Der Mensch von Gott aus gesehen – Rezension von Christoph Fleischer, Werl 2011

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Zu: Gerhard Sauter: Das verborgene Leben, Eine theologische Anthropologie, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2011, ISBN 978-3-579-08029-1, Preis: 29,99 Euro

Professor Gerhard Sauter, geboren 1935, war von 1975 bis 2005 verantwortlicher Herausgeber der Zeitschrift „Verkündigung und Forschung“. Als Hochschullehrer (em.) vertritt er die Fachrichtung systematische Theologie. Seine Arbeit steht der dialektischen Theologie nahe, auch Neoorthodoxie genannt, mit einer Verbindung zur politischen Theologie Jürgen Moltmanns.
Von den biografischen Daten her lässt sich ein Blick auf die nun vorgelegte theologische Anthropologie werfen. Deren Namensverzeichnis zeigt eine breite Kenntnis der Theologie des 20. Jahrhunderts und der Philosophen, die diese beeinflusst haben,wie Kierkegaard, Heidegger, Nietzsche, Hegel und Kant. Gerhard Sauter unterscheidet die Aufgabe der theologischen Anthropologie von der einer philosophischen. Er distanziert sich von der anthropologischen Wende in der Theologie der siebziger Jahre, die von den Humanwissenschaften geprägt war.
Die theologische Anthropologie stellt die Frage nach dem Menschen in Bezug auf die Begegnung mit Gott, wobei der Gottesbegriff meist als selbstverständlich vorausgesetzt wird. Die Textgrundlage dieser Arbeit ist die Bibel, wobei deren exemplarische Texte die jeweiligen Themen beleuchten. Der Titel der o.g. Zeitschrift ließe sich vor dem Hintergrund dieses Buches umdrehen: Von der theologischen Forschung zur Verkündigung. Von dieser Wegweisung her lässt sich Sauters Buch als Brückenschlag zur Praktischen Theologie verstehen, die auf die Funktion der biblischen Verkündigung fokussiert wird. Kritische  philosophische Anfragen werden zwar erwähnt, aber eigentlich nicht direkt beantwortet. Die Auswahl der Themen lässt hingegen dennoch eine stärkere Nähe zur Humanwissenschaft durchscheinen, als sie der Autor methodisch zulassen möchte. Stichworte z.B. wie Orientierung, Selbstwahrnehmung, Willensbildung sowie Leiden, Alter und Sterben kommen durchaus vor. Es wird hier eine thematisch breite Reflektion vorgelegt, die sich positiv auf Verkündigung und Theologie auswirken kann. Wer eine Anthropologie schreibt, muss bei aller Fokussierung auf Gott und die Bibel zeigen, dass die christliche Religion ohne die Reflektion des Menschen undenkbar ist. Dies sei an drei Fragen illustriert: Welchen Blick erlaubt das Gebet auf das menschliche Leben? Inwiefern ist der Blick von Gott her und zu Gott hin für das menschliche Selbstverständnis wichtig? Inwiefern deckt das Hören und Reflektieren der Bibel ein verborgenes (göttliches?) Leben im Menschen auf? Solche Fragen, die mehr gestellt als beantwortet werden, zeigen, dass die theologische Anthropologie eine Art Fundamentaltheologie ist oder als theologische Rede von der christlichen Religion bezeichnet werden sollte. Damit würde die christliche Religion allerdings nicht von der Kirche, sondern vom Menschen aus beschrieben. Doch diese Umkehrung der Perspektive vollzieht Gerhard Sauter nicht. Seine Anthropologie gibt dazu die Wegweisung, eröffnet die Perspektive, bleibt aber auf der Seite der positiven Religion stehen. So entsteht wie so oft auch bei dieser Lektüre der Eindruck, dass das Thema gestellt und exemplarisch bearbeitet wurde, um die Leser zu persönlicher Weiterarbeit zu motivieren. Trotz aller Fortschritte der protestantischen Theologie steckt die theologische Anthropologie noch in den Kinderschuhen und bedarf der weiteren Bearbeitung, zumal sie immer wieder auf neue Offenbarungen des Menschseins zu reagieren hat. Klar ist: Für die Theologie darf und kann die Frage nach dem Menschen kein Randgebiet sein, schrieb doch Goethe im Faust: „Der kleine Gott der Welt bleibt stets von gleichem Schlag/ Und ist so wunderlich als wie am ersten Tag./ Ein wenig besser würd´ er leben,/ Hättst du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben;/ Er nennts Vernunft und brauchts allein, Nur tierischer als jedes Tier zu sein.“ (Johann Wolfgang Goethe, Faust DtV München, 9, 2006, S. 15).

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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