Ökumenische Begegnung in Erfurt – Eine Vision

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Eine Vision zum Weltkindertag am 20. September

Von Gerhard Kracht
Die feierliche Orgelmusik in der Augustiner-Kirche Erfurt erfüllte eben noch den Raum. Die Sekunden anschließender Stille genossen die anwesenden katholischen und evangelischen Beauftragten. Man hatte eine sage und schreibe 30 Minuten dauernde Begegnung hinter sich, als man den Kapitelsaal des Klosters verließ. Das Protokoll drängte. Fragende Unsicherheit prägte die Gesichter der Anwesenden.

Da geschah das Unvorhergesehene: Ein etwa fünf Jahre altes, farbiges Mädchen steuerte direkt auf den Mittelgang zu. Niemand hatte bemerkt, wo und wie sie sich eingeschlichen hatte. In leichten, hüpfenden Schritten lief das Mädchen fröhlich singend den Mittelgang hinunter. Sie schaute Anwesenden ins Gesicht und rief etwas lauter: »Aber ihr Kaiser, ihr habt ja gar nichts an! Kaiser haben ja nichts an!«

Peter Schuster, Präses der Evangelischen Kirche Deutschlands, schaute gleichermaßen fassungslos wie irritiert auf das augenblicklich Unfassbare. Als Gastgeber fühlte er sich bis ins Mark getroffen. Obwohl das medial aufbereitete Schauspiel protokollarisch bis zum letzte Jota eingespelt war, jetzt diese Entgleisung? »Entgleisung!« entfuhr es ihm beinahe hörbar. Durch eigene, schwere Erfahrung, hatte er gelernt, der Stimme von Kindern besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Kinderstimmen beziehen sich in der Regel direkt und unmittelbar auf gegebene Situationen. Schuster fror innerlich. Immer deutlicher ahnt er, dass mit dem Kind eine Klarheit in den Herzen der Anwesende neu aufleuchtete.

In diesem neuen Licht sah er plötzlich, dass ihm Alternativen offenstanden: Die Chance auf dem Feld ökumenischer Beziehungen wird genutzt, oder, wie gewohnt »den so gegebenen Umständen« überlassen. »Die gegebenen Umständen« werden, darüber sind sich die Gremien einig, nichts anderes, als die ohnehin bekannten Worthülsen in den Berichterstattungen zurücklassen.

Da erinnerte sich Schuster seines Geschichtslehrers. Oft zitierte dieser Napoleon: »Ich schaffe die Umstände.« Eine Lehrkraft, die als Altachtundsechziger den Schulbetrieb ständig neu aufrollte. X-mal hatte man von offizieller Seite versucht, diesen Störenfried von der Schule zu entfernen. Die Kollegen schätzen ihn um seiner immer neuen Geschichten, die er in Kindersprache zu inszenieren wusste.

Führen protokollierte Abläufe umständehalber nicht zu denselben Umständen? Ein Hamster folgt den Gewohnheitsenergien und bewegt sich im Radlauf nicht von der Stelle. Kinder ziehen Spontaneität und Lebendigkeit vor, bevor sie Hamsterverhalten als gottgegeben hinnehmen.

Tatsächlich hatte der EKD-Chef schon lange keine Lust mehr auf Bericht- Erstattungen wie, man sei sich »in den entscheidenden Fragen um vieles näher gekommen«. Man muss kein Prophet sein, um die Schlagzeilen selber aufzusetzen, die abends in der Tagesschau von bewegten Bildern untermalt werden. »Bloß«, dachte Schuster, »wen bewegt das heute noch wirklich?« Einer seiner Vorgänger in der Reihe der Ratsvorsitzenden der deutschen evangelischen Fraktion hatte das Treffen á priori zusammengefasst: »Strukturierte Langeweile«.

Das farbige Mädchen hatte die eigene Lebendigkeit im Inneren berührt. Im eigenen Kind wird das »Same pocedure as every year« sichtbar. Aktualisiert aufgelegt für Anno Domini 2011. Damit nichts Unvorhergesehenes passiert. Damit alles vorhersagbar und damit kontrollierbar bleibt, gibt es für persönlichen Austausch ein Zeitfenster von 30 Minuten.

Schuster wusste, dass nicht nur in seiner Fraktion ein Bewusstsein für die aktuell bedrohte Weltlage vorhanden war. Bis ein Kind am Weltkindertag die Sache aus dem Gleichgewicht geraten ließ.

Wen interessiert im Augenblick wirklich ob Priester heiraten dürfen oder sollen, und wer angeblich das Recht hat, darüber zu befinden? Oder, ob gemeinsame Kommunion die Menschen einander näher bringt, oder was daran »gefährlich« sein könnte. Schuster spürte auf einmal, dass sich wieder etwas von dem Aufbruchsgeist in ihm regte, den er von seiner Studienzeit, Mitte/Ende der sechziger Jahre her kannte.

Eigentlich, das wusste er genau, bewegt diese Begeisterung immer noch viele Herzen und Köpfe der Menschen, die trotz großer Frustrationen in der Kirche verblieben sind. Kann etwa Großes, Unfassbares oder Bedeutendes von einer Begegnung im Land der Reformation ausgehen? Diese Frage schien sich, wenn man in die Gesichter der Anwesenden schaute, in immer mehr Köpfen zu formulieren.

Als Ratsvorsitzender kannte er die Pendelbewegung zwischen Hoffnung und Zweifel in der Kirche ziemlich genau. Sie war identisch mit den Herzensbewegungen seiner eigenen Vita Beides, erinnerte er sich, sind Gelegenheiten, das gegenwärtige Leben, als ein einzigartiges, göttliches Geschenk zu erfahren. Er wusste wovon er sprach. Nein, dachte er, wir haben jetzt die einzigartige Gelegenheit, uns zu begegnen, uns anzusehen, und wirklich miteinander zu sprechen.

In Interview erläuterte der Ratsvorsitzende später seine Entscheidung: Offensichtlich sah das Kind etwas, was alle Anwesenden nicht sehen konnten oder wollten. Sind etwa unser aller Augen geschlossen, fragte er sich selbst während der anschließenden Pressekonferenz, oder bemühen wir uns nur um Selbsterhalt? Er hatte einfach genug vom »geplanten Näherkommen«. Wie alle Anwesenden entdeckte er die lange Bank, als des Teufels liebstes Möbelstück.

Da allerdings die Delegationen ob der Frage des Kindes, aufgeregt miteinander kommunizierten, war die »lange Bank« außer Sichtweite geraten. Was für einen Wirbel verursacht die Lebendigkeit eines Kindes? Protokolle setzen sich automatisch außer Kraft,“ beobachtete Schuster, sichtlich immer vergnügter. Jetzt wurden die Anwesenden sichtbar lebendiger.

Vorne, unweit des Altars, saß der Pontifex. Irritiert von der erfrischenden Kinder-Stimme richtete er seinen Blick auf seinen persönlichen Assistenten. »Wos isn do los?« fragte er, den bayrischen Akzent unbewusst aufnehmend. Der Blick des Assistenten war auf die aufgerichtete Gestalt von Präses Schuster gerichtet. Die Situation schien mehr und mehr außer Kontrolle zu geraten. Immer lauter forderte die Versammlung ein größeres Zeitfenster für persönliche Gespräche.

Der sportlich aussehende Assistent des Papstes richtete sich auf und ging federnd in Richtung der EKD-Hoheiten Schuster und Grünberg. Grünberg war Leiter des zentralen Büros der amtlich erfassten evangelisch Glaubenden im Lande. Kein Wunder, dachte er, als er die Gestalt des päpstlichen Mitarbeiters auf sich zueilen sah, dass nicht nur katholische Frauenherzen diesem Mannsbild entgegenfliegen. Bei uns dürften es sogar Männerherzen sein, grinste er in sich selbst hinein. Er war erstaunt, dass ihm gerade jetzt die lockersten Sprüche einfielen und er fuhr mit ihm selbst unbekannter Stimme fort:

»Lasst uns, die Zeit nutzen, und jetzt miteinander reden. Ich möchte mit dem Heiligen Vater, Benedikt, XVI., Herrn Ratzinger, bei einer guten Flasche Wein den Abend genießen.«

Das Protokoll hatte sich jetzt endgültig verabschiedet. Dafür wurde man allgemein immer neugieriger. Kindliche Eigenschaften gewannen im Bewusstsein der Anwesenden unbemerkt Raum. Der Papst freute sich instinktiv. Hier in Erfurt hörte er die Menschen in seiner Muttersprache reden.

Der bayrische Landesbischof fühlte sich von der offenen Atmosphäre als Lutheraner ermutigt: Einfach nur miteinander reden, lachen und feiern? Das passte seiner Erfahrung nach so gar nicht zur protestantischen Arbeitsethik, die sich selbst gerne in zertifizierten Regularien erstickte.

Unbekannte Frische erfüllte den ganzen Raum. Schuster von der EKD war mittlerweile auf eine Bank gestiegen. Vorher bat er den Erzbischof von Mainz, den Heiligen Vater beim Ersteigen der Kirchenbank zu unterstützen. Wie der Blitz zauberte schon ein Kirchen- Delegierter aus einer Ecke einige Meditationshocker hervor. Problemlos erstieg mit Hilfe der Meditationsbänkchen das katholische Oberhaupt die Kirchenbank. Beide Kirchenoberhäupter standen zusammen, um gemeinsam mit der Versammlung zu sprechen. Keinesfalls wollten sie sich über die Versammelten erheben, so erläuterten beide den Anwesenden ihre Position. Zeigen wollten sie sich und damit das, wofür sie jetzt beide einstehen. Etwas Unvorhergesehenes passierte, was der ganze Versammlung ihre eigene Gegenwart zurückgab.

Der Papst, bestens mit protokollarischen Abläufen vertraut, spürte die zunehmende Leichtigkeit. Jetzt stand er neben Schuster auf der Kirchenbank und hob langsam mit melodischer Stimme an: »Ich sehe hier selbst mit eigenen Augen, dass hier sehr viel christlich-religiöse Weisheit zusammengekommen ist. Ich sehe die Bereitschaft und den Willen, uns uns selbst zuzuwenden. Nutzen wir den Augenblick, innezuhalten. Das Mädchen hat uns alle sprachlos gemacht, aber viele Herzen deutlich angesprochen. Ich schlage deshalb vor, dass wir uns dem Augenblick zuwenden, und bitte um Vorschläge.«

Aufrichtiger Stolz erfüllte in diesem Moment beide Delegationen. »Eigentlich haben sie immer gewusst, dass uns der Schuh drückt. Seit eben wissen wir auch, wo er drückt«, ergänzte eine Stimme aus der Versammlung. »Eine Kinderweisheit erklärt gerade die Gegenwart«, ergänzte eine Frauenstimme die plötzlich entstandene Unterhaltung.

Die jüngste Versammlungs-Teilnehmerin schlug vor, dass es wohl nicht allzu schwer sein könnte, ein ausgiebiges Abendessen mit ausgesuchten Qualitätsweinen zu organisieren. Im Organisieren waren beide Delegationen erfahrungsgemäß nicht zu übertreffen. Gemeinsames Feiern schien dagegen als ein unbekanntes Übungsfeld. Selbstbewusst wollten die Delegierten gerade hier ihre eigenen Erfahrungen sammeln.

»Jetzt«, so ein Kardinal, »dürfen wir auch wirklich gespannt sein, was die Medien über uns berichten.«

Die jetzt entstandenen, neuen ökumenischen Absichten ergaben Sinn. Einen erfahrbaren Sinn, den alle schmecken und genießen wollten. Dem musikalischen Hintergrund galt besonderes Interesse: von Klassik über Rock bis Grönemeyer wurde alles gewünscht. Mehrere DJ-Vorschläge reihten sich aneinander. Zu Beginn des großen Essens, sollte aus der Bibel vorgelesen werden. Man votierte einstimmig für Markus 10, 13-16 (Segnung der Kinder). Ein Durchatmen ging durch die Reihen.

Das plötzliche Schweigen erinnerte an den Moment, als der Orgelspieler in tönenden Schlussakkorden in eine neue Melodie überleitete.

– Gewidmet allen großen und kleinen Kindern –

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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