Predigt über das Gedicht „Wer bin ich?“ von Dietrich Bonhoeffer, Christoph Fleischer, Werl 2011

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 Zum letzten  Sonntag nach Epiphanias.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,

ich träte aus meiner Zelle

gelassen und heiter und fest,

wie ein Gutsherr aus seinem Schloß.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,

ich spräche mit meinen Bewachern

frei und freundlich und klar,

als hätte ich zu gebieten.

 

Wer bin ich? Sie sagen mir auch,

ich trüge die Tage des Unglücks

gleichmütig lächelnd und stolz,

wie einer, der Siegen gewohnt ist.

 

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?

Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?

Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,

ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,

hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,

dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,

zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,

umgetrieben vom Warten auf große Dinge,

ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,

müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,

matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?

 

Wer bin ich? Der oder jener?

Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer?

Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler

Und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?

Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,

das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?

 

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.

Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!

 

(aus: Dietrich Bonhoeffer. Widerstand und Ergebung)

Liebe Gemeinde!

Am 4. Februar diesen Jahres wäre Dietrich Bonhoeffers 105 Jahre alt geworden. Sein Todestag  im Jahr 1945 ist auch bereits 65 Jahre her. Doch die Texte Bonhoeffers sind heute denn je aktuell. Seine Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft 1943 bis 1945 im Buch „Widerstand und Ergebung“ sind in einer extrem schwierigen Situation entstanden. Seit dem April 1943 war er im Gefängnis. Seit Januar war er schriftlich verlobt mit Maria von Wedemeyer unter der Bedingung, diese Verlobung geheim zu halten. Maria sollte das Trauerjahr um Vater und Bruder einhalten und erst danach entscheiden. Sie war erst 20 Jahre alt und noch von den Entscheidungen der Eltern, ja jetzt nur noch der Mutter abhängig. Die Gefängniszeit ändert alles. Maria zieht zu den zukünftigen Schwiegereltern nach Berlin, wird pro forma eine Sprechstundenhilfe bei Bonhoeffers Vater, dem bekannten Psychiater. Maria liebt Rilkes Gedichte, die Dietrich ihr nicht ausreden kann. Bonhoeffer, der Theologe, schon mehrere theologische Bücher hat er veröffentlicht, beginnt im Gefängnis zu dichten und fügt diese Texte seinen Briefen bei. Maria, die Verlobte besucht ihn regelmäßig und bringt ihm die gewünschten Dinge des täglichen Bedarfs und die Bücher. Sie leben ihre Verlobungszeit unter besonderen Bedingungen und können einander doch nahe sein. Bonhoeffer hat sich der Einberufung in die Wehrmacht entzogen, wurde allerdings in die Abwehr, einer Art militärischem Geheimdienst, eingestellt. Trotzdem verklagte man ihn, den schon seit 1933 bekannten evangelischen Kriegsgegner und Freund der Amerikaner und Engländer deshalb. Er hatte schon 1935 aus diesem Grund die Lehrbefugnis an der Universität verloren. Seine Verflechtung in den Kreis derjenigen, die Hitler umbringen lassen wollten, blieb zunächst unbekannt. Doch seine Freunde waren ebenfalls verhaftet. Ein falsches Wort hätte sie treffen können, oder ihn. Als durch Nachforschungen ein umfangreiches Anti-Hitler Archiv gefunden wurde, noch nach dem Attentat 1944, war klar, dass auch Bonhoeffer zu den Verschwörern gehörte. Und so wurde er noch in den letzten Wochen des Kriegs 1945 hingerichtet. Die Angst in dem Gedicht „Wer bin ich?“ spiegelt diese unsichere Lage zwischen Hoffen auf einen gelingenden Umsturz und Bangen auf Verrat und Entdeckung wieder. Bonhoeffers besondere Nähe zu Menschen, die durch nationalsozialistische Gesetze als Juden verfolgt und bedroht wurden, seine Zwillingsschwester und Schwager und sein Freund Hildebrandt im englischen Exil, ließ ihn schon von daher die eindeutige Haltung der evangelischen bekennenden Kirche zum verfolgten Volk der Juden vermissen. Bonhoeffer fühlte sich mitverantwortlich. Ein frühes Einlenken der Engländer hatte er schon aus seiner Arbeit als Spion heraus nicht erreichen können. Der Krieg war Realität. Die Bomben trafen auch die nähere Umgebung des Tegeler Gefängnisses. Für die Gefangenen gab es keinen Luftschutzbunker. Sie waren dem Risiko des Bombeneinschlags schutzlos ausgeliefert. Es gab Verletzte, um die sich Dietrich Bonhoeffer mit kümmerte. Er fühlte sich ein wenig als Seelsorger der Mitgefangenen. Doch dazu die Unfreiheit der Gefängnisses „gefangen wie ein Vogel im Käfig“. Möglicherweise deutete er den auch ihn spürbar erfassenden Bombenkrieg aus Vorboten des bereits verlorenen Krieges.

Man müsste meinen, dieses Gedicht „Wer bin ich?“ sei so deutlich und klar auf die Lage Dietrich Bonhoeffers im Gefängnis zugeschnitten, dass es kaum verallgemeinerbar ist, und dennoch hat gerade im Schulunterricht dieser Text eine rasante Verbreitung erfahren. „Es ist wichtig, dass sich Jugendliche die Frage „Wer bin ich?“ immer wieder neu stellen und dass sie erkennen und für sich akzeptieren können, dass auf diese Frage keine abschließende Antwort zu erwarten ist.  Sie werden erkennen, dass die Frage in verschiedenen Lebensphasen unterschiedlich beantwortet werden muss, dass die Antwort also situationsgebunden ausfällt.“ So schreibt Christina Lange in einer Untersuchung über die Rolle Dietrich Bonhoeffers für den Religionsunterricht. „Jugendliche haben das Gefühl, in Schule, Elternhaus und  im Freundeskreis unterschiedliche Rollen spielen zu müssen und diesen nicht gleichermaßen gerecht werden zu können.“  Die Wahrnehmung der eigenen Person, die Reaktionen auf die Rückmeldungen anderer, Fragen der Identität und nicht zuletzt auch die der Lebensentscheidungen werden angesprochen und durch dieses Gedicht unterstützt. Vielleicht ist es gar Maria von Wedemeyer, seine Verlobte, die Bonhoeffer gerade angesichts dieser Fragestellung als junge Frau vor Augen hat. Die Verunsicherung durch die Kriegsereignisse tut ihr übriges.

Auch in der Nachkriegszeit wurde der Protest des Gefangenen Dietrich Bonhoeffer gegen die verschiedenen Ansprüche unterschiedlicher Rollen besonders herausgegriffen.  Auch Dorothe Sölle beobachtete an den Briefen von Studierenden, dass diese oft in Widerstand dagegen treten, was andere Menschen in ihnen sehen oder sehen wollen. Sie wehren sich gegen diese Zuschreibung und wollen authentisch sie selbst sein. Dorothee Sölle schreibt: „Anders bei einem so durchaus Erwachsenen wie Bonhoeffer. Licht und Schatten werden hier scharf gesehen und verteilt, das positive Außenbild wird dazu benutzt, die Eigenerfahrung mit sich selbst in Frage zu stellen.  Sagt der junge Mensch, ich bin mehr, als ich scheine, so sagt der Erwachsene: Ich scheine mehr, als ich bin. Ich scheine stärker, gelassener und unangreifbarer zu sein, als ich wirklich bin.“ Dorothee Sölle zeigt damit, dass auch der Erwachsene in eine Krise geraten kann, wie hier Bonhoeffer in der Extremsituation des Gefängnisses, nur sie ist anders als die des Jugendlichen. Das Gegeneinander zwischen der Selbsterfahrung und dem, was andere über uns ausdrücken, bleibt bestehen. Dennoch gibt es Gewissheit. So schreibt Dorothee Sölle: „Was aber nicht offenbleibt und nicht in Zweifel gezogen wird, ist eine Identitätsgewissheit, die jenseits aller Fragen und des Bewusstseins besteht. Auch wenn ich mich nicht mehr erkenne, auch wenn ich mich nicht mehr verstehe, „Gott“ kennt, erkennt, liebt mich.“ Auf diesen Weg hat Dietrich Bonhoeffer sich selbst und seine Leserinnen und Leser wie hier auch Dorothee Sölle geführt. Damit scheint es erst möglich, die spannungsvollen Lebenserfahrungen, die sich in uns selbst widerspiegeln auch auszuhalten und zu besprechen. Wir sind nach Martin Luther immer sündig und gerechtfertigt zugleich, nie nur heilig und nie nur böse. Und aufgehoben ist dieses innere Spannungsfeld in Gott.

Doch was heißt das? Ist das nicht auch eine etwas zu schnelle zu leichte Antwort, die angesichts innerer Konflikte die religiöse Gewissheit als Kategorie des ganz Anderen ins Spiel bringt? Wollen wir uns selbst damit etwa mit der anderen Wirklichkeit vertrösten? Klar ist hier, dass dieses Gegenüber Gott auch in aller unserer Unsicherheit und Unklarheit bestehen bleibt. Klar ist auch, dass die Gewissheit des Gegenübers in Gott uns andererseits nicht verführbar macht und abhängig von all den Zuwendungen, die wir vielleicht von außen erhalten, so wie wir angewiesen sind auf Lob und Liebe, auf Dank und Anerkennung.

Ein anderes Gedicht aus der gleichen Zeit, das ausdrücklich ausschließlich für Maria von Wedemeyer bestimmt ist, beschreibt Dietrich Bonhoeffer seine Gefühle nach einem Besuch seiner Verlobten:
„Wie der Hauch des warmen Atems

Sich in kühler Morgenluft auflöst,

so zerrinnt dein Bild,

daß ich dein Angesicht, deine Hände, deine Gestalt nicht

mehr weiß,

ein Lächeln, ein Blick, ein Gruß erscheint mir,

doch es zerfällt,

löst sich auf,

ist ohne Trost, ohne Nähe,

ist zerstört,

ist nur noch vergangen.“

(aus: Dietrich Bonhoeffer. Widerstand und Ergebung.)

Selbst in einer solchen Situation, in der andere vielleicht sagen würden, dass sie gerade das innere Bild ihrer Geliebten aufrecht erhält, ist Bonhoeffer ganz realistisch und zeigt, dass die Vergangenheit immer wieder vergeht und nicht in die Gegenwart hineinreicht. Von Tränen ist die Rede, die diese Begegnung gleichzeitig betrauern und ins Gedächtnis zurückholen. Im Traum erscheint nun ihr Bild erneut, so ist es im Gedicht beschrieben:

„Über deine Nähe erwach ich mitten in tiefer Nacht

Und erschrecke –

Bist du mir wieder verloren? Such´ ich dich ewig

vergeblich,

dich, meine Vergangenheit, meine?

Ich strecke meine Hände aus

Und bete – –

Und ich erfahre aufs Neue:

Vergangenes kehrt dir zurück

Als deines Lebens lebendigstes Stück

Durch Dank und durch Reue.

Faß´ im Vergangenen Gottes Vergebung und Güte

Bete, dass Gott dich heute und morgen behüte.“

(Dietrich Bonhoeffer. Widerstand und Ergebung)

Wie schon im Gedicht „Wer bin ich?“ tritt am Ende Ruhe und Gewissheit durch die Erwähnung der Gegenwart Gottes ein. Doch hier wird nicht einfach gedeckelt. Die Erfahrungen werden und bleiben wichtig. Die Vergangenheit geht mit, aber sie will in der Gegenwart und in die Zukunft hinein gelebt werden. Vollendet klingt das im letzten Gedicht Bonhoeffers:

„Von guten Mächten wunderbar geboren erwarten wir getrost, was kommen mag.“

Niemals ist hiermit eine untätige und sorglose Frömmigkeit gemeint, die alles nur auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschiebt. Der Glaube will in allem in Verstand und Gefühl gelebt werden. Aber die Unruhe der Zeit muss ihre Quelle in der Ruhe habe, in Gottes Gegenwart, in mir selbst.

Gott ist ja nicht nur in der Natur, in den Worten der Tradition, in den Begegnungen mit anderen lebendig, sondern zuletzt auch in uns selbst. Dort wird er uns zur Antwort auf unsere Gebete, nicht außerhalb. Wir sind uns aller Abhängigkeit und Unsicherheit unseres Lebens bewusst, wie wir spüren, dass es uns geschenkt ist und dass wir dieses Geschenk als ganz große Gabe und Gnade jede Stunde und Minute von Neuem empfangen dürfen. Diese Gewissheit befreit uns von Angst und Hass, von Ärger und innerer Zerrissenheit, da sie uns die Zeit immer neu erfahren lässt als das Geschenk des Schöpfers. Es ist die Gabe, die uns von selbst dazu bringt, aus der Gewissheit Kinder Gottes zu sein mit und durch Jesus Christus in dieser Welt und Schöpfung auch als solche zu leben und Verantwortung für alles Anvertraute zu tragen.

„Gott ist mit uns an am Abend und am Morgen und ganz gewiss jedem neuen Tag.“

Amen.

Literatur:

Dietrich Bonhoeffer. Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft. DBW BD. 8 Taschenbuchausgabe, Gütersloher Verlagshaus,  Gütersloh 2011 (S.468-471, 513-514 und 607-608).

Christina Lange. Bonhoeffer im Religionsunterricht. University Press Kassel , Kassel 2008, S. 168

Dorothee Sölle. Die Hinreise. Kreuz Verlag, Stuttgart, 4. Auflage 1977, S. 148f

Auch hier: http://www.dietrich-bonhoeffer.net/bonhoeffer-heute/gottesdienst-andacht/wer-bin-ich/

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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