Predigt über 4. Mose 21, Christoph Fleischer, Werl 2012

Sonntag Judika (5. Sonntag in der Passionszeit)

Verlesung des Textes 4.Mose 21,4-9: Mose richtet die eherne Schlange auf

4 Da brachen sie auf von dem Berge Hor in Richtung auf das Schilfmeer, um das Land der Edomiter zu umgehen.

Und das Volk wurde verdrossen auf dem Wege 5 und redete wider Gott und wider Mose: Warum hast du uns aus Ägypten geführt, dass wir sterben in der Wüste?

Denn es ist kein Brot noch Wasser hier, und uns ekelt vor dieser mageren Speise.

6 Da sandte der HERR feurige Schlangen unter das Volk;

die bissen das Volk, dass viele aus Israel starben.

7 Da kamen sie zu Mose und sprachen: Wir haben gesündigt, dass wir wider den HERRN und wider dich geredet haben.

Bitte den HERRN, dass er die Schlangen von uns nehme.

Und Mose bat für das Volk.

8 Da sprach der HERR zu Mose:

Mache dir eine eherne Schlange und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben.

9 Da machte Mose eine eherne Schlange und richtete sie hoch auf.

Und wenn jemanden eine Schlange biss, so sah er die eherne Schlange an und blieb leben.

 

Liebe Gemeinde,

in dieser Geschichte ist doch alles enthalten, was ein Pfarrer braucht, so sagte ein Jugendlicher. Ich las diesen Satz und dachte, da ist etwas Wahres dran, aber trotzdem erschließt sich das nicht sofort. Es ist zunächst einmal eine Wundergeschichte fernab unserer Realität. Wer kennt sich schon mit einer Wüste aus? Wer hatte es schon einmal mit feurigen Schlangen zu tun? Und doch fallen sofort beim ersten Hören in dieser kurzen Geschichte auf, wie die drei Handelnden, das Volk, Mose und Gott, miteinander in Kontakt stehen. Die Wirklichkeit des Lebens ist durchdrungen von den Gedanken der Verzweiflung und der Mutlosigkeit, der Aggressivität und des Ärgers. Dann kommen noch das Böse und das Unheil dazu, und Gott schweigt und steckt vielleicht sogar dahinter. Es muss eine Verbindung zwischen Himmel und Erde geben. Wenn Gott für diese Verbindung sorgt, dann geht es dem Volk gut, wenn es sich selbst darauf einlässt. Und so ist diese Geschichte letztlich eben doch eine Lehrgeschichte über den Glauben. Ohnehin ist mir beim Lesen des biblischen Zusammenhangs aufgefallen, dass es die einzige Geschichte ohne konkrete Ortsangabe ist. Sie spielt irgendwo in der Wüste, in der Nähe des Schilfmeers. Diese Geschichte ist allgemein und beispielhaft. Daher kann sie auch unseren Glauben beschreiben und hinterfragen.

Daher lassen wollen wir nun einfach nur noch einmal ganz aufmerksam auf diese Geschichte in der Bibel hören:

(4) Da brachen sie auf von dem Berge Hor in Richtung auf das Schilfmeer, um das Land der Edomiter zu umgehen.

Zwei Ereignisse der biblischen Erzählung werden hier vorausgesetzt und fortgesetzt, das sollten wir kurz wissen. Zunächst ist der Berg Hor der Ort des Todes Aarons. Aaron war der Bruder und ständiger Begleiter Moses. Aaron war ein Mann der ersten Stunde. Während Mose der Anführer und der Prophet des Volkes war, ihnen also immer als Gottes Bote gegenüber trat, war Aaron der Vertreter des Volkes und der Priester. Er nahm ihre Gebete auf und richtete sic an Gott. Er war für die Durchführung der Opfer des Volkes zuständig. Man sollte einen Priester nicht zuerst als Verkündiger sehen, sondern als Leiter der Opfer und Vorbeter. So war Aaron dem Volk auch immer ein wenig näher als der Prophet und Politiker Mose. Doch die verheißene Einkehr in das gelobte Land wurde beiden nicht zuteil. Zunächst starb Aaron auf der Wüstenwanderung in der Nähe der Amoriter und Edomiter am Berge Hor. Ich vermute, dass das Volk auch um Aaron trauerte, auch wenn das hier nicht ausdrücklich erwähnt wird. Dazu kommt nun die Unzufriedenheit mit Mose. Es gelingt Mose nicht, den König von Edom zur Durchreise zu überreden. Das Volk sucht nun einen anderen Weg und muss tatsächlich zunächst zurück zum Schilfmeer. Wenn man sich den Weg durch die Wüste als einen einzigen Weg vorstellen würde, so müsste man jetzt sagen: Das Volk ist bis auf den Anfang zurückgeworfen, denn am Schilfmeer ging das verfolgende Heer der Ägypter unter. Vom Schilfmeer an ist das Volk in Freiheit, aber zugleich in der Wüste. Diese ständige Wüstenwanderung ging den Leuten gehörig auf die Nerven.

Und das Volk wurde verdrossen auf dem Wege (5) und redete wider Gott und wider Mose:

Weil Mose nicht nur Politiker war, sondern zugleich Verkündiger der Worte Gottes, protestierten sie also nicht nur gegen seine Politik, sondern auch gegen seine Machtlosigkeit, die zugleich die Machtlosigkeit Gottes war. Es geht in dieser Geschichte um die Kraft Gottes und darum, wie Gott immer wieder mit dem Volk durch Mose handelt. Das Volk hat also schon recht: Gott ist genauso machtlos wie Mose. Dass das nicht immer der Fall war, zeigen die Verse zuvor. Da wird davon berichtet, dass das Volk Israel einen Kanaanäerkönig besiegt und, wie es heißt, den Bann vollstreckt gegen sein Land. Was das praktisch bedeutet, sollten wir uns besser nicht ausmalen. Das Volk war also gegen kleine Völker keinesfalls machtlos, nur gegen das große Land Edom konnte es nichts ausrichten. Der erzwungene Rückweg und der Tod Aarons war nun Grund zum Ärger:

Warum hast du uns aus Ägypten geführt, dass wir sterben in der Wüste?

Die Gefühle, die uns diese Frage übermittelt können wir doch auch nachvollziehen. Das Leben wird uns schwer und macht uns Mühe. Wir kommen nicht zu Ende mit einer Sache, die uns Mühe und Ärger bereitet. Der Glaube schwindet, wenn es uns schlecht geht. Wir verzweifeln, wenn es uns trifft, was sonst nur in der Zeitung steht, Unglück, Arbeitslosigkeit und Not. Und nun entlädt sich der Ärger in einer dieser berühmten WARUM Fragen? Auch wir Christinnen und Christen machen diese Erfahrungen, auch wir sind sauer auf Gott, weil er uns manchmal in der Wüster umhergehen lässt. Der Ärger gegen Gott entlädt sich in WARUM Fragen. Die bekannteste spricht Jesus am Kreuz aus, die Frage des 22. Psalm: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Auf Deutsch: Mir ist zum Heulen zumute, ich bin mit meinem Latein und mit dem Glauben am Ende.

Denn es ist kein Brot noch Wasser hier, und uns ekelt vor dieser mageren Speise.

Da ist es dem Volk auf einmal egal, dass es in Ägypten versklavt war und Fronarbeit leistete. Sie erinnerten sich lediglich: wir hatten ein Dach über dem Kopf und immer etwas zu essen. Es ist doch tatsächlich so, dass gute Politik daran gemessen wird, ob sie dem Volk Brot, Wohnung und Arbeit verschafft. Und in den Zeiten des Hungers verstärkt sich der Ärger. Das Volk protestiert und geht auf die Straße. Und Mose ist machtlos. Wäre doch auch gern über Edom ins gelobte Land gegangen. Doch mit einem Flüchtlingstreck ohne Geld war das nicht zu machen. Als sich nun der Ärger des Volkes in Worten wiederspiegelt, die sich gegen Mose richten und damit auch gegen Gott selbst, reagiert Gott als der überlegene und mächtige.

(6) Da sandte der HERR feurige Schlangen unter das Volk; die bissen das Volk, dass viele aus Israel starben.

Nun kommt uns wahrscheinlich die Frage nach dem Gottesbild und die Bilder der Katastrophen und der Kriege steigen in uns auf und wir fragen: Sollte Gott das alles gewollt haben? Doch so machen wir aus dem Glauben gleich eine philosophische Debatte. Darum geht es hier doch gar nicht. Es geht darum, dass Gott sich in seinem Handeln als mächtig und kraftvoll erweist. Nur: Der Ärger Gottes trifft nun die Israeliten. Auch das auserwählte Volk muss es sich gefallen lassen, Gottes Ärger zu spüren. Und Gottes Handeln spiegelt sich in alltäglichen Erfahrungen wieder. Gott bringt das Volk zur Vernunft und zum Nachdenken. Das gleiche gilt doch auch für die ganze Geschichte. Wir erinnern uns an den Zweiten Weltkrieg und an die Zeit des sinnlosen Angriffs auf Russland und sagen: Krieg darf kein Mittel der Politik mehr sein. Durch Schaden wird man klug. Und das zeigt hier die Gegenwart Gottes. Gott handelt wie eine Person, die sich ärgert, wenn das Werk der Befreiung durch das Murren und Zweifeln hinterfragt und angeklagt wird und zeigt: Es gibt noch viel größeres Leiden das auch zum Tod führen kann. Seid doch froh und zufrieden, dass ihr das Leben habt, zeigt er dem Volk durch die feurigen Schlagen.

(7) Da kamen sie zu Mose und sprachen: Wir haben gesündigt, dass wir wider den HERRN und wider dich geredet haben. Bitte den HERRN, dass er die Schlangen von uns nehme.

Und schon lehrt das Volk die Not Beten. Das Gebet hat zwei Teile. Es ist ein Schuldbekenntnis und eine Bitte. Und so zeigt dieses Gebet auch uns, wie wir mit Gott in Kontakt kommen können. Wir sagen, dass wir selbst mit unserem Mitteln nicht weiterkommen, wenn wir das Geschenk der Freiheit schlecht machen. Das Gebet zu Gott geschah aber nun nicht direkt, sondern nur über Mose. Er war vor Gott das Sprachrohr des Volkes. Genauso ist es gemeint, wenn wir im Gottesdienst zu Christus beten, damit er für uns bei Gott eintritt. Es gibt Situation, das spüren wir, dass uns Gott ganz fern ist, und dass wir ihn nicht erreichen können. Da ist es gut, dass wir jemanden haben, der für uns betet wie Christus.

Und Mose bat für das Volk. (8) Da sprach der HERR zu Mose:

Und nun ist Mose in die Rolle Aarons des Priesters getreten und hat ein wenig den Priester gespielt. Er hat sein Politikeramt mal kurz vernachlässigt und sich einfach nur zum Sprachrohr des Volkes gemacht. Ändert Gott nun seine Meinung, oder was geschieht?

Mache dir eine eherne Schlange und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben.

Mose empfängt Gottes Worte und Gott handelt durch ein Wort. Er befiehlt Mose, die eherne Schlange zu bauen und zum Zeichen aufzurichten. Dieses Zeichen soll alle retten, die es ansehen. Was die genaue Wirkung dieser eisernen Schlange war, ist nicht klar. Sie wirkte als Gegengift. Gott nimmt seine erste Handlung nicht zurück, sondern ergänzt sie und mildert sie ab.

(9) Da machte Mose eine eherne Schlange und richtete sie hoch auf. Und wenn jemanden eine Schlange biss, so sah er die eherne Schlange an und blieb leben.

Und nun ist die dem Wort entsprechende Wirklichkeit entstanden. Das Wort wird durch ein äußeres Zeichen durch ein Symbol bekräftigt, die eherne Schlange. Was bewirkt nun das Schauen auf diese Schlange: Ich meine nur eins: Den Glauben. Der Glaube besiegt das Gift der feurigen Schlangen, die aus dem Murren und dem Zweifel ein Verhängnis machen. Die Bitte um das Gebet Moses zeigt, dass das Volk doch noch bereit war auf Gott zu vertrauen. Die eiserne Schlange selbst ist ein Zeichen des Vertrauens. Nur durch den Blick auf diese Schlange gibt Gott die Kraft, dem Bösen zu widerstehen.

Man kann die eiserne Schlange mit dem Zeichen des Kreuzes vergleichen. Das Kreuz ist dann das richtige Zeichen des Glaubens, wenn wir es in unserem Leben ansehen und in Christus den Sohn Gottes erkennen, der uns zeigt, wie auch wir aus der Kraft des Glaubens leben können. Das heißt aber, dass wir aus dem Kreuz Christi kein Götzenbild machen dürfen, das wir anbeten und dem wir opfern. Gott will uns in Jesu Kreuz und Auferstehung daran erinnern, dass wir die Freiheit unseres Lebens ihm verdanken und dass wir sie bewahren können, wenn wir glauben und vertrauen. Auch der Weg durch die Wüste kann ein Weg in das gelobte Land sein. Wir müssen es ja nicht immer vor Augen haben. Es reicht zu wissen und zu glauben, dass uns Gott nah ist und seine Zukunft gibt.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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