Notiz zu Rudolf Steiners esoterischem Vaterunser, Christoph Fleischer, Werl 2010

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In einem Vortrag, den mir ein Freund auf CD gab, hörte ich Formulierungen aus der Übertragung des „Vater Unser“ durch Rudolf Steiner. Es klinge wie eine Modernisierung, so hörte ich. Und eben genau dies war mir auch aufgefallen.
Im Moment lese ich daher ein kleines Büchlein über „Das Vaterunser in der Darstellung Rudolf Steiners“ von Peter Selg (Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2009) und fand dort auf Seite 43 eben in dem Vortrag zitiertes Vaterunser. Da es im gesamten Internet nicht zu finden ist, wage ich hiermit eine Veröffentlichung dieses Textes. Ich möchte betonen, dass ich diesen Text nicht aus anthroposophischer Perspektive lese. Er ist mir vielmehr ein Beispiel für die Mystik des frühen 20. Jahrhunderts zu der gewiss auch Rudolf Steiner zu rechnen ist. Dass Rudolf Steiner trotz aller Eigenwilligkeit seiner Ansätze am Christentum festhielt, dürfte allgemein bekannt sein und wird auch dadurch bestätigt, dass er das Vaterunser nicht nur in dieser originellen Version, sondern auch in der normalen biblischen und kirchlichen Fassung oft, ja fast täglich gebetet hat, was aus der Schrift von Peter Selg hervorgeht.

Wie gesagt, kann ich mir kein Urteil bilden über die anthroposophische Deutung, sondern sehe in der Fassung von Rudolf Steiner einen interessanten Perspektivwechsel, der wahrscheinlich konsequent ist, obwohl diese Formulierung von sehr vielen Christen wohl als häretisch empfunden würde. Man sollte aber beachten, dass trotz der Perspektive in der eigenen Seele und ihrer Aktivität hier keine Selbsterlösung gemeint ist, sondern Gott, wie er sich einzig und allein uns selbst darstellen kann, nämlich in unserem Bewusstsein. Die Hirnforschung hat dies bestätigt, dass alles, was außerhalb unseres Bewusstseins liegt, für uns nicht zugänglich ist.

Vater, der du warst, bist und sein wirst in unser aller innerstem Wesen!

Dein Wesen wird in uns allen verherrlicht und hochgepriesen.

Dein Reich erweitere sich in unseren Taten und in unserem Lebenswandel.

Deinen Willen führen wir in der Bestätigung unseres Lebens so aus, wie du, o Vater, ihn in unser innerstes Gemüt gelegt hast.

Die Nahrung des Geistes, das Brot des Lebens, bietest du uns in Überfülle in den wechselnden Zuständen unseres Lebens.

Lasse Ausgleich sein unser Erbarmen an anderen für die Sünden an unserem Wesen begangen.

Den Versucher lässt du nicht über das Vermögen unserer Kraft in uns wirken, da in deinem Wesen keine Versuchung bestehen kann; denn der Versucher ist nur Schein und Täuschung, aus der du, o Vater, uns durch das Licht deiner Erkenntnis sicher herausführen wirst.

Deine Kraft und Herrlichkeit wirke in uns in die Zeitläufe der Zeitläufe.

(Peter Selg: Das Vaterunser in der Darstellung Rudolf Steiners, Verlag freies Geistesleben, Stuttgart 2009, S. 43f)

In einer Anmerkung wird bemerkt, was auch in dem Vortrag gesagt wurde, dass manchmal die Tradition bezeugt wird, Steiner habe die Bitte um Vergebung der Schuld zum Teil weggelassen. In dieser Übertragung ist sie jedoch enthalten. Die Auslegung, dass Gott selbst die Versuchung begrenzt und nicht über unsere Kraft hinaus gehen lässt, berührt sich interessanterweise mit den Glaubenssätzen Dietrich Bonhoeffers: „Ich glaube, dass Gott in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen.“ Wenn diese Interpretation auf das Vaterunser passt, bedeutet das zugleich, dass dort mit Versuchung eher eine Notlage gemeint ist, als das, was gemeinhin unter Versuchung verstanden wird.

Wie so oft ist mir die mystische oder wie er es selbst ausdrückt esoterische Art der Begründung kaum nachvollziehbar. Außerdem fällt mir auf, dass Steiner das Wort Himmel mit einem „Oben“ verbindet und daher eine religiöse Interpretation auch metaphysisch ist. Er kommt mir ein wenig vor wie ein Religionsstifter auf der Basis des Christentums. Dennoch sind seine Ergebnisse oft geradezu evident (wie auch in der Pädagogik und der Medizin). Auf die Frage, wie das zu erklären ist, würde ich gern an anderer Stelle einmal eingehen. Hier möchte ich nun ein weiteres Beispiel auf der Arbeit am Vaterunser dokumentieren. In einer Formulierung, die das Vaterunser sozusagen rückwärts interpretiert schließt er richtigerweise von den Wünschen, die die Bitten ja ausdrücken auf die Gegenwart der Beter:

Amen

Es walten die Übel

Zeugen sich lösender Ichheit

Von andern erschuldete Selbstheitsschuld

Erlebet im täglichen Brote

In dem nicht waltet der Himmel Wille

Indem der Mensch sich schied von Eurem Reich

Und vergaß Euren Namen

Ihr Väter in den Himmeln.

(s. o. S. 61)

Der am Ende gesetzte Punkt ist tatsächlich grammatikalisch richtig. Der gesamte Text wird als ein Satz aufgefasst. Zurückprojiziert auf die Geschichte Jesu lässt sich diese Auslegung folgendermaßen erklären: „Die kranken Menschen, denen Christus Jesus begegnete, hatten durch ihre Lebensschicksale, durch die Situation ihrer existentiellen „Einkörperung“ und Materialisierung „die Namen der Väter in den Himmeln, die Namen der Geister der höheren Hierarchien“ vergessen.“ (Peter Selg zitiert Rudolf Steiner, s. o. S. 64). Auch Rudolf Steiner argumentiert ähnlich metaphysisch wie die kirchliche Tradition, drückt sich aber im Ergebnis nichtmetaphysisch aus. Die Interpretation dieses umgekehrten Vaterunsers sollte sprachlich neu gefasst werden und lautete dann etwa so:

Amen

Umgeben von den Mächten des Bösen

Die uns zwingen, nicht auf uns selbst zu achten,

Und anderen Anlass zu geben, sich über uns zu ärgern,

Im Kampf um das tägliche Brot,

In dem nicht der göttliche Willen wie im Himmel geschieht

Und in dem wir uns von Gottes Gegenwart distanzieren

Vergessen wir, Dich, Gott anzurufen,

Unseren Vater und unsere Mutter,

in der ständigen Gegenwart des Himmels.

(Christoph Fleischer)

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

Ein Gedanke zu „Notiz zu Rudolf Steiners esoterischem Vaterunser, Christoph Fleischer, Werl 2010“

  1. Steiners Interpretation der Versuchungszeile in der obersten Fassung sollte eigentlich die beiden anderen Fassungen vereiteln…Gruß

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