Antworten fordern Fragen. Rezension zur Festschrift für Jürgen Ebach von Christoph Fleischer, Werl 2010

Zu: Kerstin Schiffner, Steffen Leibold, Magdalene L. Frettlöh, Jan-Dirk Döhling, Ulrike Bail (Hg.): Fragen wider die Antworten. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2010, ISBN 978-3-579-08115-8, 65,00 Euro

„Wer viele Antworten hat muss noch mehr Fragen haben.“ (Elias Canetti). Dieses Zitat greifen die Autoren der Ebach-Festschrift auf und besprechen in ihren Artikeln jeweils eine von ihnen gewählte Frage. Das Inhaltsverzeichnis liest sich wie demnach auch wie ein Fragenkatalog. Der exegetische Hintergrund des zu ehrenden Jubilars macht dieses Buch zu einem Kommentar aktueller Fragestellungen der Bibelwissenschaft unter besonderer Berücksichtigung der Bibel in gerechter Sprache, die im nächsten Jahr in 4. Auflage erscheinen wird (siehe: http://www.bibel-in-gerechter-sprache.de). Hier zeigt sich, dass es „rechte“ Schülerinnen und Schüler, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind, die gelernt haben zu fragen. Vielleicht wird jedoch unter der Hand manche Frage zur Antwort. Exemplarisch soll hier an einigen Artikeln gezeigt werden, wie die Autoren mit dem Begriff Frage umzugehen gedenken. Marlene Crüsemann beispielsweise nimmt die Übersetzung des Römerbriefs in der Bibel in gerechter Sprache in Schutz, besser gesagt, sie zeigt, dass von dieser Übersetzung her tradierte, auch protestantische Glaubensformeln aufgebrochen werden, allein z. B. dadurch, dass der Begriff „Glauben“ mit dem Wort „Vertrauen“ wiedergegeben wird. So lautet der Titel ihres Aufsatzes: „Heißt das, dass wir die Tora durch das Vertrauen außer Kraft setzen? Römer 3, 28-31 und die ‚Bibel in gerechter Sprache‘“. Mit dieser Überschrift wird die Kontroverse um die Deutung des Paulus in der Bibelübersetzung in gerechter Sprache aufgenommen. Es ist nicht nur die in besonderer Betonung veränderte Wiedergabe der Worte für Gott, sondern auch die vor dem zeitgenössischen Verständnis und der sozialgeschichtlichen Exegese verantwortete Übersetzung, die offenlegt, dass manche theologische Vorstellungen mehr hinein als heraus gelesen sind oder auch, dass eben dies unvermeidlich ist und im Kommentar zur übersetzten Bibel hinzugefügt werden sollte. Die „Bibel in gerechter Sprache“ setzt daher an den Rand biblische Worte in der Originalsprache, so dass deutlich ist, wozu welche Übersetzung gewählt wurde. Immer wieder ist daher auch von dem Alten Testament die Rede, das im Sinne des Jubilars Erstes Testament oder hebräische Bibel genannt wird. Auch in diesem Abschnitt der Festschrift eröffnen sich manchmal Antworten und neue Fragen. In der Überlegung, ob das hebräische Wort für „Himmel“ ein Singular oder ein Plural ist, erwähnt Ulrike Sals beiläufig, dass es in der gesamten Bibel keine einzige Aussage gibt, die besagt, dass Menschen nach ihrem Tod in den Himmel kommen und eröffnet die Frage nach unsrer Trostverkündigung am Grab. Frank Crüsemann geht geschickt auf die gestellte Aufgabe ein, indem er an der hebräischen Sprache der Bibel zeigt, dass die Entscheidung, ob Sätze als Frage oder als Aussage gedacht sind, beim Leser liegt und die hebräische Sprache dies offen lässt – von den Sätzen abgesehen, die mit einem Fragewort ausdrücklich markiert sind. Einige Texte gehen auf die Paradiesgeschichte ein und diskutieren Aussagen von Jürgen Ebach. Anhand der schlichten Beobachtung biblischer Texte werden festgefügte Denkstrukturen aufgebrochen, wie die des „Sündenfalls“, der wohl eher mit „Scham“ als mit „Sünde“ zu tun hat. Das Lesen der Texte der Bibel wird immer wieder zum Dialog mit der Gegenwart, was wohl in der Meinung der Autorinnen und Autoren der Hauptintention Jürgen Ebachs entspricht. Dennoch fragt sich der Leser oder die Leserin manchmal, wieso wichtige gesellschaftliche Themen in eine exegetische Expertendiskussion verpackt werden. Die öffnende Sprache der neuen Bibelübersetzung geht dabei einen anderen Weg: Oft zeigt sich gerade in der Art, wie sprachliche Bilder aus dem Alltag auf die biblischen Symbole angewandt werden, wie die biblischen Symbole anders erschlossen werden können, als durch traditionelle Formeln, die vielleicht aus alten Bibelübersetzungen bekannt sein könnten. So führt Helga Kuhlmann mit der Frage nach dem Gewicht der Sünde das Bild des Tragens und Getragen-Werdens ein, das ganz andere inhaltliche Dimensionen hat, als das übliche Vergebungsvokabular. Welche Bilder und welche Worte treffen die Menschen heute in ihrem Alltagsdenken? Um solche Fragen der Übersetzung geht es immer wieder, wenn z. B. Johannes Taschner am Ende seines Aufsatzes über Jakobs Kampfs am Jabboq mit einer Reihe von Thesen über die Aufgabe der Übersetzung biblischer Texte abschließt. Auch diese Bibelstelle wird in mehreren Aufsätzen zum Thema. Ein Hauptmotiv seiner Bibelübersetzung besteht darin, dass die Leserinnen und Leser, angeführt vom Autor, in die Rolle der Hauptperson des Textes, hier Jakob, schlüpfen. Doch mit welchem Recht dies geschieht, statt auch die Fremdheit der biblischen Personen unserer heutigen Zeit gegenüber zu betonen, bleibt unklar. So eröffnet auch der gut gemeinte Brückenschlag neue Fragen. Ein auffallend positives Beispiel ist in dieser Hinsicht der Aufsatz von Kerstin Schiffner, der die immer wieder auch in der Religionspädagogik aktuelle Frage „Wer bin ich?“ in der biblischen Tradition aufsucht und von daher zu Antworten – und neuen Fragen findet: Welche Rolle spielt Gott in dieser Frage? Welche Funktion hat diese Frage? Besonders, wenn sie mit einer Selbstdistanzierung einhergeht, fragt sie: Ist sie ein Quäntchen Demut oder ein Mittel der Distanzierung? Soll sie im Gebet die Größe Gottes betonen? Auch wenn manches nur angerissen wird, zeigt diese Perspektive doch einen eher sinnvollen hermeneutischen Weg, als die kaum noch gelingende Identifizierung mit Personen. Dies mag sich auch auf die Rolle von Frauen beziehen, wie dies von Ulrike Bail am Beispiel Abigails dargestellt wird. Auch in dieser sehr sensiblen Bibellektüre fehlt jedoch ein Stück Distanzierung zum Text. Sie legt selbst die Fährte dazu, Davids Verhalten als Schutzgelderpressung deuten zu können, geht dann aber auf diesen Verdacht inhaltlich gar nicht mehr ein, als dürften biblischen Personen keine kriminellen Handlungen unterstellt werden. Dennoch wäre gerade dieser Aspekt geeignet gewesen, am Bibeltext Handlungsmodelle menschlichen Umgangs miteinander zu zeigen, wie zum Beispiel die Umkehrung der Täter-Opfer-Rolle, was die Bibel in gerechter Sprache an vielen Stellen aufzuzeigen scheint. Die Autoren der Bibel in gerechter Sprache scheinen manchmal ein wenig Angst vor der eigenen Courage zu haben. Fest steht: Antworten lassen Fragen aufkommen. Die Festschrift bietet ausreichend Beispiele solcher Fragetechniken. Jürgen Ebach lässt, so seine Schülerinnen und Schüler, Antworten nicht ungefragt stehen. Ob am Schluss auch Fragen ausgeklammert werden, soll hier bewusst offen bleiben. Wichtig ist, dass bei allen Fragen, so heißt es, die Antworten, besonders in Orientierung an der Bibel, nicht gänzlich auf der Strecke bleiben dürfen. Und so sollte dieses eher für Fachkreise bestimmte Buch wenigstens in Teilen von einer größeren Leserschaft zur Kenntnis genommen werden.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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