Predigt über 1. Korinther 2, 1-10 im Dialog mit dem Text, Christoph Fleischer, Werl 2012

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Predigt am (2. Sonntag nach Epiphanias)

Zunächst sei hier der Predigttext in der Luther-Übersetzung abgedruckt:

1. Korinther 2, 1-10:

1 Auch ich, liebe Brüder, als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten und hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu verkündigen. 2 Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten. 3 Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern; 4 und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft, 5 damit euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft.

6 Wovon wir aber reden, das ist dennoch Weisheit bei den Vollkommenen; nicht eine Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen. 7 Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit, 8 die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat; denn wenn sie die erkannt hätten, so hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt. 9 Sondern es ist gekommen, wie geschrieben steht (Jesaja 64,3): »Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.«

10 Uns aber hat es Gott offenbart durch seinen Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit.

Die Predigt habe ich zunächst als Bibeldialog konzipiert. Den Bibeldialog habe ich aber nun mit der eigenen Textinterpretation ergänzt, auch ein wenig zur Sicherheit, falls die Hörerinnen und Hörer den roten Faden des Textes verlieren sollten. Es wäre auch eine Sicherheit dafür, falls der Dialog zu anspruchsvoll ist oder ausufert. In dem Fall würden die Fragen einfach zum (stummen) Dialog mit den Hörern einladen und ihnen eine Verständnisperspektive in einer bestimmten Rolle aufzeigen.

Paulus schreibt zu Beginn des Briefes etwas über sein Thema und seine Rolle als Prediger. Er bezieht sich auf einen bereits vorangegangenen Besuch in Korinth, einer großen Hafenstadt des Altertums. Hafenarbeiter und Geschäftsleute, Sklave und Freie treffen in der Gemeinde aufeinander. Sie halten sich zum Judentum, wobei die meisten Jesus als Messias verehren, der gekreuzigt worden ist. Grob gesagt gibt es in der Gemeinde von Korinth vier Gruppen. Vereinfacht nenne ich sie die Alten, die Jungen, die Armen und die Reichen. Mit „alt“ ist eher im aktuellen Sinn gemeint, auf das Alte bezogen. Arm und reich ist auch durch die Stellung bedingt, z. B. Sklave oder Freier. Auf die später genannten Konflikte zwischen diesen Gruppen und mit Paulus will ich jetzt nicht eingehen.  Im folgenden Bibeldialog werde ich Sie/Euch jeweils auffordern in der Sichtweise einer dieser Gruppen Stellung zu beziehen.
„Als ich zu euch kam, Geschwister, trat ich auch nicht als glänzender Redner oder Weisheitslehrer auf, um euch das Geheimnis Gottes zu verkündigen.“
Paulus beschreibt seine Rolle als Prediger im Unterschied zu Bildung und Perfektion. Liebe Alte, welche Rolle erwartet ihr von ihm als Prediger?
Der Prediger benötigt weniger Brillanz und rhetorische Schlüssigkeit bei der Vermittlung des Glaubens, sondern eher Überzeugungskraft und Glaubwürdigkeit. Nicht auf Größe und Bekanntheit kommt es an, sondern darauf, das „Geheimnis Gottes“ zu offenbaren und gleichzeitig als Geheimnis bestehen zu lassen. Man könnte sagen: Der Prediger des Glaubens ist selbst auch Glaubender und kein Wissender.  Er steht nicht über der Gemeinde, sondern ist der erste Hörer.

„Denn ich kam zu der Überzeugung, dass bei euch nichts so wichtig sei wie der Messias Jesus, und der als Gekreuzigter.“
(Paulus stellt Jesus als gekreuzigter Messias vor. Was denkt ihr Alten darüber?) – Frage kann entfallen!
Die Hauptsache ist: Der Gesalbte, griechisch Christos, hebräisch Messias, normalerweise ein religiöser Herrschaftsanspruch mit göttlicher Vollmacht, wird als der Gekreuzigte verehrt. Die Antwort auf diesen Widerspruch liegt in Jesus selbst begründet, denn er verkörpert schon zu Lebzeiten keine Machtvollkommenheit. Stattdessen war er Wanderprediger mit der Fähigkeit zur Heilung. Er strebte keine Herrschaft an, wurde jedoch als „König der Juden“ gekreuzigt.

„Ich kam zu euch in Schwäche und Furcht und mit großem Bangen; meine Rede und meine Botschaft bestanden nicht aus gewinnenden Weisheitsworten, sondern kamen aus der Erfahrung von Geist und gottgegebener Kraft.“
Nun spreche ich die Jungen an: Weisheit wird durch Geistkraft ersetzt. Welche Gefühle löst das bei Euch Jungen aus?
Anknüpfend an den ersten Vers berichtet Paulus von seiner vormaligen Ankunft und von seinem Wirken in Korinth. Wovor hatte er Angst? War er krank? Wie hätte er dann aber reisen können? Jedenfalls stellte sein Auftritt keine Stärke dar, sondern er sprach in Schwäche. Dennoch sind hier klar benennt, die Eigenschaften des Predigens: Die Erfahrung des Geistes und gottgegebener Kraft. Die Vollmacht des Predigens werden nicht auf die Person selbst zurückgeführt, sondern auf Glauben und Gefühl der Gemeinschaft im Geist. Die eigene Schwäche muss nicht überspielt oder entschuldigt werden. Insofern zeigt sich der Prediger nicht den Zuhörern gegenüber als jemand hervorgehobenes. Er gebraucht weniger rationale oder emotionale Argumente, sondern erzählt eher in Beispielen von der Wirkung der Geistkraft bei ihm selbst und bei anderen.

„So beruht euer Glaube nicht auf Menschenweisheit, sondern auf der Kraft Gottes.“
Ihr seid Paulus. Beschreibt einmal, wie die Kraft Gottes bei euch wirkt.
Diese Linie setzt sich nun ausgehend vom Prediger bei den Zuhörern fort. Auch sie vertrauen nicht auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft (s. a. Römer 1, 16: Ich schäme mich des Evangeliums von Jesus Christus nicht, denn es ist eine Kraft Gottes für alle, die daran glauben).

„Wir reden dennoch von Weisheit unter den Vollkommenen. Dies aber ist eine Weisheit, die nicht von dieser Welt abhängt und auch nicht von den Herrschenden dieser Welt. Sie sind dabei, ihre Macht zu verlieren.“
Ihr gehört zu den Armen. Wie empfindet ihr die Rede von der Weisheit, die nicht von Macht und Reichtum abhängt?
Vermutlich sind die Armen und sozial Schwachen an dieser Stelle besonders sensibel. Sie haben keinen Reichtum und keine Macht, auf die sie ihr Leben gründen können. Sie stehen demnach den Herrschenden der Welt ablehnend gegenüber. Sie erfahren nun die Weisheit Gottes als eine Kraft, die unabhängig von Hierarchie und Herrschaft wirkt, die sozusagen überall gleich ankommt. So wie der Tod im Negativen alle Menschen gleich behandelt, so wirkt die Kraft Gottes als Lebenskraft unabhängig von Rang und Status. Wer sein Vertrauen auf Rang und Status setzt, vertraut auf eine falsche Macht. Machtlosigkeit ist seit Jesus kein Makel mehr, sondern eröffnet die Chance der Entwicklung ohne Herrschaft und Unterdrückung.

„Wir reden von göttlicher Weisheit, im Geheimnis verborgen, die Gott vor aller Zeit bereitet hat, um uns an der göttlichen Gegenwart teilhaben zu lassen. Niemand von den Herrschenden der Welt hat sie erkannt.“
(Ihr seid wieder die Armen: Wenn die Herrschenden die Weisheit Gottes nicht erkennen, dann sagt mir: Wie erkennt ihr Weisheit Gottes?) – Frage kann weggelassen werden.
Die Gegenwart Gottes, im Gekreuzigten nah, jedoch im Widerspruch der Machtlosigkeit, hat die Gestalt eines Geheimnisses. Ein verborgenes Geheimnis, das wohl auch immer ein Geheimnis bleibt. Gott ist immer auch der Unerkennbare, dessen Haupteigenschaft die Unverfügbarkeit ist. Aus dieser Unverfügbarkeit leitet sich aber der Anspruch und die Würde des menschlichen Lebens geradezu ab. Insofern ist die Würde des Menschen unantastbar, weil ihre Begründung unverfügbar ist und unverfügbar bleiben muss. Die Armen erkennen die Weisheit Gottes, indem sie die Unverfügbarkeit selbst erfahren und in ihr die Kraft des Lebend und der Hoffnung finden. Sie spüren, dass das, was ihnen fehlt, sich in Gott befindet, sub contrario, sozusagen, im Gegensatz des Todes Christi verborgen.

„Denn wenn sie die Weisheit erkannt hätten, hätten sie den Repräsentanten der göttlichen Gegenwart nicht gekreuzigt.“
(Ihr seid die Jungen. Was meint ihr, welche Gruppe im Volk hat Jesus ans Kreuz gebracht?)- Frage kann weggelassen werden.
Nun greift Paulus selbst zur Methode der Rhetorik, was gegenüber seinem ursprünglichen Anspruch ein Widerspruch ist. Er schließt von der Kreuzigung Jesu auf das Nicht-Erkennen der göttlichen Weisheit. Es ist dies keine zwingende Logik, weil sie ja voraussetzt, dass die Herrschenden überhaupt nach göttlicher Weisheit gefragt hätten. Trotzdem ist das Argument nicht abwegig. Es unterstreicht quasi noch einmal in anderer Gestalt, das das Machtsystem keine Methode der Erkenntnis göttlicher Geheimnisse ist.

„Vielmehr ist es gekommen, wie es geschrieben steht: Was kein Auge sah und kein Ohr hörte und was in keines Menschen Herzen hinausstieg, das hat Gott denen, die sie lieben, bereitet. (Quelle: Jesaja 64,3)“
Ihr seid die Reichen. Welcher Glaube ist euch wichtig? Was seid ihr bereit, dafür zu tun?
Von den genannten vier Gruppen dürften es die Reichen am schwersten habe, diesen Glauben anzunehmen, der das göttliche Geheimnis in der Offenbarung der Machtlosigkeit erkennt, die durch die Kreuzigung Jesu offenbar wird. Diese Vermutung setzt voraus, dass der Erwerb von Reichtum auf einer Entfaltung von Macht und Potential beruht. Vielleicht gelingt es den Reichen sozusagen in sich selbst einen Widerspruch zu konstruieren, und so zu leben, als hätten sie nicht, oder ao, als wäre der Sinn des Leben vom haben ganz unabhängig. Die biblische Weisheit, das wissen auch schon die Alten, bestätigt dies mit Worten, die sich im Buch des Propheten Jesaja finden. Dieses Zitate ist nur beispielhaft. Es dürften sich einige Bibelstellen finden, die als Ankündigung oder Vorausahnung dieser Offenbarung göttlicher Machtlosigkeit finden, was ja nicht heißt, dass Gott nicht wirkt. Gottes Wirken jedoch ist unverfügbar.

„Uns hat es Gott durch die Geistkraft enthüllt. Die Geistkraft ergründet nämlich alles, auch die Tiefen Gottes.“
Ihr seid Paulus: Was meint ihr sollte das gemeinsame Element der Armen und Jungen, Alten und der Reichen sein? Und welche Elemente sollten in der Kirche keine Bedeutung haben?
Hier lässt Paulus sich und die Hörer ein Stück hinter den Vorhang des göttlichen Geheimnisses schauen. Die Geistkraft ersetzt nun auch das Wissen und die Weisheit, weil sie nicht zwangsläufig sprachlos ist, ja geradezu Sprache des Glaubens freisetzt. Schwierig ist an dieser Stelle die Abgrenzung zu religiöser Phantasie, da die Sprache des Glaubens notwendig subjektiv ist, weil jeder und jede anders glaubt. Notwendig ist die Geistkraft hier tatsächlich auch als Erkenntnisgrund zu nutzen, ihr Wirken also mit Erfahrungen und Konsequenzen zu verbinden. Insofern ist der Blick hinter den Vorhang gewissermaßen auch gewollt. Nur sollte man nicht, wie es früher getan worden ist, die Offenbarung allzu positiv in den Mittelpunt der Verkündigung stellen, sondern in dieser Offenlegung immer auch eine Sichtbarmachung ihrer Unverfügbarkeit erkennen. Aus menschlicher Sicht müsste man sagen:

Ich erkenne, dass ich nichts erkenne;
ich weiß, dass ich nichts weiß;
aber ich erfahre Gottes Kraft im Wirken seiner Worte,
vom Tod zum Leben,
von  der Gegenwart zur Zukunft,
vom Einzelnen zur Gemeinschaft,
vom Kreuz Jesu zu seiner Auferstehung.

Amen

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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