Der Sinn bestimmt das Leben – Viktor Frankls Ethik. Christoph Fleischer, Werl 2009

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Rezension zu: Theresia Maria Leitner-Schweighofer, Frankls moralischer Imperativ. Peter Lang Verlag Frankfurt/M. 2009, ISBN 978-3-631-57695-3, 34,00 Euro.

Lebensglück ist aus philosophischer Sicht keine Zufallserrungenschaft, sondern leitet sich von Handlungen ab, die auf einer Ethik der Entscheidung beruht. Die Vorgabe für diese handlungsweisende Entscheidung sind allgemeine Imperative, die die Autorin aus der psychologischen Arbeit Viktor Frankls (1905-1997) entwickelt. Auch wenn es schon einige Ausarbeitungen über Viktor Frankl gibt, so ist diese Arbeit im besonderen Maße geeignet, die Verbindung zwischen Philosophie und Psychologie zu verstärken, die im Übrigen auch theologisch nutzbar gemacht werden kann. Die Arbeit über Frankl erfolgt hermeneutisch auf der Basis akribischer Analyse seiner Texte. Sogar handschriftliche Notizen sind der Autorin bekannt. Sehr bemerkenswert ist allerdings auch der erste Teil, der zunächst von Auslegungsarbeit unbehelligt ist – um das Vorverständnis zu demonstrieren, wie sie schreibt. Diese „Konzeption eines gelingenden glücklichen Lebens“ ist phänomenologisch erarbeitet und endet mit zwölf Sätzen, die haargenau beschreiben, was ein Mensch tun und denken sollte, um glücklich zu sein. Da dieses Glück indirekt auch als Aufgabe in den ethischen Zusammenhang gestellt werden soll, geht es ihr nicht nur um die individuellen Zusammenhänge, sondern auch um das Glück aller. Die Untersuchung der Arbeit Viktor Frankls, der seinerseits sich durch die Existenzphilosophie anregen ließ, setzt allerdings beim einzelnen Menschen an. Voraussetzung ist die Freiheit der menschlichen Person, die zwar auch als determiniert angesehen wird, doch zugleich zur eigenen Lebensgestaltung frei ist, sich entscheiden kann und das Leben somit auch selbst zu verantworten hat. Theresia Maria Leitner-Schweighofer kommt zugute, dass Viktor Frankl seine Arbeit seinerseits mit anthropologischen Aussagen begründet hat. Wichtig und hilfreich erscheint gerade aus theologischer Sicht, dass dabei die Bearbeitung von Sinn und Übersinn auseinandergehalten werden. Während jede Lebenssituation Sinn enthält, der erforscht und entfaltet werden soll, endet die Frage nach dem Übersinn im Scheitern der Theodizee. Folgerichtig bezieht sich der Glaube aufdie existentielle Entscheidung, die sich aus der Situation ergibt und die in der Praxis vollzogen wird. Die Antwort auf die Frage nach dem Übersinn bleibt offen, während der Sinn im menschlichen Leben zu finden ist. Während Viktor Frankl aus psychotherapeutischen Gründen darauf zielt, wie die Sinnfrage im Einzelnen zu bearbeiten ist, z. B: durch die „Einstellungswerte“, „schöpferische Werte“ und „Erlebniswerte“, kommt die Autorin wie beabsichtigt zur Darstellung der ethischen Grundentscheidung eines moralischen Imperativs, der sich aus der Prämisse der Achtung vor der menschlichen Würde herleitet und mit der Transzendenz und Selbsttranszendenz des Menschen rechnet. Kurz gesagt: „Bedenke die möglichen Folgen…“, „Entscheide dich zwischen den gegebenen Möglichkeiten…“ und „Handle so, dass…“. Hierdurch ist ein Rückbezug zur Frage nach dem Glück möglich. Die Frage ist, ob der Mensch in der Lage ist, „die Bedingungen der Möglichkeit“ seines Glücks zu schaffen. Obwohl Frankl auch religiöse Wurzeln für seine Grundannahmen hat, lässt er diese erstaunlich selten erkennen, sondern bedenkt einfach die Existenz der so gesehen oft erfolgreichen Suche nach dem aktuellen Lebenssinn. Ein Zitat aus der „Conclusio“ soll die Besprechung des schwierigen, aber auch lohnenden Buches abschließen: „Das Postulat der unverlierbaren Möglichkeit der inneren Freiheit, der Selbst-Transzendenz und der Ausrichtung auf das Sein, auf Sinn hin, schafft eine Weise der Lebenspraxis, die die subjektive Bezogenheit des Menschen auf die Lebenswirklichkeit einbezieht, im Sinne einer individuellen sittlichen Selbstbestimmung, in der der Mensch eine prinzipielle Verantwortung im Guten wie im schlechten über seine Lebensführung hat.“

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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