Angela Steidele: Geschichte einer Liebe: Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens, Erschienen im Insel Verlag Berlin 2010, Rezension von Christoph Fleischer, Werl 2010

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Die Zeit, in der eine Reise von Bonn nach Genua noch vier Wochen dauerte und wegen der Alpenüberquerung nur im Sommer möglich war, die Zeit, in der die Cholera grassierte und die meisten Krankheiten noch weitgehend nicht im modernen Sinn behandelbar waren, war die Zeit, in der z. B. eine (ledige) Frau zur Durchführung wirtschaftlicher Tätigkeiten einen (männlichen) Vormund benötigte. Doch die Moderne hatte bereits eingesetzt und nicht nur mit der Verkürzung der Reisezeiten änderte sich das Selbstverständnis der Menschen. Mit der Moderne begannen Frauen liebende Frauen, wie die Autorin lesbische Liebe nennt, zu ihren Beziehungen zu stehen und als Lebensform zu praktizieren. Ihre Liebesbeziehung ist das Thema der Briefe von Adele und Sybille, die Angela Steidele im Wortlaut in die Erzählung einbindet. Sie lässt Frauen zu Wort kommen und unterscheidet nur im Druckbild zwischen Zitat und Erzählung. So treten Persönlichkeiten hervor, die plastisch und real erscheinen und die, gleichwohl einer vergangenen Zeit angehörend, in ihren Lebensfragen aktuell und präsent erscheinen, sodass Leserinnen und Leser spüren, dass wir noch in der Gleichzeitigkeit der Moderne verhaftet sind. Bereits erlangte Freiheitsrechte, die damals noch kaum vorstellbar schienen, stehen nur auf dem Papier, wenn sie nicht real gelebt werden. Homosexualität ist zuerst eine Frage der real gelebten Beziehungen von Menschen, die in aller Vielfalt gelebten Lebens um dieser Menschen willen geachtet und respektiert werden soll. Die „Geschichte einer Liebe“ ist gleichwohl mit einem Faden historischer Anmerkungen durchzogen, die sowohl beginnenden Feminismus, als auch die rechtlichen und realen Bedingungen gleichgeschlechtiger Lebensformen erläutert, jedoch so knapp und sensibel, dass die historisch biografische Erzählung dadurch eher bereichert als unterbrochen wird. Während männliche Homosexualität juristisch verboten war, war die weibliche Form gleichgeschlechtlicher Liebe zugleich ignoriert, verschwiegen und indirekt toleriert. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Schilderung Angela Steideles in Bezug auf die Rolle von Männern und Frauen:

–          Das ungleiche Geschwisterpaar Adele und Arthur Schopenhauer und die Rolle ihrer Mutter Johanna Schopenhauer, die zuerst in Weimar, dann in Bonn einen Salon unterhielt.

–          Der Dichter Johann Wolfgang von Goethe als ständiger Gesprächspartner Adeles und Schwiegervater ihrer ersten Liebe und besten Freundin Ottilie von Goethe.

–          Sybille, älteste Tochter und als Halbwaisenkind aufgewachsene reiche Erbin, Mutter von sechs Kindern und Ehefrau.

–          Annette von Droste-Hülshoff, die eigentlich Zeit ihres Lebens an der langen Leine ihrer Familie im Münsterland blieb und nur zeitweise die manchmal vakante Stelle von Adele einzunehmen hatte, sich aber später enttäuscht von Sybille Mertens abwandte (Gedicht Annette von Droste-Hülshoffs „Nach fünfzehn Jahren“). Wer die Geschichte der westfälischen Nachtigall von Barbara Beuys („Blamieren mag ich mich nicht. Das Leben der Annette von Droste Hülshoff“, Insel Taschenbuch Frankfurt/M. 2009) gelesen hat, würde sich eine Podiumsdiskussion zwischen beiden Autorinnen über die erotische Orientierung Annettes wünschen, denn Angela Steidele schildert sie als die ständige Dritte und Barbara Beuys als die manchmal unglücklich in Männer Verliebte.

Neben all dem wird klar, dass in den Kreisen, von denen hier die Rede ist, immer Geld da war, auch wenn es in dieser Gesellschaft Unterschiede zwischen Reichen und Superreichen gab. Erbschaftskriege wurden mit aller Härte geführt, und als es ums Geld ging, kannten die Kinder ihre Mutter Sybille Mertens-Schaaffhausen, wie sie mit vollem Namen hieß, nicht mehr. Sie widmete der zuvor verstorbenen Adele Schopenhauer ein Grabmal auf dem alten Bonner Friedhof, wurde aber selbst in Rom, ihrer Wahlheimat beerdigt. Der reiche Schatz ihres Nachlasses konnte von Angela Steidele noch im Kölner Stadtarchiv eingesehen werden, bevor dieses einstürzte und viele Akten vernichtet wurden. An der Autorin Angela Steidele kann man ablesen, wofür sie sich interessiert, und zwar für die Lebenserfahrung Frauen liebender Frauen im gesellschaftlichen Kontext und für die Rolle und Erfahrung von Dichterinnen bzw. Schriftstellerinnen in der modernen Gesellschaft. Das Buch ist sachlich gut fundiert und niemals trocken. Es zitiert Quellen und wirkt durch seine Direktheit emotional. Es zeigt, wie Menschen nach ihrem Tod weiterleben, wenn man ihrer gedenkt und ihre guten und schlechten Zeiten würdigt. Die Kombination aus Erzählung, Sachbuch und Dokumentation ist Angela Steidele gut gelungen. Das beste Argument gegen Vorurteile ist das Zeugnis gelebten Lebens.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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