Menschlich wirtschaften – ethisch und ökonomisch. Rezension von Christoph Fleischer, Werl 2007

Zu: Alexander Dietz: Der homo oeconomicus, Gütersloh 2005

Eine Frage, die mich immer bei der Beschäftigung mit evangelischer Wirtschaftsethik wieder bewegt, ist: Gibt es eine evangelisch orientierte Wirtschaftsethik, die nicht im Endeffekt bei der Sozialethik landet? Am Ende der Lektüre des Buches von Alexander Dietz war diese Frage verändert worden und ich fragte ich mich, ob mein Problem wohl eher darin liegt, dass eine evangelische Wirtschaftsethik zuletzt dasselbe sein muss wie eine Sozialethik. Aber diese ist zweifelsohne eine Sozialethik, die sich in der Auseinandersetzung mit den Voraussetzungen unseres kapitalistischen Wirtschaftssystems keinem Vergleich mit alternativen Wirtschaftssystemen (mehr) hingibt. In dieser Form der Wirtschaftsethik, die auf Sozialethik zielt, ist es gar nicht mehr die Frage, ob es ein anderes Wirtschaftssystem geben könnte, sondern ob und wie im Umgang mit der Wirtschaft erreicht werden kann, dass die ethische und damit soziale Dimension Berücksichtigung findet.
Die Konstruktion eines Wirtschaftssubjekts heißt seit Anfang der Wissenschaft von der Ökonomie „homo oeconomicus“. Da ausgehend von dieser Formulierung verallgemeinernd mit handlungsorientierten und subjektorientierten Bestimmungen zu rechnen ist, lässt sich Alexander Dietz auf einen gründlichen Vergleich dieser Implikationen mit den Antworten der theologischen Wirtschaftsethik ein. Die Lektüre dieses Buches lohnt sich vor allem dann, wenn der Leser/ die Leserin schon über einige Grundkenntnisse der Volkswirtschaftslehre verfügt. Das bedeutet m. E., dass sich in diesem Buch auch Leser angesprochen fühlen, die aus dem Bereich der Wirtschaft oder der Wirtschaftspolitik kommen. Das Buch behandelt zunächst die ökonomische Seite im Blick auf Ethik und Menschenbild und dann die theologisch-ethische.

Zur Lesbarkeit des Buches trägt positiv bei, dass jedes Kapitel mit einer ausblickenden Einleitung versehen ist und mit einer abschließenden Zusammenfassung (Der eilige Leser mag sich mit der Lektüre der Einleitung sowie der fünf Zusammenfassungen begnügen). Von dieser Strukturvorgabe her fehlt mir allerdings der zuletzt noch einmal alles zusammenfassende und abschließende Schlussteil.
Es ist gut und sinnvoll, dass die Fragen der Anthropologie hier mit der Frage der Ethik verknüpft werden. Dabei erfahren wir, dass die Grundaussage der Anthropologie in der Ökonomie und der Theologie gar nicht so verschieden sind. Beide gehen davon aus, dass Menschen als Individuum nutzenorientiert und egoistisch leben. Die jeweilige Wertung dieser Tatsache ist allerdings völlig entgegengesetzt. Während in der Bibel diese anthropologische Grundhaltung als die Grundverfehlung vor Gott angesehen wird, ist sie in der Ökonomie die produktive Eigenschaft eines Wirtschaftsakteurs. Das hat zur Folge, dass die Wirtschaft ethisch wertneutral ist, und daher einer ständigen Korrektur wie der „sozialen Marktwirtschaft“ bedarf. Die Theologie kann ihren Begriff vom Menschen nicht in das Wirtschaftsmodell integrieren; so bleibt dort die Sorge um die Umwelt und um das Leben zukünftiger Generationen meist unberücksichtigt. Die persönliche Menschenwürde aber wird in der Wirtschaftswelt doch immer mehr als wichtiger Produktionsfaktor anerkannt, was in den Frühzeiten des Kapitalismus unmöglich war, da es auf Dauer unmöglich ist, Menschen und Maschinen gleich zu behandeln.
Obwohl eine Rezension eher Appetit machen sollte, als schon die Mahlzeit vorwegnehmen, möchte ich dem Leser und der Leserin einige Lesefrüchte nicht vorenthalten, allerdings in der gebotenen Kürze. Die Schwierigkeit nicht nur des Werkes von Alexander Dietz sowie jeder theologischen Wirtschaftsethik liegt darin, sich für ein Basissystem zu entscheiden, das der Wirtschaft oder das des Glaubens respektive der Religion. Dessen ungeachtet wird jede Art von Wirtschaftsethik auch dazu beitragen das Wirtschaften selbst positiv zu würdigen und von daher auch zu Kategorien ethischen Handelns kommen. Für diesen Vorgang bietet sich die Kategorie des Lebens an. Jegliche Wirtschaft wäre ohne einen Bezug zum Leben sinnlos. Daher schreibt Alexander Dietz zu recht: „Eigeninteresse als Interesse des Menschen an Selbsterhaltung und Selbstentfaltung ist aus theologischer Sicht positiv, solange es nicht zum Selbstzweck wird, sondern in den größeren Zusammenhang der Erreichung der Bestimmung des Menschen eingebettet bleibt. Diese eigeninteressierte Haltung muss wirtschaftlichem Handeln zugrunde liegen, damit es effizient ist und dadurch seinen Zweck, den materiellen Lebensunterhalt aller Menschen zu sichern, erfüllen kann. Sorge für das eigene Leben und Nächstenliebe schließen sich keinesfalls aus. Es gibt eine ethische Verantwortung des Geschöpfs zu wirtschaften und für sich selbst zu sorgen.“ (S. 217)

Ganz am Ende taucht dieser Gedanke in etwas erweiterter Form erneut auf, wird aber auf das Menschenbild allgemein angewandt: „Damit Wirtschaft nicht ihren Sinn verfehlt, muss sie lebensdienlich sein. Ein Hauptkriterium der Lebensdienlichkeit ist die Achtung der personalen Würde jedes Menschen.“ (S. 217). Bevor sich die Wirtschaft also etwa Menschenrechten oder der Zukunftsorientierung zuwendet, muss sie das konkrete Leben in der Gegenwart materiell sichern. Die Oekonomik gebraucht hierfür den Begriff des Nutzens: „Während früher noch von Bedürfnisbefriedigung als Erklärungsgrund für das Handeln gesprochen wird, spricht man heute nur noch abstrakt von Nutzen.“ (S. 43) Diese Grundbestimmung des wirtschaftlichen Strebens wird im Menschenbild des homo oeconomicus verallgemeinert: „Weil in den meisten Handlungszusammenhängen Eigeninteresse und das Streben nach Nutzenoptimierung eine wichtige Rolle spielen, ermöglicht es das Modell des homo oeconomicus häufig, Interaktionsmuster einer Gruppe von Individuen zu erklären, (z. B.) … die Prognose von Nachfrage, Preis und gehandelter Gütermenge.“ (S.45f). Der Begriff „Mensch“ bleibt in der Wirtschaft individualistisch eingeengt. Auch der Bezug auf die Spieltheorie, in der auch der Nutzen Anderer in die Überlegung des eigenen Nutzens integriert ist (vgl. S. 101) ändert nichts daran: „Vom ökonomischen Individuellen Nutzen begriff führt kein Weg zu einem eindeutig definierbaren Gemeinwohl.“ (S. 195) Und dies, obwohl der Begriff des Nutzens wohl ursprünglich dem ethischen Modell des Utilitarismus entstammt. „Es handelt sich um einen ethischen Ansatz, der die Handlungsfolgen in den Mittelpunkt seiner Betrachtungsweise stellt … Utilitaristen betonen die Verantwortung der Handelnden für die Konsequenzen ihrer Entscheidungen. Der größte Nutzen für alle Beteiligten soll nachprüfbar realisiert werden.“ (S. 136) Dies schließt im ursprünglich ethischen Modell auch das Gemeinwohl ein. Neu war mir, dass der Vater der Nationalökonomie Adam Smith gleichzeitig auch Ethiker war. Die Antwort auf den Utilitarismus war die Ethik Immanuel Kants, die mit der theologischen Ethik eher zusammengeht, da sie auf das Kategorische, d. h. das Unbedingte Bezug nimmt. Mir persönlich erscheint nun aber gerade der Verantwortungsbegriff des Utilitarismus gar nicht so abwegig zu sein. Auch die Orientierung am Glück finde ich angesichts neuester psychologischer Erkenntnis sehr aktuell. Man braucht nur einen Schritt weiterzugehen und dabei auch die Frage nach der Zukunft der natürlichen Lebensgrundlagen und das Wohl auch der zukünftigen Generationen einzubeziehen, Fragen allerdings, die im ökonomischen Denken ausgeblendet sind. Alexander Dietz spricht das Problem der Globalisierung an, das auch aktuell zu einem neuen Fragen nach Ethik in der Ökonomie geführt hat: „Der Einfluss der großen multinationalen Unternehmen, so genannt „Global Players“ wächst. Da sie sich der Überwachung durch einen Staat entziehen können, wächst die Bedeutung freiwilliger Verhaltenskodizes und selbsterrichteter Schiedsgerichte.“ (S: 114) Dazu treten die Ziele, die sich an der Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen orientieren. In diesem Zusammenhang ist der Begriff „Nachhaltigkeit“ relevant. (S. 288) Auch die Staatsverschuldung darf nicht zu einer faktischen Enteignung zukünftiger Generationen führen (vgl. S. 209).
Eine andere Schwierigkeit im Umgang mit den anthropologischen Vorgaben des homo oeconomicus ist die Frage der Rationalität. In dieser Frage bedarf es noch nicht einmal rein theologischer Überlegungen, sondern es genügt der Verweis auf die aktuelle Bedeutung der Emotionen. „Das Rationalitätspostulat des homo oeconomicus wird seit längerer Zeit infrage gestellt, insbesondere durch den Hinweis auf die begrenzte Informationslage von Entscheidungsträgern, menschlichen Tendenzen zu irrationalem Verhalten aufgrund psychologischer Mechanismen oder eine Betonung der Emotionen.“ (S. 70)
Gerade dieser letzte Satz ist ein gutes Beispiel für die sehr weiterführenden und verständlichen Zusammenfassungen, die der Autor immer wieder bringt. Auch die Informationen hinsichtlich einiger wichtiger Vertreter der Ökonomie wie Adam Smith oder Karl Marx, mit denen sich der Autor konstruktiv auseinandersetzt sind, sehr bereichernd. Diese Dissertation ist ein Einblick in die aktuelle Wirtschaftsethik, und so sehr zu empfehlen.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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