Predigt über Markus 1, 40-45, Christoph Fleischer, Werl 2011

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Am 14.Sonntag nach Trinitatis 2011
Liebe Gemeinde,

der Predigttext für den kommenden Sonntag liefert uns eine Heilungsgeschichte bei Markus, Markus 1, 40-45. Wir können vielleicht einiges aus dieser Geschichte lernen über die Fragen von Heilung und Geneseung überhaupt. Doch im Blick ist nicht nur der Kranke, sondern auch der Arzt, der Heiler. Das ist Jesus. Bei Jesus ist die Heilung von Kranken ein Teil seines Auftrags. Schon ganz am Anfang des Markusevangeliums haben wir Entscheidendes über den Auftrag Jesu und seine Bedeutung gelesen. Daher will ich die vorangegangenen Ereignisse kurz zusammenfassen:

Zu Beginn berichtet das Markusevangelium von Johannes dem Täufer. Als Jesus sich von Johannes taufen lässt, hört er eine Stimme vom Himmel, die zu ihm sprach: „Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.“ Zunächst beginnt Jesus in seiner Heimat Galiläa zu predigen: „Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen.“ Sofort darauf nimmt er vier Menschen in seine Jüngergruppe auf. Es waren die Fischer Petrus, Andreas, Jakobus und Johannes, zwei Brüderpaare. Er blieb im Ort am See, lehrte in der Synagoge und heile einen Besessenen.

Von nun an breitete sich der Ruf Jesu aus, der nicht nur Vollmacht hatte zu predigen, sondern auch dazu Bessesene zuheilen und deren unreine Geister zu verbannen. Dann heilte er die Schwiegermutter des Petrus und darauf schon ganz viele Kranke, Menschen mit Gebrachen und Besessene. Die nächste Geschichte setzt noch keinen Ortswechsel voraus. Jesus muss also noch in Kapernaum gewesen sein. Ob dies am gliechn Tag geschah oder einige Tage später, bleibt offen. Der zusammenfassende Bericht zuvor lässte aber vermuten, dass dies so einige Zeit andauerte. Dadurch wurde Jesus in Galiläa immer bekannter.

Ich werde nun die Geschichte von der Heilung des Aussätzigen in einigen kurzen Abschnitten lesen. In den dann entstehenden Unterbrechungen lade ich alle dazu ein, sich in eine bestimmte Rolle zu versetzen. Ich werde eine kurze Frage stellen und sie können versuchen, auf diese Frage kurz zu antworten. Sprechen sie ihren Satz einfach ungezwungen in den Raum. Ich komme dann zu ihnen und greife den Satz auf, wiederhole ihn oder wandle ihn etwas ab.

40 Einmal kam ein Aussätziger zu Jesus, warf sich vor ihm auf die Knie und bat ihn um Hilfe. »Wenn du willst«, sagte er, »kannst du mich gesund machen. «

Sie sind der Aussätzige: Was erwarten Sie von Jesus?

41 Jesus hatte Mitleid mit ihm, streckte die Hand aus und berührte ihn. »Ich will«, sagte er, »sei gesund! « 42 Im selben Augenblick verschwand der Aussatz und der Mann war geheilt.

Sie sind der Aussätzige: Wie reagieren sie auf die Heilung?

43 Sofort schickte Jesus ihn weg und befahl ihm streng: 44 »Sag ja niemand ein Wort davon, sondern geh zum Priester, lass dir deine Heilung bestätigen und bring die Opfer, die Mose zur Wiederherstellung der Reinheit vorgeschrieben hat. Die Verantwortlichen sollen wissen, dass ich das Gesetz ernst nehme. « 45 Aber der Mann ging weg und fing überall an, von Jesus und seiner Botschaft zu erzählen und davon, wie er geheilt worden war.

Sie sind erneut der Aussätzige: Warum halten sie sich nicht an Jesu Bitte, die Heilung anderen nicht zu erzählen?

Jesus konnte sich bald in keiner Ortschaft mehr sehen lassen. Er hielt sich draußen in unbewohnten Gegenden auf; doch die Leute kamen von überall her zu ihm.

Sie sind zum Schluss einmal Jesus: Was hat sich für Sie durch die Heilung des Aussätzigen verändert?

Liebe Gemeinde!

Im Bibeldialog ist es üblich, die Vielstimmigkeit der Reaktionen auf den Text stehen zu lassen, und nicht durch einen Kommentar des Pfarrers zu werten. So hat jeder und jede einen völlig gleichberechtigen Eindruck. Wir haben gemeinsam erlebt, wie der Text auf uns wirkt und was er uns vermittelt.

Zusätzlich möchte ich allerdings noch einige Beobachtungen am Text selbst und nicht am den geäußerten Rollen-Meinungen äußern. Den Bibeldialog lasse ich unkommentiert.

An dieser Stelle merkt man im Markus-Evangelium endgültig, dass sich eine zeitliche oder räumliche Vorstellung aus der Zusammenstellung einzelner Begebenheiten kaum gewinnen lässt. Daran hat Markus kein Interesse. Dennoch ist das Drumherum um die einzelnen Begebenheiten nicht zufällig. Am Ende des ersten Kapitels muss Jesus die Stadt, die er zur zweiten Heimat gewählt hat verlassen, Kapernaum. Er hält sich tatsächlich mehr oder weniger in unbewohnten Gebieten auf, lebt also mehrfach regelrecht auf der Straße. Selbstverständlich ist er hin und wieder auf seinem Weg in einigen Städten und wird dort auch eine Unterkunft gehabt haben. Trotzdem stellt sich hier eine bestimmte Vorstellung von Jesus ein, die wir behalten werden. Jesus ist ein Wanderprediger und ein Wanderheiler. Er erreicht die Menschen, indem er reist und umherzieht, wie ein Künstler auf einer Tournee. Viele Menschen werden auf ihn aufmerksam. Aber es gibt keine Heilsautomatik. Wo er ist, werden Menschen geheilt. Wo er ist, teilt der das Brot, isst mit Zöllnern und Sündern, und predigt vom Reich Gottes, das alles verändern wird.

Die Begegnung mit Jesus ist also ein Ereignis. Was geschieht, wenn Jesus einem Menschen begegnet? Ganz klar: In Jesus begegnet uns Gott. Ich meine keinen verzauberten Gottessohn aus dem Märchen, sondern ich meine, dass die Kraft, die von ihm ausgeht, die Kraft und Vollmacht von Gott her ist. „Du bist mein lieber Sohn.“ Ein alter Spruch aus einem Psalm wird für ihn zur Wahrheit, die ihn und andere Menschen frei und gesund macht. In ihm, in Jesus kommt Gottes Gegenwart zur Sprache, ja sogar zur Welt.

Wenn ein Aussätziger geheilt wird, geschieht mehr als nur das Verschwinden von Symptomen. Der Aussätzige ist nicht mehr ein Ausgesetzter. Er muss nicht mehr vor dem Stadttor bleiben, aus Angst er würde jemanden anstecken. Er muss nicht mehr im Slum leben, in einer kleinen Holzhütte, die er vor den Toren der Stadt draußen errichtet hat. Er geht zurück in die Gesellschaft. Die Sendung Jesu hat es damit zu tun, dass Ausgesetzte und Ausgestoßene eine neue Heimat unter allen Menschen finden.

Jesus konnte die Krankheit nicht aus der Welt schaffen. Aber er wollte Menschen gesund machen. Jesus konnte Menschen berühren, weil sie selbst in ihm ein Gefühl des Erbarmens auslösten. Doch es ist kein Mitleid, es ist der Wille zur Veränderung.

Ich denke, dass wir als Christinnen und Christen die Rolle wechseln. Wir sind nicht mehr der Kranken und Erlösungsbedürftige und hilfsbedürftige Menschen. Wir sind Jesus weil wir zur Kirche gehören. Jesus ist heute Christus durch uns. Wir geben die Botschaft von der Nähe und Gegenwart Gottes weiter. Wir gehen gegen falsche und böse Geister und Gedanken an. Wir tragen etwas zur Heilung und Gesundung von Menschen bei und wir sorgen mit für eine Gesellschaft, in der es keine ausgesetzten Menschen mehr geben muss.

Ein Mensch, der diesen Auftrag und diese Gabe sehr genau genommen hat, war Franziskus, der Begründer des Franziskanerordens. Von ihm wird folgende Geschichte erzählt. Mit diesen Texten möchte ich die Predigt schließen.

Bevor sich Franz der Armut des Bettelordens verschrieb und bevor er den Orden gründete, war er der reiche Sohn eines wohlhabenden Tuchhändlers. Ich lese den kurzen Bericht einer Begegnung, die sein Leben verändert hat:

„Franz hatte von Kindheit an ein seelisches Problem. Wäre er ein ausgeglichener Mensch gewesen, dann hätte er sein Leben lang Stoffe verkauft. … Der Anfang des Testaments des Franz von Assisi, geschrieben 1226, dem Jahr seines Todes:
‚Der Herr gab mir, Bruder Franz, diesen Anfang im Bußetun: Als ich in Sünden lebte, schien es mir gar bitter, die Aussätzigen zu sehen. Aber der Herr führte mich unter sie, und ich übte Barmherzigkeit an ihnen. Als ich von ihnen ging, verwandelte sich mir das Bittere in Süßigkeit der Seele und des Leibes. Hernach zögerte ich noch ein wenig und gib dann aus der Welt davon.‘
Franzens Scheu vor den Aussätzigen war so stark, dass er sich gezwungen sah, die Augen abzuwenden, wenn ihm ein Aussätziger über den Weg lief. Celano (schreibt):
‚So entsetzlich kam ihm nämlich, wie er sagte, einst der Anblick von aussätzigen vor, dass er sich mit der Hand die Nase zuhielt, wenn er zur Zeit seines Weltlebens aus einer Entfernung von etwas zwei Meilen ihre Häuser erblickte.‘
Das Leprosenheim von Assisi befand sich unten in der Ebene, eben die erwähnte zwei Meilen entfernt. Es genügte, wenn Franz von Assisi aus das Leprosenheim erblickte, und schon musste er sich die Nase zuhalten.
Der Aussatz war im Mittelalter eine verbreitete Krankheit (und wie wir sahen auch zurzeit Jesu). Tausende von Leprosenheime gab es damals in Europa, man kannte die Gefahr der Ansteckung und isolierte daher die Befallenen. Sie durften keine öffentlichen Gebäude betreten, nicht mit Kindern sprechen, mussten Handschuhe tragen und mit einem Glöckchen läuten, wenn sie sich außerhalb ihres Heims bewegten.
Der Aussatz beginnt am kleinen Finger, breitet sich dann über Hände und Füße aus. Finger und Zehen fallen ab. Später erscheinen nussgroße Knoten im Gesicht, führen zur Verdickung von Nase und Lippen. Bei fortschreitender Krankheit verbreitet der Aussätzige einen Gestank wie ein Ziegenbock. Zuletzt leidet er unter unstillbarem Durst und Bewegungsunfähigkeit. Nach durchschnittlich acht Jahren ist es dann mit ihm zu ende.
So wurde es erzählt:
Franz begegnet während eines Spazierrittes in der Umgebung von Assisi einem Aussätzigen. Von fürchterlichem Ekel erfüllt, tat sich Franz Gewalt an, stieg vom Pferd, gab dem Mann ein Geldstück und küsste ihm die Hand. Auch jener gab ihm den Friedenskuss. Kurz danach nahm Franz eine größere Summe Geldes und begab sich in das Heim der Leprosen. Alle die Siechen ließen zusammen. Franz reichte jedem ein Geldstück und küsste ihm die Hand. Als er von dannen ging, war wirklich in Süße verwandelt, was vorher bitter gewesen war.“

(Adolf Holl. Der letzte Christ, Franz von Assisi, Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart 1979, S.66f)

Amen.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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