Religion im säkularen Denken. Christoph Fleischer, Werl 2011

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John Rawls wird von Otfried Höffe unter die „Klassiker der Philosophie“ gerechnet (siehe: Klassiker der Philosophie. Zweiter Band von Immanuel Kant bis John Rawls. Hrsg. v. Otfried Höffe, Verlag C.H.Beck, München 2008). Umso mehr mag der Titel dieses Bandes verwundern, mit dem zwei Arbeiten von John Rawls der Öffentlichkeit vorgelegt werden, die sich mit religiösen, ja theologischen Fragen befassen. Im Original veröffentlicht im Jahr 2006 wird nun eine um ein Nachwort von Jürgen Habermas erweiterte deutsche Übersetzung vorgelegt. 

Kern dieses Buches ist die philosophische Bachelorarbeit des jungen John Rawls aus dem Jahr 1942 mit dem unscheinbaren Titel: „Eine kurze Untersuchung über die Bedeutung von Sünde und Glaube“. (Original: „A Brief Inquiry into the Meaning of Sin and Faith“, siehe: Impressum). Die allgemeine Einleitung der posthumen Erstveröffentlichung der im Archiv von Princeton University aufgefundenen Arbeit durch Joshua Cohen und Thomas Nagel sowie das Nachwort von Jürgen Habermas stellen die Grundzüge und Denkweisen des frühen Rawls hinein in den Kontext seiner grundlegenden und für die Philosophiegeschichte des 20. Jahrhunderts bedeutenden Arbeiten, z. B. „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ (1971), „Gerechtigkeit als Fairneß“ (1977) und „Die Idee des politischen Liberalismus“ (1992). So enthält Rawls Arbeit bereits die für ihn grundlegende Kritik am Utilitarismus sowie einige der ethischen Grundlagen wie die des zweiten kategorischen Imperativs Immanuel Kants, nach dem Menschen nie als Mittel zum Zweck missbraucht werden dürfen. Gewichtiger jedoch, weil dem Titel des Werks angemessener, erscheint die religiöse und theologische Einordnung der Rawlsschen Arbeit durch Robert Merrihew Adams. Der von ihm verfasste zweite und längere Aufsatz der Einleitung verdeutlicht ausführlich, mit welchen theologischen und philosophischen Quellen Rawls arbeitete. Seine religiöse Position, der protestantischen Episcopal Church verbunden (amerikanischer Zweig der anglikanischen Kirche), wird als neoorthodox bezeichnet und im Kontext der dialektischen Theologie gesehen. 
Allerdings argumentiert John Rawls der Aufgabe einer philosophischen Bachelorarbeit angemessen durchweg im philosophischen Diskurs und stellt den für ihn problematischen Einfluss des Platonismus auf die christliche Religion heraus, dessen aktuelle theologische Form er als Naturalismus bezeichnet.  Demnach ist der dadurch geprägte Gottesbegriff als philosophisches Konstrukt zu kritisieren, das durch den Umweg über den Sündenbegriff bemüht ist, formal in der Argumentationslinie Platons dem Menschen den ihm gemäßen Anteil am von ihm zu erstrebenden höchsten Gut zu ermöglichen. Die Aufnahme griechisch-philosophischer Argumentationen machte aus der biblisch orientierten Religion eine metaphysische Heilsinstitution. An deren Stelle setzt Rawls den Begriff der Gemeinschaft, die aus Personen besteht, die sich einander selbst offenbaren. Nicht anders handelt Gott in der Gemeinschaft der Trinität, so stellt er fest. Die Wirklichkeit und die Verwendung des Wortes „Gott“ gelten als gesetzt. Dass es auch andere Fehlformen des Verständnisses von Gesellschaft in Folge des von ihm so bezeichneten Naturalismus gibt, zeigt er am Beispiel des Utilitarismus und des Nationalsozialismus. Trotz der positiven Setzung des Gottesbegriffes landet Rawls nicht bei einer zirkulären theologischen Argumentation, da er argumentativ im Bereich philosophischer Kategorien verbleibt. 
Hinzugefügt zu dieser Bachelorarbeit ist ein zweiter kleiner Aufsatz Rawls´ aus dem Nachlass „Über meine Religion“ (1997). Hier dokumentiert John Rawls eine massive Glaubenskrise im Verlauf des 2. Weltkriegs, weshalb er sich damals zur Fortsetzung seiner philosophischen Studien entschied. Mit Jürgen Habermas hier einen „Verlust des Glaubens“ im Sinn einer Abkehr zu sehen, findet im Wortlaut des Textes keinen Anhalt. Diese biographische Notiz markiert vielmehr einen Weg in eine distanzierte, säkulare Form der christlichen Religion, die genau betrachtet in der o. g. Bachelorarbeit schon angelegt scheint, da diese auf der Ebene des philosophischen Diskurses in deutlicher Distanz zur Theologie verbleibt. Rawls markiert vielmehr als Einheit zur dort angelegten Ablehnung des Naturalismus im späten Dokument das Bekenntnis zum Nontheismus, den er vom Atheismus unterscheidet. Diese Position, die sich im Lauf des 20. Jahrhunderts mit Namen wie Dorothee Sölle und Dietrich Bonhoeffer verbindet und wohl auch schon beim Deutsch-Amerikaner Paul Tillich angelegt ist, erfährt durch die posthume Veröffentlichung der theologischen Arbeiten von John Rawls eine erneute Aufwertung, zumal in diesem Ansatz die Grundlegung der Ethik angelegt ist, deren Reichweite längst nicht ausgeschöpft ist, da sie den dritten Weg zwischen Marxismus und Utilitarismus markiert. 
Die Gemeinschaft der personalen Beziehungen konstituiert die Gesellschaft. In ihrem Gefüge vollzieht sich, hier wie in der Kirche, der Wille Gottes.

 

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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