Dankbares Lebenszeugnis ein Rockstars

Keith Richards: LIFE. München: Heyne [2009], 2010, 3. Aufl., 736 S.
ISBN 3-453-16303-4 – auch als Hörbuch erschienen

Eigenes Lebenszeugnis, also Menschlichkeit ist das, was gegenwärtig auf den Buch-Markt gesucht und angeboten wird. Der Rolling Stone Richards hatte offenbar gute Berater. Einer ist indirekt zu nennen: Der Benediktinermönch David Steindl-Rast, „Unser Ansatz zur Dankbarkeit muss groß genug sein, um alle Schwierigkeiten der Welt zu umarmen.“ Auf 736 Seiten stellt Richards mit seiner Biografie den Respekt vor dem Leben und die Würde menschlichen Lebens dar.

Denn sein LIFE umfasst Höhen, Tiefen, Bosheiten und lebendige Kindereien, Unmögliches, Unverständliches und Skurriles. Der Rolling Stone bewertet sein Leben nicht in herkömmlichen Kategorien; „hätte“ und „sollte“ und „was wäre, wenn …?“

Das, was er in seinem reichhaltigen Leben erfahren durfte, ist die Melodie einer Rocklegende. Der Leser ist eingeladen die eigenen Augen auf Dankbarkeit auszurichten, ohne Urteil, und ohne, dass Dankbarkeit in frommer Sprache formuliert wird. Mit der Frömmigkeit hatte Richards bekannterweise nicht viel im Sinn. Gleich zu Beginn seiner Erlebnisse, berichtet er davon. Der Ort, wo er am meisten Schikane erfährt, ist der „Bibelgürtel“, die mittleren Südstaaten der Vereinigten Staaten.

Dem Leser erzählt er, wie in den gesetzestreuen Staaten das selbst gewählte Leben verfolgt. Polizei und Justiz, sind im Bibelgürtel besonders darauf getrimmt, die Freiheiten des Einzelnen zu beschneiden. Dass die Gesetzesvertreter selbst Schwierigkeiten mit dem unerbittlichen Gesetz haben, wird in einer Gerichtsverhandlung beschrieben. Der anklagende Richter verlässt regelmäßig den Gerichtssaal, um selbst den „unmenschlichen“ Gesetzen zu entkommen. Ein regelmäßiger Schluck hochprozentiges entspannt – in einer spannungsgeladenen Atmosphäre.

Offensichtlich ist der Mensch nicht für solche Gesetze geschaffen. Grund für Justizapparat und Polizei, Projektionen lieber auf andere zu richten, und zwar auf die, die sich offensichtlich nicht dieser selbst erschaffenen Unmenschlichkeit unterwerfen wollen oder können. Die Rolling Stones werden zum willkommenen Objekt nach außen gerichteter Anklage. – Wenn wir schon selbst das Gesetz nicht einzuhalten in der Lage sind, klagen wir wenigstens die an, denen wir das gleiche Fehlverhalten anhängen können, in diesem Fall der Rock-Band und den Freunden der Band. Schon die Musik und Texte der Stones sind verdächtig. Da muss gleich nach Wegen gesucht werden, auf welche Weise man diesen Leuten den Garaus machen kann, sie einsperren, zumindest wie sie irgendwie dingfest zu machen sind.

Das erinnert an das Leben unendlich vieler Künstler, freischaffende Musiker, Dichter und Denker, Mystiker und Heilige. Karl Jaspers, Martin Luther, Meister Eckhart und nicht zuletzt Jesus von Nazareth ist es ähnlich ergangen.

Immer, wenn ein unerbittliches Gesetz, mitunter auch als „Wort Gottes“ bezeichnet, oder andere allgemeine sog. geistige oder geistliche Gesundheit erhaltende Vorschriften aufgespannt werden, wird Spannung aufgebaut. Wo Ratgeber solcher Art dominieren, vergisst der Mensch, den Reichtum und die Fülle seines eigenen Lebens zu würdigen. Er nimmt die Möglichkeit der Dankbarkeit für dieses einzigartige Geschenk nicht wahr. Dann sucht er im Außen. Er wird süchtig nach Regelwerk und Vorschriften. Der im Menschen selbst angelegte Reichtum wird eher verdächtigt. Man empört sich, wie Richards beschreibt, automatisch über andere, die diesem Regelwerk nicht folgen wollen, die lieber sagen: Der Mensch ist für das Gesetz geschaffen. Die umgekehrte Aussage Jesu nimmt den Druck, den man sich gewohnheitsgemäß aussetzt.

Keith Richards LIFE verändert die Blickrichtung. „Wage dein eigenes Leben“ so könnte das „Evangelium“, das Richards hier für heute formuliert laute, und zwar für alles Gegebene. Das ist für viele ein unvorstellbares Leben. Aber man ahnt, wie reichhaltig erzähltes Leben sein kann. Es macht Lesern heimlich oder offen Lust, das eigene Leben selbst zu wagen, auch die eigenen Höhen und Tiefen zu erzählen. Margot Käßmann[1], die ehemalige Ratsvorsitzende der EKD, z. B. nutzt die praktische Weitergabe der guten Nachricht auch in autobiographischer Sicht. Sie tut das in Dankbarkeit für eine, Höhen und Tiefen umfassenden Biographie. Ungehindert breitet sich auf diese Weise Evangelium aus.

Möglicherweise wartet die gute Botschaft der eigenen Biographie auf den Tag eigener dankbarer Würdigung. Dann fügt es sich wie ein einmaliges Musikerlebnis zusammen. Keith Richards LIFE gibt dazu sinnvolle und ermutigende Anstöße.

[1] Vgl. ihr neuestes Buch: Sehnsucht nach Leben mit Bildern von Eberhard Münch. Asslar: Adeo 2011
Rz. Gerhard Kracht

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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