Predigt über Epheser 1, 3-14, Christoph Fleischer, Werl 2012

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Zum Sonntag Trinitatis.

Gesegnet sei Gott, Ursprung Jesu, des Christus, dem wir gehören. Gott hat uns gesegnet mit allem geistgewirkten Segen in den Himmelsräumen bei Christus.

Denn Gott hat uns in ihm erwählt, bevor die Welt geschaffen wurde, damit wir vor Gottes Angesicht heilig und vollkommen seien.

In Liebe hat Gott uns zur treuen Kindschaft vorherbestimmt durch Jesus, den Christus, wie es der Güte des göttlichen Wollens entspricht, damit wir den Glanz der göttlichen Gnade preisen, die uns mit dem Geliebten geschenkt ist.

Mit dem Geliebten haben wir Erlösung, vermittelt durch sein Blut. Erlassen sind uns die Übertretungen nachdem Maß von Gottes Reich der Gnade, die uns überströmend gewährt ist.

In aller Weisheit und Einsicht ließ Gott uns das Geheimnis des göttlichen Wollens erkennen, entsprechend der Güte, zu der sich Gott in ihm entschlossen hatte, zu einem Plan in der Fülle der Zeiten.

Um es zusammenzufassen: „Alles ist in dem Gesalbten, dass, was im Himmel, und das, was auf der Erde ist, ist in ihm.“

Mit dem Geliebten wurde auch uns ein Los zugeteilt, die wir schon vorher dazu bestimmt waren, entsprechend der Absicht, die sich in der Erhaltung des Alls nach dem Ratschluss des göttlichen Wollens zeigt, damit wir ein Lobpreis des göttlichen Glanzes seien, die wir schon vorher auf den Gesalbten hofften.

Mit dem Geliebten wurdet auch ihr versiegelt mit der heiligen Geistkraft der Verheißung, als ihr das Wort der Wahrheit hörtet, die Freudenbotschaft Eurer Rettung, auf die ihr nun vertraut.

(Bibel in gerechter Sprache, Taschenausgabe siehe hier:Handliche Neuausgabe der Bibel. Rezension von Christoph Fleischer, Werl 2011)

Liebe Gemeinde,

Vielleicht kann man diesen Text auf die kurze Formel bringen: Es gibt entweder nur eine einladende Kirche oder eine ausgrenzende Kirche, nur eine von beiden.

Zunächst mag Sie dieser Predigteinstieg erstaunen. Es liegt einfach daran, dass ich diesen Bibeltext nicht in erster Linie danach befrage, was er aussagt, beschreibt, schildert, sondern danach, was er sagen will. In diesem Zusammenhang bin ich auf das Thema der Grenzen gestoßen. Im Bibeltext ist das auch ausdrücklich und deutlich ausgesprochen, allerdings erst gegen Ende. Der Autor des Epheserbriefes unterscheidet in den letzten Versen dieses Abschnitts zwischen Wir und Ihr. Er kann also zwei Gruppen von Menschen unterscheiden, zwischen denen sich eine Grenze befindet. Diese Grenze hat es schon immer gegeben. Davon gehe ich jetzt einmal aus. Es ist die Grenze zwischen dem einen Volk und den anderen Völkern, zwischen uns und ihnen, zwischen uns und den Anderen. Und nun könnte man sich also einen Text vorstellen, wie er als Buch in letzter Zeit auch ab und an im Buchgeschäft zu kaufen gab, der diese beiden Gruppen, uns und ihr, fein säuberlich unterscheidet. Solche Texte sagen meist, dass es eben sehr wohl gute Gründe habe, dass die beiden Gruppen, Wir und Ihr,  ganz verschieden sind und nicht viel miteinander zu tun haben sollten. Dieses Vorgehen müsste/muss man schlicht als Ausgrenzen bezeichnen. Wie geht es anders? Die Alternative zum Ausgrenzen ist Einbeziehen und Einladen, d.h. Sich-Öffnen den anderen gegenüber. Dieser Predigttext schildert diese zweite Variante. Der ganze Inhalt des Epheserbriefes, wovon von diese Worte des Textes den Anfang bilden, ist ein Dokument der Einheit und nicht der Unterscheidung, Trennung oder Ausgrenzung. Wenn also Paulus, so nenne ich den Autor des Briefes der Einfachheit halber, die Begriffe Ihr und Wir unterscheidet, so macht er das gerade nicht im Interesse der Trennung und Absonderung, sondern im Interesse der Vereinigung und um des Zusammenseins willen, indem er fragt: Was verbindet uns und euch?

Dass zur Antwort auf diese Frage in unserem Predigttext ganz viele theologische Sätze gebraucht werden, die uns beim Lesen dieses Textes begegnet sind, steht außer Frage. Doch was verbindet diese Sätze? Worauf zielt die Vereinigung von Uns und Euch? Was ist die Grundlage dafür, zu Recht mit Paulus auf die Überflüssigkeit der Grenzen zu verweisen? Ich denke es ist etwas, das wir gerade in unserer Zeit mit völliger Selbstverständlichkeit akzeptieren, dass uns Menschen nämlich verbindet, dass wir in einer einzigen Welt leben, und dass alle Grenzen, die es unter uns gibt, seien es die Grenzen der Sprache der Geschlechter, des Alters, der Hautfarbe uvm. im Prinzip unter diesen einen Vorbehalt zu sehen sind, dass wir alle Menschen auf dieser Erde sind. Früher hätte man wahrscheinlich gesagt, dass wir alle zu einer Welt gehören. Ich denke, dass unser Predigttext, so theologisch er sich zunächst anhört, ein Dokument der Erfindung dieses Begriffes Welt ist. Das Wort, der Begriff der Welt ist demnach ein von der christlichen Tradition nicht zu trennender Begriff. Die Welt ist eine übergeordnete Größe, die menschliche Grenzen und Begrenzungen außer Kraft setzt. Und dies wurde tatsächlich schon in einer Zeit geglaubt, als den Menschen noch nicht so bewusst war, dass diese Erde ihr gemeinsamer Lebensraum ist. Daher wurde sie auch nicht Erde genannt, sondern Welt.
Welt ist, was Gott will.
Welt ist und wird durch Frieden und Versöhnung verwirklicht.
Welt ist da, wo man Grenzen und Unterschiede wohl noch wahrnimmt, sie aber nicht wirklich als Trennendes erlebt.
Welt ist also eine geglaubte Realität.
Welt ist die Einheit der Menschen im Geist.
Dass dies ein Grundinhalt des christlichen Glaubens ist, dies zeigt sich schon allein am Missionsbefehl des Matthäus Evangeliums, in dem es heißt: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum geht hin und machet zu Jüngern alle Völker; Taufet Sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret Sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ (Mt. 28, 19-20).

Im Epheserbriefes steht unser Predigttext am Anfang, ist ein Einstieg, die Einleitung oder das Vorwort, praktisch gesagt, das alle Inhalte des gesamten Textes vorwegnimmt. Diese Einleitung beschreibt die gemeinsame christliche Grundlage aller Menschen, derjenigen die zum Wir gehören und der anderen. Damit ist der gesamte Epheserbrief ein Dokument der Einheit der Welt. Die Aufdeckung dieser Einheit der Welt vollzieht sich nach den Worten des Paulus durch Jesus Christus. Da er in diesem Zusammenhang aber auch von Gott und dem Heiligen Geist spricht, passt dieser Predigttext eben genauso gut auf den heutigen Tag der Heiligen Dreifaltigkeit. Ich greife im Folgenden die speziellen Aussagen des Textes heraus, ohne ihn in allen einzelnen Formulierungen zu wiederholen und zu erklären. Ich wähle die Aussagen heraus, in denen dieser Abschnitt unverwechselbar ist und eindeutig. Es handelt sich insgesamt um vier Schritte: Erstens der Segen Gottes, zweitens das Blut Jesu, drittens die Gegenwart Jesu. Viertens der Heilige Geist, die Geistkraft der Verheißung.

Erstens: Der Segen.
In diesem Abschnitt geht es vor allem um die Zeit. Der Prediger macht deutlich, dass der Segen schon vor unserer Zeit für alle galt und gilt, die sich heute von Gott angesprochen fühlen. Da es aber möglich ist, dass sich jeder Mensch von Gott angesprochen fühlt, muss dies auch bedeuten, dass hiermit alle Menschen auf der Erde gemeint sind. Die Erwähnung Gottes vor unserer Zeit, bevor die Welt geschaffen wurde, eignet sich nicht zur Ausgrenzung. Es ist eine Bestimmung aller Menschen, Kinder Gottes zu sein, Kinder des Schöpfers, Kinder des Lebendigen. Diese Bestimmung eröffnet uns Jesus, indem er sich selbst und andere Menschen als Sohn, als Kind Gottes bezeichnet. Christus eröffnet die Einheit der Welt, indem er ihre Grenzen aufdeckt. Der die Grenzen benennt, macht sie überwindbar. Man kann mit diesem Text sagen, dass Christus die Welt regiert, aber dann muss man auch sagen, das es nur eine Welt gibt. Für uns heute ist der Segen Gottes in der ganzen Welt wirksam. Wir sehen den Segen Gottes auch in der Einheit der Natur. Doch hier, in diesem Text konzentrieren wir uns auf die Menschen. Die Einheit der Menschen können wir nur darin erfahren, dass wir einander als Kinder Gottes begegnen, dass wir einander begegnen als Schwestern und Brüder Jesu Christi, der uns die Gegenwart Gottes gezeigt hat, und dass wir im menschlichen Gesicht der Anderen das Gesicht Jesu und das Gesicht Gottes erkennen werden. Der Glanz der göttlichen Gnade wird in anderen Menschen gegenwärtig erfahren.

Zweitens: Jesu Blut.
Wenn das Alte Testament von Blut spricht, dann meint es den Sitz der Lebendigkeit in einem Lebewesen, ob Tier oder Mensch. Das Wort Blut ist hier gar nicht im Sinne eines Opfers gemeint, sondern im Sinne der Lebendigkeit Jesu. Jesus gibt uns seine Lebendigkeit, durch Tod und Auferstehung, und so erlässt er uns, stellvertretend für Gott, unsere Übertretungen sozusagen im Vorhinein und macht die Grenze zwischen Gesetzestreuen und Gesetzlosen damit überflüssig. Es geht hier auch nicht um eine moralische Frage, sondern darum, das Reden von Übertretungen als Ausgrenzung zu erkennen und zu verstehen. Und von solchen Ausgrenzungen gibt es auch in unserer Zeit eine ganze Menge. Die Lebendigkeit Jesu, heißt für uns, dass wir teilnehmen an seiner Auferstehung im Hier und Jetzt. Diese Gegenwart im und mit dem Auferstandenen ersetzt jede Rede von den Übertretungen. Im Bild gesagt:  Der Pass hat ein Visum oder besser gesagt es geht ohne Grenzkontrollen. Wir Menschen müssten uns nicht mehr als Grenzwächter aufspielen.

Drittens: Die Gegenwart Jesu.
In der Sprache des Epheserbriefes heißt es, dass Jesus das Haupt ist. Jesu Körper ist das Bild der Einheit, nicht nur der Gemeinde, sondern der Welt. Alles ist in dem Gesalbten; das, was im Himmel, und das, was auf der Erde ist, ist in ihm. Jesu Gegenwart vollendet die Einheit der Welt. Wir wissen, dass sich das auch auf den Glauben bezieht. Tatsächlich ist die Welt voller Unterschiede und Begrenzungen. Doch die Christinnen und Christen sehen über Unterschiede und Begrenzungen hinweg auf die Einheit, die Gott durch Christus hergestellt hat. Himmel und Erde sind eins. Der himmlische Schimmer und Glanz ist bei uns auf der Erde angekommen. Christus teilt sich uns mit, in seinen Worten und im Zeichen der Sakramente, darin wie Menschen an ihn glauben und in seinen Namen leben. In Christus gibt es keine Ausgrenzung. Die kkrche ist im Wort Ekklesia eigentlich keine Zusammenkunft einer bestimmten Gruppe, sondern eine Menschen-Versammlung.

Viertens: Der Heilige Geist.
Die Rede vom Heiligen Geist handelt in meinen Augen mehr von einer Beobachtung, als dass er eine Behauptung aufstellt. Es ist die Erfahrung, dass Menschen mit ihren unterschiedlichen Gaben und Fähigkeiten in der Gegenwart des Segens und in der Kraft des Vertrauens, dazu beitragen, dass sich Zeichen der Einheit alle Menschen in der Welt immer wieder ereignen. Die Alten und die Jungen, die, die immer schon dazu gehörten, und die, die von außen dazugekommen sind werden insgesamt eine Einheit. Es ist egal, ob man schon vorher an Christus glaubt hat, oder man das Wort der Wahrheit einmal neu erfahren hat. Wer auf die Freudenbotschaft der Rettung vertraut, erfährt die Gegenwart Jesu in der Welt. In der Welt ereignet sich Kirche, in der Welt wird der Geist Gottes erfahrbar, wo Grenzen überwunden und überflüssig gemacht werden.

Im Geist Jesu gibt es nur eine einladende Kirche. Eine ausgrenzende Kirche ist keine Kirche Jesu.

Amen.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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