Bildung, das Maß des Göttlichen, Christoph Fleischer, Werl 2012

Dieser Artikel erscheint am 2. Sepetember 2012, in der Evangelischen Zeitung Ausgabe 35 (http://www.evangelische-zeitung.de)

 

Die Überschrift der Denkschrift der EKD zum Thema Bildung, „Maße des Menschlichen“ (2003), wird im Internet oft mit zwei „s“ geschrieben: Masse. Man denkt an eine Vielzahl, aber auch an die Masse, das messbare Gewicht. Das Gewicht des Menschlichen ist das Thema christlicher Bildung. Die Religion thematisiert die Humanität, so die EKD. Die Mehrzahl wirkt hier unglücklich, besser wäre: „Das Maß des Menschlichen“.

Müsste es religiös gesehen nicht sogar „Das Maß des Göttlichen“ heißen? Im Wort „Bildung“ steckt das Wort „Bild“: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn (sie), und schuf sie als Mann und Frau.“ (1. Mose 1,27). Dieser Bibelvers der Schöpfungsgeschichte ist das Grundmodell der christlichen Bildung. Ihr Auftrag ist ein lebenslanger Weg, auf dem Menschen sich als Bild Gottes erkennen und verstehen. Das Leben ist Zuspruch und Anspruch zugleich. Der damalige Vorsitzende des Rates der EKD, Manfred Kock, warnt im Vorwort davor, das Thema des lebenslangen Lernens technisch zu verstehen, als ständige Anpassungsbereitschaft. Wenn schon zu Beginn das Maß des Göttlichen das Ziel christlicher Bildung ist, wäre dieses Missverständnis nicht aufgekommen. Das Maß des Menschlichen allerdings ist, nach der Maßgabe des Philosophen Jürgen Habermas, die Übersetzung des Religiösen in säkulare Sprache. Jedoch geht der Anspruch, Bild Gottes zu werden, darüber hinaus.

Die 20 Thesen am Ende lassen ein einheitliches Bildungsverständnis der evangelischen Kirche vermissen. Doch es gibt viele Aspekte, die weiterführen:

Wenn die Bildungsprozesse der Gesellschaft dem rationalen Menschenbild der Moderne verhaftet sind, verfehlen sie den „ganzen Menschen„. Religion und Philosophie erinnern nicht nur an das „Nicht-Verrechenbare“, sondern auch daran, dass Rationalismus und Technizismus die Welt an den Rand der Katastrophe geführt haben.
„Jugendliche wollen einer Zukunft entgegengehen, für die sie gebraucht werden. Sie möchten schon in der Gegenwart empfinden, dass sie etwas wert sind und anerkannt werden. Sie wollen spüren, dass es sich lohnt, für diese Welt und in ihr zu leben und etwas zu leisten.“ Diese Sätze sollten weniger als Appell, sondern als Anfrage an Beteiligung gesehen werden, die schon an den Beginn der Denkschrift gehört hätte. Lernende sind Subjekt, nicht Objekt des Lernens.

Doch wie steht es um die Religion in der Gesellschaft wirklich? Religion ist zum Feindbild geworden. Dabei ist sie tatsächlich weit weniger problematisch, als noch in der Zeit des Säkularismus. Die Gesellschaft verbindet mit Religion ungelöste Fragen, wie die nach der Rolle der Gewalt. Außerdem ist die neue Religion eine der Vielfalt. Religion wird heute als ein Angebot unter anderen gesehen. Die Gesellschaft erwartet den Dialog der Religionen. Dennoch fragen viele Menschen nach der Antwort des Christentums auf ihre Lebensfragen. An diesen Lebensthemen setzt auch der christliche Glaube an. In den Themen Liebe, Freundschaft, Sucht, Reichtum, usw. steckt implizit die ganze Bandbreite der christlichen Theologie. Die Göttlichkeit der Welt steht darin vor Augen. Das Thema Liebe und Freundschaft wird zur Frage nach dem Sinn des Lebens, das Thema Sucht wird zur Frage nach Menschenbild und Identität.

Das Stichwort Bologna in der Denkschrift erinnert daran, dass die Lernprozesse unter den Ansprüchen der Beteiligung und Kontrollierbarkeit auch von den Lernenden stärker nachvollzogen werden können, als dies früher der Fall war.
Kirche ist Bildungsträger im Elementarbereich. Viele Kindertagesstätten sind im Arm der Kirche. Lebenslanges Lernen beginnt beim sozialen Lernen im Kindergarten und bei der Erfahrung der Inklusion, der Akzeptanz, von Vielfalt und Differenz.
Das Thema Vielfalt, darf nicht, wie in der Denkschrift, unter Verschweigen von Diskriminierungen betrachtet werden, zumal Aussagen der Diskriminierung von der Religion selbst geprägt sind. Die Akzeptanz jeder sexuellen Orientierung muss eingefordert werden.
Die Frage nach Klima und Aggression wird durch die Umwandlung von Gewalt in Frieden beantwortet, mittels Deeskalation und Sensibilisierung. Dies ist auch eine Frage nach den Strukturen, in denen Bildung geschieht. Wenn im Miteinander der Religionen das Gemeinsame mehr als das Trennende betont wird, trägt dies dazu bei, Gewalt abzubauen.

Was sind die Maßstäbe des Göttlichen in der Bildung? Ausgehend vom Maßstab des lebenslangen Lernens ist jeder Mensch als Subjekt des Lernens anzusehen. Die Religion ist kein Lückenbüßer, sondern sie ist als verbindende Kraft zu entdecken. Religion ist die Frage nach der Göttlichkeit der Welt. Das Hauptthema aller Lernprozesse ist die Zukunft. Daher gilt es, nicht resignativ zu handeln, sondern die Religion als Quelle der Hoffnung und des Sinns zu erschließen. Wer die Bildung fördert, weiß, dass sich die Welt verändern wird.

 

 

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

Kommentar verfassen