Ein Lebenswerk in der Nachfolge. Rezension von Christoph Fleischer, Werl 2011

zu: Dietrich Bonhoeffers Christentum, Festschrift für Christian Gremmels, Hrsg. von Florian Schmitz und Christiane Tietz, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2011, ISBN: 978-3-579-07142-8, Preis: 39,99 Euro

Die Festschrift für Professor Christian Gremmels, bis 2008 Vorsitzender der internationalen Bonhoeffer-Gesellschaft in Deutschland, ist der Theologie Dietrich Bonhoeffers gewidmet, dessen Erforschung und Verbreitung das Lebenswerk des Kasseler Theologen darstellt. Gremmels gehört nicht mehr zur Generation der Zeitgenossen Bonhoeffers, sondern zur zweiten Generation, deren Vertreter überwiegend die Festschrift bestreiten. Auffallend ist, dass nur neun der Autorinnen und Autoren 65 Jahre alt und jünger sind. Die Frage, was diese dritte Generation der Bonhoeffer-Forscher bewegt, soll die Leitfrage dieser Rezension sein, zumal es sich dabei zumeist um Schülerinnen und Schüler des Jubilars handelt.

Florian Schmitz etwa knüpft direkt an Gremmels an und beobachtet die Verwendung des Ausdrucks „nicht mehr“ im Werk Dietrich Bonhoeffers. Konkretisiert am Umgang mit Leid entstehen dadurch paradoxe Aussagen, die verdeutlichen, dass mit „Leid“ nicht so sehr ein realer Tatbestand gemeint ist, sondern die objektive Wahrnehmung einer Situation, die entsprechend empfunden und aus der Perspektive des Glaubens gedeutet wird: Das Leid ist da und zugleich überwunden, eben „nicht mehr“ bestimmend.

Die Aktualität Bonhoeffers für den schulischen Kontext hat Christina Lange in ihrer Dissertation aufgezeigt[1] . Sie verweist in ihrem Beitrag auf exemplarische Texte Bonhoeffers, wie den Taufbrief, der im Buch im Übrigen des Öfteren erwähnt wird [2]. Die Erwähnung des Fragmentarischen eines Lebens sowie die Formel vom „Beten und Tun des Gerechten“ sind Aspekte, die auch der jungen Generation gefallen würden.

Andreas Pangritz gibt zu, die Mandatenlehre (Ehe, Staat, usw.) Bonhoeffers („Ethik“) kritisch zu sehen, weil sie zu stark an den Prinzipien der Ordnungen orientiert sei. Er beobachtet jedoch in Bonhoeffers Hafttexten eine Weiterentwicklung Bonhoeffers, die auch dem Einfluss seiner Verlobten Maria von Wedemeyer geschuldet ist. In den Briefen ergänzt Bonhoeffer die Struktur der Mandate in einigen Bereichen durch einen „Spielraum der Freiheit“.

Auch Frits de Lange, Vorsitzender der niederländischen Dietrich-Bonhoeffer-Gesellschaft widmet seine Arbeit den Gefängnisbriefen und der „Ethik“. Bonhoeffers Konzeption lässt sich aktuell verstehen als Abkehr von der Idee einer übernatürlichen Wirklichkeit. Glaube ist nach Bonhoeffer kein Wissen, sondern die christliche Existenz in der „Nachfolge“. Mit Gianni Vattimo entdeckt er die Bedeutung der Menschwerdung Gottes bei Bonhoeffer. Gott ist Für-Andere-da-sein. Der Glaube wird in Zukunft nicht mehr exklusiv sondern inklusiv verstanden.

Auch Gernot Gerlach zeigt, dass Bonhoeffers Theologie sehr vom Situationsbezug her verstanden werden muss. Glaube ist für ihn Praxis, denn es geht darum „was dem Leben und Gottes Willen dient“.

Werner Kahl geht auf die Interessante Frage ein, wie Bonhoeffers hermeneutischer Ansatz im Verhältnis zu Rudolf Bultmann zu sehen ist und zeigt, dass beide die gleiche Hermeneutik vertreten, Bonhoeffer dabei jedoch die Sprache der Bibel und des Glaubens bewusst verwendet und diese nicht versucht zu rationalisieren oder zu entmythologisieren. In dieser Hermeneutik entsteht dadurch eine Spannung zum Gegenwartsbezug, die gewollt ist und von Bonhoeffer sogar als die innovative Kraft des biblischen Wortes gesehen wird.

Christoph Strohm erläutert die ambivalente Position Bonhoeffers und der Theologie seiner Zeit zur Person Philipp Melanchtons, wobei durchaus die Verständigungsbemühungen Melanchtons mit der reformierten und der katholischen Seite im aktuellen Kontext auch im Sinn Bonhoeffers´ Ökumeneverständnis sind. Bonhoeffer orientierte sich stark an Karl Barth (reformiert), blieb jedoch zeitlebens dem Luthertum verbunden. Seine Lehrer Holl und Seeberg waren Vertreter der sog. Luther-Renaissance. In der Diskussion um den „status confessionis“ gegenüber dem Nationalsozialismus greift Bonhoeffer direkt auf Gedanken Melanchtons zurück und beschäftigte sich auch im Predigerseminar Finkenwalde mit den Bekenntnisschriften aus der Hand Melanchtons.

Diese kurzen Erwähnungen sind eine Auswahl aus dem umfangreichen und detaillierten Buch, das auch die Verbreitung der Bonhoeffer-Rezeption dokumentiert. Politischer Widerstand und religiöse Sprache, aber auch Christentum und säkulare Welt sind die aktuellen Themen. Die Gefängnisbriefe Bonhoeffers, einschließlich der Brautbriefe, bilden einen starken Resonanzkörper, werden aber durchweg im Kontext der gesamten Werkausgabe kommentiert und interpretiert. Deutlich wird auch, dass ein Theologe, der so stark dem Situationsbezug verhaftet ist, wie Dietrich Bonhoeffer keine statische Größe sein kann, sondern sich angesichts der Herausforderungen der jeweiligen Situation wandeln kann und muss. Die Festschrift ist ein gutes Buch über Dietrich Bonhoeffer, dessen Theologie das Lebenswerk von Christian Gremmels ist. Leider fehlt der Festschrift die sonst übliche Bibliografie des Jubilars.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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