Predigt über zwei Gedichte von Rainer Maria Rilke zum Kirmessonntag – Christoph Fleischer, Werl 2011

(Sonntag nach Allerheiligen)

Kirmes und Glaube – wie geht das zusammen? Schon die Bezeichnung des Soester Jahrmarkts trägt einen religiösen Zug: „Allerheiligen-Kirmes“. Wer glaubt, Allerheiligen sei kein evangelischer Feiertag, der irrt. Es gibt sogar eine Gottesdienst Liturgie zu Allerheiligen. Der Tag wird nur nicht begangen, da er vom Reformationsfest überlagert ist. In Soest ist traditionell Jahrmarkt nach Allerheiligen, und daran hat auch die Reformation nichts geändert.

Es gibt zwei Gedichte von Rainer Maris Rilke (1875-1926), die gut zum Kirmessonntag passen.

Zuerst lese ich das Gedicht, das gar nichts mit einer Kirmes zu tun hat, aber ein Karusselll beschreibt, die es ja doch auf der Kirmes gibt. Das besprochene Karussell steht bis auf den heutigen Tag in einem Park in Paris, dem luxemburgischen Park.

Das Karussell

Jardin du Luxembourg

Mit einem Dach und seinem Schatten dreht
sich eine kleine Weile der Bestand
von bunten Pferden, alle aus dem Land,
das lange zögert, eh es untergeht.
Zwar manche sind an Wagen angespannt,
doch alle haben Mut in ihren Mienen;
ein böser roter Löwe geht mit ihnen
und dann und wann ein weißer Elefant.

Sogar ein Hirsch ist da, ganz wie im Wald,
nur dass er einen Sattel trägt und drüber
ein kleines blaues Mädchen aufgeschnallt.

Und auf dem Löwen reitet weiß ein Junge
und hält sich mit der kleinen heißen Hand
dieweil der Löwe Zähne zeigt und Zunge.

Und dann und wann ein weißer Elefant.

Und auf den Pferden kommen sie vorüber,
auch Mädchen, helle, diesem Pferdesprunge
fast schon entwachsen; mitten in dem Schwunge
schauen sie auf, irgendwohin, herüber –

Und dann und wann ein weißer Elefant.

Und das geht hin und eilt sich, dass es endet,
und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.
Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet,
ein kleines kaum begonnenes Profil -.
Und manchesmal ein Lächeln, hergewendet,
ein seliges, das blendet und verschwendet
an dieses atemlose blinde Spiel. . .

Rainer Maria Rilke, Juni 1906, Paris

(Quelle: Rainer Maria Rilke, Die Gedichte, Insel Verlag Frankfurt/M. und Leipzig 2006, S. 463)

Hier nur einige kurze Beobachtungen zu diesem Text: Wo ist das Land, das lange zögert, eh es untergeht? Hat das was mit den Kindern zu tun, die ungern ins Bett gehen, wenn es Abend wird oder gibt es das Land auch woanders noch? Zunächst wird das Land, die Welt entfaltet. Sie steht für sich: Pferde, Wagen, Mut, Löwe und der weiße Elefant, später kommt auch noch der Hirsch dazu. Die Tiere scheinen dazu anzuregen, sich mit ihnen zu identifizieren, sich also ihre Eigenschaften zu wünschen, wie den Mut des Löwen. Zuerst sitzt ein Mädchen auf einem Hirsch, mehr oder weniger passiv, angeschnallt. Es ist ungewöhnlich für einen Hirsch, einen Sattel zu tragen, da er sich normalerweise nicht zähmen lässt. Ein Junge sitzt auf einem Löwe und hält sich fest. Der Löwe zeigt die Zähne. Der Elefant zieht auch vorbei. Dann die Mädchen auf den Pferden, die zum Sprung ansetzen. Sie scheinen reiten zu wollen, sich in Bewegung setzen zu wollen. Sie sind also quasi auf dem Sprung, denn sie sehen auch schon auf die Leute außerhalb des Karussells. Und zwischendurch zieht der weiße Elefant vorbei und mit ihm Hirsch, Löwe und die Pferde. Immer wieder. Die Bewegung scheint unendlich zu sein. Alles dreht sich im Kreis und kehrt wieder. Die Kinder in ihrer Welt lächeln den Erwachsenen zu, sie haben ihre eigene Welt, das Spiel. Doch ist nicht das Spiel ein Bild des Lebens allgemein? Würde sich die bunte Welt ohne die Menschen drehen oder ist sie nicht gerade für sie gemacht? Oder eine andere Frage: Worum dreht es sich, unser Leben? Was sind die Bilder und Figuren in unsrer Welt, wo ist der schnelle Hirsch, der mutige Löwe oder das springende Pferd? Oder wo ist der kluge und weise und mächtige Elefant? Menschen lächeln. Das ist ein Geschenk. Das Karussell hält an. Und nachher dreht es sich weiter.

Kategorie: Allgemeines
Erstellt von: Christoph Fleischer
Das zweite Gedicht heißt Jahrmarkt. Leider kann ich es nicht vorlesen, da es erstens zu lang ist und dann auch nicht sofort allen verständlich sein würde. Ich habe mir daher vorgenommen, das Gedicht „Jahrmarkt“ von Rainer Maria Rilke einfach nachzuerzählen.

Jahrmarkt. Es geht um das Oktoberfest auf der Theresienwiese in München. Die Ernte ist eingefahren und wird gefeiert. Die Leute reden von ihren Rindern und fachsimpeln. Doch darum geht es nur am Rand. Mädchen, junge Frauen flanieren zu zweit. Burschen und Herren haben sich schön angezogen, meist in Tracht und ziehen ebenfalls die Buden und Karussells entlang. Irgendwo wird getanzt und es fließen Bier und Wein. Hier im Gedicht laben sich zuerst die Fuhrleute, heute sind eher die Besucher, die es sich schmecken lassen. Die Buden bilden lange Reihen und das Angebot gleicht in seiner Vielfalt dem Paradies. Neben Bier und Wein gibt es noch Obst und Torten, Würstchen und die berühmten Brathähnchen. Ein Schwarzer verkauft Kokosnüsse. Irgendwo dazwischen sind Zwerge und Clowns. Man hört eine Trommel. Irgendwo wird geboxt. Es hat den Anschein, dass die Menschen eine große Familie bilden. Einer streicht einem Mädchen mit einer Feder durch das Gesicht, was diese sich gefallen lässt und lacht. Fremde Leute kommen sich näher. Immer wieder muss man die Bierkutschen hindurch lassen, die Nachschub bringen. Hin und wieder auch ein Karussell. Aus den Festzelten klingt die Musik, meist Waldhörner herüber. Hier wird gegessen und getanzt. Der Besucher, es ist der Dichter selbst, ist allerdings seltsam distanziert. Er ist allein und lässt sich allenfalls durch das Getümmel treiben.
Auf einmal steht er vor einer besonderen Bude, die unscheinbar ist. Das Schild zeigt die Worte: „Das Leben Jesu und sein Leiden“. Er bezahlt den Eintritt und steht vor einer Landschaft aus Wachsfiguren. Die Geschichte Jesu wird hier erzählt in Form einer Landschaft. Man könnte es auch eine um die Passionsgeschichte erweitere Krippe nennen. Erst die Geburt mit Stall und der Flucht nach Ägypten. Dann das Kind Jesus im Tempel und bald schon der Einzug in Jerusalem auf einem Esel. Dann schon die Gerichtsverhandlung. Der Pöbel brüllt: „Ans Kreuz mit ihm.“ Dann kommt die Nacht des Kreuzes. Die Aasgeier kreisen um den Todesort. Die Mitgekreuzigten wirken schon wie tot, Jesus dagegen nicht. Sein Augen leuchten. Die Wimpern öffnen und schließen sich. Der Mund bewegt sich auf und zu. Der Brustkorb hebt und senkt sich. Es ist, als würde er Jesu Worte vernehmen. Der Dichter denkt über die Botschaft der Szenerie nach, hier auf dem Jahrmarkt. Er denkt daran, dass es kein Grab und keine Grube mehr gibt, die den toten Christus behält. Er lebt immer wieder von Neuem. Im Trubel des Jahrmarkts wirkt der Gekreuzigte schwach und ohnmächtig. Er hängt am Kreuz, an vielen Kreuzen in der Welt, in Kirchen und Kapellen. Aber lebt er so nicht mehr als der Ahasver, der als umherwandernde Jude bekannt ist. Und die seinen Tod als Opfer sehen und meinen deshalb, ihr Leben für Volk und Glaube opfern zu müssen, hören wir hier ihre Schritte und das Schlachtgetümmel? Doch eins bleibt, dass er in jedem Jahre wiederkehrt. Die Weinlese bring den frischen Wein, rot wie das Blut Christi selbst. Und wie das Blut aus seinen Nägelmalen fließt, so wird dann hier auf der Wiesn wieder Wein getrunken, für die einen ist es gut und für die anderen ist es Gift. Der Besucher des Jahrmarkts, der hier eine Weile im Christus-Zelt verharrte, und ein wenig Stille und Andacht fand, ist selbst hier nicht allein. Bald drängt eine neue Meute lärmend hinein. Der Gekreuzigte erträgt es regungslos.

Zugegeben: Das Gedicht ist eigenartig. Erst der Jahrmarktrummel des Oktoberfestes und dort mitten drin die Kreuzigungsszene Jesu in einem Zelt. Wer etwas Ähnliches fühlen möchte, dem empfehle ich einen Besuch auf dem Dortmunder Weihnachtsmarkt. Er möge sich zunächst am Glühweinstand aufhalten und dann hineingehen in das Zelt, in dem Krippen aus Österreich verkauft werden. Und dann kommt wieder heraus und ist geschockt, von der Lärmkulisse: Manchmal werden sogar laut und trunken Weihnachtslieder gegrölt, oder wenigstens Jingle Bells. Und trotzdem ist der Markt ein wenig romantisch. Es ist die gleiche Welt, in der all dies geschieht. Der Jahrmarkt ist voll Getümmel und Gedränge, vielleicht am Rand sogar die ein oder andere Schlägerei, aber doch im Allgemeinen Spaß und Freude, Tanz und Musik, Essen und Trinken. Die bunte Vielfalt der Buden ist auch ein Bild der Welt, des globalen Lebens. Kontakt, Kennenlernen und Flirten, auch das gehört dazu. Und darin mitten drin dieses Zelt mit dem Leben und Leiden Jesu. Wer fragt, ob dieses hier hin gehört, der sagt damit zugleich, dass der Glaube nur noch ein Thema für das Leiden und die Trauer ist. Feiern kann man auch ohne Gott. Vielleicht nimmt man im Bild des Gekreuzigten das Kreischen der Kirmesbesucher wahr, als das Rufen des Pöbels: „Kreuzige ihn!“ In der Phantasie vermischen sich die Stimmen. Doch ist das gemeint? Soll Jesus hier den Leuten die Stimmung verderben? Ist nicht vielmehr die Kirmes wie zuvor oben das Karussell ein Bild des ganzen Lebens, des Rummels, der Wiederkehr, des Lauten, auch dort, wo einem Menschen eher nach Ruhe und Einsamkeit zumute sein mag. Hier ist eine Auszeit möglich, ein Moment der Stille und der Besinnung. Die Gestalt des Gekreuzigten tritt dem Beobachter ganz lebendig entgegen. Doch ist er ein Bild der Ohnmacht in der Welt. Auch die Auferstehung wird eher als das Gedenken an die Wiederkehr aufgefasst. Dann kommt die Erinnerung an Menschen auf, deren Leben für Glaube und Nation geopfert worden ist. Und zuletzt wird der Wein mit dem Blut Jesu in Verbindung gebracht. Ist das Blut nicht ein Bild für den Sinn des Lebens, ist es nicht für die früheren Menschen der Ort der Lebendigkeit? Und so skurril das erst anmutet wird Christus hier zum Zeichen der Gegenwart des Schöpfers in der Welt. Und so fügt sich die Gegenwart Jesu automatisch ein in den Rummel des Jahrmarkts, sei es in Soest zu Allerheiligen oder in München zum Erntedankfest.
Christus und Kirmes – zum Einen ist er klar ein Gegenpol, eine Erinnerung an das Fest des Lebens gegenüber aller Leichtigkeit, so dass diese nicht zur Oberflächlichkeit wird. – Zum Anderen wird er aber auch zum Zeichen der Schöpfung des Lebens, das sich immer wieder erneuert, immer wiederkehrt. Nicht nur beim Abendmahl wird jedes Glas Wein zum Bild des Blutes, des Lebenssaftes, in dem Gottes Lebensgeist pulsiert.

Amen.

Anhang:

Jahrmarkt. Rainer Maria Rilke

Das war in München beim Oktoberfeste,
da die Theresienwiese voll vom Schrein
und Schwall der Schauer ist. Da bunte Gäste
aus der Provinz der Kunst der Rindermäste
verständnisvoll ein Mundvoll Worte leihn.
Die kleinen Mädchen, flüchtig ihrem Neste,
durchschwirren keck den lauten Tag zu zwein,
und Bursche mit der bunten Lodenweste
und ziere Stadtherrn bengeln hinterdrein.
Dazwischen drängen Wagen und betreßte
urdumme Kutscher, blinzende Lakein,
Fuhrleute dann, die in ihre längstgenäßte
gepichte Kehle tüchtig spülen. Kein
Verdroßner stört, und allen schiens das Beste,
daß man sich prall und gar so prächtig preßte
durch diese bauernbunten Budenreihn.
Bier gabs und Wein in Strömen allerorten,
und viel Verständge prüften dran; es ließ
die Blume gelten der und der die Borten.
Marktschreier prahlten an den Bretterpforten
und priesen ihre Wunder weit mit Worten,
als wären sie mit Noah und Konsorten
zurückgekehrt ins echte Paradies.-
An kleinern Ständen bot man Trauben, Torten
und Würste aus; geduldige Hühner schmorten
sich einen goldnen Panzer an am Spieß.
Und drüben stand bewehrt ein schwarzer Tell,
ein Wilder, und vergaß das Schreienmüssen
vor lauter Gieren nach den Kokosnüssen.
Da schob ein Zwerg, ein drolliger Gesell,
mit Grinsemiene sich vorüber, schnell
war dort die ganze Menge hingerissen
zur Wellenschaukel und zum Karussell.
Und wo sie eine rote Fahne hissen,
dort reißt auf grellverhangenem Gestell
dummdreiste Witze der Polichinell.
Die große Trommel hat er durch geschlissen
und trommelt jetzt trotz tausend Hindernissen
mit seinem unverschämten wilden Wissen
dem lieben Publikum das Trommelfell.

Laut lachend ließ gefallen sichs ein jeder.

Auch ich ging ziellos durch das Weggeäder
und blinzte müßig in das volle Licht,
und manchmal fuhr ich wie so mancher Wicht
der Schönen, die just kam, ins Angesicht
mit meiner kühnen, kecken Pfauenfeder.
Und hinterher konnt` noch ein Silberkichern
von blütenfrischen Lippen mir versichern:
die liebe Kleine grollte nicht. –
Dann gabs ein Ängsten, wenn wo Fässerfuhren
mit plumpen Pferden furchten wegentlang:
Die Menge drängte in die Räderspuren,
da schrie ein Kind, ein Bursche sang, da sprang
ein Mädel, dem entfernter Walzertouren
ersehnter Zauber in die Beine drang.
Und was nur immer klingen konnte, klang,
vom Waldhornsolo bis zum Bumerang
dort vor den Buden mit den Wachsfiguren.
Wie ich mich so durch das Getümmel wand,
da stand ich plötzlich an der Wiese Rand
vor einer Bude. Überm Eingang stand
in kargen Lettern zaghaft und bescheiden:
„Das Leben Jesu Christi und sein Leiden.“
Und – ich weiß nicht warum, ich trat hinein.
Schon hielt ich in der Hand den blauen Schein,
der für zehn Pfennig Einlaß mir gewährte.
Ich fragte mich, was den Besitzer nährte;
denn in der Bude war ich ganz allein.

Wer mochte dem auch hier sein Denken weihn,
dem Mann, von dem der Katechet ihm lehrte,
daß Buße er gepredigt und Kastein
und daß ein großes Leiden ihn verzehrte.

Da sah ich nun des heilgen Kinds Geburt
und dann die Flucht, da Josef durch die Furt
des Flusses lenkt das Maultier mit Marien,
den Tempel dann, drin ob der Theorien
des Knaben mancher Pharisäer murrt,
und dann den Einzug in Jerusalem,
wo er, – zu fragen meidet er, bei wem –
bei schlichten Leuten unter Sünden wohnt
und jeden Willen reich mit Wundern lohnt.
Dann jener Tag, da er sein deo natus
dem Volk entgegenschleudert, und Pilatus
sogar den Richtern Milde rät,
bis, weil das Volk zu sänftigen zu spät,
des Bleichen dornbekränzte Majestät
schmerzedel auf der Balustrade steht,
daß Mitleid selbst des Römers Herz durchweht
und er verwirrt sein „Ecce homo“ fleht….
Umsonst. Es brüllt der Pöbel ungestüm:
Ans Kreuz mit ihm!

Dann kamen alle Greuel jenes Tags,
da er, verurteilt von des Reichs Verwesern,
ans Holz geheftet wurde wilden Schlags:
Nacht brach herein, und in den Wolken lags
wie Racherufe von Posaunenbläsern,
und fremde Vögel gierten nach den Äsern,
und statt des Taus war Blut an allen Gräsern.-

Jetzt starrten beide Schächer hier so gläsern
mich an; es glänzte ihrer Stirnen Wachs.-
Doch Christi Auge, klufttief, todesdunkel,
erlohte in so täuschendem Gefunkel,
daß alles Blut mir heiß zum Herzen schoß:
Der gelbe Wachsgott öffnete und schloß
das Lid, das, bläulich dünn, den Blick verhängte;
der enge, wunde Brustkorb hob und senkte
sich leise, leise, und die schwammgetränkte,
todblasse Lippe schien ein Wort zu fassen,
das sehnend sich durch starre Zähne drängte:
„Mein Gott, mein Gott – was hast du mich verlassen?“
Und wie ich zu entsetzt, daß ich des Sinns
des dunkeltiefen Dulderworts verstände,
nur steh und steh und nicht das Auge wende,-
da lösen leise seine weißen Hände
sich von dem Kreuze, und er stöhnt: „Ich bins.“
Lang lausch ich nach, und es verklingt sein Spruch,-
ich schau die Wände rings von grellem Tuch
bedeckt und fühle diesen Jahrmarktstrug
mit seinem Lampenöl- und Wachsgeruch.
Da haucht er wieder her: Das ist mein Fluch.
Seit mich, von ihrem eitlen Glaubensprahlen
betört, die Jünger aus dem Grabe stahlen,
giebts keine Grube mehr, die mich behält.
Solang aus Bächen Sterne widerstrahlen,
solang die Sonne zu erlösten Talen
den Frühling ruft mit seinen Bacchanalen,
so lange muß ich weiter durch die Welt.
Von Kreuz zu Kreuze muß ich Buße zahlen:
wo sie ein Querholz in (den) Boden pfahlen,
dort muß ich hin auf blutigen Sandalen
und bin der Sklave meiner alten Qualen,
mir wachsen Nägel aus den Wundenmalen,
und die Minuten pressen mich ans Kreuz.

So leb ich, ewig sterbend, meines Heuts
maßlose Reue. Krank und lang entkräftet,
da in der Kirche Kälte festgeheftet,
dort in dem Prunk profaner Jahrmarktsbuden;
ohnmächtig heut und doch gebetumschmachtet,
ohnmächtig morgen und dabei verachtet,
ohnmächtig ewig in der Sonnenhelle
des Kreuzwegs wie im Frieren der Kapelle.
So treib ich wie ein welkes Blatt umher.
Kennst du die Sage von dem Ewigen Juden?
Ich selbst bin jener alte Ahasver,
der täglich stirbt um täglich neu zu leben;
mein Sehnen ist ein nächtig-weites Meer,
ich kann ihm Marken nicht noch Morgen geben.
Das ist die Rache derer, die verdarben
an meinem Wort. Die opfernd für mich starben,
sie drängen hinter mir in weiten Reihn.
Horch! Ihre Schritte! – Horch! Ihr kreischend Schrein….

Doch eine große Rache nenn ich mein:
Ich weiß, bei jedem neuen Herbste warben
die Menschen um den Saft, den feuerfarben
die roten Reben ihrer Freude leihn.
Mein Blut fließt ewig aus den Nagelnarben,
und alle glauben es: mein Blut ist Wein,
und trinken Gift und Glut in sich hinein…

Mich hielt das fürchterliche Prophezein
in bangem Bann. Aus hilfloser Hypnose
riß mich die Menge, die vorüberschwamm.
Ein Schwarm trat ein und fand sich mit Getose
bei jener ersten Gruppe just zusamm,
und vor mir hing der gelbe regungslose
Gekreuzigte in wächsner Jahrmarktspose
an seinem Stamm.

(Quelle: Rainer Maria Rilke, Die Gedichte, Insel Verlag Frankfurt/M. und Leipzig 2006, S. 120-124)

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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