Predigt über Klagelieder 3, 22 – 32 (Auswahl), Christoph Fleischer, Werl 2011

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Überarbeitet gehalten am 08.10.2011

Klagelieder 3,22-32 (Luther-Bibel)

22 Die Güte des HERRN ist’s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende,
23 sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.
24 Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen.
25 Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt.
26 Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen.
31 Denn der HERR verstößt nicht ewig;
32 sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte.

Liebe Gemeinde,

wir haben hiermit einen kurzen Ausschnitt aus dem Buch der Klagelieder gehört. Dieser Ausschnitt beschreibt das Verhältnis eines Leidenden, der trotz seiner Klage am Glauben festhält. Ja müsste man nicht sogar sagen, dass sich ein wahrer Glaube in einer solchen Situation erst recht bewährt? Die Religion ist immer eine Form der Lebensbewältigung. Wer dann in eine Notlage kommt, kann dann darauf zurückgreifen. Viele Ärzte und Schwestern sagen: religiöse Menschen können leichter mit dem Tod um gehen. Sie sind durch ihre Religion gerade auch auf solche Situationen des Leids, der Krankheit, des Scheiterns, der existenziellen Not besser vorbereitet.

Doch hier in der Kirche, frage ich trotzdem einmal selbstkritisch zurück: Können und wollen wir eigentlich noch klagen? Sind uns die Klageworte und Klagelieder nicht oft fremd und ungewohnt geworden? In anderen Ländern und bei anderen Völkern wird doch sehr viel intensiver geklagt, als bei uns.

Ich hatte einmal eine Beerdigung eines älteren Mannes, der beim Schwimmen im Mittelmeer einen Herzanfall erlitten hatte und dadurch ertrunken war. Da die Familie den Leichnam nach Deutschland überführen wollte, wurde er nach dem Tod zunächst in der kleinen Kapelle des Küstenortes am Mittelmeer aufgebahrt. Die Angehörigen, die ja ebenfalls noch am Ort waren, erzählten, dass sich die Nachricht vom Tod dieses Touristen wie ein Lauffeuer im Dorf verbreitete. Viele Frauen kamen zu der Kapelle, in der sich der Tote befand, um Totenwache zu halten. Sie blieben auch über Nacht dort. Sie klagten und weinten laut, als ob einer ihrer engsten Verwandten gestorben wäre, und doch war es nur ein Fremder, ein Tourist. Es war den Angehörigen, als wäre der Tote dadurch noch nach seinem Tod regelrecht in die Dorfgemeinschaft aufgenommen worden, so intensiv war die Klage und die Anteilnahme. Ich muss sagen, dass ich diese Art und Weise der Klage bemerkenswert finde. So etwas wäre bei uns gar nicht möglich. Es passt nicht so recht in unsere Kultur. Wir ziehen die stille Trauer der lauten Klage vor. „In aller Stille“ – so heißt es oft ausdrücklich.

Das mag ja auch seine Berechtigung haben. Es gibt ja auch verschiedene Temperamente. Aber zugleich geschieht die ungeheure Vereinzelung. Es gibt keinen rechten Anlass mehr zu gemeinsamer Anteilnahme. Die Tradition der Klage ist bei uns weitestgehend verloren gegangen.

Im Fernsehen wurde eine Dokumentation über die Evakuierung der überfluteten Stadt New Orleans gezeigt. In Amerika gibt es ja sehr verschiedene Bevölkerungsgruppen. Während die Weißen so ähnlich reagieren wie wir Europäer, zeigen die Schwarzen ganz offen ihre Gefühle. Sie schreien und klagen. Ich sah dann auch Ausschnitte aus einem Gottesdienst einer schwarzen Gemeinde. Obwohl sie selbst alle Menschen in ihrer Umgebung verloren haben, stimmten sie ein in den Wechselgesang der Gospel, der immer in das Lob Gottes mündet. Das dass auch in einer solchen Situation möglich ist, fand ich erstaunlich. Es kam aber auch durchaus in manchem die Wut zu Tage, die sie hatten, da die Schwarzen auch ohne Rassentrennung oft zu den ärmeren Schichten gehörten. Der Pfarrer bezeichnete die Flut als Strafe Gottes gegen die Ausschweifung, die Sünde und die Ungerechtigkeit der Großstadt New Orleans. Fast wie bei Noah, als die Flut die Sündern vernichtete, so wurde auch hier Gott als der Strafende gesehen. Wenn ich auch so nicht denken möchte, finde ich diese Gedanken aus der Klage heraus verständlich. Der Filmbericht zeigte mit seinen Bildern eine andere Botschaft. Zunächst traf die Flut alle gleichermaßen, aber die Reichen waren in allem im Vorteil. Sie klebten nicht so an ihren Häusern, weil sie alle gut versichert waren. Sie konnten sich daher rechtzeitig evakuieren lassen. Die Armen, fast alle waren schwarz, haben alles verloren. Die Schiffe der Krabbenkutter waren sogar an Land gespült worden. Sie haben viel mehr Todesopfer zu beklagen. Ihre Häuser oder Wohnanhänger waren vernichtet. Und gerade sie wollten auf jeden Fall zurück in ihre Stadt und sie wieder aufbauen.

Auf jeden Fall kann man aber sehen, dass die Klageworte der Bibel keine freie Erfindung sind. Sie sind sicher auf jeden Fall in ähnlichen Totalkatastrophen abgefasst worden. Bei unserem Text geht man davon aus, dass er eine Reaktion auf die Zerstörung der Stadt Jerusalem im Jahr 586 vor Christi Geburt ist, der Beginn des sogenannten babylonischen Exils.

Ich möchte nun auf dem Hintergrund des Gesagten, die Worte des Textes noch einmal erklären.

„Die Güte des HERRN ist’s, dass wir nicht gar aus sind.“

Dieser Satz ist ja erst am Ende der Klage denkbar, denn hier wird auf jeden Fall ein positives Urteil gefällt. Auch in einer Katastrophe wie in den letzten Jahren sehen wir immer wieder beides: die Klage über das unermessliche Leid, und die erschöpfte, kraftlose Freude darüber, gerettet worden zu sein. Es ist für uns Menschen in einer solchen Lage sicherlich immer ein Grund zum Aufatmen. Es geschieht dann trotz aller Verzweiflung, auch wenn alles verloren ist, dass sich die Menschen freuen, dass sie überlebt haben. Gerade wer dem Tod so nah gewesen ist, freut sich über die Rettung oder über die Heilung. Es ist, als könne er oder sie nun erst richtig leben, weil er oder sie erfahren hat, welch unermesslichen Wert jedes einzelne menschliche Leben hat und wie schnell es durch solche Ereignisse ausgelöscht werden kann. Ich denke, dass jede Trauer über den Verlust eines Menschen immer auch ein Bewusstsein darüber gibt, selbst am Leben zu sein. Wir haben in unserer Kirche viele Menschen, die haben im Osten, in ihrer Heimat alles verloren oder aufgegeben. Und doch sind sie froh, dass sie leben dürfen. Es ist selbstverständlich, dass dies nun in religiöse Begriffe gefasst wird: „Nicht gar aus“ zu sein, lebendig auch unter ungeheuren Verlusten, ist eine Gabe, ein Geschenk Gottes, wie das Geschenk des Lebens überhaupt. Rettung kann sich niemand verdienen oder erarbeiten, sondern kann es nur geschenkt empfangen. Und so ist hier Gott trotz aller Klage auch als der Gute Gott zu erfahren, was nun im Weiteren entfaltet wird:

„Seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.“

Da sich Gott darin den Leidenden besonders zuwendet, ist er als der Barmherzige erfahren worden. Gottes Güte wird so auf das eigene Leben angewandt. Jedes Leben ist ein Bild der Güte und der Gegenwart Gottes. Dies greift der Beter nun auf und zieht daraus den Schluss, dass Gottes Güte jeden Morgen neu ist. Gottes Güte ist eben keine Sparkasse und keine Lebensversicherung, sondern die Treue Gottes zu seinen Geschöpfen zeigt sich dann, wenn das Leben neu ersteht. Jeder Morgen, an dem die Sonne aufgeht, ist damit ein Bild der Auferstehung und ein Zeichen, dass das Leben sich nicht geschlagen gibt. Jeden Tag empfangen wir das Leben neu. Jeder Tag ist der Anfang eines neuen Lebens. Jeder Tag ist neu geschenkte Zeit. Auch wenn das hier nicht gesagt wird: Aus dieser Theologie darf kein rücksichtsloser Egoismus werden. So einseitig es klingt, dass die Überlebenden sich ihrer Rettung freuen und zu recht auch freuen dürfen, so sehr ist doch die Trauer um die Verstorbenen und das Leid der Opfer hier mitgemeint. Aber unser menschlicher Umgang mit dem Tod ist immer lebensbezogen und muss es auch sein. Die Leichen der Verstorbenen werden beerdigt und geehrt. Aber die Rettung der Stadt und der Wiederaufbau der Häuser ist ja ebenso notwendig. Wo haben denn die Trümmerfrauen in Berlin nach dem zweiten Weltkrieg die Kraft für ihre immense Aufbauarbeit herbekommen. Sie hatten alle Angehörigen im Bombenkrieg verloren oder ihre Männer waren gefallen. Und trotzdem wollten sie der Zukunft eine Chance geben und das Leben neu ergreifen. Sie wollten der Welt beweisen, dass Deutschland die Kraft hat, eine solche Krise zu meistern. Der Wiederaufbau Deutschlands ist trotz aller Hilfen aus dem Ausland in erster Linie dem Lebenswillen der Überlebenden zu verdanken. Die Klage führt also gerade nicht in die Depression, sondern setzt die Kräfte frei um den notwendigen Neubeginn zu ermöglichen. Was bedeutet dies nun für die Religion?

„Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen.“

Mit Seele ist im Hebräischen mehr gemeint als im Deutschen. Seele meint das Lebensgefühl im Ganzen: Der Herr ist mein Teil, Gott gehört nun zu meinem Leben. Gott als der Schöpfer und die Urkraft des Lebens ist eben auch in uns selbst zu erfahren. Die überwundene Trauer, die Auferstehung aus dem Leid, der Lebenswille ist eine Eigenschaft Gottes in unserer Seele. Er setzt in einer solchen Situation Kräfte frei, die für uns als Außenstehende oft unverständlich sind. Wie kann man sich nach einer solchen Anstrengung des Sturms und der Flut, dann des Aushaltens und der Evakuierung schon an die Wiederherstellung zerstörter Häuser machen wollen? Woher kommt die Kraft derer, die zurück in die Stadt wollen, um mit aller Macht nach vermissten Angehörigen zu suchen. Es ist die Stärke des Lebenswillens, den Gott der Schöpfer in uns gegeben hat. Religiös ist hier von Gottes Treue die Rede, die uns Menschen dann eben nicht verlässt. Hier gewinnen wir Vertrauen, in dem wir den Glauben an Gott ganz in unser eigenes Leben einbeziehen.
Die Frage, die nun folgt ist die: Was lernen wir Menschen aus dieser Erfahrung? Die Konsequenz besteht darin, dass das Vertrauen in das Leben einen neuen Aufschub erhalten hat. Gottes Gegenwart ist erfahrbar geworden. Die Rettung aus großem Unheil und sei es mit großen Verlusten wird als Heil Gottes erfahren. Daraus wird ein einfacher Schluss gezogen:

„Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt. Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen.“

Die Haltung dieses Klagegebets ist in der Bibel auch umstritten. Ich sagte es ja bereits, faktisch werden doch keinesfalls die Bösen bestraft und die Guten bleiben ungeschoren. Das weiß Hiob und das benennen auch viele Psalmen. Die Umweltkatastrophen der Welt treffen immer stärker die Armen als die Reichen.
Dennoch ist durch das neu erfahrene Leben ja zu recht auf die Gegenwart Gottes geschlossen werden. Die Lösung ist hier: Der Gegensatz zu denen, die nicht auf Gott warten, ist hier nicht mitgedacht. Lebenserfahrung ist auch Gotteserfahrung. Es kommt auf die Deutung an. Zu Glauben bedeutet, zu versuchen, das Leben besser zu verstehen und zu interpretieren. Menschen warten auf Gottes Handeln, Menschen fragen nach Gott, Menschen sind geduldig in der Not und hoffen auf die Hilfe Gottes. Sie erfahren dann Gottes Freundlichkeit in ihrem Leben, weil sie ja schon damit gerechnet haben. Geduldiges Leiden ist nicht mit Passivität zu verwechseln. Es geht um die Phantasie, die jederzeit mit Gottes Eingreifen rechnet. Dass es neben heilvollen auch tödliche und zerstörerische Mächte gibt, bleibt davon unberührt. Im Gegenteil: Das Leben besteht aus diesen Höhen und Tiefen.

„Denn der HERR verstößt nicht ewig; sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte.“

Alles, was geschieht, Gutes und Böses , wird auf Gottes Handeln zurückgeführt. Das Leiden wird hier nicht als Prüfung verstanden, sondern als eine Zeit, in der es Gott mit uns schwer hat. Hier wird doch hautsächlich an die Zeit erinnert, die ja bekanntlich die meisten Wunden heilt. Menschen die in dieser Art an Gott glauben, lassen sich durch Not und Verzweiflung nicht verunsichern. Sie sagen allenfalls: Ich weiß nicht, was das soll. Ich weiß nicht, was Gott damit vorhat. Ich weiß nicht, warum ich leiden muss. Gott ist in seinem Handeln unverfügbar, daher ist hier aus dem Leiden auch keine Strafe für die Bösen gemacht worden. Die Gläubigen leiden genauso wie die anderen, ja vielleicht leiden sich noch mehr, weil ihnen die Not dazu noch als Gottesferne erscheint. Die Wellenbewegung des Lebens wird hier in der Sprache der Gotteserfahrung wiedergegeben. Gott ist kein Zauberwürfel und kein blindes Schicksal, Gott ist die Kraft, in allen Höhen und Tiefen in die Zukunft zu vertrauen.

Zusammengefasst kann man sagen:
Die Klage gegen Gott führt, auch in wütenden und lautem Protest, gerade nicht die Abkehr, sondern darin, Gott als Grund des Urvertrauens zu bewahren, in dem Bewusstsein, dass Leben nur in einer unbedingten Abhängigkeit führen zu können. Der Glaube an Gott verbindet das Gefühl der Abhängigkeit mit dem Gefühl des Vertrauens. Das führt dazu, die eigenen Grenzen zu akzeptieren, aber auch dazu, mutig Schritte in die Zukunft zu gehen. Es führt, um mit Bonhoeffer zu sprechen, zu Widerstand und Ergebung.

Amen.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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