreuzigung Jesu keinesfalls ein Missverständnis Roms, auch wenn Jesus selbst nicht politisch motiviert war. Die Autorinnen verhandeln nun die Rolle der Volksmenge, die bei römischen Hinrichtungen üblicherweise dazu gehörte, sowie diejenige der jüdischen Obrigkeit in Jerusalem. „Im Johannesevangelium (11, 48) wird ein Hoherpriester zitiert, der fürchtet, dass Jesus durch seinen Erfolg im jüdischen Volk den Römern als politische Bedrohung erscheinen könnte; eine durchaus realistische Einschätzung der Verhältnisse.“ (S. 120) Der Tod Jesu im spirituellen Sinn kann durchaus anhand der traditionellen sieben Worte am Kreuz gedeutet werden, auch wenn sie über die Passionsberichte verstreut überliefert sind: Anfangs z.B. geht es um das Zitat des 22. Psalms: „Der Jesus, der hier spricht, ist ein Sohn Gottes, der uns gleich geworden ist – bis in die Gottlosigkeit hinein.“ (120f) Die Deutung des Kreuzes lautet insgesamt: „Das Kreuz zu umarmen ist eine christliche Geste, die das Leben wählt. Sie heißt, das Kreuz, die Schwierigkeiten, die Erfolglosigkeit, die Angst allein dazustehen, in Kauf zu nehmen. Die Tradition hat uns nie einen Rosengarten versprochen. Das Kreuz zu umarmen bedeutet heute, in den Widerstand hinein zuwachsen. Und das Kreuz wird grünen und blühen. Wir überlieben das Kreuz. Wir wachsen im Leiden. Wir sind der Baum des Lebens.“ (S. 123) Bemerkenswert ist nun, dass diese Anspielungen auf Kreuzesmystik direkt zur Botschaft der Auferstehung überleiten, weil sie die Menschen heute vor so viele Probleme stellt: „Und doch beginnen Menschen, Auferstehung zu erfahren, die sich der Kreuzigung damals und heute stellen. Dafür gibt es zwei Gründe. Der erste Grund ist das Kreuz, das man nicht von der Auferstehung trennen darf, wenn man an dem Sinn der Sache festhalten will. Der Glaube an die Auferstehung verwurzelt uns in der alten und in der eigenen Geschichte. … Der andere Grund ist unser eigenes leben, das wir nicht vom Tod und Leben Jesu trennen wollen, auch nicht von der Niederlage und dem Sieg des Lebens Gottes, Ostern ist entweder existentiell oder es sagt überhaupt nichts und wird mit Recht vermarktet.“ (S. 124) Der Schluss des Abschnittes ist dieses dennoch nicht, sondern die Aussage, die sich auf die Kreuzigung zurückbesinnt als das konsequente und gewollte Ende dieses Weges Jesu: „Er wollte es nicht besser haben als die Ärmsten. Darum lebte er ohne Gewalt und ohne Schutz vor der Gewalt.“ (S. 124) Die Deutung des Todes Jesu ist also nun doch vom historischen Jesus her zu gewinnen, in seiner besonderen prophetischen Lebensverständnis das in den politischen Konflikt hineinführte. Widerspricht diese Deutung der traditionellen Glaubensauffassung von Tod Jesu? Dazu das nächste Kapitel:

Für unsere Sünden gestorben: Der Sühnetod. Dieser Abschnitt wird zusätzlich mit der Überschrift „Martyriumstheologie“ markiert. Die Geschichte Israels wird, wenn sie in das Leiden führt, oft als „Ausdruck gemeinschaftlicher Schuld vor Gott“ gedeutet. (S. 125) Wenn die Menschen des 1. Jahrhunderts ihre Erfahrungen und ihre Angst auf dem Hintergrund dieser biblischen Vorgaben gedeutet haben, dann ergab sich daraus die Deutung des Todes wie Jesu Kreuzigung als eines „Martyriums“ (S. 126). Konkret heißt das: „Jesu Tod wurde als Tod für die Sünde des Volkes – „für unsere Sünden“ – gedeutet oder auch als Sühneopfer und Lösegeld für das gefangene Volk.“ (S. 126) Dies wird mit einem Vergleichszitat aus dem 4. Makkabäerbuch belegt, wo genauso argumentiert wird: „Die Märtyrer reinigen und heiligen die durch die Sünde befleckte Seele des Volkes durch ihren Tod.“ (S. 127) Die hergebrachten Opfervorstellungen in Bezug auf Tempelverrichtungen werden hier sekundär verwendet. Diese Deutung bleibt bis heute gültig: „So ist Gott wieder mit seinem Volk vereint und die Feinde haben keine Macht mehr über das Volk, denn es ist nicht stumm geblieben. Die Tradition der christlichen Liturgien, ein gemeinsames Sündenbekenntnis zu sprechen, hat auch in der Gegenwart nichts von seiner befreienden Kraft verloren. Die Gemeinschaft wird zum Ort der Klarheit und Analyse, der Klage und zugleich der Befreiung.“ (S. 127) Hierzu ist an das Abendmahl zu erinnern, seit Anbeginn die Mitte christlicher Feier: „Die Erinnerung an den Tod des Märtyrers wurde zum Mittelpunkt eines gemeinsamen feierlichen Abendessens und zur Quelle der Hoffnung, dass die Macht Gottes größer ist als die Macht des Todes.“ (S. 127) Hierzu ist von Sünde nicht in Bezug zu irgendwelchen Fehlverhalten die Rede, sondern als der Trennung von Gott und Gottes Willen. So ist die Frage, die die Deutung des Kreuzes als Sühnetod an uns stellt: „Was trennt mich von Gott, was trennt mich vom Leben in seiner Fülle?“ (S. 128) Dies wird hierbei mit einer Erwähnung von Auschwitz und der Theologie danach untermauert. Sünde geschieht so verstanden allein durch „wegsehen, Nichts-gewusst-haben, Nicht-aktiv-beteiligtsein“ (S. 128).

Die Auferstehung. Zunächst wird gezeigt, dass die Auferstehungsvorstellung zur damaligen zeit schon zum Volksglauben gehörten und auf diesen oder jenen angewandt werden konnte. Schon im Markusevangelium heißt es vom historischen Jesus, er sei der auferstandene Täufer (Markus 6, 14 – 16). Wenn ein Prophet nicht stirbt, sondern entschwindet, dann heißt dies: „Er kommt wieder oder ein anderer Mensch wird sein Werk fortsetzen.“ (S. 130) Dennoch ist das Christentum eine Weiterentwicklung dieser Vorstellung: „Der Glaube an die Auferstehung des gekreuzigte3n Messias Jesus hat eine einmalige und besondere Gestalt und ohne diesen Glauben wäre kein Christentum entstanden.“ (S. 130) Hierzu ist auf die Vorstellung der Auferstehung grundsätzlich einzugehen, die sich auch in Bestattungsformen ausdrückt und letztlich zeit: „Die Auferstehung der Toten zum ewigen Leben ist Ausdruck der Hoffnung, dass das Unrecht nicht siegt.“ (S. 131) Jesu Auferstehung ist auf diesem Hintergrund ein Beispiel für die Auferstehung aller. Die Vorstellung von der Auferstehung Jesu wird im Rückgriff auf die Geschichte vom leeren Grab, hier Lukas 24, 1 – 9 beschrieben, und zwar unter der Voraussetzung dass es nicht um die Verleugnung des Todes, der Verwesung und damit Durchbrechung der Naturgesetze gehen kann. Zunächst ist die Frage zu bestimmen, um welchen Tod es sich bei Jesu Tod handelt: „“Tod“ ist hier der Tod Jesu als Ende der Geschichte des Nazareners und zugleich Tod als das Ende von Hoffnung, als das Auslöschen der Vision von einem anderen Leben, das Menschen miteinander führen können.“ (S. 124) Die Evangelien verdeutlichen die Botschaft der Auferstehung nun anhand der Geschichte von Erscheinungen Jesu. Dazu ist es nötig, diese auf die Fortsetzung in die Gemeinde hinein zu deuten, als „Erinnerung an Jesu Worte und seine Art zu leben“ (‚S. 134) und als „die Erinnerung an das geteilte Mahl, in dem er gegenwärtig war und sein wird“ (S. 135), an „Schrift und Sakrament“ (S. 135). Die Deutung des leeren Grabs auf der Ebene des von Naturwissenschaft geprägten Bewusstseins ist oder in Auseinandersetzung damit noch keine Vorstellung der Auferstehung Jesu. Es geht um das ewige Leben, dass aus der Erinnerung entsteht, und zwar nicht nur der Erinnerung der Hinterbliebenen, wie es in Todesanzeigen ausgedrückt wird, sondern der Erinnerung Gottes selbst: „Gott ist Gedächtnis“ (S. 138). Der Abschluss greift dann noch einmal die heutigen Schwierigkeiten mit dem Begriff Auferstehung auf: „Wir suchen heute nach einer Sprache, die dieses Geheimnis der Welt, das die Jesusfreunde als Auferstehung erfuhren, benennen kann. Eine traditionelle Sprache fand dafür die Jesusbewegung nach Jesu Tod in neuen, ganz eigenen Ausdrucksformen. Die Feier der Auferstehung am frühen Sonntagmorgen ebenso wie die Erinnerung an das letzte Mahl hielten and er unzerstörbaren Hoffnung auf Leben für die ganze Schöpfung fest.“ (S. 138)

Nachwort: Seit 2000 Jahren steht dieser Jesus von Nazareth auf. Erst an dieser Stelle bricht die Schwierigkeit auf, ob sich „Jesus von Nazareth“ eigentlich dem Anspruch der dtv Reihe „Portraits“ stellt, oder ob ein geschichtlicher Zugang letztlich doch nicht möglich ist. „Heute denken viele Menschen in der reichen Welt, Jesus von Nazareth sei eine Gestalt der Geschichte, die ins Museum gehört, aber nicht in unsere Wirklichkeit. Aber auch im postchristlichen Zusammenhang spüren Menschen immer wieder, dass Jesus aus dem Museum der Historie auszieht und Herausforderung und Tröstung für menschliches Leben bedeutet.“ (S. 139) Aber auch gerade solche, die den Glauben ängstlich bewahren wollen, wollen sein Bild nur im Himmel festgeschrieben haben. Nun ist von Inkarnation symbolisch die Rede: „Veränderungen des Glaubens gehören in die Geschichte … eine unabgeschlossene, unsere Möglichkeiten freisetzende Geschichte mit einem offenen Horizont.“ (S. 140). Dies gilt nicht nur für dogmatische Sätze, sondern auch für die offenen Fragen der christlichen Lebensgestaltung. Jetzt beginnen die Autoren den Begriff „Jesus von Nazareth“ durch den Begriff „Christus“ zu ergänzen: Seit 2000 Jahren steht dieser Jesus von Nazareth auf! Er verwandelt das Bewusstsein der Menschen, die ihm sein Versprechen glauben. Seit ihm und in ihm ist die Hoffnung auf der Welt gewachsen und es gibt mehr Grund, Mut zu haben. In seinem Namen ist das Gesicht der Erde verändert worden. Sprechen wir von Christus, so nehmen wir das, was Franziskus oder Martin Luther King von Jesus gelernt haben, in unsere Beziehung mit auf; wir übernehmen die Schätze, die Menschen in der Begegnung mit Jesus gesammelt haben. Er ist der verstandene, der konkret entfaltete, der vorangehende, weiterwirkende Christus, von dem wir lernen können. Dieser Weg Christi bis zu uns hin ist nicht umsonst gewesen.“ (S.140f) Damit aber dieses Bild Christi nicht der völligen Manipulierbarkeit unterliegt ist der Rückgriff auf Jesus von Nazareth unabdingbar. Dennoch: „Auferstanden ist immer nur der Christus, der Gegenwart wird und der uns in unserer jetzigen Wirklichkeit die Wahrheit über unser Lebens sagt. Tot bleibt der, von dem wir nichts lernen. Der uns nicht verändert und der unser Gewissen nicht empfindlicher macht.“ (S. 141)

Schlussbemerkung: Dieser letzte Satz und die formale Parallele zu Bultmanns Jesus Buch, das ja auch in einer säkularen Verlagsreihe wie dtv – Portraits erschienen ist, macht es lohnend zu fragen, inwiefern eigentlich Dorothee Sölle und Luise Schottroff den Grundlinien Rudolf Bultmann treu geblieben sind.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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