Predigt Erster Weihnachtstag , Christoph Fleischer, Werl 2011

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1. Johannes 3, 1-6

1 Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch! Darum kennt uns die Welt nicht; denn sie kennt ihn nicht. 2 Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen aber: wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.

3 Und ein jeder, der solche Hoffnung auf ihn hat, der reinigt sich, wie auch jener rein ist. 4 Wer Sünde tut, der tut auch Unrecht, und die Sünde ist das Unrecht. 5 Und ihr wisst, dass er erschienen ist, damit er die Sünden wegnehme, und in ihm ist keine Sünde. 6 Wer in ihm bleibt, der sündigt nicht; wer sündigt, der hat ihn nicht gesehen und nicht erkannt.

Liebe Gemeinde,

Der Text fängt euphorisch an. Er nimmt uns in unserer Weihnachtsstimmung ernst. Wir finden uns hier zusammen unter dem Weihnachtsbaum und haben Weihnachtslieder gesungen. Heute ist ja ein Weihanchts-Feiertag, das Christfest und das Weihnachtsfest. Die Nacht der Nächte liegt schon hinter uns. Und wir haben diese Nacht gefühlsmäßig alle mitgemacht. Doch damit heißt es auch für das heutige Weihnachtsfest: Wir feiern ein Ereignis, das hinter uns liegt. In der Heiligen Nacht gebiert Maria das göttliche Kind. Es ist der Erlöser, er ist erschienen, damit er die Sünden der Welt wegnehme.

Wir leben von diesem Ereignis, dass man auch die Menschwerdung Gottes nennt. Gott kommt zu uns in die Welt, damit die Liebe Raum gewinnt und keine Macht übe uns mehr Gewalt hat. Wir leben von diesem Ereignis, auch wenn diese heilige Nacht vorüber ist. Weihnachten heißt: Die Botschaft breitet sich aus, wie es ja auch in der Weihnachtsgeschichte gesagt wird von den Hirten: Lukas 2,20 „Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, …“ Doch diese Botschaft hat uns nun erreicht. Ist sie bei uns wirklich angekommen? Macht sie unser Herz froh? Hat sie eine Wirkung in unseren Familien? Wo finden wir die Realität der Weihnachtsbotschaft in unserem Volk und Land? Das Kind in der Krippe. So arm ist der Erlöser geboren. Das Kind, in Windeln gewickelt. So angewiesen auf Fürsorge, wie jedes kleine Kind ist Gottes Sohn angekommen. Vernehmen wir durch Gottes Armut und Schwachheit die Botschaft von Weihnachten?

Seht also, welch eine Liebe uns der Vater erwiesen hat. Gott ist Mensch geworden, uns zu Gute. Er ist nicht im fernen Himmel geblieben, er ist auf die Erde gekommen zu uns, um uns zu erlösen aus Angst und Schmerz, aus Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. So also lässt sich der Predigttext aus dem 1. Johannesbrief aufgreifen und auf Weihnachten beziehen: Das Kind von Bethlehem, im Stall geboren, arm und Windeln gewickelt, Gottes Menschlichkeit und Armut gibt den Ton an.

Natürlich platzt dieser Text aus dem 1. Johannesbrief auch ein wenig herein in unsere Weihnachtstimmung. Denn er trägt schwere Worte in diese kleine Krippe: Kinder Gottes, die Liebe, die Welt, das Jetzt, die Sünde. Wenn ich diesen Text heute auf die Weihnachtsgeschichte beziehe, dann müsste es doch fast so sein, als ob hier nicht von Jesus als dem Kind Gottes die Rede ist, sondern von uns allen, die wir durch unsere Taufe zu Kindern Gottes geworden sind. Und ich denke, das ist auch der eigentliche Knüller der christlichen Botschaft. Wir sind Gottes Kinder im Glauben. Gott nennen wir einfach den Vater, weil er uns zu seinen Kindern macht. Kinder Gottes in dieser Welt zu sein, das ist eine Gabe und eine Aufgabe.

Zunächst sind wir Geschöpfe wie alle anderen auch. So wie Jesus unscheinbar in der Krippe lag und ganz normal in die Windeln gemacht hat. Wir tragen keinen Button: Kind Gottes. Manche versuchen das ja mit einem Fisch auf dem Auto. Aber was ist, wenn sie geblitzt werden? Kinder Gottes sind wir durch Jesus. Weil Jesus Gottes Kind war, können wir es durch den Glauben werden. In der Welt sind wir noch under cover, getarnt. Aber andererseits kann es auch nicht anders sein, als das es offenbar werden wird, was wir sind.

Die Liebe Gottes ist das große Thema des 1. Johannesbriefs. „Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“. Gott ist Liebe sagt Johannes hier und auch an anderer Stelle. Das ist die Botschaft, dass wir einander lieben sollen. Gott hat selbst geliebt, indem er den Weg frei gab zur Geburt seines Sohnes. Gottes Liebe soll und wird die Welt erneuern. Doch dann heißt es immer wieder: Das ist noch nicht offenbar geworden. Obwohl es andererseits kaum anders ginge als dass wir Gott gleich sein können, wenn seine Liebe die Unsrige geworden ist.

Es mag ja vielleicht etwas zu schlicht erscheinen, wenn man die ganze Botschaft im Wort Liebe zusammenfasst, doch was gibt es andererseits schöneres? Weihnachten ist also das Fest der Liebe. Doch vielleicht nicht so ganz im kitschigen Sinn der Weihnachtsstimmung, sondern darin, dass es unser Leben in das Licht dieser Liebe bringt. Darum ist hier die Rede von der Sünde. Die Liebe Gottes deckt unsere Sünde auf und nimmt sie uns aber auch weg. Von Gott aus gesehen ist die Sünde kein Grund, uns nicht zu lieben. Gott ist nicht nachtragend oder eifersüchtig, sondern er liebt uns und gibt uns diesen Titel: Kind Gottes.

Das geschieht im Glauben und der Glaube schafft nun ein neues Sein. Das neue Sein hat einen anderen Umgang mit der Sünde als die Welt. In der Welt kommt auf das Unrecht zu recht die Strafe. Die Welt muss sich immer wieder durch Strafe reinigen und sie schafft es trotzdem nicht, die Sünde zu beseitigen. Gottes Umgang mit der Sünde ist Erneuerung. Gott macht uns zu Kindern Gottes in der Taufe und gibt uns einen neuen Geist.

Dazu gehören auch Kraft und Mut, Wissen und Stärke des Glaubens. Das heißt: Christen sind Menschen, die den Weg Gottes aus ihrer eigenen Schuld heraus finden. Aber sie lernen dadurch auch. Glauben ist immer auch ein ständiger Lernprozess. Nur so kann ich den Satz ernstnehmen, den der Johannesbrief überliefert: „Wer in ihm bleibt, der sündigt nicht; wer sündigt, der hat ihn nicht gesehen und nicht erkannt.“ Dieser Satz ist auch sehr hart. Johannes sagt: Fallen wir aus dem Glauben heraus, dann kommen wir unter die Macht dieser Welt. Also lassen wir uns durch Christus aus der Sünde befreien. Der Galube ist mehr als eine Einstlelung. Der Glaube ist eine Praxis. Ein Beispiel ist die Entscheidung mancher Christinnen und Christen gegen die Rassenideologie Hitlers. Vor Gott sind alle Menschen gleich geschaffen. Keine Rasse steht über einer anderen, erst recht nicht in religiösem Sinn. Das hieß damals: Man konnte mit Strafen rechnen. Wer ganz hartnäckig Christ blieb, ist umgebracht worden. „Wer in ihm bleibt, der sündigt nicht; wer sündigt, der hat ihn nicht gesehen und nicht erkannt.“

Dieser harte Satz gehört für mich doch irgendwie in die Weihnachtspredigt, weil die Krippe, so denke ich auch recht hart war für Christus. Die ganze Sache mit dem Tannengrün und dem Kerzenschein hätte absolut keinen Sinn, wenn nicht auch von Konsequenzen gesprochen werden kann. Christsein hat Konsequenzen. Wir sind Kinder Gottes. Im Prinzip nicht unterschieden von anderen Menschen, aber hier und da auch deutlich erkennbar an unseren Entscheidungen. Doch deutlich ist auch, dass sich dies alles nicht verselbstständigen darf. Es geht immer um dem Glauben und um die Frage, wer oder was Kinder Gottes in dieser Welt eigentlich sind. Das hat Jesus vorgemacht, bis zum bitteren Ende.

Die Frage: „Was bleibt von Weihnachten?“ Ist eine typische Festtagsfrage. Es wird davon abhängen, ob und wo wir bleiben. An der Krippe werden wir nicht stehen bleiben dürfen, soll unsere Freude nicht im Rausch verfliegen. Er ist ja auch nicht in der Krippe geblieben. Das Kind Gottes ist erwachsen geworden, hat ein Leben gelebt, ist beseitigt worden und doch nicht im Grab geblieben. Bei ihm zu bleiben macht die Weihnachtsfreude vollkommen.

Daher ruft uns Jesus heute in seine Nachfolge. Weihnachten geschieht im Alltag.

Amen.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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