Predigt über das Gleichnis vom verlorenen Sohn vor Landwirten, Haus Düsse, Christoph Fleischer, Werl 2010

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Vom verlorenen Sohn Lukas 15, 11-32

11 Und er sprach: Ein Mensch hatte zwei Söhne. 12 Und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht. Und er teilte Hab und Gut unter sie. 13 Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land; und dort brachte er sein Erbteil durch mit Prassen.

14 Als er nun all das Seine verbraucht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land und er fing an zu darben 15 und ging hin und hängte sich an einen Bürger jenes Landes; der schickte ihn auf seinen Acker, die Säue zu hüten. 16 Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Säue fraßen; und niemand gab sie ihm. 17 Da ging er in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger! 18 Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. 19 Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich zu einem deiner Tagelöhner! 20 Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater.

Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn. 21 Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße. 22 Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße 23 und bringt das gemästete Kalb und schlachtet’s; lasst uns essen und fröhlich sein! 24 Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein.

25 Aber der ältere Sohn war auf dem Feld. Und als er nahe zum Hause kam, hörte er Singen und Tanzen 26 und rief zu sich einen der Knechte und fragte, was das wäre. 27 Der aber sagte ihm: Dein Bruder ist gekommen und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wiederhat. 28 Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Da ging sein Vater heraus und bat ihn. 29 Er antwortete aber und sprach zu seinem Vater: Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot noch nie übertreten, und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich gewesen wäre. 30 Nun aber, da dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Hab und Gut mit Huren verprasst hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet. 31 Er aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, das ist dein. 32 Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden.

Liebe Gemeinde!

Zunächst möchte ich mit Ihnen kurz das Bild auf dem Liedblatt betrachten, auf dem die Geschichte vom verlorenen Sohn abgebildet ist. (Das Bild ist öffentlich unter www.zeno.org).

Heißt es in der Geschichte, dass der Vater dem Sohn entgegen kommt, so finden wir hier den Vater sitzend. Er ist ergraut, so dass zwischen Auszug und Wiederbegegnung viele Jahre liegen müssen. Eine Heimkehr nach langer Zeit. Der Gefüllte Sack erinnert an den väterlichen  Betrieb. Gefüllte Säcke sind wohl ein Symbol von Reichtum und Ertrag. Die Leiter ist ein Zeichen für das Gebäude, aber auch für Werkzeug und für die Größe der Scheune. Der Vater ist also ein reicher Kornbauer. Der Sohn ist hier nackt, also ohne Kleidung gezeichnet, wohl um seine Armut zu demonstrieren. Er hat nichts mehr und ist auf das Erbarmen angewiesen. Der Vater zeigt ihm seine Zuwendung, seine Güte, indem er seine Hände segnend auf den Kopf legt. Man ist ein wenig versucht, an den Segen Jakobs zu denken, auch dort haben wir eine Konkurrenz von zwei Brüdern um die Gunst des Vaters. Wilhelm Morgner der expressionistische Maler aus Soest zeigt uns den Sohn im Vordergrund und den Vater, die Leiter und den Sack mit Korn im Hintergrund. Hier Armut, dort Reichtum. Hier Not, dort Segen und Barmherzigkeit. Dass es sich um einen bäuerlichen Betrieb handelt, scheint völlig klar zu sein.

Doch lassen Sie und die Geschichte vom verlorenen Sohn noch einmal genauer betrachten:

–      Hier in den ersten Sätzen ist nicht gesagt, dass es sich beim Besitz und Erbgut um einen Betrieb handelt. Das Erbe selbst steht im Vordergrund. Das hätte alles Mögliche sein können. Von bäuerlichen Leben hören wir erst später: „Wie viele Tagelöhner hat mein Vater“, „Bringt das gemästete Kalb“ und „Der ältere Sohn war auf dem Feld“. Aus dieser Beobachtung, dass der landwirtschaftliche Bezug der Erzählung am Anfang nicht gesagt ist, lässt sich folgern, dass dies für die Zuhörer selbstverständlich war und nicht gesondert gesagt werden musste. Ich könnte mir vorstellen, dass diese Art der Erbteilung gar nicht so unüblich war, da ja nur einer den hof weiterführen konnte. So habe ich über Annette von Droste Hülshoff gelesen, dass sie nach dem Tod des Vaters mit ihrer Mutter und ihrer Schwester ins Rüschhaus ziehen musste, dazu aber mit einer lebenslangen Rente belehnt. Der zweite Bruder Annettes erlernte den Beruf des Försters und zog ebenfalls aus. Das besondere ist hier, sozusagen, dass der Erbfall schon vor dem Tod eintritt, was ich aber auch nicht für so ungewöhnlich halte. Warum sollte nicht der Verzicht auf die Hoferbschaft eine anderweitige Berufsausbildung ermöglichen. Die Aussage mit dem moralischen Unterton, der jüngere Sohn habe sein Erbe in der Fremde verprasst, passt eher zur Meinung des älteren Sohnes. Der Erzähler gibt dem älteren Sohn also durchaus recht in seiner Wortwahl, lässt ihn dennoch zum Schluss im Irrtum escheinen.

–      Man kann also sagen: Der Wunsch des jüngeren Sohn löst eine vorgezogene Erbteilung aus. Der väterliche Betrieb wird um den Anteil des jüngeren Sohns verkleinert. Der ältere Sohn und der Vater bleiben gemeinsam auf dem Betrieb.

–      Am Ende des Testes hören wir die Auffassung des älteren Sohnes, der auf dem Feld arbeitete. Er wollte nicht hinausgehen und seinen jüngeren Bruder begrüßen. Die Teilung und dessen Aufbruch in die Fremde waren ärgerlich für ihn. Diesen Ärger hört man hier durch. Er ist nachtragend. Der Bruder habe sein Hab und Gut mit Huren verprasst. Er hat dazu schlecht gewirtschaftet. Ein anderes Gleichnis Jesu sagt, man sollte einen solchen Betrag gewinnbringend anlegen und verwenden, seine Talente also gebrauchen, und nicht verbrauchen.

–      Trotz der Auffassung des anderen Bruders, die auch vom Erzähler unterstützt wird, liegt die Perspektive dieser Geschichte beim jüngeren Sohn. Es ist seine Geschichte, die hier erzählt wird. Er hat die alte Ordnung der Selbstversorgungswirtschaft verlassen, und ist in die Geldwirtschaft gewechselt. Ackerbau und Viehzucht, oder Energieerzeugung, das ist vielleicht heute die Frage. Ob der jüngere Sohn mit dem Wechsel in die Geldwirtschaft wirklich falsch gehandelt hat oder ob er nur das unschuldige Opfer einer Wirtschaftskrise wurde, die als „Hungersnot“ über das Land kam, ist aus der Sicht Jesu gleichgültig. Doch es ist schon eine Frage, warum dieses Thema nicht schon bei der Anfrage des jüngeren Sohn um die Aufteilung des väterlichen Erbes angesprochen worden ist.

–      Der Verlauf der Geschichte zeigt, dass der Weg des jüngeren Sohnes in die Geldwirtschaft offensichtlich problematisch ist, da er vom „Sohn“ zum „Tagelöhner“ wurde. Sozialer Abstieg ist vorprogrammiert. Seine Rückkehr zum Vater ist ja in der Geschichte allein dadurch begründet, dass er ja auch dort als „Tagelöhner“ wird arbeiten können, wenn er wieder zurückkehrt. Es ist nicht die Rede davon, dass er verlorene Privilegien zurückerhalten möchte.

–      Bekenntnis der Reue „ich bin nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße“ soll den Vater dazu bewegen, dass er auf der Grundlage des Tageslohn wieder zurück kommen kann. Doch genau darauf geht der Vater nicht ein: „Mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden.“

–      Das Mastkalb wird geschlachtet. Der jüngere Sohn kommt als der zurück, der er vorher auch war. Sowohl seine Willensentscheidung ändern daran nichts als auch sein Schicksal in der Wirtschaftskrise. Er ist und bleibt Sohn dieses Vaters. Seine Rückkehr ist Versöhnung und Grund zur Freude. Die Reaktion des älteren Sohns zeigt uns zwar auch den Hintergrund der sozialen Verhältnisse, ist aber ein vielleicht noch schlimmeres Unrecht, als die Aufteilung des Erbteils. Er verweigert seinem Bruder die menschliche Gemeinschaft. Damit zeigt Jesus, worauf es ihm hauptsächlich ankommt. Dass bei allen Faktoren, die unsere sozialen Beziehung bestimmen, sei es der Hof, sei es die Zukunft und die Entscheidungen, die Frage der menschlichen Beziehungen immer an die erste Stelle gehört. Beim Geld hört nicht nur die Freundschaft, sondern auch die Verwandtschaft auf.

Welche Aussagen lassen sich aus diesem Text ableiten:

  1. Die Heimkehr des verlorenen Sohnes ist ganz klar das Thema dieses Textes. Um die Heimkehr geht es von Anfang bis Ende. Es ist jederzeit möglich, sich neu für Gott zu entscheiden. Wer sich einmal abgekehrt hat, kann wieder zurückkehren. Es gibt keine Gnade der frühen oder späten Geburt. Die Menschen, die als Kinder Gottes gelten, wie es die Taufe verkündet, fallen auch durch ihre eigenen Entscheidungen und deren Folgen nicht aus der Gotteskindschaft heraus. Auch der ältere Sohn wird durch seine Verweigerung,d en jüngeren zu begrüßen, zum verlorenen Sohn. Doch auch zu ihm sagt der Vater „Du bist allezeit bei mir“.
  2. Bild des Vaters lässt sich nicht nur auf die Verteilung einer Erbschaft fixieren. So hat es ja einmal der Apostel Paulus gesagt: „Sind wir Gottes Kinder, dann sind wir auch seine Erben“. Dieser Satz darf nicht im Sinne eines Besitzdenkens verstanden werden. Glaube ist nichts statisch. Kein Besitz, der nur zu verwalten ist. Glaube ist Leben, ist offen für Veränderungen. Das Gottesbild wandelt sich. Die Aufnahme des jüngeren Sohns lässt die Frage nach der Erbschaft zurücktreten. Wer Mensch ist, ist Kind Gottes und bleibt es auch.

Ich fasse zusammen:

Was sich hier ebenfalls andeutet ist eine gewisse Zweigleisigkeit in der Kirche: Eine Gemeinschaft aus Juden und Heiden, ein Miteinander von neuem und altem Bund, auch von Judenchristen und Heidenchristen. Die Geschichte zeigt, dass von Gott her dieses Miteinander noch denkbar war, aber dass es Spannungen gab. Wenn Jesus gekommen ist, suchen und selig zu machen, was verloren ist, dann schmeißt er damit ja nicht automatisch die anderen aus der Gemeinschaft mit Gott heraus. Gottes Liebe ist von ideologischen Kriterien her manchmal unverständlich. Heute muss man sagen: Die Kirche Jesu muss nicht nur aus Frommen bestehen, zu ihr gehören auch die, die andere Wege gegangen sind und trotzdem zu Gott finden. Und: Gott macht Tote lebendig, auch in diesem Leben. Amen.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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