Drei Götter und ein geteilter Mensch. Rezension von Christoph Fleischer, Werl 2012

Zu: Bertolt Brecht: Der gute Mensch von Sezuan, Parabelstück, Edition Suhrkamp 73, Zwölfte Auflage Berlin 1970

Dieses Buch habe ich also vor etwa 42 Jahren im Deutschunterricht des Gymnasiums gelesen. Es enthält einige Unterstreichungen und wenige Anmerkungen. Das Lied von der Wehrlosigkeit der Götter wurde von mir mit der Bemerkung markiert: „Bertolt Brechts Atheismus: Gott ist machtlos.“

Heute fällt mir auf, wie viele Anspielungen auf die Traditionen der Bibel dieses Buch enthält. Bertolt Brecht soll einmal gesagt haben, dass die Bibel seine liebste Lektüre sei. Die Götter sind zweimal anwesend, am Anfang geben sie das Startkapital für den Versuch des guten Lebens und am Ende wird beurteilt und gerichtet. Dem Wasserträger Wang erscheinen sie gelegentlich im Traum. Am Ende des Stücks verschwinden die Götter auf einer Wolke, Himmelfahrt. Die Doppelrolle der altruistischen Shen Te und des ökonomisch denkenden Shui Ta lässt sich gut spielen. Kaum einer der teilnehmenden Personen von den Zuschauern abgesehen, erkennt das Rollenspiel. Die Frage ist: Welche Rollen spielen wir und wie sind wir dann jeweils als der oder die Andere erkennbar? Die Wette der Götter, auch eine biblische Anspielung, wird am Ende jedoch gewonnen, da die Götter die Kriterien für ihr eigenes Urteil selbst definieren (und weil sie die Güte Shen Tes der ganzen Person zurechnen, die ihre Aufspaltung aufgegeben hat). In mir keimt der Verdacht, dass Bertolt Brecht in diesem Parabelstück die Struktur und Funktionsweise der sozialen Marktwirtschaft prophetisch vorher sieht. Das ökonomische Handeln ist nicht nur schlecht, und das gute, selbstlose Handeln nicht nur gut, geschweige denn erfolgreich. Die Vorteile des Kapitalismus wiegen die Nachteile vielleicht dann auf, wenn zuletzt die Prinzipien der Gerechtigkeit durchgehalten werden. Nicht zuletzt hat die Schwangerschaft Shen Tes eine vorwärtstreibende Kraft und offenbart zuletzt eine, wenn nicht sogar die Leit-Frage: Was bleibt von unserem Handeln für die nächsten Generationen? Die Machtlosigkeit der Götter spricht zuletzt nicht gegen sie. Während sich der Mensch immer während in Widersprüche verstrickt, bleiben die Götter davon seltsam unberührt. „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen.“

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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