Das Jüngste Gericht. Christoph Fleischer, Werl 2010

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Notiz mit Bibelstellen.

Die Vorstellung des Jüngsten Gerichts ist grausig und beängstigend. Wieso soll ich endlose Tage nach meinem irdischen Tod noch einmal zum Leben erweckt und dann für meine Worte und Taten zur Verantwortung gezogen werden?
Ich bitte Gott um seine Güte und hoffe, vielleicht auch schon ein wenig aus der Gewissheit ein Christ zu sein, Gott wird dieses Gericht so gnädig wie möglich ausfallen lassen. Der Glaube an Christus ist die Eintrittskarte für das Himmelreich, für das Paradies, die ich erworben habe, um sie dereinst einmal vorzeigen zu dürfen. Der Glaube also soll mich heben in den Stand des Himmels, nur wann das sein wird, ist offen. Dass andere Menschen der Hölle anheimgegeben werden, soll mich dagegen nicht interessieren.

Die Hölle ist ein Instrument der Erziehung und dient einer subtilen symbolischen Drohung, sie ist sozusagen das himmlische Gegenbild der Erziehungsmaßnahmen, die noch bis ins 20. Jahrhundert üblich waren, der Prügelstrafe mit dem Ochsenziemer zum Beispiel. Das sogenannte Feg-Feuer, ist mir als Protestanten nie recht erklärt worden. Es soll ja nicht die Hölle sein, sondern eher durch eine Läuterung und Reinigung davor schützen. Die Satanisten haben die Bedeutung der Hölle bekanntlich umgedreht und uns somit deren verheerende Folge plausibel gemacht. Es muss in der Religion ohne Hölle gehen. Die Kriege und Katastrophen dieser Welt sind mir Hölle genug.

Dies alles hat damit zu tun, dass die Vorstellung der Auferstehung von den Toten, die wir bei Jesus am dritten Tag nach seinem Tod erleben und Ostern feiern, zwar für alle Christen gilt, diese sie aber dennoch nicht direkt vollziehen dürfen. Dadurch entsteht der religiös etwas schwierige Umstand, dass wir der Auferstehung gewiss sind, sie aber – noch – nicht erleben dürfen. Die Menschen dagegen haben den eigentlich Sinn dieser Botschaft eigentlich schon immer richtig verstanden, die gegen den eigentlichen Sinn der biblischen Botschaft sagen, dass die Toten jetzt im Himmel sind.

Die Engel, so zahlreich sie sind, sind doch nichts anderes als deren Bilder in ihrem himmlischen Leben, in dem sie jetzt eigentlich nach der Vorstellung vom jüngsten Gericht noch nicht sein dürften. Die Zusage der Vergebung aller Sünden durch das Evangelium ist auch direkt nach dem Tod symbolisch zu vollziehen ist. Was Paulus im ersten Korintherbrief 15 schreibt, dass die Toten in einen geistlichen Leib hinein auferstehen werden, ist nichts anderes als die Umdeutung des Todes. Wir trennen also die Vorstellung vom jüngsten Gericht von der Frage nach dem Sein im Tode und von der Auferstehung. Wenn Jesus am dritten Tag auferstanden ist und zu Gott erhoben worden ist, so gilt dies durch die Taufe doch als Zusage der Gnade Gottes für jeden und jede.

Die Tatsache, dass dem noch das Jüngste Gericht nachgeordnet ist, hat wohl mit der Entstehung dieser Vorstellung aus dem Judentum zu tun. Dort war es tatsächlich keine Deutung des Todes. Der Tod war das natürliche Ende des Lebens. Im Totenreich wird Gottes nicht gedacht. Die Toten sind zu den Vätern versammelt. Es gibt eine Vision beim Propheten Hesekiel, in der davon die Rede ist, dass das Volk Israel neu entstehen wird und dass dabei sogar die Toten ins Leben zurückkehren werden. Dies ist noch keine Deutung des Jüngsten Gerichts als persönliches Ziel jedes einzelnen Lebens, da es um die Wiederbelebung des in das Exil geratenes, heimatlos gewordenes Volkes geht. Die Vorstellung vom Jüngsten Gericht muss noch im Judentum in der dann folgenden Zeit weiter ausgearbeitet worden sein. Es ist im Grunde eine neue Gesellschaft, eine Art religiöser Sozialismus, in der der Reichtum an alle verteilt wird und in der es keinen Tempel gibt, der Geld verlangt, sondern Gott überall ist, in jedem Menschen. Auch diese Vorstellung vom Jüngsten Gericht ist eine Hoffnung für die Gegenwart.

Jesus selbst benutzt die Hoffnung vom Jüngsten Gericht für die Warnung vor den negativen Folgen der Rücksichtslosigkeit. Nur wer Kranke besucht und Armen hilft, wird im Jüngsten Gericht bestehen, weil diese dort quasi als Verteidiger oder als Ankläger auftreten werden. Gott hört im Jüngsten Gericht auf die Stimme der Armen und richtet sich nach ihnen. Die Reichen dagegen, so erzählt ein anderes Gleichnis Jesu, werden wohl in der Hölle schmoren müssen und fürchterliche Pein leiden, denn sie haben ihren Lohn schon im irdischen Leben gehabt.

Das Paradies ist so verstanden eine Umkehrung der Verhältnisse, wie es schon Maria in ihrem Lobpreis des Magnifikat verkündigt hat. Die Vorstellung von Jüngsten Gericht verknüpft sich eher mit politisch sozialen Gedanken als mit religiösen. Die Frage danach, was mit den Toten passiert, sollte eher mit Paulus durch den Glauben an die Auferstehung und die Umwandlung in einen geistlichen Leib gedeutet werden.

In unserem Glaubensbekenntnis steht die Vorstellung vom Jüngsten Gericht im zweiten Artikel, der bekundet, dass wir an Jesus glauben, der „kommen wird zu richten die Lebenden und die Toten“. Der dritte Artikel nennt als Symbole der Gewissheit für das Leben nach dem Tod die „Vergebung der Sünden, die Auferstehung der Toten und das Ewige Leben“, womit also die Bedeutung des Jüngsten Gerichts durch ein vorab gesprochenes eindeutiges Urteil aufgehoben wird. Was spricht dagegen, natürlich in der Gewissheit und unter dem Vorbehalt des Glaubens, den Verstorbenen dieses schon am Grab zuzusprechen?

Das Urteil des Jüngsten Gerichts hat Jesus am Kreuz vorweg genommen, sonst wäre es sinnlos Ostern zu feiern. Das ist die christliche Botschaft:

Bibelstellen:

Daniel 12, 1+2: „Zu jener Zeit“, sagte der Engel, „wird der große Engelsfürst Michael eingreifen und für dein Volk kämpfen. Es wird eine Zeit der Not und Bedrängnis sein, wie es sie seit Menschengedenken nicht gegeben hat. Aber Dein Volk wird gerettet werden, alle, deren Namen im Buch Gottes geschrieben stehen. Viele, die in der Erde schlafen, werden erwachen, die einen zum ewigen leben, die andere zu ewiger Schmach und Schande.

Die Predigt Johannes des Täufers. Matthäus 3, 7-10: „Wer hat euch gesagt, dass ihr dem bevorstehenden Gericht Gottes entgeht? Zeigt durch euer Leben, dass ihr euch wirklich ändern wollt.“ (auch: Matthäus 10. 28)

Jesu Maßstab ist das Liebesgebot, kein Gedanke der Auserwählung. Möglicherweise ist dieser Text eher als ein Gleichnis gedacht: Vom Weltgericht: Matthäus 25, 31-45 („Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben….“).

Jesus wird als Richter den Willen Gottes als des Vaters vollstrecken: Johannes 5, 28: „Die Stunde kommt, da werden alle Toten in den Gräbern seine Stimme hören und ihre Gräber verlassen. Alle, die Gutes getan haben, werden auferstehen, um das Leben zu empfangen, und die Böses getan haben, um verurteilt zu werden.“

Die Belohnung für den Glauben: Hebräer 11,6b: „Wer zu Gott kommen will, muss ja fest damit rechnen, dass es ihn gibt, und dass er die Menschen belohnt, die in suchen.“

Christus ist Richter: Wir alle müssen vor Christus erscheinen, wenn er Gericht hält. 2. Korinther 5, 10

Die Rechtfertigung Gottes in Christus hat schon jetzt über uns entschieden: „Wenn wir aber jetzt bei Gott angenommen sind, weil Christus sein Leben für uns gab, dann werden wir durch ihn erst recht aus dem kommenden Strafgericht gerettet werden…. Wir rühmen uns damit, dass wir Gott auf unserer Seite haben.“ (Römer 5, 9 und 11).

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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