Predigt über Kolosser 4, 2-6, Christoph Fleischer, Werl 2012

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Sonntag Rogate (5. Sonntag nach ostern)

Kanzelgruß – Der Predigttext für den heutigen Sonntag Rogate steht im Kolosserbrief, Kapitel 4, die Verse 2-6:

Habt Ausdauer im Gebet, wacht darin in Dankbarkeit. Betet zugleich auch für uns, dass Gott uns eine Tür für das Wort öffnet, um das Geheimnis des Christus zu verkünden, für das ich auch im Gefängnis bin, damit ich es offenbar mache, wie ich es sagen muss.

In Weisheit führt eurer Leben vor denen, die draußen sind, und nutzt die Zeit aus. Euer Wort sei treffend, mit Salz gewürzt, damit ihr erkennt, wie ihr allen antworten müsst.

 

Liebe Gemeinde!

Heute möche ich mit Ihnen einmal versuchen, diesen Text aus dem Kolosserbrief als Teil einer Erzählung zu lesen. Diese Erzählung muss allerdings aus verschiedenen Angaben des Briefes erschlossen werden. Daher komme ich zu einer konkreten Auslegung der Verse erst am Ende der Predigt.

Unabhängig davon, ob sich das wissenschaftlich beweisen lässt, möchte ich daher versuchen, aus den Angaben der Paulus-Briefe heraus, uns den Kolosserbrief und daraus diesen Predigttext zu erklären. Dieser Abschnitt steht am Ende eines Briefes, den Paulus, wie es heißt, in Gefangenschaft geschrieben hat. Dazu sind sich viele Ausleger der Bibel einig, dass Paulus den Kolosserbrief nicht selber schriftlich verfasste, vielleicht noch nicht einmal diktierte. Allerdings sind die persönlichen Angaben, die am Ende des Kolosserbrief stehen, so genau, dass die man sie kaum als erfunden bezeichnen kann. Daher möchte ich diese Predigt nun einfach damit anfangen, mit Nennung der Namen diese unterschiedlichen Personen vorzustellen, die entweder Mitarbeiter des Paulus sind oder zur Gemeinde in Kolossäa gehören. Zunächst einmal sind da Aristarch und Markus, die als mit Gefangene bezeichnet werden. Markus ist der Vetter des Barnabas. Barnabas war der erste Mitarbeiter des Paulus überhaupt. Diese beiden leben also mit Paulus zusammen, ja befinden sich in seinem Gefängnis.

Was war das für ein Gefängnis, in dem man so einfach miteinander reden und Briefe verfassen kann? Ich glaube nicht, dass hier eine dieser Gefangenschaften in Frage kommt, von denen die Apostelgeschichte berichtet. Dort war Paulus in strenger Einzelhaft, im Block, hinter Gittern. Es ist also doch wahrscheinlich, dass Paulus sich in Rom befindet, wo er verhaftet wurde und festgesetzt, als römischer Bürger verurteilt, und sich in einem Haus-Arrest befindet. Es sind ja nicht nur diese beiden. Hinzu kommen die Boten und Überbringer des Briefes, die im Auftrag des Paulus nach Kolossäa zu reisen hatten, Tychikus und Onesimus. Onesimus ist einmal Sklave des Philemon gewesen und hat sich in den Schutz des Paulus begeben. Paulus hat ihn damals mit einem Brief nach Philemon zurückgeschickt. Danach ist allerdings Onesimus weiter als Mitarbeiter des Paulus tätig gewesen. Ob er aus der Gemeinde in Kolossäa stammt, weiß man natürlich nicht. Weiterhin grüßt auch Jesus mit dem Beinamen Justus, der sich auch in der Begleitung des Paulus befindet. Hinzu kommt nun ein besonderer Gruß, und zwar der des Epaphras, der sich wohl im Moment ebenfalls in der Begleitung des Paulus befindet. Epaphras war nämlich derjenige, der mit seiner Predigt vom Evangelium  die Gemeinde in Kolossäa sowie die Nachbargemeinde in Laodicäa gegründet hat. Dazu kommen noch Lukas, der Arzt, bekannt als Verfasser des Lukas-Evangeliums und Demas, von dem wir nichts weiter berichtet wird. Das ist die eine Seite. Dann gibt es natürlich auch die andere Seite, die der Empfänger des Briefes, die Gemeinden in Kolossäa und Laodicäa. Es wird ausdrücklich von Paulus betont, dass diese beiden Gemeinden zusammengehören. Der Kolosserbrief soll auch in Laodicäa vorgelesen werden, wie diese ebenfalls einen Brief erhalten haben sollten. Trotzdem werden hier wohl sicherheitshalber auch Grüße an eine Frau namens Nympha in Laodicäa ausgerichtet, sowie an die Gemeinde in ihrem Haus. Ein weiterer Gruß klingt eher wie eine Ermahnung: Archippus solle seinen Dienst, den er von und für Christus übernommen hat, ordentlich erfüllen.

Was fällt uns auf? Es ersichtlich, dass die Weitergabe des Evangeliums in den Anfangsjahren der Kirche ganz stark davon lebte, dass einzelne vertrauenswürdige Personen Botschaften in Gestalt der Briefe im Auftrag des Paulus oder im Auftrag anderer Apostel persönlich überbringen konnten. Dies gilt unabhängig davon, ob hier von einer historischen Wahrheit berichtet wird, weil es einfach kaum eine andere Möglichkeit der Übermittlung von Nachrichten in der Antike gab. Doch wozu ist das nötig? Die Christusbotschaft des Kolosserbriefes hat es schon deutlich erkennbar mit einer überörtlichen und übernationalen, menschenumgreifenden, kirchlichen Gemeinschaft zu tun. Doch diese Gemeinschaft bildete sich erst langsam heraus, zuerst als eine Verbindung unter einzelnen Gemeinden, die man vielleicht noch nicht Kirche nennen kann, die aber bereits eine nachbarschaftliche Beziehungen möglich machte. Wir wissen heute, dass die frühen Christen in Griechenland und Kleinasien insgesamt noch sehr stark dem Judentum verbunden waren. Doch auch darin gab es schon Verbindungen und Informationswege. Die christliche Kirche, sozusagen im Frühstadium war jedoch geprägt durch eine bestimmte Einstellung den jüdischen Gesetzen des Sabbats, der Beschneidung und der Speisegebote gegenüber, die man einfach nur schlicht als liberal bezeichnen kann. Es gab also bereits gravierende Unterschiede zum hebräisch geprägten Judentum, die auch hier in Kolosserbrief angesprochen werden. Die Taufe hat z.B. die Beschneidung vollständig ersetzt. Im Grunde ist damit der Schritt in die christliche Kirche vollzogen. Die Christen gelten als Menschen, die in ihrem Glauben an Christus erfahren, dass sie mit Christus gestorben und auferstanden sind und zwar durch die Taufe. Ihr Glaube ist ein neues Leben im Geist und in der Gemeinschaft Christi. Heute würde man sagen symbolisch, also bildhaft, aber auch persönlich und gegenständlich erfahrbar im Abendmahl bildet diese Gemeinde den Leib Christi.

Nach Ostern Kirche feiern heißt, die Gemeinschaft Jesu Christi gegenständlich erfahren. Wie ist das möglich? Soll uns das Bild des Gekreuzigten der Auferstanden etwa so wie in der Gestalt der Erscheinungsgeschichten nach Ostern vor Augen stehen? Soll Jesus etwa eine Art Geist sein? Wir wissen alle, dass das nicht der Fall ist. Um dieses spirituelle oder sogar spiritistische Missverständnis der Auferstehung zu verhindern, haben die Evangelien die Geschichte von der Himmelfahrt Jesu Christi erzählt. Doch es kann nun auch nicht sein, dass Jesus im Himmel bei Gott und damit quasi verschwunden ist und in göttlicher, unsichtbarer Gegenwart einfach aufgeht. Der Leib Christ, das Bild und die Vorstellung der Gegenwart des Messias ist für die Gemeinde im Vollzug der Sakramente Taufe und Abendmahl konkret vorstellbar mit dem Wort des Evangeliums, das die Sakramente ergänzt. Die Gemeinde selbst ist die fortgeführte Gestalt des Auferstandenen. Sie ist sein Instrument, seine tätige Gegenwart in der Welt.

Was ich bis jetzt gesagt habe, ist im Bereich einer Ortsgemeinde gut denkbar. Wie kommt es aber dann zu einer Gemeinschaft der Kirche, einer Verbindung über die Ortsgemeinde hinaus? Der Brief des Paulus an die Gemeinde in Kolossäa weist die Christinnen und Christen an zwei verschiedene, aber doch gleichzeitig ablaufende Vorgänge der sprachlichen Übermittlung und Kommunikation, die zu unterscheiden sind. Ich komme damit auch langsam auf das Thema des heutigen Gottesdienstes, das Gebet zu sprechen.

Die erste Übermittlungsform ist die des Briefes. Der Brief als Übermittlung einer persönlichen Botschaft, wie der Bestätigung persönlicher Beziehungen durch Grüße und Wünsche, so wie er von alters her bis heute üblich ist, war die erste Form der kirchlichen Kommunikation, der Kommunikation über die Grenzen der Gemeinden hinaus. Das, was also in einer einzelnen Gemeinde durch die Verkündigung des Wortes in der Predigt geschieht und im Gespräch durch die persönliche Bezeugung, musste in der Verbindung verschiedener Gemeinden und der Apostel, später der Bischöfe und Synoden auf schriftlichem Weg erfolgen. Dabei galten diese Briefe, da bin ich ganz sicher, gleichzeitig als Empfehlungsschreiben der jeweiligen Überbringer. Wie sollten sie sich sonst zu erkennen geben? Onesimus und Tychikus wurden also durch den Kolosserbrief des Paulus beauftragt, sowohl die Botschaft des Paulus zu überbringen, die Botschaft des Paulus in Kolosserbrief in der dortigen Gemeinde zu verlesen, als auch in der Gemeinde zu bleiben und eine Zeit zu wirken. Dies funktionierte nur dadurch, dass der Gemeindegründer Epaphras sich bei Paulus befand und die schriftliche Botschaft beglaubigen. Als Beispiel vermittelt der Kolosserbrief, auch durch die Nennung der Namen, ganz anschaulich, wie die verschiedenen Gemeinden untereinander kommunizieren konnten. Durch Boten, Mittelsmänner, Vermittler und Überbringer von Schriften wurde das Evangelium verbreitet. Der Name des Paulus wie auch des Gemeindegründers Epaphras stellten die Verlässlichkeit und Glaubwürdigkeit der Übermittlung sicher.

 

Das heißt: Das Evangelium von Jesus Christus verbreitete sich auf dem Weg der medialen Kommunikation. Modern gesprochen könnte man jetzt sagen, dass dies ein wirkungsvolles Mittel der Herstellung und Bekräftigung der kirchlichen Gemeinschaft gewesen ist. Doch bleibt ein Zweifel. In der Orts-Gemeinde wird die kirchliche religiöse Gemeinschaft ja nicht nur durch die Predigt sozusagen irrational erfahren, sondern genauso gut durch die persönliche Begegnung und die Gemeinschaft der Menschen untereinander erlebt. Die menschliche Verbindungen, auch wenn sie nicht immer sichtbar sind, bilden die Gemeinde. In der Gemeinde, in der jeder etwas beiträgt und sei es die Kirchensteuer, wird die Verbindung untereinander persönlich vermittelt. Was bildet aber er die persönliche Verbindung auf überregionaler Ebene? Wie wird die kirchliche Verbindung verschiedener Gemeinden über große Entfernungen hinweg sichergestellt? An dieser Stelle kommt unser Predigttext ins Spiel. Wir kommen damit zum zweiten Form der Kommunikation, die sich jetzt ganz deutlich von der sonst üblichen menschlichen gegenseitigen Information unterscheidet. Es handelt sich um das Gebet. Ganz zu Anfang des Kolosserbriefes schreibt der Verfasser im Namen des Paulus folgenden Satz:

„Wir danken Gott, Ursprung von Jesus, dem Christus, dem wir gehören, allezeit in unseren Gebeten für euch.“

Die christliche Religion ist nicht denkbar ohne das Gebet. Dieses Gebet beginnt zuerst mit dem Dank. Paulus dessen Auftrag darin besteht, die Verbindung zu unterschiedlicher Gemeinden aufrecht zu erhalten, beginnt sein Gebet mit dem Dank für die Bildung der Gemeinden durch das Wort Jesu Christi. Er dankt also nicht nur dafür, das es die Gemeinde überhaupt gibt, sondern dass sie sich durch die persönliche Verbreitung der frohen Botschaft des Gekreuzigten immer wieder neu bildet. Zu diesem Dank treten die Gedanken hinzu, mit denen sich Paulus an Gott werdet. Er denkt an die Gemeinde im Gebet und betet für Sie. Er spricht eine oder mehrere Fürbitten aus: „Deshalb haben auch wir, seit dem Tag, an dem wir von euch hörten, nicht aufgehört, für euch zu beten und zu bitten, dass ihr erfüllt werdet in der Erkenntnis des göttlichen Willens mit aller Weisheit und geistgeschenkter Einsicht, um Gott entsprechend und wohlgefällig zu leben.“

Das bedeutet allgemein gesprochen: Die Kirche ist eine Gemeinschaft in der unsichtbaren Gegenwart Gottes. Das bedeutet auch, dass es ein Zeichen der Gegenwart in dieser Gemeinschaft ist, dass Menschen im Glauben, d.h. im Vertrauen aneinander denken und für einander beten. Das hat Paulus in der Ichform am Anfang des Briefes schon vorgemacht. Nun am Ende des Briefes erbittet er von den Hörern und Lesern, dass jene diese Gebete sozusagen zurücksenden wie man einen Antwortbrief schreiben würde. Also hier, am Ende eines Briefes, kurz vor dem persönlichen Grüßen, schreibt Paulus und bittet die Empfänger des Briefes um die Gemeinschaft des Gebets:

„Habt Ausdauer im Gebet, wacht darin in Dankbarkeit. Betet zugleich auch für uns, dass Gott uns eine Tür für das Wort öffnet, um das Geheimnis des Christus zu verkünden, für das ich auch im Gefängnis bin, damit ich es offenbar mache, wie ich es sagen muss.“
Er legt es ihnen sozusagen in den Mund. Erneut geht es um die Dankbarkeit. Die Gemeinschaft mit Gott ist die Gemeinschaft untereinander in Dankbarkeit. Und das, was man in einer konkreten Gemeinde vielleicht sogar praktisch füreinander tun könnte, erreicht man im Gebet durch die Fürbitte. Am Beispiel des Paulus soll die Gemeinde dafür beten, dass den Verkündigern des Evangeliums z.B. Paulus, sicherlich auch Tychikus und Onesimus, aber über diese hinaus jedem anderen Boten oder jede andere Botin die richtigen Worte in den Mund gelegt werden. Die Gemeinschaft mit Christus, die daraufhin sozusagen immer wieder praktisch vollzogen wird, lebt allerdings davon, dass sie auch konkret erfahren wird. Glaube ist dann eigentlich nichts anderes, als christusgemäß zu handeln und zu leben. Dabei hatte Glaube niemals nur die eigene Gemeinde im Blick. Immer geht es auch um die anderen. Nicht nur die anderen Gemeinden, sondern auch die Menschen, die zur Gemeinde gar nicht gehören. So sagt Paulus:

„In Weisheit führt eurer Leben vor denen, die draußen sind, und nutzt die Zeit aus. Euer Wort sei treffend, mit Salz gewürzt, damit ihr erkennt, wie ihr allen antworten müsst.

Die Verbindung des Gebets führt Christinnen und Christen immer wieder in die Gegenwart unserer Zeit und unsere Gesellschaft, heute in die globale Welt. Ob Menschen drinnen oder draußen sind, ist vor Gott eigentlich egal. Denn die Menschen sind Bilder Gottes, egal um wen es sich handelt. Insofern wünscht die christliche Kirche lediglich, und das ist ihre Mission, dass allen Menschen die Gemeinschaft mit Gott auch bewusst wird. Das geht selbstverständlich nicht dadurch, dass Ihnen eine christliche Lehre an den Kopf geworfen wird. Sondern das geht nur dadurch, dass man die Menschen als Bilder Gottes ernst nimmt und ihnen in Weisheit begegnet, so sagt es auch der Predigttext. Man kann ihnen z.B. deutlich machen, was es bedeutet, im Namen Jesu Feindesliebe und Toleranz zu praktizieren. Man kann deutlich machen, was bedeutet, Barmherzigkeit zu praktizieren. Um die Menschen zu erreichen und in die Gemeinschaft der Kirche einzuladen, wird man ihnen das Wort so verkünden, dass es ihnen auch deutlich wird. Das Bild dieser Deutlichkeit ist in diesem Bibeltext das Salz. Salz steht für Gewürz. Mit Salz gewürzt. Christen befinden sich in der Begegnung mit anderen Menschen und Leben in der Gesellschaft. Doch sie verschweigen ihre Einstellung nicht. Christinnen und Christen gibt es in allen Parteien und Institutionen der Gesellschaft. Und das ist gut zu. Sie wollen das „Salz der Erde“ sein. Der Predigttext ermutigt uns, die kirchliche Verbindung zu stärken, indem wir auch über die Grenzen einer Gemeinde hinaus, auch über die Grenzen unserer Familien hinaus, aufeinander zugehen und Kontakt zueinander halten. Ich finde es gar nicht schlecht, dass es hierfür in unserer Zeit auch das Internet gibt. Trotzdem gehört zur kirchlichen Gemeinschaft nicht nur die ausdrückliche Form der Kommunikation, sondern auch das Gebet. Im Gebet denken wir an andere in Dankbarkeit. Wir lernen im Gebet, für andere Menschen dankbar zu sein. Und wir lernen im Gebet, daran zu denken, was andere Menschen brauchen und was sie für die Gemeinschaft und für die Gesellschaft beitragen können. Gott ist unser unsichtbarer Mittelpunkt. Gott ist in Christus Mensch geworden. Menschliche Gemeinschaft im Glauben ist die unsichtbare Gegenwart des Leibes Christi. Im Sinne des Kolosserbriefes besteht diese unsichtbare Gegenwart überall, allerdings ist sie in der Kirche im Wort und Sakrament beispielhaft erfahrbar.

Amen.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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