Keine Angst vor dem Nihilismus

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Rezension zu: Janne Teller:
Nichts, was im Leben wichtig ist. Roman – übersetzt aus dem Dänischen von Sigrid Engeler. Leipzig: Hanser 2010, 144 Seiten, empfohlen ab 14 Jahren — ISBN 978-3-446-23596-

Als „Nihilistischen Schocker“ titulierte die Wiener Zeitung vom 18.10.2010, Janne Tellers Roman: „NICHTS“, was im Leben wichtig ist. Die Schüler der Klasse 7A im dänischen Ort Tæring (was auf Deutsch mit „rosten“, „korrigieren“ zu übersetzen ist) sehen sich herausgefordert von Pierre Anthon, einem Mitschüler. Seine Rede und Verhalten werden zum Stein des Anstoßes. Pierre Anthon sagt:

„Nichts ist von Bedeutung. Nichts macht also Sinn,
das habe ich gerade herausgefunden.“

Mit diesen Worten schreitet der Schüler durch die breit grinsende Klassenzimmertür, verlässt den Klassenraum und setzt er sich in einen, unweit der Schule stehenden Baum. Janne Teller setzt eine klassische Erleuchtungserfahrung an den Anfang der Geschichte. Pierre Anthon weiß, die breit grinsende Klassenzimmertür durchschreitend, dass er sich selbst bewusst geworden ist, zum Wesentlichen gelangt ist.

In diesem Moment fallen Befürchtungen und Hoffnungen. Zukunft und Vergangenheit von ihm ab. Es gibt nur Pierre Anthon im gegenwärtigen Augenblick. P.A. weiß, das kann nur jeder für sich selbst herausfinden, wenn man, wie Pierre Anthon bereit ist, alle vorhandenen Sinndeutungen aufzugeben, oder gar dem Humor und Spott preiszugeben. Der innere Kampf hört auf. Es gibt nichts mehr zu beweisen außer dem Wichtigsten, das nicht mehr bewiesen werden muss: Es gibt mich jetzt, so wie ich mir in diesem Augenblick gegeben bin.

„Nichts“ wird für ihn im gleichen Moment zu einer Seinserfahrung: „Ich-Bin-Jetzt“ – das ist weder befürchtete Vergangenheit noch erhoffende Zukunft, eben nur „Jetzt.“ In diesem Moment wird P. A. wesentlich, kommt also zu seinem wirklichen Wesen. Sorge oder Angst vor Bedeutungsverlust sind aufgegeben.

Mit diesen Worten wendet sich der Protagonist vom „Ort des Nichtwissens“ zum „Ort des Wissens,“ also vom Unterrichtsraum zum Hochsitz im Baum. Die lachende Tür steht für die allgemeine Verwirrung, die ja die Wirkungsgeschichte des Buches an Schulen zeigt. Verwirrung, besser Verunsicherung ist kaum auszuhalten, wird eher gefürchtet. Eine Wissensgesellschaft fürchtet sich vor dem Nichtwissen. In einer solchen Gesellschaft bedeutet Sinn, sich selbst mit Begriffen, Sinndeutungen und überkommenen Vorstellungen der Erziehungsberechtigten zu identifizieren.

Pierre Anthon tut das nicht mehr. Wie bei seinen Mitschülern erkennt er auch die sich wiederholenden Erklärungsmuster der Erwachsenen. So nimmt er den ersten Schultag nach den Ferien zum Anlass, dem Wesentlichen, das er selbst fand, Ausdruck zu verleihen: Sinn ist Lebens jetzt: „Es gibt mich jetzt.“ Darin liegt alle Bedeutung, alles und zugleich nichts. Das muss nicht bewiesen werden. Sinn muss nicht durch „Bedeutungs-Opfer“ auf seinen Wahrheitsgehalt oder gar auf seine Richtigkeit geprüft werden.

Die Mitschüler dagegen beeilen sich, ihr Wissen vom Sinn unter Beweis zu stellen. Mit immer größeren Bedeutungs-Opfern kämpfen sie gegen unverständlich gewordenes Nichtwissen an. “Was bleibt in meinem Leben, wenn ich das aufgebe, was mir Bedeutung gibt?“ Angst vor Bedeutungslosigkeit die durch Pierre Anthon, in die Nähe kam, aktiviert entsprechenden Missionseifer bei den Klassenkameraden. Mit selbst gewählten Bedeutungs-Inhalten ziehen sie gegen gegenwärtig gewordenes >Nichtwissen< zu Felde. Pierre Anthon bleibt davon unberührt. Beim Durchschreiten der Klassenzimmertür bleiben die üblichen Bedeutungshoheiten auf der Strecke, weil man selbst wesentlich wird.

Zu ähnlichen Reaktionen sahen sich neben Anthons Klassenkameraden nach dem Erscheinen des Buches auch Pädagogen, religiöse Autoritäten und Erziehungsberechtigte herausgefordert. Kaum lag das Buch in den Buchhandlungen, da führten Unverständnis und Ablehnung sogar zum Vorschlag, das Buch auf den Index zu für Jugend gefährdende Schriften zu setzen. Allerdings: Bis in die Gegenwart ist „Nichts“ – nicht in allen Schulen erlaubt.

Der Gang durch die grinsende Tür als Symbol verunsichert allerdings zusätzlich. Janne Teller unterstützt die innere Erfahrung mit Ergebnissen der Evolutionsforschung und Abstammungslehre. Entdeckungen in Gehirn- und Bewusstseinsforschung, nimmt sie in einem ZDF-Interview vom 30. 07. 2010 auf: „Mehr als 98% stimmt unsere DNA mit denen, der Schimpansen überein. Wir haben fast dasselbe Gehirn.“ Der Vergleich mit Primaten steigert die Brisanz der Erzählung, Brisanz deshalb, weil sich die Verwirrung noch ausweitet.

Die Intention dieses Buches ist letztlich eindeutig: Jugendliche sind unterwegs auf der Suche nach dem Wesentlichen. Deshalb liest sich der Roman beinahe wie ein Manifest, nämlich unbedingt auf die fragenden Jugendlichen einzugehen. Dann bleiben entscheidende Fragen auch im Erwachsenenalter lebendig.

„Es gibt mich“ ist für Pierre Anthon von innen heraus wesentlich geworden. Vollkommen erfahrene Seins- und Sinn- Erfahrung steht einer fremden, nicht selbstgefundenen Sinngebung, gegenüber.

Lesenswert ist das Buch schon deshalb, weil Verstehen und Verwirrung ungefragt nebeneinander stehen dürfen.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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