Predigt für 31. 10. 2012, Gerhard Kracht, Recklinghausen 2012

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Reformationstag (als Text an diesem Abend, nahm ich die Ev-Lesung: Mt. 5, 1-11).

Liebe Reformationsgemeinde,

Das Reformationsfest feiern wir gerne.

Schon deshalb, rufen wir uns alljährlich das Geschehene gerne in Erinnerung:
Luther war bereit, zu seiner wahren Identität zu stehen. Zu seinem wahren Selbst. Heute ist das anders. Die Globalisierung der Weltanschauungen bietet unendlich viele Möglichkeiten der Orientierung. Und Verwirrung.

Die weltanschaulichen Szene war zur Zeit Luthers, klar definiert:

  1. Der Papst war Religionsvertreter der abendländischen Religion. Der christlichen Religion.
    Die religiöse Macht funktionierte zusammen mit der politischen Macht,
  2.  Das war der Kaiser.

 

Beide Mächte hatten etwas dagegen, dass plötzlich jemand auftauchte, und eine eigene Meinung kundtat…
Für die Herrschenden, Papst und Kaiser lief alles im Reich zufriedenstellend.

Der Papst setzte sich gerade mal wieder ein beeindruckendes Denkmal.
Den Petersdom in Rom. Er scheute sich nicht die Armen der Ärmsten dafür zu schröpfen.

 

Die politische Macht, der Kaiser, dehnte seine Macht aus. Auf den gerade neu entdeckten amerikanischen Kontinent.
Ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt  trat einer auf, der behauptete, dass er in seinem spirituellen Erleben zu ganz anderen Ergebnissen kam, als es offiziell erlaubt war.
Nun, was machte Furore, und was verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der Bevölkerung? Das, was Martin Luther entdeckte, findet sich beschrieben bei einem späteren spirituellen Gelehrten, der Folgendes sagte:
„Denn ich behaupte, dass die einzige Spiritualität die Unbestechlichkeit des Selbst ist.“

Denn dieses ist die Harmonie zwischen Vernunft und Liebe.
Luther fand dieses offene Bewusstsein im eigenen Geist, im eigenen Bewusstsein.
Das Wort Erleuchtung lässt an eine Art übermenschlicher Fähigkeit denken und das Ego möchte daran festhalten. Doch Erleuchtung ist ganz einfach dein natürlicher Zustand von „empfundener“ Einheit mit dem Sein. In diesem Zustand bist du mit etwas Unermesslichem und Unzerstörbarem verbunden, mit etwas, das paradoxerweise du selbst bist und das zugleich etwas viel Größeres ist als du.

Erstmalig wurde in der Reformation deutlich:
Es geht um das Entdecken deiner wahren Natur jenseits von Name und Form.

Das war eine Revolution des Bewusstseins von unten. Unten, dass meint das einfache Volk, zu dem er als unbedeutender Mönch gehörte. Das also, was damals bis heute die Menschen an der Reformation faszinierte und bis heute fasziniert, ist die Tatsache, dass jeder genau zu dieser Entdeckung kommen kann.

Dem Volk aufs Maul geschaut, entdeckte Luther  das Priestertum aller Gläubigen.
Die demokratischen Form protestantischer Gemeinde –Bildung, wird bis heute gefeiert.

Luther konnte das belegen. Er schloss seine tiefen, oder sollen wir sagen vergessenen Weisheiten als tiefe Selbst- Einsicht aus den Neuen Testament.
„Ich bin Licht in der Welt“: Das musste er weitergeben:
In der Wartburg übersetzte er die griechische Vorlage von Erasmus von Rotterdam.

Zum ersten Mal las das auch einfache Volk: „Ihr seid das Licht der Welt.“
Ohne jedwede theologische Erklärung redete Jesus genauso zu Leuten, die nicht lesen und schreiben konnten. Vor Fischern, vor ganz einfachen Leuten, vor den Mädels aus dem horizontalen Gewerbe. Bis dato hatten all diese einfachen Leute so etwas nie von ihren eigenen Religionsvertretern nicht gehört. Niemand hatte ihnen gesagt: „Ihr seid das Licht der Welt.

Diese Revolution von unten wurde überliefert bis in die Gegenwart.
Das wurde nachgemacht: Weil diese Weisheit zeitlos ist.

 

Um ein Beispiel aktueller Evangeliumsverkündigung anzuführen:
Martin Luther King, der amerikanische Baptistenprediger gab seinen Zuhörern, das waren meist sehr unterdrückte farbige Amerikaner, das volle Selbstbewusstsein zurück:
In seinen Predigten rief er ihnen zu:
„Und selbst wenn Du heute Abend nicht weiß, wo du schlafen wirst… du bist jemand.“ You are somebody
„Und wenn du nicht weiß, woher du ein Paar Schuhe bekommen kannst, und wenn du barfuss gehst. Du bist jemand.
„You are somebody.“
„Auch wenn du nicht weißt, ob du heute Abend etwas zu essen bekommst, du bist jemand.“

Jeder ist, und das ist tatsächlich im christlichen Abendland überliefert:
Jeder ist etwas Besonderes.
Jesus, Luther, Martin Luther King betonten diese Weisheit:

„Du der du dich für einfach und unbedeutend hältst, ja genau, Du bist jemand.

Die zeitlose Weisheit übersetze ich so:
Wir glauben, Mystiker sind besondere Menschen. Es ist ungekehrt: Jeder Mensch ist ein besonderer Mystiker.So verstehe ich z. B. Jesus, so Martin Luther und so Martin Luther King jr.

 

Fragen wir nach der heutigen Übersetzung, dann reihe ich mich ein, in die gerade Linie der Übertragung:
Selbst, wenn Du dich daran gewöhnt hast, von dir selbst zu denken, dass du eine arme, begrenzte Persönlichkeit bist, ruft uns durch Luther das Neue Testament bis in die Gegenwart zu, dass wir gerade das Licht der Welt sind.

Und wenn du glaubst, dass dich dein regelmäßiger Alkohol-Konsum, Zigaretten –Konsum, deine unbeherrschbare Lust auf Köstlichkeiten, dich kleiner oder geringer macht, Du bist jemand.

 

Wenn du der jüngeren Generation angehörst, und glaubst, dass Du nur, wenn du im Fernsehen gezeigt wirst, etwas darstellst, etwas wert bist, dann ruft dir am Reformationstag die Übersetzung der zeitlosen Weisheit entgegen.

DU bist sowieso schon jemand.

Und wenn Dich regelmäßige körperliche Leiden zu ununterbrochenen Arzt – und Krankenhausbesuchen und – Aufenthalten führen, Du bist jemand.

 

Und wenn Du in Scheidung oder Trennung lebst, und enormen Stress hast,
mit allen möglichen damit zusammenhängenden Alltagsgestaltung, du bist bereits geadelt. Du bist jemand.

 

Und wenn Du Dich engagierst in der Familie, in der Gemeinde, in der politischen Partei, und immer denkst: Was kann ein so kleines Licht, wie ich schon ausrichten…??
Du, genau Du, du  bist das Licht der Welt.

 

Und wenn Du glaubst, dass Deine psychischen und physischen Probleme sowieso der Mittelpunkt deines Lebens sind, Du bist ein ganz besonderer Mystiker, einer, der seine eigene Richtung ahnt und trotz aller Herausforderungen darauf zugeht.
Ich lerne immer mehr Menschen kennen in der Gemeinde, in gesellschaftlichem Engagement, die wissen, die ahnen, dass nicht der Mystiker ein besonderer Mensch ist,
sondern jeder Mensch ein besonderer Mystiker.

Den Schatz im Acker, von dem Jesus, und in seiner Nachfolge Luther und M.L. King jr. Sprechen, das ist die innere Befreiung. Die Befreiung deine Herzens.

Tunnelblick auf Schwierigkeiten?
Was aber ist die Alternative zum Tunnelblick auf menschliche Begrenztheit und alle pathologischen Formen der Verwirrung? Der Glaube, dass die Befreiung unter allen Umständen möglich ist: Uns ist folgendes Überliefert:
Wie alle großen Ozeane letztlich nur einen Geschmack haben, nämlich nach Salz schmecken, so schmecken auch die Lehren Jesu letztlich nur nach einem:
nach Befreiung.

Die Heiligen sind, was sie sind, nicht  weil ihre Heiligkeit sie in den Augen der anderen zu bewundernswerte Menschen macht, sondern weil ihre Heiligkeit ihnen ermöglicht, alle Menschen zu bewundern. Der Gottsucher, der Mystiker ist kein besonderer Mensch, sondern jeder Mensch ist ein besonderer Mystiker

Erleuchtung – was ist das?

Ein Bettler hatte mehr als dreißig Jahre am Straßenrand gesessen. Eines Tages kam ein Fremder vorbei. „Hast du mal ´ne Mark?“, murmelte der Bettler und hielt mechanisch seine alte Baseball­mütze hin. „Ich habe dir nichts zu geben“, sagte der Fremde und fragte dann: „Worauf sitzt du da eigentlich?“ „Ach“, antwortete der Bettler, „das ist nur eine alte Kiste. Da sitze ich schon drauf, so­lange ich zurückdenken kann.“ „Hast du da mal reingeschaut?“, fragte der Fremde. „Nein“, sagte der Bettler, „warum auch? Es ist ja doch nichts drin.“ „Schau hinein“, drängte der Fremde. Es ge­lang dem Bettler, die Kiste aufzubrechen. Voller Erstaunen, Unglauben und Begeisterung entdeck­te er, dass die Kiste mit Gold gefüllt war

Das Wort Erleuchtung lässt an eine Art übermenschlicher Fähigkeit denken und das Ego möchte daran festhalten.  Doch Erleuchtung ist ganz einfach dein natürlicher Zustand von „empfundener“ Einheit mit dem Sein. Das kennen wir schon, als Kind…

In diesem Zustand bist du mit etwas Unermesslichem und Unzerstörbarem verbunden, mit etwas, das paradoxerweise du selbst bist und das zugleich etwas viel Größeres ist als du. Es geht um das Entdecken deiner wahren Natur jenseits von Name und Form. Die Unfähigkeit zu fühlen, dass du derart verbunden bist, führt zu der Illusion von Trennung.
Trennung von dir selber und von deiner Umwelt. Dann nimmst du dich selbst, bewusst oder unbewusst, als ein isoliertes Fragment wahr. Angst entsteht, innere und äußere Konflikte werden die Norm.

Gott liebt jeden Menschen so, als ob es nur diesen einen Menschen gäbe. Darin besteht das Herzstück der Lehre Jesu, und dazu bekennen wir uns in gläubigem Vertrauen, wenn wir Jesus Christus Gottes EINGEBORENEN SOHN nennen. Er ist Repräsentant der ganzen Menschheit. Wer auf Gottes väterliche Liebe vertraut, glaubt an sich selbst als “einzig geliebtes” Gotteskind…“

Amen.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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