Dürfen Unternehmen mit Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland drohen? Bericht von Christoph Fleischer, Meschede 2005

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Die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland steht im Zusammenhang weltweiter Globalisierung. Sie entspricht dem wirtschaftlichen Prinzip der Arbeitsteilung, das zu höherer Produktivität führt.

Von diesem Produktivitätsfortschritt profitieren in Deutschland eher die gut qualifizierten Arbeitnehmer, da deren Arbeitsleistung exportiert wird, während im Ausland eher die Arbeit nicht so gut ausgebildeter Arbeitskräfte genutzt wird. Es ist eine gesellschaftliche Aufgabe, dies zu kompensieren, so führte Prof. Dr. Martin Ehret von der FH Meschede aus. Eine Drohung mit der Verlagerung von Arbeitsplätzen steht im Zusammenhang des Kräftespiels der Tarifparteien, wobei die „Drohung“ dazu dient, einen innerbetrieblichen Interessenausgleich möglich zu machen.

Der Unternehmer Walter Siepmann aus Warstein – Belecke berichtete von der Verlagerung eines Teilbereichs der Produktion nach Rumänien, die letztlich dazu diente, einen Teil der Produktpalette weiterhin anbieten und die profilierte Marke dadurch schützen zu können. In Deutschland verbleiben meist Produktserien mit niedriger Stückzahl, die nicht wirtschaftlich importiert werden können. In der Diskussion beteiligte sich ein weiterer Unternehmer, der als Zulieferer sich an seinen Kunden orientierte und daher einen Teilbetrieb in Tschechien eröffnete (Sauerwald, Bestwig).

Zunächst wurde die Verlagerung von Arbeitsplätzen nicht unter dem Aspekt der Drohung erörtert, obwohl auch bei innerbetrieblichen Vereinbarung schon eine Drohung darin bestehen könnte, dass zumindest die Möglichkeit besteht, Arbeitsplätze könnten verlagert werden.

Der Soziologe Norbert Zöller von der katholischen Sozialakademie Dortmund warnte vor Verlagerung von Arbeitsplätzen, da dabei die humanitären Standards unter denen die niedrigen Lohnkosten entstehen zumeist unberücksichtigt bleiben. Er bezeichnet dies als Dumpingprozess, der hierzulande lange bestehende Arbeitnehmerrechte untergräbt. Er sieht Unternehmen als öffentliche Institutionen, die durch das Ausdünnen ihrer hiesigen Produktionsbereiche letztlich das gesellschaftliche Umfeld mit beeinträchtigen. Man könnte es auf die knappe Formel bringen, dass Arbeitslosigkeit allen schadet, letztlich also auch den Unternehmen. In der Diskussion wurde aber am Beispiel des Belecker Gießereibetriebes deutlich, dass der massenweise Abbau von Arbeitsplätzen in Deutschland hauptsächlich durch Rationalisierung entstanden ist und nicht durch Verlagerung. Eine Verlagerung von Arbeit ist allerdings schon in den vergangen Jahrzehnten dadurch erfolgt, dass ganz Branchen oder Produktikonsbereiche abgewandert sind, bzw. durch ausländische Konkurrenz verdrängt wurden (z. B Kameras, Textilien). Die Anfragen von Norbert Zöller wurden in der Diskussion darin vertieft, dass internationale Kontrollen gegen Kinderarbeit oder ungewöhnlich lange und inhumane Arbeitsbedingungen gefordert wurde. Es wurde schon klar, dass die einzelnen Unternehmen sich eher am Markt orientieren müssen, als an der Frage der humanen Standards. Herr Siepmann machte allerdings deutlich, dass auch diese Frage immer implizit mitschwingt, da er keine Verträge mit unsicheren oder gar kriminellen Vertragspartner im Ausland eingehen würde.

Am Beispiel der Unternehmen, die im europäischen Osten investieren zeigte sich, dass darin auch eine Form von Aufbau- und Entwicklungshilfe geleistet wird, die der Einheit Europas zugute kommt. Es kam auch zu Völkerverständigung und Begegnung zwischen den deutschen und ausländischen Betreibsteilen.

Die Frage nach der Drohung mit Verlagerung kam gegen Ende der Diskussion noch einmal in den Blick. Herr Siepmann wies darauf hin, dass die Produktivität in einem Betrieb davon abhängt, wie gut die Belegschaft kooperiert und wie gut sie motiviert ist. Da eine solche Drohung der Produktivität schaden würde, kommt sie nur dann in Frage, wenn es dem Betrieb wirklich schon sehr schlecht geht und dadurch andere Arbeitsbedingungen ausgehandelt werden müssen. Dass auch dies unter Umständen sinnvoll ist, zeigte ein Beispiel (Vissmann).

Die ethische Frage ist, sofern sie sich an den Menschen und ihren Bedürfnissen orientiert, inzwischen schon sehr weitgehend in die Betriebswirtschaft integriert. Sie ist notwendig, indem sie an gesellschaftliche Rahmenbedingungen erinnert. Auch die Frage, ob die Verantwortung vor Gott eine Rolle spielt, wird in den einzelnen Bereichen zu beantworten sein, die dabei eine Rolle spielt: Wie gestaltete sich die Beziehungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter untereinander? Werden soziale und humanitäre Standards eingehalten und kontrolliert? Dient der Aufbau und wirtschaftliche Erfolg eines Unternehmens nicht auch dem ethischen Ziel, einen Beitrag für das humane Zusammenleben aller zu leisten? Wirtschaftsethik und Ökonomie berühren sich darin, dass bei aller Marktorientierung der Mensch als wertgeschätzter Mitarbeiter gesehen wird. Der Unternehmer sieht seine Verantwortung vor Gott hauptsächlich darin, die Existenz und den Erfolg eines Unternehmens als Teil der Gesellschaft überhaupt zu garantieren und dafür die notwenigen Entscheidungen zu treffen, wo zu auch eine Verlagerung von Arbeitsplätzen gehören kann. Die gestellte Frage „Dürfen Unternehmen mit Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland drohen“ – ist jedoch aus der Perspektive der Arbeitsnehmer gestellt und zeigt, dass in den betrieblichen Entscheidungen möglicherweise die Arbeitnehmer am kürzeren Hebel sitzen und gerade in einer Krise gezwungen sind, Einschränkungen ihrer Positionen in Kauf zu nehmen. Zu einem Ausverkauf von erkämpften Rechten sollte es nicht kommen, auch wenn in der Gesellschaft manche Zugeständnisse sinnvoll sind, z. B. was die Verlängerung von Arbeitszeiten angeht. Wenn die Kosten der sozialen Absicherung in Deutschland an die Lohnkosten gekoppelt ist, so ist dies ein erheblicher Nachteil für den Wirtschaftsstandort. Wir erkennen zum Schluss, dass wir christliche Positionen stärker in die politische Diskussion einbringen müssen. Humane Standards sollen eingehalten werden, aber das darf nicht zur Schließung von Unternehmen führen, die hier nicht mehr wirtschaftlich produzieren und anbieten können. Das System der Sozialversicherung scheint dringend reparaturbedürftig, so dass es zu keinem Nachteil für die Unternehmen mehr wird, andererseits aber der wirtschaftliche Erfolg und die Produktivität der Unternehmen dann aber auch dazu genutzt werden können, die Opfer der Globalisierung und die sozial Benachteiligten hierzulande zu schützen und zu versorgen.

Die Diskussion hat gezeigt, dass das akademische Forum fortgesetzt werden sollte, indem die Fachkompetenz der Hochschule mit gesellschaftlichen Fragen und Entscheidungsträgern ins Gespräch kommt. In einem Seitengespräch unter den Podiumsgästen am Schluss deutete sich eine neue Frage an, die heißen könnte: „Dürfen oder müssen angesichts der steigenden Ölpreise und der Energiekrise neue Atomkraftwerke gebaut werden?“

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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