Predigt über 1.Petr 3,8-17. Christoph Fleischer, Werl 2012

Zum vierten Sonntag nach Trinitatis (am Tag des Endspiels der Euro 2012).

8 Endlich aber seid allesamt gleich gesinnt, mitleidig, brüderlich, barmherzig, demütig. 9 Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern segnet vielmehr, weil ihr dazu berufen seid, dass ihr den Segen ererbt. 10 Denn »wer das Leben lieben und gute Tage sehen will, der hüte seine Zunge, dass sie nichts Böses rede, und seine Lippen, dass sie nicht betrügen. 11 Er wende sich ab vom Bösen und tue Gutes; er suche Frieden und jage ihm nach. 12 Denn die Augen des Herrn sehen auf die Gerechten, und seine Ohren hören auf ihr Gebet; das Angesicht des Herrn aber steht wider die, die Böses tun« (Psalm 34,13-17). 13 Und wer ist’s, der euch schaden könnte, wenn ihr dem Guten nacheifert? 14 Und wenn ihr auch leidet um der Gerechtigkeit willen, so seid ihr doch selig. Fürchtet euch nicht vor ihrem Drohen und erschreckt nicht; 15 heiligt aber den Herrn Christus in euren Herzen. Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist, 16 und das mit Sanftmut und Gottesfurcht, und habt ein gutes Gewissen, damit die, die euch verleumden, zuschanden werden, wenn sie euren guten Wandel in Christus schmähen. 17 Denn es ist besser, wenn es Gottes Wille ist, dass ihr um guter Taten willen leidet als um böser Taten willen.

 

Liebe Gemeinde,

 

Mit diesen Worten hat der Verfasser des 1. Petrusbriefes die Christen der damaligen Urgemeinde erneut an die bekannten Werte erinnert, die als die christlichen Werte bis heute bekannt sind. Zu nennen sind da vor allem: Barmherzigkeit, Demut, Feindesliebe, Verzicht auf Vergeltung und Vermeidung der üblen Nachrede. Christen sind im Bild des Neuen Testaments vor allem Friedensstifter. Darin sind sich viele Bücher der Bibel einig.

Um diese Inhalte auf die heutige Zeit zu übertragen, möchte ich zunächst einen Vergleich wagen. Wir haben uns in den vergangenen Wochen sehr viel mit Fußball beschäftigt. Selbst ungeübten Fernsehzuschauern dürften die Linien- und Schiedsrichter auffallen, die zwischen den 22 Spielern auf dem Rasen herumlaufen. Sie greifen ständig ein, indem sie pfeifen oder eine Fahne hochheben. Das Spiel verläuft nach Regeln und Schiedsrichter sorgen für die Einhaltung dieser Regeln. Die Regeln dienen dazu, den ordnungsgemäßen Ablauf eines Spiels zu gewährleisten. Viele Begriffe, die wir in unserem Predigttext gehört haben, erinnern an solche Regeln. Bei manchem, was der Apostel schreibt, kann man sich die gelbe oder die rote Karte gleich dazu denken, und wir könnten uns fragen: Welche Fouls werden denn hier geahndet.

Doch warum sind diese Ermahnungen überhaupt nötig? Ist nicht die christliche Gemeinde eine Idealgemeinde, in der sowieso alles im Sinn Jesu abläuft? Wieso dann noch Ermahnungen?

Wir sehen damit, dass die Christinnen und Christen damals keine herausgehobene Elite waren, sondern eine Versammlung von Menschen aus unterschiedlichen Schichten, Sklaven und Freie, Männern und Frauen, Angehörige verschiedener Religionen und Nationen, Juden und Griechen. Wer die Worte des Predigttextes hört, unvoreingenommen, ohne an eine bestimmte Idealgemeinde zu denken, wird sich ohnehin kaum wundern. Diese Worte passen heute genauso in eine Schulklasse wie für die Belegschaft eines Betriebes. Das sind gar keine speziell christlich religiöse Regeln, bis auf die Erinnerung an die Fragen des Widerstandes. Allgemein erinnert der Text an die wichtigen Werte des Lebens, die heute genauso verständlich sind wie damals.

Nur war die Situation damals eine andere als heute. Die Christinnen und Christen standen in der ständigen Gefahr aufzufallen und verhaftet zu werden. Das ist bei uns nicht der Fall. Aber auch wir wollen nicht auffallen und passen uns an. Dadurch scheint heute der christliche Glaube immer undeutlicher und unwichtiger zu werden. Andererseits ist der Ruf nach der Erneuerung von Werten in der ganzen Gesellschaft immer lauter geworden. Doch wo sollen diese Werte herkommen? Die christliche Religion scheint doch schon seit Jahren auf dem Rückzug zu sein. Es gibt zwar auch noch andere Beweggründe für angepasstes Verhalten, aber der christliche Glaube gibt dem Leben erst ein entsprechendes Fundament.

Aber im Prinzip ist es für die Konsequenzen des menschlichen Verhaltens letztlich egal, welchen Ursprungs die Werte der Gemeinschaft sind. Es ist egal, ob sie als einzigartige Predigt Jesu und der Apostel gelten, als Erbschaft jüdischer Wurzeln, als Überlieferung griechischer Philosophie oder römischen Rechtsdenkens. Es konnt darauf an, dass sich Menschen nach diesen Regeln verhalten, damit die Gemeinschaft funktioniert. Das gilt auf dem Fußballplatz genauso wie in der Wirtschaft oder der Schule. Insgesamt gilt für alle Werte: sie funktionieren nur, wenn sie gelebt werden. Und nur dann, wenn sie gelebt werden, werden sie auch überliefert.

Und jeder weiß, das das Leben selbst der wichtigste Maßstab für die Bedeutung diese Werte ist. Nur vom Leben selbst her können Werte begründet werden und daran müssen sie auch gemessen werden. Jesus hat ja selbst auch bestimmte überlieferte Werte abgelehnt oder missachtet, wie das Sabbatgebot. Er sagte: „Der Sabbat ist für den Menschen gemacht und nicht der Mensch für den Sabbat.“ Jesus hat mit Menschen am Tisch gesessen, die auch heute vielleicht so mancher ablehnen würde. Die Werte um die es geht, sind nicht einfach nur die Werte einer normalen bürgerlichen Gesellschaft. Es sind allein die Werte des Lebens oder sie funktionieren nicht.

Dazu habe ich einen kleinen Text von der Mutter Theresa aus Kalkutta gefunden:

Das Leben ist eine Chance, nutze sie.

Das Leben ist schön, schätze es.

Das Leben ist eine Wonne, koste sie.

Das Leben ist ein Traum, verwirkliche ihn.

Das Leben ist eine Herausforderung, nimm sie an.

Das Leben ist ein Spiel, spiel es.

Das Leben ist kostbar, geh sorgsam damit um.

Das Leben ist ein Reichtum, bewahre ihn.

Das Leben ist Liebe, genieße sie.

Das Leben ist ein Rätsel, löse es.

Das Leben ist ein Versprechen, erfülle es.

Das Leben ist ein Lied, singe es.

Das Leben ist ein Kampf, nimm ihn auf.

Das Leben ist eine Tragödie, stell dich ihr.

Das Leben ist ein Abenteuer, wage es.

Das Leben ist Glück, behalte es.

Das Leben ist kostbar, zerstöre es nicht.

Das Leben ist Leben, erkämpf es dir.

(Quelle: http://de.spiritualwiki.org/Wiki/MutterTeresa)

 

In unserem Text wurden die wichtigsten Ansprüche an das Leben angesprochen. Diese werde ich jetzt noch kurz ansprechen. Es sind die Prinzipen: Liebe statt Vergeltung, Gerechtigkeit und Frieden und Sanftmut im Interesse des Glaubens.

 

Erstens: Liebe statt Vergeltung.

Zuerst tritt etwas an die Stelle der Vergeltung. Es wird nicht nur gesagt, dass es gilt, Böses nicht mit Bösem zu vergelten, sondern dass es die Aufgabe der Christen ist, zu segnen. Ich denke, heute ist jedem klar, dass es hier darum geht jede Eskalation von Gewalt zu vermeiden, um die größere Mehrheit der betroffenen Menschen zu schützen. Die Ablehnung der Vergeltung ist in der Situation einer Minderheit das Gebot der Vernunft. Gewalt zu Gewalt, da muss hinterher jeder den Kürzeren ziehen. Doch es darf auch nicht darum gehen, sich einfach zu verstecken, sondern zu segnen. Christen wissen, dass sie den Segen dazu empfangen, dass sie ihn weitergeben. Hier sieht man schon, dass christliche Werte nicht einfach Befehle oder Ordnungen sein können. Sie weisen vielmehr immer wieder auf einen bestimmten Lebensprozess hin: Wer auf eine gegnerische oder feindliche Umwelt mit Freundlichkeit antwortet, erntet vielleicht sogar Spott. Doch  im Interesse des Lebens ist Freundlichkeit die bessere Wahl als die Antwort der Gewalt.

 

Zweitens: Gerechtigkeit und Frieden, in Wort und Tat.

Der nächste Abschnitt ist ein reines Zitat aus dem alten Testament: Vermeidung der bösen Rede, üblen Nachrede, der Einsatz für das Gute und den Frieden und der Wunsch gerecht zu leben sind wichtige Inhalte des jüdischen Glaubens von je her. Hier unterscheiden sich die Christen nicht. Es entstehen multireligiöse Werte zwischen Christentum und Judentum, später auch den Islam und Andere Religionen einschließend. Christinnen und Christen wollen, dass alle Menschen gleichermaßen in Güte und Frieden leben können. Die einzelnen Christen verhalten sich in der Gesellschaft positiv. Sie lassen keine Feindschaft aufkommen und stellen auch keine anderen Menschen durch böse Reden ins Abseits. Christen gehen auf jeden Menschen offen zu und haben ein gutes Gewissen, oder versuchen es zumindest zu haben.

 

Drittens: Sanftmut im Interesse des Glaubens.

Wir hören zum Schluss, dass dies alles kein Selbstzweck ist. Es geht darum, auf eine bestimmte Art und Weise anderen Menschen indirekt den Glauben an Christus zu vermitteln, auch durch praktische Lebensentscheidungen. Dadurch bekommen die christlichen Werte ja wiederum doch einen starken Stellenwert. In unserer Gesellschaft ist es auf eine andere Art wieder nötig, die Werte des Glaubens bewusst auch nach außen zu zeigen, aber nicht in Selbstgerechtigkeit, sondern allein in Bescheidenheit.

Ich finde es immer besonders wichtig, dass christliche Werte keine Regeln einer abgesonderten Gemeinschaft sind, sondern dass sie im Grunde in der ganzen Gesellschaft funktionieren, ja sogar heute den ganzen Globus umfassen sollten: Was die kleinste Zelle prägt, die Familie, die Freundschaft, das soll ausstrahlen auf alle: „Seid allesamt gleich gesinnt, mitleidig, brüderlich, barmherzig und demütig“, so heißt es ganz zu Beginn des Textes. Das Leben der Christen ist niemals in einer abgetrennten Ecke der Welt möglich. Daher sind die Werte des Christentums auch zugleich die Werte unserer Gesellschaft. Leben und Bekennen sind ein und dasselbe.

Um auf den Fußball zurückzukommen. Letztlich haben die Regeln des Fußballspiels den Sinn, dafür zu sorgen, dass das Spiel Spaß und Freude macht. Wir haben in den vergangenen Wochen erlebt, wie trotz der Niederlagen, die Freude des Spiels die Menschen angesteckt und auch über Nationen hinweg fasziniert hat. Und ich möchte einmal behaupten, dass die besonders guten Schiedsrichterleistungen dazu nicht unerheblich beigetragen haben. Sie haben aber nichts anderes gemacht, als die Regeln auszulegen.

Damit ist dies auch auf das ganze Leben anzuwenden. Die Regeln der christlichen Werte können dazu beitragen, das ganze Leben zu einem Fest des Friedens und der Freude zu machen. Über die Regeln selbst muss man dann gar nicht mehr viel sprechen. Das Spiel selbst ist das Leben, das Zusammenwirken von Völkern, Geschlechtern und Generationen. Es gibt viele unterschiedlichen Interessen, die nicht zu Streit und Krieg führen dürfen. Die Menschen können sich ergänzen und einander viel geben, wenn sie nur wollen.

Amen.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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