Gerhard Kracht: Über das „Credo“ weiter nachdenken – mit David Steindl-Rast. Recklinghausen 2012

Angeregt durch einen Artikel von David Steindl-Rast in „Christ in der Gegenwart“ (CIG), 63. Jg. 2011 vom 17. April 2011 wird mir mehr und mehr deutlich, dass wir gegenwärtig eine Art Zusammenbruch des Theismus erleben, das heißt also auch des Glaubens an einen personalen Gott. Diese Entwicklung begrüßt Steindl-Rast und untermauert sie christlich-theologisch, als Zeichen notwendig gewordener Entwicklung in der Kirche.

Die große Leistung Jesu lebendig gewordener Botschaft ist nach Steindl-Rast, ähnlich wie bei Buddha, dass beide aus dem Bannkreis des Theismus ausgebrochen sind. Die in Jesu formulierte Gottesanrede „Vater“ bedeutet, dass er das eigene Leben als „mit Gottes eigenem Leben lebendig erfahren habe“. Demgegenüber steht der Versuch, die Teilhabe Jesu an Gottes Leben wieder begrifflich einzuholen. „Glaubenskurse für Erwachsene“ unterstreichen gegenwärtig den Versuch, diese Leistung Jesu wieder begrifflich aufzubereiten. Denn in Gestalt frühkirchlicher Dogmenbildung führten diese Versuche trotz aller Anstrengung zu keinem überzeugenden Ergebnis.

„Vielmehr stimmen die Mystiker aller Zeiten und Traditionen … darin überein, dass Gottheit im theistischem Sinn– der Gott oder die Göttin mit olympischen Eigendasein – reine Erfindung ist. Die theistische Gottheit steht nur eine Stufe höher als der Weihnachtsmann und ist Produkt einer Verfangenheit in Konzepten.“ (Von Eis zu Wasser zu Dampf Im Wandel der Gottesvorstellungen: Was schätze ich am Christentum? (Christ in der Gegenwart CIG 39/2003.)

1. Wie konnte es soweit kommen?

Lebendigkeit, – vor vierzig Jahren in der Kirche gegenwärtig, u. a. durch kirchlich engagierte Propheten und Prophetinnen, zu denen man durchaus Rudolf Bultmann oder Dorothee Sölle rechnen sollte. Lebendigkeit wurde gegenwärtig. Man stritt um „Kein anderes Evangelium“, und weitere Neuerscheinungen auf dem theologischen Markt. Lebendigkeit in Form anwesender Menschen ließ Begeisterung in Auseinandersetzung spürbar werden.

Der lebendigen Unruhe folgte das Verlangen nach Eindeutigkeiten, nach Sicherheiten. Bultmanns Ermahnung: „Glaube darf nicht verfälscht werden zu einem bloßen Fürwahrhalten von mirakulösen Dingen“ (http://www.klawi.de/bultmann.htm) verlor an Aktualität. Die theologisch ureigensten Schätze, und damit die Chance, „gute Nachricht“ erfahrbar werden zu lassen, sind aus Angst, (auch vor finanziellen Einbußen) aufgegeben worden. Anstelle des aufgebrochenen Dialogs, wurden apologetische Arbeitsstellen eingerichtet. Sie „sorgen“ dafür, dass „Konfliktbeladenes“ nach außerhalb von Kirche projiziert wird.

Damit schien Ruhe wieder hergestellt zu sein. Die so hervorgerufene Stille wird aktuell erfahrbar in Vereinsamung. Diese wirkt auf dem religiösen Markt gespenstisch. Immer weniger Menschen lassen sich für vorgegebene Begrifflichkeiten begeistern.

2. Begriffliche Verkündigung verbleibt in der Institution – wohin wandert die eigentliche Botschaft aus?

Auf dem religiösen Markt wurde der Durst der Menschen erkannt, aufgenommen und sehr erfolgreich angeboten. Um kurz einige Richtungen anzudeuten:

Eckhart Tolle (Achtsamkeit im Sinne der Ermahnungen Jesu zur Wachsamkeit in Gleichnissen,
vgl. http://www.eckharttolle.de/)
Neale Donald Walsh, („Gespräche mit Gott“– ein Gottesbild, das dem von Meister Eckhart, Baruch Spinoza, Johann Wolfgang von Goethe, und dem von Albert Einstein nahe kommt,
vgl. http://www.gespraechemitgott.org/index.php?t=11&ut=18).
Richard David Precht (“Wer bin ich – und wenn ja, wie viele.“) Der Philosoph Precht entfaltet die Theologie Sölles, die das „Mehr“ sichtbar macht, das im menschlichen Leben erfahrbar wird. Man denke auch an den Zuspruch Jesu: „Seid ihr nicht mehr als …“
Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Richard_David_Precht

In gegenwärtiger globalisierter Weltanschauung wird deutlich, dass Gute Nachricht andernorts Wirklichkeit wird. Weltanschauliche Beobachtung lässt unschwer erkennen, wo erfolgreich nachgefragt und verkündet wird. Erbauung erfahren viele u. a. in aktuellen Filmen, in kabarettistischen Angeboten, (z.B. Eckart von Hirschhausen) oder in anderen Religionen. Auf begrifflich vorangestellte Gottheit wird längst verzichtet. Was nicht tradierter „Konzeptsprache“ entspricht, muss als fragwürdig eingestuft werden. Um diese Vorgehensweise abzusichern, hält man sich den Rücken frei und sortiert vor: Ausgehend von eigener Begrifflichkeit, wird alles Übrige dem sogenannten Esoterikmarkt zugerechnet. Eingerichtete apologetische Arbeitsstellen „sorgen“ dafür, dass die exklusiven Begriffe dogmatisch von „Esoterik“ ferngehalten werden. Offizielle Begriffskontrolle wird auch in der Kirche als „mind-control“ verdächtigt (?).

Wenn jedoch scharfes Nachdenken über die christliche Gotteslehre mit der Glut persönlicher Gotteserfahrung zusammenkommt, dann ist dem Umkippen in Gefühlsduselei gewehrt und zugleich das theistische Eis der Dogmen zum Schmelzen gebracht. Steindl-Rast geht sogar so weit, die moralische Verantwortungslosigkeit, deren er die Gegenwart anklagt, dem Versagen des theistischen Gottesbildes als Folgelast zuzuschreiben und einen nichttheistischen Gottesgedanken im Sinn einer Gegenwart Gottes im ganzen Kosmos als Grundlage eines neuen, von Ehrfurcht und Verantwortung getragenen Ethos zu favorisieren.

Wie man auch dazu stehen mag, ein solcher Gottesgedanke hätte den Vorteil, von niemandem bewiesen und niemandem geglaubt werden zu müssen, weil jeder und jedem, die darauf hören, das eigene Herz von dieser Gottesgegenwart kündet. „Furcht ist nicht in der Liebe.“ (Karl Barth). Deshalb ist die weltanschauliche Entwicklung auf dem religiösen Markt eine vielgestaltige und hoffnungsvolle Erscheinung.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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