Liberaler Christ im Widerstand, Rezension von Christoph Fleischer, Werl 2009

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Zu: Uwe Gerrens, Rüdiger Schleicher, Ein Leben zwischen Staatsdienst und Verschwörung, Gütersloher Verlagshaus 2009, ISBN 978-3-579-07140-4, Preis (reduziert) 9,99 Euro

Es wird in der Lebensbeschreibung des staatstreuen Juristen Rüdiger Schleicher durch Uwe Gerrens mal wieder deutlich, dass die Zeit von 1933 bis 1945 zu besonderen Lebensentscheidungen führen musste. In dieser Zeit hatte man sich zu entscheiden und entschied sich, Rüdiger Schleicher für den Verbleib im Luftfahrtministerium, erkauft mit der Mitgliedschaft in der NSDAP und zugleich als Teil der Familie Bonhoeffer für den Widerstand. Das Buch beschreibt den christlichen Laien, der als gebürtiger Schwabe und Protestant ein regelmäßiger Kirchgänger in Dahlem war, der Gemeinde Martin Niemöllers bis zu dessen Verhaftung 1937 und auch danach als Teil der Bekennenden Kirche. Rüdiger Schleicher war ein begeisterter Musiker und ließ später sogar seine Geige in das Gefängnis bringen. Da er durch seine Heirat mit Ursula Bonhoeffer, einer Schwester Dietrich Bonhoeffers, ein Teil der Familie Bonhoeffer geworden war, war er eng mit dem Hause Bonhoeffer verbunden und später auch Teil der dort ausgetauschten Widerstandspläne und Informationen. Er gehörte jedoch nie zur Wehrmacht oder zur Abwehr, weil er im ersten Weltkrieg so schwer verwundet wurde, dass er kriegsuntauglich war. Später heiratete die älteste Tochter Renate Schleicher den Bonhoeffer-Biographen Eberhard Bethge. Daher sind die Beschreibungen der Schleicherschen und Bonhoefferschen Situation vor allem in der Zeit des Weltkrieges eine gute Ergänzung zur Lektüre jeder Bonhoeffer-Biographie, wie hier selbstverständlich auch recht oft aus Bethges Bonhoeffer Biografie zitiert wird. Doch auch das ist interessant, weil sich dann so manche Informationen wieder anders lesen, als im direkten Zusammenhang der Lebensereignisse Dietrich Bonhoeffers. Da Rüdiger Schleicher nicht zum Widerstand der Wehrmacht gehörte, wurde er vom Volksgerichtshof am 2.2.1945 zum Tode verurteilt, einen Tag bevor den Richter Freisler selbst eine tödliche Bombe in Berlin traf. Beschämend ist es zu lesen, wie das Nachkriegsdeutschland mit dem Gedenken der Opfer des Widerstandes umgegangen ist. Todesurteile aus nationalsozialistischer Willkür wurden oft erst nach 10 Jahren oder später aufgehoben, wodurch aber auch die Angehörigen erst so spoät ihre Pensionen und Opferentschädigungen erhielten, als ehemalige NS-Richter längst schon wieder im Staatsdienst standen oder gute Pensionen erhielten. Und so ist dieses Buch ein wertvoller Beitrag dazu, die Opfer der NS-Gerichtsbarkeit in Deutschland zu rehabilitieren. Diese Biographie ist packend geschrieben und bietet viele Informationen über die Widerstandsgruppe der Familie Bonhoeffer.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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