Interesse am Islam wecken. Rezension von Christoph Fleischer, Werl 2010

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zu: Der Hadith. Urkunde der islamischen Tradition, Bd. 2: Adel Theodor Kuory. Religiöse Grundpflichten und Rechtschaffenheit. 1. Auflage 2008 Gütersloher Verlagshaus ISBN 978-3-579-08067-3, Euro 49,95

Wenn wir einen anderen Menschen näher kennen lernen und verstehen möchten, ist es sinnvoll, mehr von den Quellen seines Lebens zu erfahren. Wir lassen uns auf Erzählungen ein, auch wenn sie aus einer vergangenen und uns unbekannten Zeit berichten, auch dann, wenn wir deren zeitliche Umstände wenig nachvollziehen können.

So oder ähnlich habe ich empfunden, als ich das Buch Der Hadith, Band 2, in die Hand nahm. Und ich habe einiges erfahren.

Muslime orientieren sich an der Botschaft des Koran, doch diese will ausgelegt, verstanden und ins Leben hinein gesetzt sein. Hierbei bemüht sich der Islam über alle Zeiten hinweg das Vorbild Mohammeds weitestgehend zu kopieren. Der Hadith besteht aus unzähligen kleinen Spruchtexten und Beispielerzählungen, die genau dies immer wieder illustrieren, was und wie der „Prophet“ gesagt, getan, kommentiert, empfohlen und verurteilt hat. Die Zeugen, die diese Überlieferung namentlich markieren sind seine Gefährten und auch einige seiner Frauen. Leider fehlt mir hierzu in diesem Buch eine Art Namenslexikon dieser Personen, und auch ein Register dazu. Die Episoden sind nicht biographisch angeordnet, was z. T. auch völlig unwichtig erscheint.

Für das Verständnis des Islams als gelebte Religion ist gerade dieser zweite Band von unschätzbarem Wert. Wer einiges vom Leben in der Moschee kennen gelernt hat, wird hier vieles wiederentdecken. Und das bedeutet letztlich auch, dass dem Islam eine ungeheure Konstanz in der Gestaltung der religiösen Grundstruktur gelingt. Dabei ist zwar nicht der Ablauf der Gebet bis ins Einzelne festgelegt, aber in bestimmte Grundstrukturen gefügt, die je nach Zeit und Umständen variiert werden können. Die Gestaltung der Gebete und Anrufungen, die rituellen Waschungen, das Fasten besonders im Ramadan und die Wallfahrt sind eindeutig vorgegeben. Hier kann man erfahren, warum die Mondsichel das Hauptsymbol des Islams geworden ist. Sie markiert den Beginn und das Ende jeden Monats, was besonders wichtig für den Ramadan ist.

Manche Überlieferungen stehen in starker Nähe zur Bibel, wie z. B. die Tatsache, dass Adam (der Mensch) am Freitag, nach der Bibel der Tag vor dem Sabbat, geschaffen wurde. Der Islam gilt potentiell allen Menschen. Daher ist das Freitagsgebet mit Bezug auf die Erschaffung Adams das wichtigste Gebet und sollte gemeinsam (in einer Moschee) begangen werden.

Wenn sich eine Auswahl von Texten auf eine bestimmte Koranstelle beziehen, werden diese Stellen vom Autor kurz zitiert, was der Verständlichkeit dient. Auch gibt es wenige kurze Anmerkungen, aber kein Kommentar. Ein Register am Ende des Buches erlaubt es, Zitate aus dem Koran und der Bibel in diesem Band zu finden.

Aber auch ganz unabhängig vom Bezug auf die gelebte Religion des Islams finden sich hier Worte von ganz ungeheurer weisheitlicher Tiefe. Der Islam ist keine Gesetzesreligion, sondern lebt von Verständnis und echter Zuwendung der Menschen zueinander und zu Gott. Zwar sind die Ordnungen der Gebete und religiösen Gebräuche klar vorgegeben, wobei aber die Empfehlung der Erleichterung gilt und jeder Muslim hat in seiner Situation zu entscheiden, was möglich und sinnvoll ist. Das Leben wird auf jeden Fall geschont. Was vom Glauben und von der Religion ablenken kann, sollte gemieden werden. Ein Beispiel:

„1629 Nach Abu Hurayra: Der Prophet sagte: Was Gott in einem Gebiet am meisten liebt, sind seine Moscheen, und was er am meisten hasst, sind seine Märkte.“

Es ist im Bezug auf den Alltag und das Leben auch oft von Schuld und Sünde die Rede, die im Gebet ausgesprochen werden sollen. Die rituellen Waschungen sollen hier symbolische Reinheit vermitteln. „Die Reinheit ist die Hälfte des Glaubens.“ Durch die Waschungen „verlassen die Sünden seinen Leib“. Was vor Gottes Angesicht Bestand hat, bleibt ihm anheim gestellt. Zusätzlich zum regelmäßigen Gebet und den regelmäßigen Grundpflichten sollen die Muslime im Lebensvollzug so oft es geht Gott anrufen. Dazu ein Zitat: „2351 Nach Abu Musa: Der Prophet sagte: Mit dem Haus, in dem Gottes gedacht wird, und dem Haus, in dem Gott nicht gedacht wird, ist es wie mit einem Lebenden und einem Toten.“

Dieser Band dokumentiert allerdings auch die z. T. drakonischen Strafen. Sie basieren im Grund auf den Grundregeln des Dekalogs, nicht zu töten, nicht zu stehlen, nicht Unzucht zu üben usw. Aber für einen Einstieg in die muslimische Gerichtsbarkeit ist dieser letzte Abschnitt zu kurz. Hierzu sind die folgenden Bände abzuwarten.

Der erste Band des Hadith in dieser Ausgabe liegt bereits vor und enthält Aussagen über die muslimische Religion allgemein, über Mohammed, auch bezogen auf den Koran und einzelne Suren.

Für mich persönlich war die Lektüre des Hadith auch deshalb bereichernd, weil ich mit dem Koran selbst wenig zu Recht komme. Die Fülle der praktischen Lebensbezüge und der Bezug auf die gelebte und praktizierte Religion macht diese Dokumentation interessant und wichtig. Für das Interesse an der gelebten Religion der Muslime in Deutschland ist gerade dieser zweite Band von besonderem Wert und kann auch unabhängig von der Gesamtausgabe gelesen werden.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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