Tschernobyl – Erinnern, Mahnen und Helfen. Christoph Fleischer, Werl 2011.

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Rezension zu: Tschernobyl und die europäische Solidaritätsbewegung. Hg.: Internationales Bildungs- und Begegnungswerk (IBB) Dortmund. Books on Demand, Norderstest 2011, ISBN 978-3-8423-9857-3, Preis: 14,90 Euro

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Die Redaktion dieses Buches wurde ca. 2 Monate vor dem erneuten Atomunfall in Fukushima (Japan) am 11.03.2011 beendet. Interessant ist nun die Beobachtung des Vorworts, Tschernobyl sei inzwischen in Vergessenheit geraten. Dem ist wohl jetzt nicht mehr so. Die Erstellung des Buches über „Books on Demand“ wird es ermöglichen, das Vorwort neu zu verfassen. Der Atomunfall von Tschernobyl 1986 ist nach 25 Jahren brandaktuell.

Wohnblocks vor Akw in Pripjat. Foto aus dem Bildband: Verlorene Orte – gebrochene Biografien. Fotografien Rüdiger Lubricht.

Dieses Buch ist keine Dokumentation des Unfalls, sondern eine ausführliche Darstellung der sozialen und medizinischen Hilfsprojekte sowie der Gedenk- und Erinnerungsarbeit. In dieser Arbeit, die sich vor allem in Partnerschaften vollzieht, sind die Folgen der Kontamination und die Erfahrungen mit der Verstrahlung bis heute präsent. Etwa 40 Jahre nach dem Atombombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki wurde eine radioaktive Wolke über Europa verteilt, die in Teilen der Ukraine und dem angrenzenden Weißrussland ganze Landstriche unbewohnbar machte. Die Projekte der Partnerschaften richten sich nicht nur auf die Bewältigung der Folgen und die Linderung der medizinischen Not, sondern auch auf die Konsequenzen aus dem verheerenden Unfall, der den gänzlichen Ausstieg aus der Atomenergie nahelegt. Daher gibt es in der Solidaritätsbewegung von Anfang an ökologische und soziale Projekte wie die Lehmhäuser der „Heim-statt Tschernobyl“, die inzwischen das erste Windrad Weißrusslands errichtete und in einem Arbeitsprojekt aus Schilf neue, ökologische Baumaterialien herstellt. Zudem weitert sich die Idee der Lehmhäuser in der Region aus und es werden weitere Siedlungen errichtet. Aus der Perspektive des erneuten Atomunfalls ist die unvermeidliche Hilfs- und Erinnerungsarbeit in einer sich wandelnden geschichtlichen und politischen Situation wahrlich mehr als der berühmte Tropfen auf den heißen Stein.

Im Kindergarten. Foto aus dem Bildband: Verlorene Orte – gebrochene Biografien. Fotografien Rüdiger Lubricht.

Hier ist von Schilddrüsenkrebs die Rede, vom Umgang mit der Integration der in der Folge des Fall-Out behinderten Kinder und der erkrankten Menschen. Die konkrete Arbeit mit den Opfern der Katastrophe hat die Anti-Atom-Bewegung lebendig erhalten, wenn auch auf Sparflamme, die heute wieder auftritt und für das Ende der Atomenergie eintritt.

Fenster mit Ballettschuhen. Foto aus dem Bildband: Verlorene Orte – gebrochene Biografien. Fotografien Rüdiger Lubricht.

Die konkreten Beispiele zur Kenntnis zu nehmen, ist in der heutigen Lage geradezu brisant, da es sich in und um Fukushima ähnlich abspielen wird oder könnte. Der damalige Innenminister Herbert Schnoor besuchte mit seiner Frau die Kinderklinik Nr.1 in Kiew. Nach Kiew ist die Bevölkerung der Stadt Pripjat umgesiedelt worden.

Riesenrad vor Wohnblocks in Pripjat. Foto aus dem Bildband: Verlorene Orte – gebrochene Biografien. Fotografien Rüdiger Lubricht.

Bemerkenswert ist ebenfalls die zeitliche Nähe zur Neuausrichtung der UdSSR und das Ende der Sowjetunion, das erst völlige Klarheit über den Ablauf des Atomunfalls und die Rettungsarbeiten gebracht hat. Generalsekretär Michail Gorbatschow hat die Ruine erst drei Jahre nach dem Unfall besucht. Aber über 300000 Arbeiter aus verschiedenen Betrieben, vor allem Bergleute und Soldaten haben bei Aufräumarbeiten und den Bau des sogenannten Sarkophags ihr Leben riskiert.

Hotelbalkon mit rotem Stuhl. Foto aus dem Bildband: Verlorene Orte – gebrochene Biografien. Fotografien Rüdiger Lubricht.

Erst 3 Jahre nach dem Unfall setzte die aktive Begegnungsarbeit ein. Angesichts einer globalen atomaren Katstrophe rücken die Menschen unterschiedlicher Länder zusammen. Wenn die Katastrophen grenzübergreifend Wirken, sind die Grenzen der Länder ein Symbol der Hilflosigkeit. In den vergangenen 25 Jahren ist die Einigung Europas mit der Integration der ost- und mitteleuropäischen ehemals kommunistischen Länder in eine neu Phase getreten. Die Partnerschaftsarbeit und die Begegnungsreisen  haben diese Periode begleitet und für den Aufbau von Vertrauen gesorgt. Erst recht nach einem erneuten Atomunfall zeigt sich: Diese Erfahrungen sind nun erneut wichtig und werden gebraucht. Das Gedenken an Tschernobyl ist nicht nur durch die Erinnerung an einen Jahrestag in der Öffentlichkeit stark wahrgenommen worden, denn seit Fukushima ist Tschernobyl mehr denn je aktuell.

Gasmaske mit Teddy. Foto aus dem Bildband: Verlorene Orte – gebrochene Biografien. Fotografien Rüdiger Lubricht.

Nicht nur die Dokumentation „Tschernobyl und die europäische Solidaritätsbewegung“, sondern auch die Ausstellung „25 Jahre Tschernobyl“, „Menschen – Orte – Solidarität“ weist auf die Arbeit hin und lädt ein zu weiterem Engagement.

http://www.ibb-d.de/materialien_thema_tschernobyl.html

Die hier gezeigten lizenzfreien Bilder von Rüdiger Lubricht  sind ein Teil der Ausstellung.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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