Predigt im Vorstellungsgottesdienst der Konfirmandinnen und Konfirmanden, Christoph Fleischer, Werl 2010

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Liebe Gemeinde, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Eltern,

Diese Gottbilder, die wir gerade gesehen haben, finde ich einfach erstaunlich. Ich sehe, dass hier eine neue Generation heranwächst, die fast wie unvoreingenommen mit dem Wort Gott umgehen kann. Gott hat einen guten Platz in ihrem Denken und Fühlen.

Was das bei den Konfirmandinnen und Konfirmanden heißt, die diese Bilder in Himmighausen im Rahmen einer Gruppenarbeit gemalt oder gezeichnet haben, möchte ich kurz verdeutlichen. Der Bezug, der am allermeisten hergestellt worden ist, ist der zur Erde als Ganzer und gleichzeitig zur Natur, die uns umgibt, Menschen, Tiere, Pflanzen. Gott verschmilzt mit der Natur und ist mit ihr identisch. Gott ist Schöpfer und Geschöpf gleichzeitig, weil er die Erde nicht nur immer wieder neu gestaltet, sondern auch beschützt wie mit einem Schirm. Das Leben der Menschen und Tiere, ja der Pflanzen und der ganzen Erde steht unter Gottes Schutz. Gottes Schöpfung ist keine Frage der Naturwissenschaft und es geht auch gar nicht darum, in wie vielen Tagen die Erde entstanden ist, weil Gottes Schöpfung ununterbrochen weitergeht. Sie ist ein andauernder Prozess.

Manche haben diesen Schöpfungs- und Naturbezug nicht hergestellt. Sie haben das Wort Gott mit seinen vier Buchstaben hineingestellt in einen Nebel, die Wolken des Himmels  oder in eine Spannung zwischen Figuren und Grafiken. Die Gestaltung der Buchstaben in unterschiedlichen Farben spielte auch eine große Rolle. Gott lässt sich nicht auf eine Farbe und Gestalt festlegen. Hier scheinen Deutungsmöglichkeiten durch, die an die Menschenrechte erinnern. Der Gedanke an Gott  begründet die Gleichheit aller Menschen, unabhängig von Rasse, Geschlecht oder gesellschaftlichen Status durch den Respekt vor Anderen. Immer wieder tritt der Himmel oder der Gedanke an Gut und Böse auf und zeigt, dass die jenseitige Welt etwas mit dem heutigen Leben zu tun hat.

Und doch bleibt das Wort Gott gleichzeitig irgendwie fremd, wird räumlich in eine Ecke gemalt oder von geheimnisvollen Zeichen umschlossen. Auffällig wird dies alles, wenn man sich mal fragt, was denn so gut wie nicht vorkommt. Das ist die Kirche und das sich auch eindeutige Symbole, die den christlichen Glauben betreffen, wie das Kreuz oder Jesus. Der Name Gott und die kirchliche Bekenntnissprache treten auseinander.

Ich merke das auch in der Schule. Dort wird der Religionsunterricht oft nach den Wünschen der Schülerinnen und Schüler gestaltet. Diese legen darauf wert, dass die kirchlichen Themen im engeren Sinn so gut wie gar nicht vorkommen. Allein die Ethik oder allgemeine Lebensfragen sind gewünscht. Doch wie sollte von dieser Vorgabe her ein Konfirmandenunterricht aufgebaut werden? Geht es hier nicht doch eher um die Bibel, um Jesus Christus, um die Wahrheit des Glaubensbekenntnisses und die Gebote im engeren Sinn? Den Unterricht mehr als Jugendgruppe zu gestalten, was ich auf weite Strecken versucht habe, dies wird von den Konfirmanden selbst kaum verstanden. Denn anstelle die gemeinsame Zeit für sich und die Gruppe zu nutzen, haben sie gemeint, sie müssten den Pastor irgendwie als Autoritätsperson behandeln und dann gleichzeitig zeigen, dass sie auf Autorität keinen Wert mehr legen. „Wir sind doch in der Pubertät, das müssen sie doch verstehen!“ Das hört man dann und ich frage mich so langsam, wofür das eigentliche eine Entschuldigung sein soll. Die Frage ist doch schon lange nicht mehr, dass die Jugendlichen so werden sollen, wie es die Kirche oder die Eltern wollen oder wünschen, sondern die Frage ist, ob sie eigentlich selbst etwas vom Leben erwarten und für sich selbst eine Antwort finden möchten. Natürlich kann nicht jeder Lena Meyer-Landrut heißen, aber diese junge Dame scheint eine Antwort auf die Frage nach ihrem eigenen Lebensinn gefunden zu haben. Ich habe den Eindruck, dass hier eben das Hauptproblem in der Entwicklung dieser Jugendlichen liegt, dass sie noch nicht entdeckt haben, dass der Konflikt mit der Autoritätsperson, den sie selbst inszenieren, keine Antwort auf die Frage nach ihrem eigenen Lebensweg sein kann.

Verständlich ist, dass die, die Gott als Autoritätsfigur sehen, ihn gleichzeitig in die Ecke setzen oder in einen himmlischen Nebel einpacken. Sie spüren, dass es gerade darum nicht gehen kann. Nun kommen für mich die Eltern ins Spiel, die bekanntlich immer sehr viel Interesse daran haben, dass die zehn Gebote und die Autorität der Werte im Konfirmandenunterricht vermittelt werden. Obwohl auch ein Thema, ist das für uns Pfarrer eher zweitrangig. Wir leiden darunter, dass die Präsenz der Konfirmandinnen und Konfirmanden mit der Konfirmation abbricht. Dass sie verschwinden, abtauchen und sich doch bis auf wenige Ausnahmen nicht mehr blicken lassen. Die Pfarrer und Presbyter sind eher am Gemeindebezug interessiert. Doch da taucht eine andere Erfahrung auf, die den vorher beschriebenen Konflikt verstärkt. Die Konfirmandinnen und Konfirmanden machen beim Besuch der Kirche im Gottesdienst die Erfahrung, dass sie dort überhaupt nicht vorkommen. Dass also schlicht von ihnen verlangt wird, dass sie sich anpassen. Die Konfirmanden haben sich im Kindergottesdienst noch sehr wohl gefühlt, aber in den anderen Gemeindegottesdiensten haben sie kaum etwas verstanden. Die Liturgie dort ist ihnen fremd, die Sprache der Bibel oft gedanklich zu weit weg, und die Konflikte der Gemeinde verstehen sie nicht und wollen sie auch nicht verstehen. Die Botschaft, die der Gottesdienstbesuch vermittelt, ist also nicht, wie ich es meine: Du gehörst dazu! Sondern Du musst dich anpassen, wenn Du dazugehören willst. Und da frage ich mich, und uns hier alle, die Konfirmanden eingeschlossen: Wollen wir Menschen wirklich zu Anpassern erziehen? Ich finde, wer sich an Autoritäten orientieren will, sollte das freiwillig tun, und nicht aus Anpassung

Was wird also bleiben? Ich denke, falls sich die Gottesdienste nicht ändern, werden Jugendliche dort auch nur selten auftauchen. Das war schon in meiner eigenen Jugend so und das wird auch so bleiben. Ich denke inzwischen, dass eine gewisse Zweigleisigkeit auch sein Recht hat. Es gibt inzwischen neue Formen, es gibt die Jugendkirchen, die Kirchentage, die Schulgottesdienste und vieles mehr. Meine Meinung ist inzwischen, dass man den Gottesdienstbesuch in der Konfirmandenzeit freistellen sollte und für die Konfirmanden durchgängig die Jugendkirche anbieten.

Die Botschaft: „Du musst dich anpassen, wenn du dazu gehören willst!“- ist doch eigentlich auch nicht die Kern-Botschaft der Bibel. Die Botschaft der Bibel ist die Zusage der Nähe Gottes für alle Menschen. Das haben die Gottbilder der Konfirmandinnen und Konfirmanden zu recht gezeigt. Natürlich wird der Glaube vorausgesetzt, der Früchte tragen soll und wird. „Ich bin der Weinstock und ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ Das „Ich“ in diesem Satz meinte den Jesus des Glaubens und nicht automatisch die Kirche oder die Gemeinde. Natürlich ist die Gemeinde die Versammlung derjenigen, die an Jesus glauben. Aber es gibt auch die Erfahrung der unsichtbaren Kirche, der Kirche außerhalb der Institutionen, die Kirche der lebendigen Steine. Von dieser Kirche werden wir in zwei Wochen mehr hören und erfahren. Der Glaube jedes einzelnen Menschen will auch ohne Prüfung ernstgenommen werden!

Wer an Gott glaubt, glaubt an sich selbst und kann auf andere offen und freundlich zugehen. Warum das heute so schwer geworden ist, versteh ich selbst immer weniger. Jesus spricht zwar auch davon, dass die Reben, die keine Frucht bringen weggeworfen werden sollen. Aber er sagt nicht, dass das unsere Aufgabe ist. Das ist wohl Gott selbst vorbehalten. Für uns heißt es allein: „Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten war ihr wollt und es wird euch widerfahren.“ Wer glaubt, der macht damit auch Erfahrungen, die den Glauben verstärken. Das wünsche ich uns allen. Amen.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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