Rezension zu: Eckhart Tolle, Entdecke deine Bestimmung im Leben, DVD, 2009 Spieldauer: 93 Minuten.

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E. Tolle unterstreicht auf dieser DVD seine herausragenden Lehrerqualitäten. Seine gegenwärtige Bedeutung ist im Verzeichnis der hundert bedeutenden spirituellen Lehrer aufgeführt: (http://www.watkinsbooks.com/review/watkins-spiritual-100-list). Dort rangiert er als meist gefragter Lehrer im spirituellen Bereich. Systematisch bezieht er menschliche Erfahrungsebenen, auf den gegebenen Augenblick: Das Jetzt, das immer neu, – Augenblick gegenwärtiger Erfahrung ist.

1. Ausgangspunkt für Tolle und seine Anhänger ist Leid- Erfahrung im Alltag: Die meisten Erwachsenen im europäischen und amerikanischen gesellschaftlichen Kontext erleben sich, in ihrer Erfahrungswelt bewusstseins- mäßig dort, wo sie meistens sind: In Gedanken. „In Gedanken sein“ heißt, in selbstkonstruierter Wirklichkeit. Die Erkenntnisse Hirn- und Bewusstseinsforschung gehen davon aus, dass unser bewusstes „Ich“ oder „Selbst“ in Wirklichkeit ein Konstrukt unseres Gehirns ist. (vgl. Thomas Metzinger, „Der Ego-Tunnel: Eine neue Philosophie des Selbst: Von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik“, Berlin 2009.) Das „Ich“ besteht aus Vorstellungen, aus selbstentworfenen Hoffnungen und Befürchtungen. Bewusstseins-Erleben, das zwischen Hoffnung und Befürchtung reflektiert. Dadurch ist Alltagserleben logischerweise auf Zukunft oder Vergangenheit fokussiert. Da Zukunft und Vergangenheit nur in Gedanken erlebt werden können, bleibt der gegenwärtige Augenblick meist unbeachtet. Man „ist“ überwiegend „in Gedanken“ da und dort gegenwärtig. Im eigenen Gedanken- Bewusstsein findet zwischen Begegnung und Auseinandersetzung, zwischen „Ergreifen – und Zurückweisen – Wollen“ statt. Die so erlebte Existenz, bleibt unruhig, zwischen Hoffnung und Befürchtung, zwischen Vergangenheit und Zukunft hin- und hergerissen. Aktuell führt dieses Erleben zu Depressionen, Burnout –Syndromen und weiteren Krankheiten, bedingt durch unterschiedliche Stresssymptomatik.

2. Die Abwesenheit des erlebten gegenwärtigen Augenblicks, darf ursächlich gelten für Leid- Erfahrung und damit verbundene gezielte und/oder verzweifelte Suchbewegung auf dem weltanschaulichen Markt.

Das „Ständig- in- Gedanken -Sein,“ in Hoffnung und Befürchtung mit vergangenem oder zukünftigem beschäftigt, wird zur Gewohnheit. Gedankliche Gewohnheitsenergien verstärken sich, im Alter zunehmend. So gewinnen die meisten Zeitgenossen den Eindruck, dass der unaufhaltsame Gedankenstrom, also „Das Sein in Gedanken“, das einzige „Da- Sein“ ist. „Ich muss, – müsste eigentlich noch“, „ich sollte eigentlich,“ „so hab´ ich mir das gar nicht vorgestellt, weil…“, unzählige gedankliche Kategorien, mit denen wir ununterbrochen beschäftigt sind – die ihrerseits uns einschließen in endlose innere Dialoge, Hoffnungen, Befürchtungen beschränken unsere eigentlichen Möglichkeiten, in Fülle zu leben. Wir schränken uns selbst ein und fühlen uns mit zunehmenden Erwachsenenalter in diesen Gewohnheits- Energien gefangen.

3. Für Tolle „ist“ das Jetzt immer schon gegenwärtig, also „ist es jetzt da“, im gegenwärtigen Augenblick. In solchen Momenten sind wir geistesgegenwärtig. Unsere Sprache hält diesen Moment sprichwörtlich fest.

Eine jüdische Weisheit formuliert Erwachsenen – Bewusstseins- Erfahrung aus Sicht eines Kindes: „Gott ist immer da. Wer meist nicht ´da ist`, sind wir.“ Schon im Neuen Testament wird kindliche Weisheit gerühmt. Wir dürfen viel „mehr sein“, als gedankliche Strukturen, Vorstellungsgewohnheiten und überlieferten Begriffsgebrauch. Die eigene Bestimmung zu finden, heißt für Tolle, sich in diesem Jetzt ganz auszusetzen, gegenwärtig zu werden. „Entdecke deine Bestimmung heißt, die eigene Gegenwärtigkeit zu entdecken.“

4. Als Übungsweg, die verschüttete Gegenwärtigkeit wiederzuerlangen, schlägt Tolle vor, das eigene Bewusstsein zu beobachten. Das gegenwärtige Beobachten innerer Prozesse, lässt den Erwachsenen wieder Kind werden. Ein als Erwachsener gegenwärtig gewordenes Kind. Tolle bringt hiermit nicht Neues. Jesus sagt schon zu Beginn seiner Wirksamkeit, „kehret um.“ Und ergänzt in den Wachsamkeitsgleichnissen der Evangelien die Bedeutung des Augenblicks, Bei ihm treffen die Lehren Buddhas ebenso wie die Weisheitslehren unterschiedlicher Lehrer zusammen. Die Einladung, über die gewohnte Gedankenwelt hinauszugehen in den erlebten erfahrbaren und vor allem einzigartigen Moment der Gegenwart. Dann wird der „Friede Gottes“ automatisch zu dem Frieden, der „jetzt da ist.“ Eben zu einem Frieden, der höher ist als alle Vernunft.“ Gerhard Kracht

Als Ergänzung zu dieser Rezension sei auf das oft unverstandene Ende der Schrift „Akt und Sein“ von Dietrich Bonhoeffer hingewiesen:

„Im reinen Gerichtetsein auf Christus kommen Dasein und Wiesein wieder zurecht. Das ‚Da‘ ist aus der Vergewaltigung durch das ‚Wie‘ erlöst, umgekehrt: das ‚Wie‘ findet sich wieder im gottgesetzten Da vor; das echolose Schreien aus der Einsamkeit in die Einsamkeit des Selbst, der Protest gegen Vergewaltigung jeder Art hat unerwartet Antwort erhalten und löst sich nach und nach zum stillen, betenden Gespräch des Kindes mit dem Vater im Worte Jesu Christi. Das gequälte Wissen um die Zerrissenheit des Ich findet im Blick auf Christus das ‚fröhliche‘ Gewissen, Trauen und Wagen. Der Knecht wird frei. Der in Fremde und Elend zum Mann gewordene wird in der Heimat zum Kind. Heimat ist die Gemeinde Christi, immer ‚Zukunft‘,’im Glauben‘ Gegenwart, weil wir Kinder der Zukunft sind; immer Akt, weil Sein; immer Sein, weil Akt.
Dies ist die schon hier im Glauben Ereignis werdende, dort im Schauen vollendete neue Schöpfung des neuen Menschen der Zukunft, der nicht mehr zurück auf sich selbst, nur noch von sich weg auf die Offenbarung Gottes, auf Christus sieht, der aus der Enge der Welt geboren wird in die Weite des Himmels, der wird, was er war oder doch nie war, ein Geschöpf Gottes, ein Kind.“ (Dietrich Bonhoeffer. Akt und Sein. DBW 2, Berlin 1990, S. 161).

Der Gebrauch des Wortes Zukunft hier ist nur ein scheinbarer Gegensatz zu Eckhart Tolle, denn es ist die Zukunft des Glaubens, die von Gott geschenkte Zeit. Die Dekonstruktion des Selbst und des Mannes (heute: des Erwachsenen) zum Kind ist also eine Befreiung aus der Konstruktion der Wirklichkeit aus der eigenen Vergangenheit. Die von Gott geschenkte Zukunft ist die Metapher der Befreiung zum Jetzt. Christoph Fleischer, Werl 2011

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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