Predigt über Markus 3,31-35, Christoph Fleischer, Werl 2011

Am 13. Sonntag nach Trinitatis

Menschheitsfamilie

Liebe Gemeinde!

Unter den Opfern des 11. September waren 12% Nicht-Amerikaner, insgesamt 373 ausländische Staatsangehörige aus 58 Ländern.

Insgesamt starben 2750 Menschen im World Trade Center, 174 in den Flugzeugen, 184 im Pentagon in Washington und 40 in der Maschine, deren Fluggäste die Entführer zum Aufgeben zwangen. Die schreckliche Tat galt also nicht nur Amerika, sondern sie war als Signal an die ganze Menschheitsfamilie gedacht. An gleicher Stelle entsteht das World Trade Center wieder neu. 5 Hochhäuser sind geplant oder in Bau. Die Einheit der globalisierten Welt lässt sich auch durch eine solche Tat nicht aufhalten. In der Vorbereitung fand ich die folgende eigene Predigt aus dem Jahr 2005, weil ich sie damals im Internet abgespeichert habe. Das Internet verbindet Menschen noch einmal auf andere Weise global. Auch die schrecklichen Katastrophen stehen uns global vor Augen, als wären sie in der nächsten Nachbarschaft geschehen. Der Tsunami, die Überschwemmung von New Orleans durch den Wirbelsturm Cathrina, die Öl-Katastrophe am Persischen Golf, die Überschwemmungen in Pakistan, die Erdbeben in Japan und auf Haiti, die Atomkatastrophe von Fukushima, um nur einige zu nennen. Die Kriege und die Hungerkatastrophen kommen hinzu. Wenn wir ein wenig Achtung vor uns selbst haben, dann müssen wir zugeben, dass wir in dieser Welt eine einzige Menschheits-Familie sind, deren Geschwister völlig unterschiedlich leben. Einigen geht es gut und viele leiden. Ich möchte dies jetzt nur als Beobachtung in den Raum stellen, weil es im Bibeltext einfach drum geht, diese Menschheitsfamilie wahrzunehmen und zu entdecken, nicht nur als Tourist in fernen Ländern, sondern als Mitmensch schon hier zu Hause in Deutschland.

Predigttext (s.o.): [31] Und es kamen seine Mutter und seine Brüder und standen draußen, schickten zu ihm und ließen ihn rufen. [32] Und das Volk saß um ihn. Und sie sprachen zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir. [33] Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter und meine Brüder? [34] Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! [35] Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.

Liebe Gemeinde!

Im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland steht in einem Grundartikel der Satz:

„Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung.“

Auch wenn unsere Gesellschaft in der allgemeinen Orientierung nicht besonders christlich zu sein scheint, so ist doch dieses Grundrecht sicherlich nicht ohne christliche Tradition denkbar, die gewiss schon auf das Judentum zurückgeht. Im vierten Gebot nach Luthers Zählung heißt es: „Ehre Vater und Mutter…“. In der Familie wachsen die Kinder auf, sie werden einander zu Brüdern und Schwestern. Diese Beziehung verbindet sie ihr ganzes Leben, egal wie eng sie gepflegt wird. Die Bindung der Familie enthält lebenslange Verpflichtungen, denn sie ist die Zelle der Gesellschaft. Die Familie ist der Ort der Erziehung und des Schutzes in den ersten Lebensjahren. Inzwischen ist diese Eigenschaft natürlich auch übergegangen auf die Beziehungen zu Eltern und Kindern in nichtehelichen Lebensgemeinschaften, denn das ändert nichts daran, dass es Eltern und Kinder und damit auch Geschwister gibt.

Wenn der moralische ethische Schutz der Familie ein Erbstück unserer christlichen Religion ist, dann müssen wir davon ausgehen, dass dieser Anspruch nicht nur irgendwie aus dem Christentum stammt, sondern von daher als besonders wichtig angesehen wird. Jesus Christus, auf den wir uns berufen, müsste also ein Mensch gewesen sein, der sich in besonderem Maße für den Schutz der Familie eingesetzt hat.

Nun haben wir in unserem Predigttext gehört, dass Jesus sich in der Erzählung des Markusevangeliums seiner eigenen Familie gegenüber total abweisend verhält. Ich vermute einmal, dass uns dieser Text also zuerst einmal emotional unverständlich ist. Jesu Mutter, seine Schwestern und seine Brüder stehen vor der Tür des Hauses, in dem Jesus mit vielen Menschen zusammen ist. Sie kommen nicht herein und lass ihn daher rufen. Als die Menschen nun mit der Botschaft kommen: „Hier ist deine Mutter, die will dich sprechen“, sagt Jesus drei Sätze, die ablehnend sind. Diese Geschichte passt wirklich nicht zu dem, was wir immer zu Weihnachten als die heilige Familie feiern. Sie passt aber auch gar nicht dazu, dass Maria, die Mutter Jesu ein paar Jahre später Augenzeugin der Kreuzigung wird, sich um das Begräbnis ihres Sohnes kümmert und zu den ersten Zeugen der Auferstehung gehört. Zur Jerusalemer Urgemeinde gehörten später ja nicht nur Maria, sondern auch Jakobus, der Bruder Jesu. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Familie dem Auftrag Jesu völlig ablehnend gegenüber stand. Ich kann mir kaum vorstellen, dass Jesus mit ihnen nicht mehr zu tun haben wollte. Im Grunde ist die Geschichte ja auch gar nicht zu Ende erzählt. Wir hören ja nur die ablehnenden Sätze Jesu und damit ist hier Schluss. Es wird nicht erwähnt, ob Jesus mit seiner Familie gesprochen hat. Es wird ja noch nicht einmal gesagt, wieso sie eigentlich gekommen sind. Um darüber etwas mehr zu erfahren ist es nötig, in der Bibel nur ein paar Verse vorher zu lesen.

Die Geschichte mit der Familie Jesu fängt nämlich schon ein paar Zeilen früher an, dann wurde eine andere Erzählung eingefügt. Im Vers 21 heißt es: „Und als es die seinen hörten, machten sie sich auf und wollten ihn festhalten, denn sie sprachen: Er ist von Sinnen.“ Da der Leser des Evangeliums diesen Vers gelesen hat, weiß er jetzt auch, was die Mutter und Geschwister Jesu von ihm wollen. Sie wollen ihn holen und zu Hause in Sicherheit bringen.

Jesus hatte einen Aussätzigen geheilt, hatte zwölf Jünger berufen und am Sabbat gepredigt und gearbeitet. Jesus hatte schon Streit mit den Pharisäern und Schriftgelehrten bekommen. Jesus war in ganz Galiläa bekannt wie heute ein Fernsehstar. Er konnte nicht mehr unerkannt in eine Stadt Galiläas gehen, dass muss in einer Zeit ohne Fernsehen und Radio schon was heißen. Alles Volk kam zu ihm und erwartete Heilung oder wollte ihm einfach nur zuhören.

Meint seine Familie jetzt, Jesus sei verrückt? Ich denke, er ist in einem bestimmten Sinn verrückt gewesen, indem er sich von dem, was er geglaubt und als richtig erkannt hatte nicht abbringen lassen wollte. Er hat bei seiner Taufe erfahren, dass er der Sohn Gottes ist, der dazu bestimmt ist, den Menschen durch das Wort nun das Reich Gottes anzukündigen und auch zu bringen. Es ist ja auch interessant, dass bei der Aufzählung der Familienangehören von einem Vater nicht die Rede ist, nur von Mutter und Geschwistern. Jesu Vater war Gott selbst, der gesagt hat: „Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.“

Jesus hat sich von seiner Familie getrennt, denn er ist den eigenen Weg seiner Offenbarung gegangen. Wir wissen aus anderen Texten, dass Maria seine Mutter, damit einverstanden war. Warum sagten seine Angehörigen nun, er sei von Sinnen?

Die meisten Leser des Markusevangeliums wissen doch bereits bevor sie lesen, dass Jesus gekreuzigt worden ist. Es ist gesagt worden, dass gerade dieses Evangelium nur von seinem Ende, vom Kreuz und von der Auferstehung Jesu her zu verstehen ist. Ich denke, der Wirbel der um Jesu Person entsteht, nicht nur seine Bekanntheit, sind eine Bedrohung für ihn. Er ist deshalb von Sinnen, weil er ins offene Messer läuft. Früher oder später bekommt er es mit der Armee oder mit der Tempelwache zu tun. Das Volk so zu bewegen, und sei es nur in religiöser Hinsicht, war damals sehr gefährlich. Es gab zu der Zeit nicht wenige Menschen, die sich als Messias und Gesandte Gottes bezeichneten. Einige wollten das Land mit Gewalt von den Römern befreien. Hatte seine Familie nicht vielleicht jetzt zu Recht Angst, dass der älteste Sohn in Gefangenschaft geraten könnte.

Jesus ist der Messias, das wissen wir als Leser des Evangelium doch von der ersten Zeile an. Jesus, Sohn Gottes und Menschensohn in einem, sagt in seiner Predigt: „Ändert euer Leben, denn das Reich Gottes steht kurz bevor.“

Ich sehe also weder bei Jesus noch bei seiner Familie eine feindliche oder böse Absicht. Die Familie kommt, um Jesus in ihren Schutzbereich zurückzuholen, ehe es denn zu spät sein kann. Und Jesus weist sie ab, weil er der Messias ist und nicht in die Familie zurückkommen kann. Er bezieht das Volk mit ein und zeigt auf alle, mit denen er zusammen ist. Er sagt zu ihnen: „Ihr seid meine Mutter, ihr seid meine Schwestern und meine Brüder.“

Manche Ausleger sagen: Mit der Taufe werden wir in den Bund mit Gott hinein getauft und werden einander zu Geschwistern. Wir sind als Christinnen und Christen eine große Familie. Wir nennen Gott den Schöpfer des Himmels und der Erde unseren himmlischen Vater. Und Jesus ist unser Bruder ganz Gott und ganz Mensch. Ich persönlich gebrauche diese Vergleiche auch in vielen Predigten. Ich möchte hier aber sagen, dass Jesus sich ja ganz einfach an alle Menschen wendet, die ihm zuhören. Hier sind nicht die Jünger extra angesprochen. Jesus schließt niemanden aus dem Bund mit Gott aus. Das machen höchsten die Menschen, wenn sie sich abwenden. Aber, wer die Botschaft vom Reich Gottes ernst nimmt, der gehört zu Jesus wie ein Bruder und eine Schwester. Angesprochen sind also ohne Unterschied alle Menschen. Hier ist keiner ausgeschlossen, es sei denn, dass er oder sie sich selbst ausschließt. Von den Regeln einer Religionsgemeinschaft ist hier auch nicht die Rede. Denn wird die Kirche eine Institution, dann ist sie ja ebenfalls wieder wie die Familie festen Regeln unterworfen, dann gibt es wieder dieses innen und außen, dass von Jesus doch gerade auf den Kopf gestellt wird. Wenn in Jesu Sinn der Schöpfer des Himmel und der Erde, also des ganzen Universums unser Vater ist, dann gehören also Menschen global zusammen und bilden die Menschheitsfamilie.

Doch wir fragen uns ja immer noch, wie die Geschichte weitergeht. Die Möglichkeit, dass Jesus aufsteht und zu seiner Familie nach draußen geht, sehe ich nicht, denn sie würde seinen Worten widersprechen. Aber er wird sicherlich auch nicht gesagt haben: „Jetzt seid ihr alle meine Geschwister und mit denen habe ich nichts mehr zu tun.“ Ich denke Jesus hat gesagt: „Geht hinaus zu meiner Mutter und zu meinen Brüdern und meinen Schwestern und bittet sie herein zu kommen, denn sie gehören auch zu meiner Familie, der Familie Gottes.“ Und die Familie Jesu folgte dieser Bitte und sie blieben bei Jesus oder unterstützten ihn weiterhin.

Am Anfang sagte ich: Die Familie steht unter dem Schutz des Staates. Eine Regel, die im Sinne der Humanität notwendig ist, stammt auch in diesem Sinn von Jesus. Jesu sagte selbst: „Lasst die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht.“ Aus der Geschichte, die einen Streit mit seiner Familie zeigt, würde ich allenfalls den Schluss ziehen und sagen: Auch die Familie kann nicht alles sein in unserem Leben. Das sieht man ja auch besonders gut bei Jugendlichen, die ihre eigenen Wege gehen wollen und zu Hause ausziehen. Auch wenn sie sich von ihrer Herkunftsfamilie trennen, bleiben sie doch nicht für immer getrennt sondern finden neue Wege, um im Kontakt zu bleiben. Natürlich ist die Welt, in der wir leben, größer und weiter als die Welt einer Familie jemals sein kann. Und eine Gesellschaft ist auch mehr, als nur eine Ansammlung von Familien. Eine Gesellschaft, die nur eng in Familienstrukturen lebt ist letztlich korrupt und von der Gefahr bedroht, in so eine Art Mafiastruktur zu verfallen. Jesus bezieht alle, die zu ihm gekommen sind, in seine Familie ein und überwindet dadurch die Grenzen, die von diesen geschlossenen Gesellschaften nimmer wieder gezogen werden. Unsere Geschichte ist keine Geschichte gegen die Familie an sich, sondern eine Geschichte gegen Rassismus und Nationalismus, eine Geschichte gegen Fremdenfeindlichkeit und Herrschaft von Vorurteilen. Der christliche Glaube setzt sich gewiss für den Schutz der Familie ein. Aber er verkündigt allen Menschen die Nähe und Liebe Gottes, ohne Unterschiede der Rasse, des Geschlechts oder der Nation.

Amen.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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