Entwurf einer säkularen Universalreligion? Rezension. Christoph Fleischer, Werl 2011.

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Rezension des Arbeitsbuches der Reihe „Klassiker auslegen“ über Immanuel Kant: Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft. Hrsg. Von Otfried Höffe, Akademie Verlag Berlin 2011, ISBN 978-3-05-004682-2, Preis: 24,80 Euro

Nicht wenige unserer Zeitgenossen legten das Bändchen „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ von Immanuel Kant (z.B. I. Kant, Werke in 6 Bänden Band 5, Könemann Köln 1995) zur Seite, weil sie sich zwar für den Inhalt interessieren, jedoch mit der Sprache Immanuel Kants nicht zurechtkommen. Sowohl Jacques Derrida, als auch Jürgen Habermas haben jedoch auf die aktuelle Notwendigkeit dieser Lektüre Kants hingewiesen. So ist es eine große Hilfe, dass der ausgewiesene Kant-Forscher Otfried Höffe in Teamarbeit einiger Kollegen ein Arbeitsbuch im Akademie-Verlag herausgegeben hat. Hierbei geht es nicht nur um eine Darstellung der Interpretation, sondern auch um die Beobachtung der Grenzen Kantscher Darstellung. Dass die Darlegungen nah am Kantschen Textaufbau bleiben, ist im Sinn eines Arbeitsbuches förderlich. Obwohl besonders der letzte Teil über Religion und Kirche einige bis heute aktuelle Beobachtungen und Überlegungen bereit hält und daher einer aktuellen Lektüre bedarf, soll sich die Rezension exemplarisch auf die Einleitung von Otfried Höffe, die Untersuchung des Titels durch Eberhard Jüngel und den ersten Teil über den „Hang zum Bösen“ beschränken (siehe das Inhaltsverzeichnis am Ende dieser Rezension).

Das Kernstück dieses umfangreichen Bandes, der auf ein Symposium in Tübingen 2010 zurückgeht, ist sicherlich die „Einführung in Kants Religionsschrift“ vom Herausgeber selbst. Diese Einführung stellt die Abhandlung Kants über die Religion hinein in den Kontext seiner Werke.
Was macht es für Kant notwendig, sich dem Thema der „Religion“ zuzuwenden, wo doch eigentlich durch die Ausarbeitung der kategorischen Imperative das für den Alltag Nötige gesagt ist? Um die Begrenzung der Vernunft durch metaphysische Autoritäten geht es Kant ja gerade nicht. Er zeigt auf, dass die praktische Zielrichtung jeder Religion in einer durch die Vernunft erkennbare vorläufige Überwindung des menschlichen „Hanges zum Bösen“ liegen müsse, eines Vorhandenseins, das vielleicht in der Ausarbeitung anderer philosophischen Themen zu sehr ausgeblendet wurde. Ein Highlight dieser Einführung ist gerade von daher die sprachphilosophische Reflektion über den Unterschied der Begriffe „rein“ und „bloß“, die beide ziemlich das Gleiche meinen, nämlich der Reduktion auf das für den Begriff Wesentliche, wobei mit dem Wörtchen „bloß“ im Titel zugleich aufgezeigt wird, dass dieses Wesentliche auch der Ergänzung anderer Wirklichkeiten oder Wahrheiten bedarf, ohne die es eben nicht mehr als menschliche Vernunft ist. Dabei ist der Zweck der moralischen Qualifizierung menschlichen Handelns jedoch gut und wichtig genug, um quasi universelle Bedeutung zu haben und die Vorgabe der „christlichen Religion“ daher so etwas wie die moralisch notwendige Religion. Im Kontext der aufkommenden distanzierten Beschreibung von Religion lässt Höffe die Religionsbeschreibung Kants „Eine Fülle von Lesarten“ eröffnen, um so auf eine schon von daher plurale und diskurswürdige Art des Umgangs mit Religion einzustimmen. Die Beschreibung der Lesarten ist ein Kernstück dieser Einführung und wird nur noch dadurch überboten, dass sie zum Ende hin auf die Politik zu sprechen kommt. Im Kontext von Politik bewegt sich Kant, so sicher er zu argumentieren scheint, manchmal auf dünnem Eis, nicht nur weil die Moral der Religion bedarf, sondern weil, zumindest in seinem aufgeklärten Sinn, die Religion der Vernunft bedarf. Der Glaube ist ein Vorgriff auf die Zukunft der Menschheit, die im Sinn dieser Vernunft die optimale Glückseligkeit erreichen mag. Mehr hat Offenbarung nicht zu leisten. Von einem Fortschrittsoptimismus ist bei Kant allerdings in dieser Hinsicht nun doch noch nicht die Rede.

Der evangelische Theologe Eberhard Jüngel knüpft inhaltlich und formal hervorragend an diese Einführung an, in dem er sich ausführlich erneut auf die Formulierung des Titels konzentriert, und diesen auch ein wenig diplomatisch formuliert wissen will. Selbstverständlich sei es Kant, wie auch einem Brief an Fichte ersichtlich sei, nicht darum gegangen, mit dem Wörtchen „bloß“ eine Phantasie auf die Gültigkeit einer anderen Wirklichkeit zu eröffnen. Interessant und über Höffe hinausgehend ist hier auch der Exkurs über den Begriff der Religion selbst, in dem schon eine Distanzierung zur kirchlichen Rede vom Glauben steckt. Der aufklärerische Begriff „Religion“ ermöglicht eine objektivierbare Redeweise von Religionen auch im Vergleich und von außen. In diesem Sinn ist Kants Darlegung sicherlich so etwas wie die Grundschrift jeder Religionswissenschaft, die sich nicht kirchlich zu verantworten hat. Die Vorreden, die Jüngel schildert, machen zweierlei deutlich. Zum einen ist die Religionsschrift nicht nur eine Distanzierung von der vorgegebenen protestantischen Religion und Theologie, sondern zugleich ein deutliches Gesprächsangebot. Die Grundfragen Kants steigern sich bis ins Religiöse: „Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen?“ Zum Zweiten gibt Kant zu, dass die kirchliche Lehre nicht nur aus dem von ihm beschriebenen Vernunftglauben, sondern auch auf dem auf Fakten beruhenden Offenbarungsglauben beruht, der die speziell christliche Religion darlegt. Kant nimmt sich lediglich die Freiheit heraus, auf dessen Grundlage und von dort her abstrahierend die Vernunftreligion in den Blick zu nehmen. Kant reduziert die christliche Religion auf ihre anthropologisch relevanten Grundaussagen und beschreibt somit das Grundbekenntnis einer säkular christlichen Religion. Obwohl sich Jüngel mit dem Schlusssatz als „Theologe“ von diesem Beschreibung dann doch wieder distanziert, macht er sehr wohl deutlich, wie stark Kants begriffliche Klarheit auf den weiteren Fortgang der Geistes- und Theologiegeschichte gewirkt hat.

Christoph Horn und Maximilian Forschner teilen sich die Besprechung des ersten Teils, in dem Kant die Disposition des Menschen mit einem „Hang zum Bösen“ darstellt. Zunächst wird deutlich, dass Kant trotz seiner Feststellung eines „Hangs zum Bösen“ keine negative Anthropologie entwickelt. Die grundlegenden Anlagen des Menschen zum Guten gelten dessen ungeachtet. Das Böse wird in der Kantschen Formulierung zu einer möglichen Option, die allerdings auf jeden Menschen zutreffen kann. Es fragt sich über die Darstellung von Christoph Horn hinaus, wie solches wohl in ökonomischen Kategorien auszuziehen wäre. Wäre etwa der Mensch ein homo oeconomicus, indem er seinen Anlagen entsprechend handelt, müsse er aber dann durch seinen „Hang zum Bösen“ der Neigung zu Geiz und Gier gehorchen, was entsprechende Auswirkungen hätte. Das Böse tritt also als Maxime auf und nicht als Eigenschaft. Die guten Anlagen der Lebenserhaltung, Selbstbehauptung und der Persönlichkeit sind davon unberührt. Wenn Kant also zunächst auf die Theorie der Erbsünde abhebt, so zeigt sich, dass er sie durch den Begriff der Maxime faktisch aushebelt. Hilfreich an der Darstellung Christoph Horns ist, dass er auch andere Texte Kants zur Interpretation der Religionsschrift heranzieht. So wird deutlich, dass sich der „Hang zum Bösen“ im Vollzug einer Willensentscheidung verwirklicht, also auf der Basis der dem Menschen gegebenen Freiheit. Dadurch individualisiert Kant den Menschen, und stellt für das Individuum die beschriebene Haltung  fest. In der abschließenden Würdigung zeigt der Autor bei Kant einige Paradoxien auf, die die vordergründig stringente Sprache hinterfragen lassen. Die Unterscheidung zwischen Gattung und Individuum ist nicht schlüssig. Der in der Religionsschrift konstatierte „Hang zum Bösen“ lässt sich nicht durchgängig mit der aufgeklärten Moralphilosophie erklären. Trotz dieser Kritik des Autors am Vater der Aufklärung, scheint der Schritt Kants zum Individuum nicht genügend gewürdigt zu sein, der in der Philosophiegeschichte erst mit Kierkegaards Denken klar zum Ausdruck kommt. Auch Forschner stellt fest, dass Kant zwischen Individuum und Gattung unterscheidet. Der „Hang zum Bösen“ wird jeweils nur vom Individuum aktualisiert. Dass es ihn aber überhaupt gibt, lässt Rückschlüsse auf die menschliche Gattung zu. Konsequenterweise müsse der Ort der menschlichen Verfehlung nicht in der sinnlichen Natur des Menschen, sondern im Gebrauch seiner Vernunft geortet werden. Die Vermeidung negativer Anthropologie Kants ist eine Gratwanderung. Was hingegen gelingt, ist die Übertragung der Erbsündenlehre in eine säkulare Sprache. Jeder und jede Einzelne hat die Verantwortung darüber, ob er oder sie den „Hang zum Bösen“ auslebt oder nicht. Der Autor, der Philosophie an einer katholische theologischen Fakultät lehrt, sieht nun Parallelen zu Thomas von Aquin. In der Tat kehrt Kant faktisch zur Lehre des freien Willens zurück, da er die Realisierung menschlicher Freiheit als normalen Willensakt ansehen muss. Ob dieser Willensakt sich vor Gott vollzieht ist angesichts der rein säkularen Sprache irrelevant. An dieser Stelle lässt Forschner bewusst offen, ob Kant seine Argumentation auch im Hinblick auf die lutherische oder reformierte Leserschaft vollzieht. Seine Verwertung menschlicher Verantwortung ließe etwa auch an Calvins tertius usus legis denken, wonach der Mensch nach dem Geschenk der Freiheit durch das Evangelium von dort her die Möglichkeit hat, sich für die Wahl des evangeliumsgemäßen Lebens zu entscheiden, somit gegen den „Hang zum Bösen“.

Schon dieser Abschnitt des Arbeitsbuches macht deutlich, Dass die Rezeption Immanuel Kants in der Religionsphilosophie und Theologie keinesfalls als abgeschlossen gelten kann. Vielen Dank für dieses sorgfältig editierte Arbeitsbuch.

Anhang: Inhalt des Buches:

1. Einführung in Kants „Religionsschrift“ (Otfried Höffe, Tübingen)
2. Kommentierende Bemerkungen zu dem Titel und den beiden Vorreden ( Eberhard Jüngel, Tübingen)
3. Die menschliche Gattungsnatur: Anlagen zum Guten und Hang zum Bösen (Christoph Horn, Bonn)
4. Immanuel Kant über den Hang zum Bösen (Maximilian Forschner, Erlangen)
5. „Von dem Kampf des guten Prinzips mit dem bösen um die Herrschaft über den Menschen“ (Jochen Bojanowski, Pittsburgh)
6. The Devil, the Virgin, and the Envoy : Symbols of Moral Struggle (Andrew Chignell, Cornell)
7. Ethical Community, Church, and Scripture (Allen Wood, Stanford)
8. Die Kritik des Judentums und die Geheimnisse der Vernunft (Johannes Brachtendorf, Tübingen)
9. „Vom Dienst Gottes in einer Religion überhaupt“ (Friedo Ricken, München)
10. Gottesdienst und Afterdienst: die Kirche als öffentliche Institution? (Katrin Flickschuh, London)
11. Der Begriff sogenannter Gnadenmittel unter der Idee eines reinen Religionsglaubens (Burkhard Nonnenmacher, München)
12. Philosophische Grundsätze der Schriftauslegung. Ein Blick in den „Streit der Fakultäten“ (Otfried Höffe, Tübingen)
13. Die „Definition“ der Vernunftreligion (Reza Mosayebi, Bonn/Tübingen)
14. Kants theologischer Kontext (Douglas McGaughey, Willamette)
15. Ausblick: Führt eine säkulare Moral unumgänglich zur Religion? (Otfried Höffe, Tübingen)

http://www.oldenbourg-verlag.de/akademie-verlag/immanuel-kant-religion-innerhalb-grenzen-blossen-vernunft/9783050046822

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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