Christliche Identität im interreligiösen Dialog. Rezension von Christoph Fleischer, Werl 2012

Zu: Samir Khalil Samir und Michaela Koller: Muslime und Christen, Geschichte und Perspektiven einer Nachbarschaft, St. Ulrich Verlag, Augsburg 2011, ISBN 978-3-86744-180-3, Preis: 19,95 Euro
und zu: Wilfried Oertel: Wie einen wärmenden Mantel, Zukunftsfähiger Dialog statt Abgrenzung in der interreligiösen Begegnung, Verlag Traugott Bautz, Nordhausen 2011, ISBN 978-3-88309-100-6, Preis: 20,00 Euro


Das erste Buch über den christlich-islamischen Dialog aus dem St. Ulrich Verlag zeigt die katholische Kirche aus einer wenig geläufigen Sicht, und zwar in Gestalt des ägyptischen Jesuiten Pater Samir Khalil Samir, der in der katholischen Konfession des Vaters aufwuchs und sich als Kind zum Priesteramt entschied. Die Journalistin Michaela Koller stellt ihn im ersten Teil des Buches vor, einen ägyptischen Christen libanesischer Herkunft. Das Interview, das sie mit ihm geführt hat, folgt im dritten Teil. Dieses Interview gibt eine Sicht der katholischen Kirche, die den christlich-muslimischen Dialog vor allem auf politischer Ebene führt, d. h. im Austausch mit Staatsoberhäuptern muslimisch geprägter Länder. Die Regensburger Rede des Papstes Benedikt XVI., die in Deutschland kritisiert wurde, wird von Pater Samir, als einem Fachmann der christlich-islamischen Geschichte und Korankenner sogar befürwortet, da sie eine differenzierte Perspektive der Entwicklung bietet. Der Schwerpunkt des Buches ist allerdings der im Mittelteil veröffentlichte längere Aufsatz Pater Samirs über „Die kulturelle Rolle der Christen in der arabischen Welt“. Er argumentiert in zwei Richtungen, wenn er die religiöse Toleranz des frühen Islams im Verhältnis zum damaligen christlichen Abendland herausstellt, indem er darstellt, dass Christen unterschiedlicher Konfession in den muslimischen Ländern als Wissenschaftler und Forscher oft von den Regierenden angestellt worden sind. In der gemeinsamen christlich-muslimischen Bildungsgeschichte ereignete sich in diesem Zusammenhang die Wiederaufnahme der klassischen griechischen Philosophie. Während der Autor also in Richtung der Christen an diese gemeinsame Geschichte erinnert, hält er den muslimischen Ländern das Beispiel der Religionstoleranz in ihrer eigenen Geschichte vor Augen. Da der Aufsatz auf die Entstehung des Islams nicht eingeht, ist er keine Stellungnahme zur Frage, in welcher theologischen Nähe sich die (ansonsten ausgestoßene) nestorianische Kirche zur Entwicklung des Islams verhält. Er bemerkt lediglich, dass sie quasi vom Islam mit der Zeit langsam assimiliert worden ist. Eine andere Frage, die sein Text anstößt, auf die er im Zusammenhang seiner Beobachtungen aber nicht weiter eingeht, ist die Konsequenz des in der Zeit um 1000 neu entdeckten philosophischen Werks des Aristoteles und ihres inhaltlichen Einflusses auf Islam und Christentum gleichermaßen, den Religionen, denen in der Religionslehre eine metaphysisch-hierarchische Denk-Struktur nach Aristoteles nicht abzusprechen ist. Mit einigem Verständnis für die katholische Position lässt sich der Beitrag des Dialogs im arabischen Raum zur Kenntnis nehmen, wodurch auch deutlich wird, dass der interreligiöse Dialog in Deutschland sehr auf unsere gesellschaftliche Frage der Integration fokussiert ist.
Ein Beitrag aus dem konkreten Dialog innerhalb Deutschlands ist das Buch von Wilfried Oertel, das erstaunlicherweise als Band 11 der „Veröffentlichungen des islamischen Wissenschafts- und Bildungsinstituts“ herausgegeben worden ist. Dieser Band ist im Ganzen gesehen ein guter Beitrag für die inhaltlichen Facetten des christlich-islamischen Dialogs. Den Hauptteil bildet eine Auseinandersetzung mit der EKD-Denkschrift aus dem Jahr 2006, überschrieben mit „Klarheit und gute Nachbarschaft“. Es ist hilfreich, dass der ehemalige Schulreferent des Kirchenkreises Arnsberg konkrete Beispiele aus dem Unterrichtsalltag und eine Reflektion biblischer Texte voranstellt. Darin wird deutlich: Es gibt Unterschiede, die historisch entstanden sind. Wer diese Unterschiede als System der Ausgrenzung instrumentalisiert, macht dies bewusst. Als „Konstruktionen“ der Welt, wie diese der Autor bezeichnet, können diese Unterschiede hilfreich sein und den Dialog fördern. Die EKD Denkschrift von 2006 sieht der Autor hingegen als Beitrag der Ausgrenzung und des Recht-Haben-Müssens gesehen. Da hierbei besonders die Trinitätslehre in den Vordergrund tritt, befasst sich Wilfried Oertel ausführlich mit dem biblischen Befund dazu und zeigt auf, dass die Trinitätslehre aus den Konflikten ihrer Entstehungsgeschichte erklärbar ist. Jedoch ist wahrzunehmen, dass diese heute fremd geworden zu sein scheint. Dass die Trinität in weiten Teilen der Gesellschaft nicht nur im Islam, sondern auch eher säkular geprägten Christen unverständlich geworden ist, dürfte unstrittig sein. Das Buch von Wilfried Oertel zeigt, dass sich im interreligiösen Dialog auch Denkwege öffnen, die auf theologisches Neuland führen. Dialog ist auch ein Weg in die als ganze geglaubte Zukunft.
Beide Bücher dokumentieren, dass die Menschheit religiös zusammenwächst, was aber auch von schmerzlichen Identitätsverlusten begleitet sein kann. Islam und Christentum glauben an den Frieden Gottes. Doch wie dieser Friede aussehen wird, weiß keiner.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

Kommentar verfassen