Kein Einfluss der Marienverehrung auf den Hexenwahn, Christoph Fleischer, Werl 2012

Eine Antwort auf Rudolf Fidlers Aufsatz: Rosenkranzaltar und Scheiterhaufen, in: Urs Beat Frei und Fredy Bühler, der Rosenkranz. Andacht-Geschichte-Kunst, Bern 2003, Seite 249-267, im Internet ohne Anmerkungen verfügbar. (Siehe: Quellen)

Der Autor Rudolf Fidler liegt in diesem Aufsatz das Ergebnis seiner Dissertation vor.

Es ist richtig, dass um das Jahr 1630 herum in Werl 70 Menschen der Hexenverfolgung zum Opfer gefallen sind, wie es Rudolf Fidler gleich in der Einleitung schreibt. Doch worin besteht der „unmittelbare Zusammenhang“ zu dem 1631 errichteten Rosenkranzalter, wie er es andeutet?

Auf diese Frage gibt der Text von Rudolf Fidler keine aus historischen Fakten begründete Antwort. Es scheint doch eher, als ob es eben keinen Zusammenhang zwischen Rosenkranzverehrung und Hexenverfolgung gegeben hat.

Einen Hinweis gibt er selbst. In Köln hatte sich eine Rosenkranzbruderschaft anlässlich verheerender Kriegsereignisse gebildet. Auch Werl war in den Jahren vor 1630 zweimal von den Wirren des dreißigjährigen Krieges nicht verschont geblieben.

Rosenkranzbruderschaften und heutige Marienverehrer jedoch stehen laut Rudolf Fiedler, so schreibt er an anderer Stelle, in keinem „direkten Zusammenhang“ mit Hexenverfolgungen. Was sprachlich einen „Zusammenhang“ und einen „direkten Zusammenhang“ unterscheiden soll, ist jedoch mehr als nebulös. Schaut man sich die Darstellung genauer an, so lässt sich ein klares Nacheinander feststellen. Erst fand die Hexenverfolgung in Werl statt, dann wurde 1631 der Altar in der Propsteikirche errichtet. Zu Recht stellt Rudolf Fidler dar, dass die Motivation zur Stiftung des Altars das persönliche Seelenheil war, besonders im Hinblick auf eine Verbesserung des Lebens nach dem Tod. Das Rosenkranzgebet ist eine regelmäßige Übung, die die Frömmigkeit der einzelnen in Kriegszeiten und anderen Notlagen verstärken soll. Eventuell liegt auch die Vorstellung einer religiösen Vorleistung für die Existenz nach dem Tod vor.

Diese religiöse Übung wird von Rudolf Fidler an einer Stelle „Krisenmanagement“ genannt. Die Stadt Werl unterstützt bis auf den heutigen Tag die Frömmigkeit der Marienverehrung, heute besonders in Gestalt der Wallfahrtsmadonna, die erst im Jahre 1661 nach Werl kam. Der damalige Bürgermeister Pöhlmann unterstützte 1630 die Marienverehrung, um etwa durch die verbesserte Frömmigkeit eine Feuersbrunst zu verhindern. Eine magisch gedachte Funktion des Altars in der Propstei-Kirche ist dabei jedoch nicht im Blick.

Die Mitte des Altars bildet die Marienverehrung (siehe Foto). Der Autor konstruiert ein polarisierendes Bild und schildert die Hexenverfolgung als negative Folge der Marienverehrung. Gemeint ist dabei besonders die Konstruktion der Weiblichkeit durch eine patriarchale Gesellschaft. Er lässt allerdings außer Acht, dass es dazu im Rosenkranzaltar keinerlei Anspielungen auf Hexen gibt, was durchaus möglich gewesen wäre. Im Mittelalter wurden etwa Synagoge und Ekklesia (Kirche) bildlich einander gegenübergestellt. Die Verstärkung der Frömmigkeit, die zur gleichen Zeit auch in der evangelischen Kirche verfolgt wurde, verdankt sich der Bemühung der Gegenreformation und kann nicht punktuell als Reaktion auf einen Hexenwahn gedeutet werden.

Sicherlich ist der Hexenwahn auch ein Symptom der verstärkten Orientierungslosigkeit. Ralf Peter Fox schildert in einem Aufsatz über Beschimpfungen aus dem Jahr 2008, dass die Worte „Hexen“, „Zauberer“ und „Werwolf“ etwa ohne eine konkrete Bestimmung auf ein bestimmtes Delikt als Schimpfworte gebraucht wurden. Weiterhin ist die Konzentration auf das Thema Weiblichkeit an dieser Stelle deshalb fehl am Platz, weil die Opfer des Hexenwahns nur zu 60 % weiblich waren. Faktisch wurden durchweg Männer und Frauen Opfer des Hexenwahns. Eine negative oder ablehnende Haltung zur Weiblichkeit bedurfte damals keiner religiösen Begründung oder Untermauerung, wie es die Bemerkungen Nietzsches oder Schopenhauers noch im 19. Jahrhundert zeigen. Die Hexenverfolgung ging nicht durch die Entwicklung eines neuen Frauenbildes zurück, was erst im Zuge der Moderne geschah, sondern auf die Änderung der Prozessordnung, die von Friedrich von Spee angeregt wurde.

Dass die Geistlichkeit vor Ort nicht von der Beschimpfung einzelner Personen auszunehmen ist, zeigt der Brief eines Pfarrers aus Westönnen aus dem Jahr 1616 an den Bürgermeister der Stadt Sendenhorst über eine Frau der dortigen Gemeinde, die mit einem Mann aus Westönnen wegen „Freierei … im Streite lag“. Die betreffende Frau wurde von diesem Pfarrer als „Hexe“ quasi angezeigt. (Vgl. H. Petzmeier, Hexenwahn in Sendenhorst, Hexe Klara Fye und der Pfarrer von Westönnen, siehe: Quellen).

Wichtiger jedoch scheint noch zu sein, dass Rudolf Fidler die überwiegend protestantische Umgebung Werls außer Acht lässt. Der Hexenwahn wütete in der Nachbarstadt Soest seit 1570 und schwappte also erst etwa 60 Jahre später nach Werl über. Die Darstellung, die Hexenverfolgung in Werl sei im Zusammenhang mit einer Aktion der katholischen Kirche entstanden, ist pure Konstruktion. Die katholische Kirche hat mit dem Buch „Hexenhammer“ allerdings eine gewisse Vorarbeit geleistet. Erst die Kräfte der Aufklärung und der Verbesserung der Prozessordnung haben den Hexenwahn endgültig beendet.

Es ist von daher absolut unbegründet, wenn Stimmen laut werden, die meinen, Kirche sei schuld an der Hexenverfolgung in Werl und müsse daher die Kosten eines Mahnmals tragen. Die Gesamtverantwortung liegt bei der Stadt, die ja auch schon mittels Ratsbeschluss darauf hingewiesen hat.

Quellen:

http://www.rudolf-fidler.de/Downloads/Zum_Verhaeltnis_von_Aufsatz.pdf

http://www.anton-praetorius.de/downloads/werl_rehabilitierung_2011_12.pdf

http://www.werl.de/politik/ratsinfo/sitzungsformulare/2011/2011/Protokoll_SK_am_28.11.2011.pdf

http://www.historicum.net/themen/hexenforschung/spee-jahrbuecher/jg-15-2008/ (siehe hier: Rezension zu Rudolf Fidler)

http://www.anton-praetorius.de/downloads/namenslisten/Soest%2520Namensliste%2520Opfer%2520der%2520Hexenprozesse%25202.pdf

http://www.anton-praetorius.de/downloads/Wittenberg%2520Rehabilitation%2520Luther%25202017.pdf

http://www.historicum.net/themen/hexenforschung/lexikon/alphabethisch/a-g/art/Beschimpfung/html/artikel/5821/ca/8dbf5f22bf0fa1bb43c3c38cff77bd83/

http://www.sendenhorster-geschichten.de/mainmenue/geschichten/artikel-unsortiert/h-petzmeyer-hexen/article/hexe-clara-fye-und-der-pfarrer-von-westoennen.htmlhttp://www.ense-press.de/index.php?pcid=33&pdid=288

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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