Kirchengebäude im öffentlichen Interesse. Christoph Fleischer, Werl 2010

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Rezension zu: Kirchen im Wandel. Veränderte Nutzung von denkmalgeschützten Kirchen. Hrsg von Oliver Meys und Birgit Gropp. Im Auftrag des Ministeriums für Wirtschaft, Energie, Bauen, Wohnen und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen von der Landesinitiative StadtBauKultur NRW. Umsonst zu beziehen bei GWN Gemeinnützige Werkstätten Neuss GmbH, eMail mbv@gwn-neuss.de.

Warum engagieren sich Vertreter des Staates für die Erhaltung denkmalgeschützter Kirchen, ja überhaupt für die Erhaltung von kirchlichen Gebäuden? Im Vorwort von Markus Harzenetter wird klar gezeigt: Was aus religiöser Sicht eher für die Aufgabe und den notwendigen Abbruch einer unbrauchbar gewordenen Kirche spricht, weil dieses Gebäude allein für diese Nutzung errichtet worden ist, spricht aus denkmalschützerischer Sicht dagegen. Eine profane Kirche bleibt wenigstens erhalten, zeugt von ehemaliger Kultur, wird vernünftig weiter genutzt und gehört auch weiterhin zum Stadtbild.
Im zweiten Vorwort von Udo Mainzer wird ausdrücklich gesagt, welche Herausforderung „das Problem leerfallender Kirchen“ für die Gesellschaft bedeutet. Kirchen habe einen „hohen Symbol- und Bedeutungswert“, sind „sinnlich erfahrbare Wahrzeichen“ und stellen „die umfassende Veranschaulichung einer übergeordneten Heilsordnung dar“(S. 8). Wenn schon die Gebäude durch die Kirchen auch aus finanziellen Gründen nicht weiter genutzt werden können, warum sollen sie dann entsakralisiert werden, anstelle sie unter Umständen auch einer anderen Religionsgemeinschaft zur Verfügung zu stellen? So fragt Udo Mainzer. Der dadurch eventuell entstehende Protest würde womöglich noch deutlicher auf die entstandene Situation aufmerksam machen. Es wird hier deutlich, dass der Staat eine öffentliche Verantwortung für kirchliche Gebäude zeigt und hat, und zwar nicht nur aus denkmalschützerischer Sicht.
Als Beispiel zeigt ein Blick in die Entwicklung der Niederlande, dass in der Entsakralisierung von Kirchen auch manche Fehler gemacht worden sind und dass man heute wieder darauf achtet, dass die neue Nutzung vom Inhalt her nicht im Gegensatz zu kirchlicher Nutzung steht. Hier gibt es keine Patentrezepte, so heißt es. Jede Kirche, jedes kirchliche Gebäude, das aufgegeben werden soll verlangt nach einer eigenen Lösung. Dabei soll auch kein Zeitdruck ausgeübt werden und ein zeitweiser Leerstand ruhig in Kaufgenommen werden. Eine externe Beratung der kirchlichen Entscheidungsträger wird empfohlen. Auf der ersten Umschlagseite findet sich eine Landkarte von Nordrhein-Westfalen mit einer in diesem  Band reichhaltig dokumentierten Beispiele umgenutzter Kirchen, die jedoch trotz aller Vielfalt nur einen Ausschnitt präsentieren. Andere Beispiele finden sich in einer weiteren Publikation: der Schrift „Modellvorhaben Kirchenumnutzungen“ (auch StadtBauKultur NRW).
Die Beiträge über die Beispiele umgenutzter denkmalgeschützter Kirchen in diesem Band sind nach Nutzungsformen gegliedert. Neben erweiterter kirchlicher Nutzungen z. B. als Citykirchen finden sich Begräbniskirchen oder karitative Nutzungen. Im öffentlichen Raum werden Kirchen dann als Bibliothek, Museum oder Veranstaltungsraum genutzt. Dazu kommt auch die Nutzung als Restaurant oder als Verkaufsraum. Manche Kirchen werden auch zu Wohngebäuden oder Bürogebäuden umgebaut. Auch dem „gepflegten Leerstand“ gilt ein letztes Kapitel.
Was dem Band fehlt, ist eine umfassende Liste aller umgenutzter Kirchen in Nordrhein-Westfalen, um dem interessierten Leser, der interessierten Leserin noch weitere Beispiele zu liefern. Die Lektüre der hier gezeigten Umnutzungen sollte jedoch auch in gemeindlichen Diskussionen Anregung genug liefern und den Gemeinden zeigen, dass alle kirchliche Nutzung nur dann sinnvoll ist, wenn sich noch genügend Besucherinnen und Besucher zu den Gottesdiensten einfinden und dass das Ende einer Kirche als Gottesdienststätte nicht das Ende eines Kirchen-Gebäudes bedeuten muss.

 

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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