Predigt über 1. Korinther 7, 29-31, Christoph Fleischer, Werl 2012

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Gehalten wird die Predigt am Männersonntag 2012, den 21.10.2012 in Bad Sassendorf-Neuengeseke und Möhnesee-Körbecke

Liebe Gemeinde,

Bevor ich den Predigttext vorlese, möchte ich diesem Textabschnitt und der Predigt darüber eine Überschrift geben:
„Der Veränderungsprozess. Oder das Leben als Mann.“
Auf diese Idee bin ich durch die Tatsache gekommen, dass der heutige Sonntag in der gesamten evangelischen Kirche in Deutschland als Männer-Sonntag begangen wird. In unserem Predigttext ist es der Apostel Paulus, der im siebtem Kapitel des Briefes an die Korinther eine Meinung zum Thema Ehe äußert. In unserem Predigttext wird nun allerdings diese allgemeine Erörterung in dem Zusammenhang der christlichen Zeitfrage gestellt. Es geht dabei nicht um die Lebenszeit von Geburt bis zum Tod, sondern um die Zeit in der Welt, die durch den christlichen Glauben einem Veränderungsprozess unterliegt.
So also kommt es zur Überschrift: „Der Veränderungsprozess. Oder das Leben als Mann.“

Paulus schreibt (1. Korinther 7, 29-31 (Luther-Bibel):
„Das sage ich aber, liebe Brüder:

die Zeit ist kurz.

Fortan an sollen auch die, die Frauen haben, sein, als hätten sie keine; und die weinen, als weinten sie nicht;

und die sich freuen, als freuten sie sich nicht;

und die kaufen, als behielten sie es nicht;

und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht.

Denn das Wesen dieser Welt vergeht.“

Liebe Gemeinde,
Auch wenn wir davon ausgehen, dass sich der Apostel Paulus hier wie in anderen Teilen seiner Briefe durchaus an Männer wie an Frauen richtet, so ist dies hier durchaus eine eben ausschließlich an Männer gerichtete Formulierung, jedenfalls an solche Männer, die mit Frauen verheiratet sind oder es sein können. Das hat damit zu tun, dass sich das ganze Kapitel wie bereits gesagt dem Thema Ehe widmet.

 

Zuerst möchte ich auf den Veränderungsprozess eingehen, der im christlichen Glauben wahrgenommen wird und hier bei Paulus seinen Ausdruck findet und danach von daher einige Worte über das Leben als Mann verlieren.

Der erste und der letzte Vers dieses kurzen Abschnittes geht auf den Veränderungsprozess ein, den Paulus beobachtet und seinen Lesern schildert. In der Mitte des Textes dagegen ist die Rede von Verheiratet sein und von den Gefühlen der Trauer und der Freude, von Kaufen und Behalten und vom Leben in der Welt. Der mittlere Text Zeit hat also eine realistische Vorstellung vom menschlichen Leben wie es eben ist. Es geht um die Lebenswelt. Und obwohl es hier um einen Veränderungsprozess geht, ist es erstaunlich, festzustellen, dass diese Lebenswelt im Prinzip bis auf den heutigen Tag so geblieben ist wie damals. Es gibt Beziehungen und Verbindungen, Trauer und Freude, Kaufen und Erwerben und die Arbeit in der Welt.

Insofern ist es trotz der eindeutigen Aussagen zur Zeit ein wenig schwierig, sich mit der Frage des Veränderungsprozesses zu beschäftigen. Allgemein nimmt man an, hier sei das Ende der Welt angekündigt und die Ankunft des Reiches Gottes. Dann ist es jedoch erstaunlich, wieso Paulus die Lebenswelt so realistisch beschreibt, wie sie bis heute geblieben ist.

Gleichwohl wissen auch wir um Veränderung, doch diese ist eher eine moderne Erfindung. Das Wort Moderne kommt von Mode, und die Moden ändern sich. Damit sind die Lebensbedingungen zwar im Prinzip immer ein wenig ähnlich, aber in Einzelnen dann doch durch Veränderung und Fortschritt geprägt. Wir sehen, dass sich unsere Zeit mit Veränderung gut auskennt. Doch es ist sicherlich allen klar, die heute hier in der Kirche sind, dass die Veränderung im Sinne der Moderne hier nicht gemeint sein kann. Die Veränderungen der Moderne sind nicht mit der Veränderung gleichzusetzen, die Paulus meint. Das wäre ein Kurzschluss. Doch warum spricht Paulus hier davon, dass die Zeit kurz ist und die Tage dieser Welt gezählt sind, wie es in der modernen Bibelübersetzung der Guten Nachricht Bibel heißt? Erinnert er etwa an die Sterblichkeit, die schon in den Psalmen eine Mahnung zur Weisheit beinhaltet: „Herr lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ (Psalm 90). Der Ausdruck „Die Zeit ist kurz“ würde dann an die Zeitlichkeit jeden Lebens erinnern. Doch das passt nicht ganz in den inhaltlichen Zusammenhang. Die Übersetzung des Textes mit „Die Zeit ist kurz“ stammt aus der lateinischen Bibelübersetzung, der Vulgata. Im Griechischen Urtext steht etwas anderes, dass nicht leicht knapp zu übersetzen ist; man müsste es umschreiben mit den Worten:

die Zeit, in der wir heute als Christinnen und Christen leben, ist ein zusammengedrängter Moment und ein wichtiger Zeitabschnitt. Genauer sagt es Paulus im 2. Korintherbrief in Auslegung eines Wortes aus Jesaja: „Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!“ 2.Korinther 6,2

 

Diese Aussage meint ja etwas anderes, als zu sagen: „Die Zeit ist kurz.“ Es meint, dass der Apostel Paulus wie andere seiner Mitarbeiter unter Stress steht. Und dieser Stress der Verkündigung wird nun verallgemeinert und auf dem christlichen Glauben bezogen. Die Ausbreitung des Glaubens bedeutet zugleich ein Veränderungsprozess. Die Kirche verkündigt mit Paulus einen neuen Geist in Jesus Christus. Gemeint ist die ganze Welt über die Religion des Judentums hinaus. Der Veränderungsprozess in diesem neuen Geistes ist umfassend. Der neue Geist verändert alle Lebensvorstellungen, und hat Konsequenzen bis in das Privatleben hinein. Das gilt zuerst für den Apostel selbst ganz praktisch. Für die normale bürgerliche Existenz hat Paulus keine Zeit. Sollte er verheiratet sein, kann einem die Frau schon leid tun. Sie sitzt zuhause, während er die Welt rettet.

Und trotzdem weiß Paulus, dass er das normale, natürliche Leben nicht einfach abschalten kann. Doch dieses natürliche Leben steht unter dem großen Anspruch des Neuen, dass sich aus dem Glauben an Jesus Christus für alle Menschen ergeben hat.

Die Welt bleibt nicht wie sie ist, das Wesen dieser Welt vergeht, so heißt es hier. Das muss allen Menschen, Männer wie Frauen, gesagt werden. Diese Veränderung ist eine frohe Botschaft, denn das Vergehen der Welt bedeutet gleichzeitig den Aufstieg von etwas Neuem. Und nun steht das alltägliche Leben unter den Anspruch dieses gleichen Themas, der Veränderung der Welt, und das bedeutet: das natürliche Leben kann nicht mehr um seiner selbst willen gelebt werden. Oder besser gesagt das natürliche Leben kann nicht mehr so gelebt werden, als sei alles ein für alle Mal gültig und gleich, denn die Veränderung des Geistes wird alle Lebensverhältnisse mit verändern.
An dieser Stelle muss die Predigt allerdings innehalten. Wir merken dass sich hier heraus eine Schieflage entwickeln könnte. Das erkennt man ja schon daran, wenn man den Satz wörtlich nimmt: „die Frauen haben, als hätten sie keine“. Wenn Männer so leben würden, dann würden sich ihre Partner dafür bedanken. Und modern gesprochen, sie würden ihre Konsequenzen ziehen. Und umgekehrt sicherlich genauso. Und daraus schließe ich, dass das eben so wörtlich gesagt, nicht gedacht sein kann. Ich gehe eher von den Konsequenzen der Veränderung aus. Und das würde sich dann so anhören:

Wenn das Leben im christlichen Glauben mit einem ständigen Veränderungsprozess rechnen muss, dann hat dies selbstverständlich auch Konsequenzen bis in alle Lebensbereiche. Die gedrängte Zeit, der Geist Jesu, kann zu einer Veränderung der Lebenssituation führen. Die christliche Existenz ist umschrieben mit dem Ausdruck: Haben, als hätte man nicht. Das liegt aber nicht daran, dass man keine vernünftige Ehe führt, sondern daran, dass man niemanden hat und über niemanden verfügt im Sinn des Habens. Eine Ehe ist kein Besitz, und Kinder zu haben auch nicht. Wenn das Wesen dieser Welt vergeht, dann, weil das Denken in bestimmten Strukturen vergeht. Wer die Beziehung zu anderen und zum eigenen Leben als ein Besitz, ein Haben deutet, liegt einfach falsch.

 

Für mich ist dieser Predigttext kein Text über das Ende der Zeit allgemein oder der Lebenszeit, sondern ein Predigttext gegen das Besitzdenken. Der Glaube der Bibel orientiert sich am Urvater Abraham, der stets bereit war, seine Zelte immer wieder neu aufzubauen und abzubrechen. Der Glaube an den lebendigen Gott äußert sich darin, dass wir unser Leben als einen Weg denken, der nicht vorausgesehen werden kann. So ist das mit dem Veränderungsprozess, der schon mit der Taufe beginnt, ein neues Leben aus dem Tod.

An dieser Stelle sind wir beim Männer-Thema gelandet. Denn ein Veränderungsprozess ist für uns Männer ganz schlecht. Wir Männer brauchen Sicherheit, einen festen Ort und geregelte Verhältnisse. Ist nicht gerade die Sicherheit eine der herausragenden männlichen Eigenschaften? Ist es nicht von jeher ihre Aufgabe, die Existenz einer Familie abzusichern? Haben als hätte man nicht, das heißt nun aber: Besitz ist kein Selbstzweck, keine Ansammlung von Reichtum um des Reichtums willen, sondern die Absicherung der menschlichen Existenz einer Familie. Die Wirtschaft im herkömmlichen Sinne ist ein Männerthema. Und dafür haben wir Männer die Arbeit erfunden. Wir arbeiten nicht für uns selbst, sondern für alle Menschen, die uns am Herzen liegen. Doch Reichtum ist ein zerbrechliches Gut. Schon Jesus sagte, dass es besser sei, einen Besitz im Himmel zu haben, als auf der Erde, also einen Besitz, der nicht von Motten oder Krisen zerfressen werden kann. Der Besitz, auf den Männer vertrauen, hängt ab von Börsendaten und von Devisen. In der Inflation ist dann auf einmal alles weg, was Generationen vorher aufgebaut haben. Besitz schafft keine endgültige Sicherheit.

 

Das Leben von Männern in einem Veränderungsprozess ist nicht einfach. Daher schrieb Herbert Grönemeyer ein Lied zur Veränderung der Geschlechterrollen und des männlichen Selbstverständnisses.

„Männer haben’s schwer, nehmen’s leicht
Außen hart und innen ganz weich
Werden als Kind schon auf Mann geeicht
Wann ist ein Mann ein Mann

Männer haben Muskeln
Männer sind furchtbar stark
Männer können alles
Männer kriegen ’n Herzinfarkt

Männer sind einsame Streiter
müssen durch jede Wand, müssen immer weiter

Männer haben’s schwer, nehmen’s leicht
Außen hart und innen ganz weich
Werden als Kind schon auf Mann geeicht
Wann ist ein Mann ein Mann“

(Herbert Grönemeyer: Männer, Quelle: http://www.letzte-version.de/songbuch/4630-bochum/maenner/)

 

Wenn man genau hinsieht, dann verkündigt der Predigttext des Paulus keinen Ausstieg aus der Welt, sondern ein neues Denken und ein anderes Lebensverständnis, dass nicht zwangsläufig im Herzinfarkt endet oder enden könnte. Menschen, die in einer Rehaklinik für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind, wie (hier) am Möhnesee, merken das oft im Laufe ihrer Therapie.

Doch selbst ein Mann wie Paulus muss aufpassen, dass er das Denken der Welt nicht mit der Verkündigung verwechselt. Nicht die Tage dieser Welt sind gezählt, sondern die Zeit, die wir unserem Leben in unserem Besitzdenken geben. Auch das hat Jesus damit gemeint, wenn er sagt: das niemand seinen Leben eine Spanne hinzufügen kann.
Aus dem Glauben heraus, dass Gott unser Leben trägt, wie das Wasser ein Schiff auf dem Meer, erwächst die Freiheit, das Leben im Sinne der ständigen Veränderungen begreifen zu können. Alles ist gut, wenn wir lernen, es im Sinne des Lebens zu verstehen. Nichts ist absolut. Nichts endgültig. Die Kirche ist das Haus der lebendigen Steine, die Gemeinschaft der Menschen, die wichtiger ist als jeder noch so wertvolle Besitz.

 

Der Anfang eines Gedichtes von Hermann Hesse passt doch ganz gut dazu:

Stufen von Hermann Hesse, ein Auszug:

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.

(Quelle: http://www.lyrikwelt.de/gedichte/hesseg1.htm

Der christliche Glaube hat es bei den Männern schwer. Er muss verstanden werden als ein Verzicht auf Sicherheit und Besitzdenken. Verantwortung schafft man nicht durch Vermögen, sondern durch das Bemühen um den Geist Gottes, den Geist des Lebens, dass Veränderungen um des Lebens willen bejaht. Das hat auch viel mit Bildung zu tun und es geht wohl darum, das leben als einen lebenslangen Lernprozess zu verstehen.

Die Zeit ist nun gedrängt und im Geist Gottes geschieht vieles auf einmal. Der Veränderungsprozess ist immer auch Abschied, denn das Wesen dieser Welt vergeht. Christus jedoch ist Zukunft und Hoffnung. Das Kommen Gottes in der Zukunft und von der Zukunft her in die Gegenwart ist das Wesen des Glaubens ohne Sicherheit und ohne Besitz. Gustav Heinemann sagte einmal: „Wenn Euch die Welt furchtsam machen will, dann antwortet ihr: Eure Herren gehen, unser Herr kommt.“

(Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Gustav_Heinemann

Amen.

 

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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