Die Schrift mit der Schrift auslegen. Rezension von Christoph Fleischer, Werl 2012

zu: Frank Crüsemann: Das Alte Testament als Wahrheitsraum des Neuen, Die neue Sicht der christlichen Bibel, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2011, ISBN 978-3-579-08122-9, Preis: 29,95 Euro

 

Wer das sola scriptura Martin Luthers ernst nimmt, muss damit anfangen, die Schrift (NT) mit der Schrift (AT) zu interpretieren. Die Unmenge alttestamentlicher Zitate und Anspielungen, die das griechische Neue Testament dokumentiert, sind allerdings nur richtig zu verstehen, wenn deutlich wird, wie die hebräische Bibel von der neutestamentlichen Tradition aufgenommen wird, meist in der griechischen Übersetzung der Septuaginta. Hier setzt Frank Crüsemanns Lehrbuch an, der nach einer allgemeinen und sehr wertvollen Darstellung der aktuellen Diskussion um die Bedeutung des Alten Testaments für die Auslegung des Neuen Testaments  die drei Grundfragen bzw. Themen behandelt: „Was bedeutet das Alte für das Neue Testament?“, „Was ist das Neue im Neuen Testament?“ und „Der Gott Israels, die Völker und die Kirche“. Die Botschaft des „Neuen“ ist eine Bestätigung und Aktualisierung des Alten Testaments. Der neue Bund, die Messianität Jesu bis hin zur Auferstehung und anderen christologischen Themen sind durch Worte und Traditionen des Alten Testaments vorgeprägt. Allerdings muss sich der Autor fragen lassen, ob er die in der Behandlung der neueren Tendenz in der katholischen Theologie vertretenen mit dem Stichwort Typologie verbundenen doppelte Hermeneutik wirklich vermeiden kann, die aufzeigt, wie der Text Jüdinnen und Juden begegnet und wie er von Christinnen und Christen verstanden wird. Was dem Buch leider fehlt, ist eine systematische Darstellung der rabbinischen Schriftauslegung überhaupt, die die Umgangsweise mit alttestamentlichen Quellen im Neuen Testament erläutert, und die sich für heutige Leser zum Teil verbietet. Frank Crüsemanns Stärken sind die Konzentration auf die Inhalte. So gibt er mit der Darstellung der „Auferstehung als Schriftauslegung“ der Weiterentwicklung des christlichen Glaubens wichtige Impulse. Das ausführliche Literaturverzeichnis und das Bibelstellenregister machen das Buch Crüsemanns zu einem wichtigen Arbeitsbuch, das an die Interdependenzen erinnert: Es gibt nichts Neues ohne das Alte. Die christliche Kirche ist ein neuer Zweig an einem alten Baum.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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