Predigt über Matthäus 21, 28-32 , Christoph Fleischer, Werl 2011

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am 11. Sonntag nach Trinitatis

Von den ungleichen Söhnen

28 Was meint ihr aber? Es hatte ein Mann zwei Söhne und ging zu dem ersten und sprach: Mein Sohn, geh hin und arbeite heute im Weinberg. 29 Er antwortete aber und sprach: Nein, ich will nicht. Danach reute es ihn und er ging hin. 30 Und der Vater ging zum zweiten Sohn und sagte dasselbe. Der aber antwortete und sprach: Ja, Herr!, und ging nicht hin. 31 Wer von den beiden hat des Vaters Willen getan?

Sie antworteten: Der erste. Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Die Zöllner und Huren kommen eher ins Reich Gottes als ihr. 32 Denn Johannes kam zu euch und lehrte euch den rechten Weg, und ihr glaubtet ihm nicht; aber die Zöllner und Huren glaubten ihm. Und obwohl ihr’s saht, tatet ihr dennoch nicht Buße, sodass ihr ihm dann auch geglaubt hättet.

Kategorie: Allgemeines
Erstellt von: Christoph Fleischer

Liebe Gemeinde,

wo sind die Gedanken hängen geblieben?

Das Gleichnis von den beiden Söhnen steht bei diesem Text im Vordergrund. Für die Bibelfesten unter ihnen war es sicher ein kleiner Schock, dass auf die Vorrede hin, „Es hatte ein Mann zwei Söhne…“ nicht das Gleichnis vom verlorenen Sohn folgt. Wer ist denn hier der verlorene Sohn? Der nicht will und dann doch tut, oder der etwas verspricht, und es dann nicht hält?

Die Söhne sind aber anders als beim Gleichnis vom verlorenen Sohn nicht die erwachsenen Erben eines alt gewordenen Vaters, der sein Erbe verteilt, sondern es sind heranwachsende Kinder im Haus und Hof des Vaters. Sie gehören zum Betrieb, so müsste man heute modern sagen, aber trotzdem haben sie ihr eigenes Leben.

An diesen zwei Söhnen kann unsere Phantasie prima spazieren gehen. Ich lese einmal zwei Beispiele, die ich in der Vorbereitung gefunden habe.

Die Darbietung des Textes in der Volxbibel stellt den Text hinein in unsere Gesellschaft.

„Mal ´ne andere Geschichte, bin gespannt, wie euch die hier schmeckt: Da war mal so ein Typ, der hatte zwei Söhne. Zum ersten sagte er: ‚Geh mal bitte in unsere Werkstatt und reparier das Auto, das dort steht!‘ ‚Klar, mach ich‘, sagte er, aber irgendwie hatte er dann doch keinen Bock und ging einfach nicht hin. Dann ging er zu dem zweiten Sohn, und wollte dasselbe von ihm. ‚Ich habe aber keine Lust!‘, meinte der bloß. Aber später tat es ihm leid und er ging doch hin und reparierte die Kiste. Preisfrage: Wer von den beiden hat denn das getan, was der Vater wollte?“ „Der zweite natürlich!“ (Quelle: Die Volxbibel 3.0, Neues Testament, frei übersetzt von Martin Dreyer, Volxbibel-Verlag im SCM-Verlag, Witten 2005, S. 52)

Die Fortsetzung des Textes interessiert uns jetzt hier noch nicht, da wir uns zunächst auf das Gleichnis von den zwei Söhnen konzentrieren. Vielleicht haben Sie es gemerkt: Dieser Übersetzer hat die Geschichte einfach umgedreht. Zuerst erwähnt er den Sohn, der „Ja“ sagt, und es aber nicht tut, was der Vater ihn bittet. Vielleicht steht der zweite dann um so besser da. Doch ich finde: So richtig toll sind beide nicht. Der eine will nicht, aber tut es dann doch, wohl aus Pflichtgefühl und nicht aus Begeisterung. Und der erste will es und verspricht es, tut es aber doch nicht. Er vergisst es, hat etwas anderes vor oder es kommt ihm was dazwischen.

Es gibt ein Alter, in dem das, was die Eltern sagen, noch sehr wichtig ist und die Kinder ja auch meist noch zu Hause wohnen, und in dem trotzdem vieles noch viel wichtiger ist, nämlich all das, was den Jugendlichen aktuell betrifft, seine Freunde, seine Freundin, seine berufliche Zukunft, seine Hobbies und Interessen. Die Eltern repräsentieren doch mehr die Herkunft, die Vergangenheit, was nicht unwichtig ist, aber die Schule, die Freunde, das steht doch auch für die Zukunft, und die ist wichtiger. Beide sind hin und her gerissen, zwischen Wollen und Tun.

Dazu das zweite Beispiel: die Geschichte von den zwei Töchtern:

„Eine Frau hatte zwei Töchter. Sie kommt zur ersten und sagt: „Astrid, kannst du mir heute Mittag im Laden helfen?“ Sie antwortet: „Ich hab keine Lust, hab anders vor.“ Um drei ist sie dann doch da. Die Mutter geht zur Zweiten und fragt auch sie. Die Gabi antwortet: „Ja, Mutter!“Aber wer mittags nicht erscheint ist sie. Welche von beiden hat getan, was die Mutter wollte. – Ist doch klar: Die Astrid.“ (Quelle: Marie-Luise Kling-de Lazzer in: Textspuren 3, Konkretes und Kritisches zur Kanzelrede, Hrsg. von Peter Härtling, Radius-Verlag Stuttgart 1992, S. 152).

Diese Variante zeigt klar, dass sich die Mutter so recht nicht auf beide verlassen kann. Die erste ist launenhaft und trotzig. Vielleicht hört sie mitten in der Arbeit auf, weil es ihr dann doch nicht passt. Die zweite ist vordergründig angepasst und vermeidet den Konflikt, der aber dann doch unweigerlich kommt, weil sie nicht erscheint.

Es ist ja nicht untypisch, vom Bild der Eltern auf die Beziehung zu Gott zu schließen. Da ist nicht nur das Gleichnis vom verlorenen Sohn, das den Vater zeigt als den, der den aufnimmt, der wieder zurückkehrt und ihm alle Schuld vergibt, obwohl er das Erbe verprasst hat. Der andere Sohn war immer zu Hause, und vermisst jetzt seinen Vorzug. Doch den gibt es nicht. Jeder steht mit seinem Glauben vor Gott gleich da. Gott als Vater, das taucht ja auch als Anrede im Vater Unser auf. An anderer Stelle heißt es: Sind wir Kinder, dann sind wir auch Erben. Die Beziehung zu Gott zeigt uns also nicht nur auf, welche Möglichkeiten der Glaube beinhaltet, vom Gebet bis zur Bitte um Vergebung, von der Herkunft aus Gottes Schöpfung bis zur Heimat in seinem Haus. Die Beziehung zu Gott als dem Elternteil zeigt uns andererseits auch auf, dass wir in unsrem Inneren einen Konflikt haben. Wir hören sozusagen zwei Stimmen. Wir hören die Stimme Gottes – hier die einer Bitte. Und wir hören eine andere Stimme, die Stimme unseres eignen Wollens. Dass der Vater hier eine Bitte, ja man könnte sagen einen Befehl ausspricht, könnte uns darin führen, die Beziehung zu Gott, als eine Anordnung, als ein Gesetz aufzufassen. So meinen es ja auch viele in der Gesellschaft, dass auf die Religion eine Moral folgt, und dass es die Religion dazu in der Gesellschaft gibt, damit diese eine Moral hat. Doch das ist in der Bibel gar nicht unbedingt der Fall. Es geht um die Beziehung zu Gott, um die verschiedenen Stimmen in uns selbst, die uns in einen inneren Konflikt bringen.

Die Möglichkeiten des Lebens und das, was wir daraus machen wollen, stehen der ursprünglichen Wahrheit Gottes eventuell entgegen. Die Zerrissenheit bringt uns in einen Zwiespalt zwischen Wollen und Tun. Jesus sagt, dass der eine Sohn besser ist als der andere, das mag sein, aber zerrissen zwischen Wollen und Tun sind beide. Dass ist bei Töchtern nicht anders als bei Söhnen. Selbst Paulus gibt zu, dass er das Gute, das er will, oft gar nicht tut, und stattdessen das schlechte, das er nicht will. Da steht er ganz wie der zweite Sohn da, der will, aber nicht tut. In diesem Zusammenhang hat Martin Luther darauf hingewiesen, dass wir unsere Beziehung zu Gott nicht von unserem Willen abhängig machen dürfen. Unser Wille ist gefangen, ist abhängig von unseren Stimmen, von dem, was wir uns selbst sagen.

Ich denke, wir sollten das Gottesbild des Sollens und Müssens von dem Gottesbild der Liebe überwinden lassen. Das Bild der Liebe steckt ja auch im Bild der Elternschaft. Die Liebe der Eltern zu ihren Kindern. Diese Liebe schenkt uns die Freiheit, nicht nur gehorsam etwas zu tun, was Gott will, sondern auch unserem eignen Willen zu folgen, erwachsen zu werden und dann immer wieder zurückzukehren, zu den Eltern und auch zu Gott. Die Rückkehr ist immer möglich.

Doch zunächst geht es Jesus ja darum, dass dieses Bild entlarvend ist. Nicht die, die immer laut schreien und heraus posaunen, wie toll christlich und religiös sie sind, und im Endeffekt vielleicht sogar ganz lieblos handeln und denken, sondern die Stillen, die vielleicht erst einmal nein sagen, weil sie nicht wissen, ob sie den Willen aufbringen, die dann aber doch zu Gott stehen und halten, das sind die richtigen Christen.

Die Auswertung des Gleichnisses durch Jesus ist für uns nicht einfach. Wir verstehen nicht so recht, was hier mit Zöllner und Huren gemeint ist und wer überhaupt angesprochen ist. Das Gleichnis richtet sich nicht an die Jünger, sondern an die Gegner mit denen Jesus im Tempel redet. Diese Gegner, die Hohenpriestern und Ältesten des Volkes mögen es gar nicht, mit Zöllnern und Huren auch nur verglichen zu werden. Sie sind die Sauberen, das sind die Unsauberen. Die sich mit schmutzigem Geld einlassen. Im Buch Deuteronomium ist festgelegt, dass das Geld von Prostituierten auf keinen Fall in den Tempel gelangen darf, auch nicht um damit ein Gelübde zu erfüllen. Das gleiche gilt natürlich für erschlichenes ermogeltes Geld der Zöllner. Wer die Gesellschaft einteilt in die Guten und die Schlechten, ist bei Jesus auf der falschen Fährte. Jesus greift bewusst Vorurteile auf, um damit zu zeigen, dass es im Glauben sogar eher darauf ankommt zu seiner Schuld zu stehen, als sie heuchlerisch zu leugnen. Jesus erwähnt in diesem Zusammenhang sogar Johannes den Täufer. Obwohl ihm selbst die Gemeinschaft mit Zöllnern und Sündern oft genug vorgehalten wurde, kommt es ihm hier darauf an, zu zeigen, dass die Menschen bereit waren, sich taufen zu lassen, die von den Ältesten als die Unreinen abgelehnt worden sind.

Die Umkehr zu Gott scheint hier den Vorrang zu haben gegenüber jeder behaupteten Rechtgläubigkeit. Die Botschaft dieses Gleichnisses ist in dieser Hinsicht radikal: Jeder kann zu Gott und zum wahren Leben zurückkehren, jederzeit.

Nachdem wir zuerst verschiedene Möglichkeiten gehört haben, das Gleichnis von den zwei Söhnen besser zu verstehen, haben wir uns mit einigen Deutungsmöglichkeiten beschäftigt. Zunächst mit der Wahrnehmung der Zerrissenheit und inneren Uneinigkeit und dann mit dem Unwahrheit falscher Abgrenzungen und Vorurteile.

Es ist klar, dass an dieser Stelle vom Begriff der Sünde die Rede sein muss. Wofür ist dieser Begriff eigentlich gut? In der Theologie ist man sich einig, dass damit die gestörte Beziehung zwischen Gott und Menschen gemeint ist. Sünde ist also nur im abgeleiteten Sinn ein Verstoß gegen Gottes Gebot und auch nur in dem Sinn, dass damit der Wille Gottes als Gesetz verstanden würde.

Dass die Sünde keine für immer fixierende Macht haben kann, zeigt Jesus an verschiedenen Stellen der Evangelien. Hier nimmt er die Umkehr der Zöllner und Huren zum Beispiel. Ihr Leben als Sünde zu bezeichnen wäre also nur der Sinn eines Vorurteils.

Es geht aber viel mehr um den Vorrang der inneren Stimme des eigenen Selbst. Das ist kein eigentlicher Egoismus, sondern ein gesunder Lebenstrieb, der uns normalerweise immer sagt, was wir zu tun und zu lassen haben. Ich persönlich finde es demnach auch immer sehr verkürzt, wenn bestimmte Kirchenoberen oder Theologen den Egoismus in unserer Gesellschaft als Sünde bezeichnen. Kein Mensch kann ohne Egoismus existieren. In unserem Gleichnis wird schon deutlich, dass es immer mehrere Stimmen gibt, die in uns laut werden und die alle zu uns gehören. Da ist die Stimme Gottes immer nur eine unter vielen.

Sich auf die Stimme Gottes einzulassen ist keine Frage des Gehorsams, sondern eine Frage des Vertrauens. Glaube hat es immer mit Vertrauen zu tun. Vertrauen steht gegen Sicherheit. Unser normaler Egoismus entscheidet sich üblicherweise für die Sicherheit. Doch Sicherheit setzt immer auf das Materielle, das Vorläufige und Begrenzte. Der Versuch, auf die Ewigkeit zu setzen, auf den Weg hinter der Grenze geht nur im Sinn des Vertrauens. Natürlich kann man sagen, dass wir uns dabei auf Gottes Liebe und Gottes Zusage verlassen. Doch kann dies nur ein Akt der Vertrauens sein. Sünde ist also nichts anderes als die Verweigerung des Vertrauens.

Auch auf die Taufe folgt ja keine Sicherheit, sondern nur das Bewusstsein, die Zusage der Nähe Gottes persönlich erfahren zu haben. Verwirklicht wird der Glaube immer nur im Vertrauen und nicht in einer Form der Sicherheit. Allerdings ist die Glaubenserfahrung, so könnte man es sagen, eine andere Form von Lebensqualität, als nur der Versuch, auf die Stimme des Selbst und die Notwendigkeit der materiellen Absicherung zu setzen. Die innere Zerrissenheit zwischen der Stimme des Selbst und der Stimme Gottes ist auch kein Makel, oder ein falsches Bewusstsein, sondern genauso das richtige Gefühl dafür, dass die Sicherheit des Lebens in Gott als dem Sinn des Lebens ruht, diese aber unverfügbar ist. Glaube will erfahren werden. Aus der Zusage der Nähe Gottes folgt das Vertrauen in die Zukunft, die auch einmal darin bestehen kann, der eigenen inneren Stimme zu widersprechen. So gesehen, ist die Zerrissenheit der beiden Söhne, so problematisch sie in der Erziehung sein mag, für Jesus als den Erzähler des Gleichnisses kein echtes Problem. Das Leben besteht eben nicht aus einer immer klaren und sicheren Entscheidung, sondern wie die Nähe Gottes in jeder Lebenslage immer neu interpretiert werden muss, so ist auch die Vertrauensentscheidung immer aktuell und auf die Situation bezogen. Jesus warnt daher zu Recht vor jeder Selbstgerechtigkeit. Das Leben ist immer neu ein Wagnis. Wer sich in Selbstrechtfertigung und in Vorurteilen verschanzt, ist garantiert auf dem falschen Weg. Doch auch hieraus ist die Umkehr noch jederzeit möglich.

Amen.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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